kontertext: Baustelle Kulturjournalismus

Felix Schneider © cc
Felix Schneider / 16. Apr 2020 - Umbau bei RTS. Abbau in den Printmedien. Aufbau im Netz. Eine Baustellenbesichtigung.

Der Kulturjournalismus verändert sich. Das wissen alle Kulturjournalisten. Was aber geschieht und wie es zu bewerten ist, beurteilen sie sehr unterschiedlich.

Viele sagen: Die kritische, gelehrte und intellektuelle Kultur, die letzten Reste von 68, werden zerstört von Konformisten, denen es nur um Trivialisierung, Zahlenfetischismus, Klickorientierung, Wohlfühlkultur und Bespassung geht. Andere sagen: Ob es uns passt oder nicht, wir müssen handeln. Und einige erinnern sich an die Devise von Brecht: Nicht an das gute Alte anknüpfen, sondern an das schlechte Neue!

Die Avantgarde in Lausanne

Den radikalsten und reflektiertesten Umbau ihres Kulturjournalismus betreibt derzeit die französischsprachige RTS, la Radio Télévision Suisse francophone. Der Architekt dieses weitreichenden Unternehmens ist Alexandre Barrelet, Leiter der Unité Culture von RTS. Er erzählt von Publikums-Studien, die schockierende Resultate erbrachten:

• Die hochspezialisierten Kulturbegeisterten haben ihre eigenen Netze ausserhalb des Service public, von dem sie nicht viel erwarten. Wer sich, sagen wir mal, für die deutsche Literatur des 17. Jahrhunderts interessiert, hat seine universitären und Liebhaber-Kommunikationskreise.

• Der Schocker der Studie war der Befund, dass ein riesiger Teil der 25 bis 50-Jährigen – für die Service public-Sender sind das schon die Jungen, denn ihre HörerInnen sind im Durchschnitt 64 bis 68 Jahre alt – sich an Kultur und am Service public interessiert zeigt, aber gleichzeitig sagt, der heutige Service public biete ihnen nichts oder nicht viel in Sachen Kultur…

Wie das?

Diese Leute bewegen sich im digitalen Raum, in dem der Service public noch immer wenig präsent ist. Ihr Zugang zur Kultur geht übers Telefon und den Computer. Am Aussterben ist der Kulturbegeisterte, der pünktlich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Wochentag alles liegen und stehen lässt, weil jetzt seine Radio- oder Fernsehsendung kommt.

Das heisst: Es braucht Kulturangebote im digitalen Raum. Soweit richtig und zukunftsweisend. Skeptisch wird man, wenn man in Hochglanzbroschüren liest, RTS sei für alle da, wolle alle Bevölkerungsteile mit Kultur versorgen. Also doch Anpassung? Service public als devote Haltung des Kellners, der nicht mehr will, als seine Gäste zufrieden zu stellen?

Das Volk ist nicht tümlich

Nicht unbedingt. Was die Ansprüche der Hörenden und die möglichen Anmutungen ans Publikum betrifft, hat RTS interessante Erfahrungen gemacht, die gegen Trivialität und Populismus sprechen. Das erste Programm, La Première, ist in Musik und geistigem Anspruch enorm viel exklusiver, intellektueller und kulturaffiner als das deutschsprachige SRF 1.

Niemals könnte SRF 1 «Vertigo» bringen, die einstündige Sendung für Kulturaktualitäten, die auf La Première zur besten Sendezeit platziert ist. «Vertigo» gewichtet die Beiträge und gesteht ihnen Längen von 6 bis 25 Minuten zu – davon kann selbst SRF 2 Kultur, das seine aktuellen Kulturmeldungen stur auf 3 Minuten und 30 Sekunden begrenzt, nur träumen. Auch eine tägliche Geschichtssendung («Histoire vivante») wäre auf SRF 1 nicht möglich.

Die gesellschaftliche und weltanschauliche Hintergrundsendung «Sous les pavés» erreichte auf Espace 2 zweitausend HörerInnen. Dann wurde sie auf La Première verschoben und gewann 40 000 HörerInnen. Barrelet nimmt es als Beleg dafür, dass ein bedeutendes Interesse an kulturellen Hintergrundsendungen existiert, das vom Kultursender Espace 2 nicht befriedigt werden kann.

Die radikale Neukonzeption der RTS-Programme startete am 23. März und geriet folglich unter das Corona-Regime, was Stress verursachte und einige Innovationen, etwa die Aufnahme langer und ortsgebundener Gespräche, glatt verhinderte. Schon aus diesem Grund, aber auch weil die gesamte Innovation erst am Anfang steht, sollte man vorsichtig urteilen.

Schwieriger Neustart

Mit einem Federstrich hat die RTS-Reform sämtliche Wortsendungen aus Espace 2 beseitigt. Für die Literatur bedeutet das z.B : « Caractères » von Jean Marie Félix gibt es nicht mehr. Stattdessen wurde « Qwertz » gegründet. Der Name kommt aus der Computersprache, bezeichnet dort eine Tastaturbelegung und entspricht den ersten sechs Buchstaben von links in der oberen Buchstabenreihe der hiesigen Tastatur. « Qwertz » besteht aus einem E-Mail-Newsletter und einer Webseite, welche Artikel, Töne (Gespräche mit Autoren, Übersetzern, Literaten etc.) und eventuell auch Videos enthält. Die Artikel müssen den formalen Zwängen der Lesbarkeit auf dem Handy gehorchen: Einfache Sprache, kurze Sinnpakete etc. Aber die Inhalte können durchaus anspruchsvoll sein, wie etwa ein historischer Beitrag über den Literaten Gérard Bauër (1888 – 1967), mit Textteil und historischen O-Tönen zeigt.

