Vendée

In voller Fahrt am «Ende der Welt» vorbei: Solo-Segler der Vendée Globe 20/21. © vendeeglobe.org

Neujahr allein am Ende der Welt feiern

Niklaus Ramseyer /  Die noch 27 Solo-SeglerInnen der Regatta Vendée Globe passierten nach über 50 Tagen auf hoher See den «Punkt Nemo» im Südpazifik.

Das Magazin «GEO» nennt ihn «den abgelegensten Ort der Erde». Wer ihn erreichen will, ist mindestens zwei Wochen per Schiff unterwegs: «Point Nemo», wie er seit 1992 genannt wird, liegt nämlich knapp 2700 Kilometer oder 1450 Seemeilen vom nächsten Land entfernt mitten im eiskalten Südpazifik. Es ist keine Insel, nur ein geografischer Punkt (Koordinaten: 45°23’S/123°23’W), genau gleich weit entfernt von Neuseeland, Chile und der Maher-Insel in der Antarktis. Lauter Meer gibt es hier nur – gut 3000 Meter tief, mit bis zu 6 Meter hohen Wellen und teils stürmischen Winden, die 90 Stundenkilometer und mehr erreichen können. Und es ist kalt, wie in einem riesigen Kühlschrank: Lufttemperatur 4, Wassertemperatur 6 Grad.

Weit und breit nur Meer: Der Punkt Nemo zwischen Neuseeland und dem Süden Lateinamerikas.  Bild: zvg

Niemand möchte hier Weihnachten oder Neujahr feiern. Mehrere Männer und Frauen jedoch taten nun genau das: Sie fuhren zum Jahresende 2020 mit ihren Hightech-Segeljachten am «Ende der Welt» vorbei. Die meisten der antarktischen Eisbergzone entlang, etwa 300 Seemeilen (556 km) südlich von «Nemo». Dies im Rahmen der strengsten Segelregatta,  der Vendée Globe, die alle vier Jahre rund um den Globus führt.

Quarantäne der anderen Art: Solo-Segeln

Als Solitair-SeglerInnen allein in ihren Booten konnten sie allerdings mit niemandem auf das Neue Jahr anstossen. Jene, die nach nun fast 60 Tagen seit dem Start zur Weltumsegelung im französischen Atlantikhafen Les Sables d’Olonne mit ihren Rennjachten noch dabei sind, befinden sich ganz unabhängig von der Corona-Pandemie isoliert in Quarantäne. Sie sind so wenigstens absolut sicher vor jeglicher Vireninfektion.

Dafür haben sie genug andere Sorgen: Von den ursprünglich am 8. November gestarteten 33 TeilnehmerInnen sind nach Havarien, Pannen und lebensgefährlichen Schiffbrüchen nur noch 27 im Rennen. Den ersten erwischte es schon kurz nach dem Start, als er einen Mastbruch erlitt. Zwei der Gestarteten mussten nach wenigen 100 Seemeilen gleich wieder in den Ausgangshafen zurückkehren, um Reparaturen vorzunehmen , und dann mit massivem Rückstand neu starten.

Aufgaben nach Kollision mit treibenden Objekten

Einer rettete sich nach Havarien auf die Kapverdischen Inseln. Mehrere mussten das Rennen im Südatlantik aufgeben und Zuflucht im Südafrikanischen Hafen Cape Town suchen. Im wilden Meer waren sie mit OFNI (Objets flottants non identifiés) kollidiert, die ihre Schiffe massiv beschädigten. Einer der Ausgeschiedenen, Alex Thomson hatte die Regatta zuvor tagelang angeführt. Eine andere, Samantha Davies, reparierte ihre Jacht im Hafen am Kap der Guten Hoffnung. Darum  schied sie aus, beendet aber ihre Weltumsegelung ausser Konkurrenz – und ist inzwischen schon nicht mehr die Letzte im Feld. 

Grosses Glück im Unglück hatte der Franzose Kevin Escoffier: Aus nie mehr zu klärenden Gründen brach seine Rennjacht Anfang Dezember im Südatlantik quasi auseinander – und sank innert Minuten. In letzter Sekunde konnte Escoffier sich in seinen isolierten Rettungsanzug stürzen und ins automatisch aufblasbare Überlebensfloss (Liferaft) springen.

Kollege und Konkurrent als Retter in der Seenot

Sein Konkurrent und Kollege Jean Le Cam, der ihn sofort suchte, erspähte Escoffiers Positionslicht in der Abenddämmerung in den meterhohen Wellen zufällig. Er fand ihn und sprach kurz mit ihm. Als er jedoch im hohen Seegang von einer günstigeren Seite wieder zur Rettungsinsel zurücksegeln wollte, war diese verschwunden.

