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Ai WeiWei und David Bowie im Gropius-Bau Berlin © Heinz Moser

Pop und Politik im Berliner Gropius-Bau

Heinz Moser /  So verschieden Ai Weiwei und David Bowie sind, die parallelen Ausstellungen in Berlin führen zu überraschenden Vergleichen.

»Had to get the train from Potsdamer Platz». Die Single der englischen Rock-Ikone David Bowie verweist auf den Ort, wo eben eine Ausstellung zu seinem Leben eröffnet wurde. Als breit angelegte Dokumentation kontrastiert sie im ersten Stock des Martin-Gropius-Baus die im selben Haus stattfindende Schau des chinesischen Künstlers Ai WeiWei. Auf den ersten Blick könnte die Diskrepanz nicht grösser sein: Hier der androgyne und mit Geschlechterrollen spielende Bowie und dort der politische Kritiker des heutigen China.

Multimediale Dokumentation

Verbindend ist der dokumentarische Charakter beider Ausstellungen, in denen Multimedia dominiert. Bei David Bowie sind es Videos, Plattencovers und Kostüme, dann vor allem der über Kopfhörer eingespielte Sound, der an seine musikalischen Höhepunkte erinnert. Es erstehen nochmals seine Kunstfiguren wie Ziggy Stardust, und es wird seine Rolle als Astronaut des inneren Raumes deutlich. Ai WeiWei dagegen ist mit Videos präsent, welche die urbane Entwicklung Pekings abbilden. Ai fährt die Strassen der Stadt im Auto ab und stellt die urbane Entwicklung in der Fahrzeugperspektive nach. Er dokumentiert die eigene Verfolgung, indem er seine Gefängniszelle eins zu eins nachbildet und die Haftbedingungen öffentlich macht.

Das Leben In der Haft und der Verlust der Traditionen wird durch Ai WeiWei in Kunst verwandelt. In seiner Installation von Hockern, welche den Lichthof des Gropius-Baus wie ein Teppich überziehen, geht es ebenso um die Zerstörung der alten Kultur wie bei den Türen von alten Häusern, die in Marmor erstarrt in der Ausstellung zurückbleiben.

Kunst als Design

Design steht bei beiden Künstlern im Mittelpunkt. Doch radikaler stellt sich David Bowie selbst als Designobjekt vor, das sich in immer neuen Formen präsentiert. «Evidence», der Begriff, unter welchem die Ausstellung von Ai WeiWei läuft, könnte auch den Titel für Davis Bowie abgeben. Seine schillernde und kaum festzulegende Gestalt erhält durch die Ausstellung eine neue Evidenz.

Bowies Berliner Erfahrungen

Besonders Berlin als geteilte Stadt in den Siebzigern wird in der Ausstellung von Bowie beleuchtet. Sein Leben hinter der Berliner Mauer war für ihn kein Gefängnis, sondern Fluchtpunkt, wo er nach seinen Drogenexzessen Ruhe fand. Ergänzend zur ursprünglich im Londoner Victoria und Albert Museum gezeigten Ausstellung erhält sein Aufenthalt in Berlin einen eigenen Raum. Es wird auf die hier entstandenen Musikalben «Low» «Lodger» und «Heroes» verwiesen, auf die damalige Berliner Clubszene und auf das expressionisische Brücke-Museum, das Bowie faszinierte. Berührend, wenn der Rock Hero die Filmdiva Marlene Dietrich in einem Briefwechsel bittet, sie in Paris besuchen zu dürfen.

Die Konfrontation zweier Egos

Im Grunde sind es zwei Egomanen, die sich inszenieren. Aber man sollte die Suche nach der Verwandtschaft nicht übertreiben. Ai WeiWei ist plakativ und monumental. Dagegen wirkt Bowie fragil, und auf einen individuellen Kosmos bezogen, in welchem er sich ununterbrochen neu erfindet. Für den Besucher sind die markanten Unterschiede genauso interessant, wie die hintergründigen Beziehungen, die man aus den Ausstellungen herauslesen kann. Es gibt jedenfalls viel zu entdecken im Berliner Gropius-Bau.

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Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin
David Bowie: bis 10. August 2014
Ai WeiWei – Evidence: bis 10. Juli 2014


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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