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Ambulanzfahrzeuge der CSS im Spanischen Bürgerkrieg © CSS

Wo im Kleinen auch Grosses geleistet wird

Christian Müller /  Kennt sie jemand, die Centrale Sanitaire Suisse CSS? Sie feiert ihren 75. Geburtstag. Und sie verdiente mehr Beachtung.

Die meisten Hilfsorganisationen legen Wert darauf, politisch neutral zu sein. Nicht so die Centrale Sanitaire Suisse CSS (Link siehe unten). Sie ist 1937 entstanden mit dem Ziel, im Spanischen Bürgerkrieg die Kämpfer auf der Seite der (demokratisch legitimierten) Republikaner medizinisch zu unterstützen. Doch auch nach dem Sieg der rechtsgerichteten Putschisten mit ihrem Führer (und anschliessenden Diktator) General Franco blieb die Organisation aktiv. Das Ziel blieb immer dasselbe: Hilfe an Bevölkerungen, die gegen Unterdrückung kämpfen, seien diese politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Natur. So engagierte sich die CSS später in Vietnam, im Nahen Osten (konkret in Palästina), in Afrika und in Mittel- und Südamerika, immer auf der Seite von Aufständischen – und/oder Opfern – gegen die Unterdrücker. Erstaunlicherweise haben gegen 20 Schwesterorganisationen in anderen Ländern nicht überlebt, wohl aber die Schweizer Organisation, deren aktives Zentrum nun allerdings in der französischen Schweiz liegt.

Jetzt hat aus Anlass des 75-Jahr-Jubiläums der Historiker Pierre Jeanneret ein Buch über diese Organisation geschrieben, eben erschienen im Verlag Edition d’en Bas in Lausanne: 75 Ans de Solidarité Humanitaire. Jochi Weil aus Zürich, ein langjähriger Mitkämpfer und unermüdlich Engagierter für mehr Solidarität und Gerechtigkeit auf dieser Welt, schrieb dazu im «Vorwärts» eine Besprechung, aus der wir hier gerne zitieren.

75 Jahre humanitäre Solidarität

«Beim Durchblättern des Buches mit einem kurzen geschichtlichen Rückblick über humanitäre Aktionen vom 19. Jahrhundert bis heute fällt auf, dass es sich dabei um ein sehr sorgfältig erarbeitetes Werk handelt, einerseits aufgrund des Inhaltsverzeichnisses, das systematisch und übersichtlich gegliedert ist, andererseits durch biografische Notizen über aktive Menschen in der CSS sowie den umfassenden Index von Namen. Schwerpunkt im Buch liegt verständlicherweise bei den Tätigkeiten der CSS Romande.

Gegründet wurde die Centrale Sanitaire Suisse CSS als eigenständige Organisation während des Spanischen Bürgerkriegs am 9. Dezember 1937 in Zürich. Sie stand der Kommunistischen Partei der Schweiz nahe und unterstützte den medizinischen Bereich der Republikanischen Armee und der Internationalen Brigaden. Geliefert wurden vor allem Ambulanzfahrzeuge, Operationszelte, medizinisches Material, Medikamente und Blutkonserven. Nach der Niederlage der republikanischen Kräfte wurden die Aktivitäten vorübergehend reduziert. Ab 1944 engagierte sich die CSS mit insgesamt vier ärztlichen Missionen in Jugoslawien an der Seite der antifaschistischen PartisanInnen unter der Führung von Marschal Josip Bros Tito im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht. Unterstützung durch die CSS erfuhren auch Opfer des Nationalsozialismus.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte die Partei der Arbeit PdA / Parti du Travail PdT unter der Devise «Nie wieder Krieg!» und die Centrale Sanitaire Suisse einen ungeahnten Aufschwung. Dank der Solidarität vieler linker Menschen in der Schweiz konnten Lebensmittelpakete in die «Ostzone» geliefert werden, wo als Folge des Krieges Armut und Mangelernährung herrschten.

1956, nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn, entstand eine regelrechte Hetzjagd gegenüber der PdA / PST und kommunistischen GenossInnen. Obwohl die CSS parteiunabhängig war, wenngleich der Partei der Arbeit nahestehend, wurde deren Wirken arg in Mitleidenschaft gezogen; sie musste ihre Aktivitäten nach aussen hin während beinahe zehn Jahren praktisch einstellen.

1965 kam es im Zusammenhang mit der Intervention der US-Truppen in Vietnam zu einer Wiedergeburt. Als Folge des amerikanischen Krieges begann die CSS, zunächst in der Romandie mit der Unterorganisation «Aide au Vietnam», chirurgische Instrumente, Röntgenapparate, Laboreinrichtungen, Antibiotika und Antimalariamittel an die Demokratische Republik im Norden Vietnams und die Südvietnamesische Befreiungsfront zu liefern. Eng verknüpft mit dieser Hilfe sind die jahrzehntelange unermüdliche Arbeit und das Engagement von Dr. med. Marc Oltramare, der unvergesslich ist. Die Unterstützung wurde nach dem Sieg und der Wiedervereinigung Vietnams bis heute weitergeführt, in der deutschsprachigen Schweiz auch durch die Schwesterorganisation «medico international schweiz», damals CSS Zürich. Auch die CSS im Tessin unterstützte Projekte dort während vieler Jahre. 1987, anlässlich ihres 50jährigen Bestehens, wurde die CSS für ihr solidarisches Wirken durch Vietnam geehrt und ausgezeichnet.

Nach dem Sieg der VietnamesInnen im Frühjahr 1975 weitete die CSS Romande ihre Aktionsfelder schrittweise aus. Medizinische Unterstützung an Befreiungsbewegungen oder fortschrittliche Basisorganisationen wurde vor allem in Eritrea, bei den Sahraouis, im südlichen Afrika, in Palästina, Libanon, Kurdistan, Kosovo, Nicaragua, El Salvador, Guatemala, Chile und via MediCuba geleistet. Manchmal waren einzelne Aktionen intern umstritten. Arbeit und Engagement für die und mit Unterdrückten in einzelnen Ländern, in denen heute Projekte unterstützt werden, gehen weiter, ergänzt durch Öffentlichkeitsarbeit in der Schweiz.

Jean-Pierre Guignard bringt in seinem Vorwort zum Ausdruck, Pierre Jeanneret habe mit Sympathie und Enthusiasmus das Werk einer kleinen NGO überliefert und gewürdigt, die sich im Kampf für den Zugang zur Gesundheitsversorgung und für soziale Gerechtigkeit von Bevölkerungen engagiert. Hoffen wir, sagt Guignard, dass junge und weniger junge Menschen, welche über dieses einzigartige Abenteuer lesen, Lust bekommen, sich bei humanitären Hilfsaktionen zu engagieren. Und warum nicht bei solchen der CSS?»

Jochi Weil schliesst mit einem Aufruf: «Als ehemaliger Mitarbeiter (1981-2012) möchte ich ergänzend – in der deutschsprachigen Schweiz – zur Solidarität mit «medico international schweiz» (vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS Zürich) anregen. Die drei Organisationen, inklusive die CSS im Tessin, wirken politisch nicht neutral, jedoch gemeinnützig.»

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Jochi Weil-Goldstein ist Mitglied der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, Mitbegründer der Kampagne Olivenöl aus Palästina, Mitglied der Stiftung für Internationale Strafreform, St. Gallen, Mitglied der Religiös-Sozialistischen Vereinigung der Deutschschweiz und einer der Erstunterzeichner des Aufrufs Schweizer Juden für die Zweistaatenlösung. Und er engagiert sich noch immer für medico international schweiz.

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