Le Cam blieb im Sektor, als die Nacht hereinbrach, und suchte stundenlang weiter. Erst im Morgengrauen fand er Escoffier in seinem steuerlos treibenden Rettungsfloss erneut. Diesmal fackelten die zwei Seebären nicht lange: Escoffier sprang ins eiskalte Wasser, und Le Cam konnte den durchnässten und durchfrorenen Schiffbrüchigen mit letzter Kraft in sein Boot ziehen. Nach fünf Tagen wurde Escoffier dann am 5. Dezember von einer Fregatte der französischen Marine an Bord genommen. Und die Rennleitung schrieb Le Cam für seine Rettungsaktion 16 Stunden gut.

Schweizer Schiff mit schwacher Kiel-Hydraulik

Auch die im Rennen verbleibenden 27 Frauen und Männer müssen auf ihren Schiffen, die Tag und Nacht mit Geschwindigkeiten bis zu 50 Stundenkilometern ununterbrochen durch meterhohe Wellen preschen, jeden Tag alleine kleinere oder grössere technische Probleme lösen und Pannen beheben. Sei es, dass sich plötzlich das Grosssegel nicht mehr ganz hochziehen lässt, oder dass der Windmesser oben am Mast ausfällt. Einige haben sich schon zuoberst auf den 27 Meter hohen Mast ziehen müssen, um Reparaturen an diesem heiklen Punkt vorzunehmen. 

Alan Roura, der einzige Schweizer in der Regatta, kämpft auf seinem Schiff «La Fabrique» seit Tagen mit einer zu schwachen Hydraulikanlage, die ihm die Ingenieure an den Schwenkkiel seiner Jacht montiert haben. Die beiden Hubstiefel (Zylinder), die oben  am kürzeren Hebelarm tonnenschwere Belastungen aushalten und bewegen müssen, fallen immer wieder aus. In stundenlanger Arbeit muss Roura dann zuunterst im Schiff geplatzte Druckschläuche ersetzen – und danach den total ölverschmierten Innenraum seines Schiffes wieder putzen. Inzwischen ist er vom 15. auf den 16. Platz zurückgefallen. Ausgeluvt und überholt hat ihn ausgerechnet die Engländerin Pip Hare mit ihrer 20 Jahre alten Jacht «Medailla».  Diese hatte sie gebraucht übernehmen können – von Alan Roura.

Mit der Rennjacht durch den Satelliten-Friedhof

Kleinere und grössere Verletzungen erleiden die Einhand-SeglerInnen immer wieder. Mitunter durch fliegende Fische, die sie mit ihren scharfen Schnäbeln im Gesicht treffen und verwunden.    

Trotz solcher Probleme, Gefahren und Strapazen haben die Vordersten im Feld nach fast zwei Monaten ununterbrochener Seereise und einer Distanz von 20 000 der insgesamt 27 000 Seemeilen (fast 50 000 km) das Kap Horn an der Südspitze Lateinamerikas erreicht. Sie können jetzt auf nordöstlichen Kurs gehen Richtung Frankreich, und quer durch den Atlantik hinauf segeln – zurück nach les Sables d’Olonne.

Ihre KonkurrentInnen, die teils Tausende von Meilen zurück liegen, kommen derweil erst am Point Nemo vorbei. Ganz so einsam, dass nur ab und zu ein Albatros vorbeizieht, ist dieser Point Nemo seit mehreren Jahren jedoch nicht mehr. Und mit etwas Glück können die SeglerInnen hier sogar einen veritablen «Stern von Bethlehem» erleben – eine lange Sternschnuppe vom Himmel hoch bis ins Meer hinunter.

Die verlassene Gegend dient allen Raumfahrtorganisationen von der europäischen ESA bis zu jenen Japans und Chinas nämlich als «Satelliten-Friedhof»: Hier lassen sie ihre künstlichen Himmelskörper, die sie nicht mehr brauchen, kontrolliert ins Meer abstürzen. Inzwischen liegen schon rund 300 solcher Satelliten-Leichen beim Punkt Nemo 3000 Meter tief am Grund des Ozeans in ihrem nassen Grab – auch die ehemalige russische Raumstation MIR. Die Weltraumstation ISS soll dereinst auch hier ihre letzte Ruhestätte finden. Und es kreisen noch Tausende ausrangierter Satelliten und Metallteile im All als «Weltraumschrott» rund um die Erde. Sollte derzeit gerade wieder einer davon als künstliche Sternschnuppe beim Punkt Nemo zur Seebestattung verglühen, könnten die Vendée-SeglerInnen dies dennoch verpassen: Denn häufig sind sie unter Deck am Arbeiten –  am Reparieren, Retablieren oder Navigieren. Den Müll, den sie dabei produzieren, versenken sie nicht einfach im Meer: Sie behalten ihn an Bord und entsorgen ihn nach ihrer Zielankunft im Hafen von Les Sables d’ Olonne. 


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

  • Mehr über diese Segelregatta finden Interessierte hier und hier.
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