Die zweite neue Literatursendung heisst « Porte-Plume » und erscheint wöchentlich auf La Première. Manuella Maury lässt Texte schreiben, die sie dann vorliest oder vorlesen lässt. Derzeit sind das Briefe an ältere Menschen. Entstanden ist so eine nette Wohlfühlsendung, begossen mit Musiksauce, für LieberhaberInnen der heilen Welt.

Der analoge Sender Espace 2 erscheint nun als reines Klassikprogramm : Das ist tagsüber, grossflächig, leichte und populäre Klassik, Auszüge aus beliebten Werken, knapp moderiert, durchhörbare Hintergrundmusik, mit gelegentlichen (zu seltenen) Überraschungen – und insgesamt doch überflüssig, weil es Swiss classic schon gibt. « Musique et bien-être sont au rendez-vous ! » heisst der Slogan. Zur Apéro-Zeit soll eine cross-over-Montage unterhalten, die aber über einen Kaufhaus-Hintergrundsound kaum herauskommt. Am Abend und am Wochenende gibt es Konzertübertragungen (eine wichtige, gut entwickelte Spezialität von RTS) und konzeptionell Anspruchsvolleres, das aber (noch ?) an der Angst vor dem Wort und an Oberflächlichkeit leidet. Der interessanteste Ansatz ist « Quoi », ein Versuch, bestimmte Wörter oder aussermusikalische Phänomene musikalisch zu erfassen, z.B. « Fische ». Wie tönen Fische? Das ist entwicklungsfähig! Insgesamt ist Espace 2 am Radio kein grosser Wurf und erscheint eher als Auslaufmodell.

Auf grosse, bisher noch uneingelöste Versprechen wie einen Ökologie-Schwerpunkt darf man gespannt sein.

Was definitiv fehlt

Literaturkritik und Veranstaltungsrezensionen fehlen auf der reformierten RTS weitgehend. Und sie sind auch anderswo kaum noch zu haben. Die Thematisierung und Beurteilung von Ästhetik und die Einordnung der Kulturphänomene in historische Entwicklungen finden kaum noch statt. Viele, die schreiben oder Kunst produzieren, sprechen in einen echolosen Raum. Auch der qualifizierte, erhellende Verriss fehlt, weil er in den Gesprächen mit den Autoren und Autorinnen natürlich nicht zu leisten ist. Selbst über wichtige Uraufführungen auf internationalen Bühnen oder bahnbrechende Ausstellungen werde ich nur unregelmässig informiert. In den beiden grossen Zeitungen, NZZ und Tagesanzeiger, ist intern sehr klar gemacht worden, dass einzelne Rezensionen und Veranstaltungsbesprechungen unerwünscht sind. Da die Zeitungen in ganz anderen Dimensionen sparen müssen als der Service public, ist das Personal schon gar nicht mehr vorhanden: Wie soll ein einziger Literaturkritiker, etwa im Tagesanzeiger, adäquat über das literarische Leben informieren? Und für Freie, die früher diejenigen Bücher besprochen haben, die dem Redaktor zu dick waren, ist kein Geld mehr da. Die NZZ hat die Literaturbeilage weggespart und zur Beruhigung erklärt, die Literaturkritik finde in der Wochenendbeilage statt, aber dort sucht sie der Leser, die Leserin fast immer vergeblich. Der Tagesanzeiger ist gerade dabei, seine Kulturredaktion herabzustufen zu einem Teil des Ressorts «Leben». Ich weiss aus Erfahrung, was geschieht, wenn ein diffizileres Kunst- oder Literaturthema in einer Redaktionssitzung konkurriert mit einem Bericht über – sagen wir mal: eine Netflixserie-, die eine Schlägerei zwischen Juden und Moslems in New York zum Thema hat.

In Planung: ein neues Feuilleton

Der ehemalige Schweizer Feuilleton-Dienst SFD heisst heute

«ch-intercultur» und versteht sich als Verein für Information über das kulturelle Schaffen und Leben, vor allem in den Sparten Schweizer Literatur, Theater, Musik, Film, Bildende Kunst und Fotografie. Er möchte den Informationsaustausch über die Grenzen der Sprachregionen hinweg fördern und plant ein Projekt, das den Kulturschaffenden Resonanz verschaffen soll. Kompetente Kulturkritik sowie vielfältige Rückmeldungen aus Kulturszenen und aus der Gesamtheit der kulturell interessierten Menschen sollen organisiert werden.

Mit der Konzipierung des Projekts hat «ch-intercultur» den Literaturkritiker und Kulturproduzenten Beat Mazenauer beauftragt. Mazenauer denkt an eine Austauschplattform im Netz, die einsammelt, was es an kulturjournalistischen Leistungen schon gibt, und diese durch eigene Beiträge ergänzt, so dass ein Kulturkanal entstehen könnte, «der fortlaufend Berichte über Literatur, Theater, Musik, Kunst sowie kulturpolitische Fragen aufschaltet. Dabei soll besonders auf Qualität und kritische Tiefe Wert gelegt werden.» Die französisch- und italienischsprachige Kultur soll dabei besonders berücksichtigt werden, Mitarbeiter von RTS sollen ihre Erfahrungen mit dem radikalen Umbau des Senders einbringen können. Vielleicht entsteht hier ein neues, zeitgemässes Schweizer Feuilleton!

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Felix Schneider, geboren 1948 in Basel. Studium (Deutsch, Französisch, Geschichte). Von Beruf Lehrer im Zweiten Bildungsweg und Journalist, zuletzt Redaktor bei SRF 2 Kultur. Hat die längste Zeit in Frankfurt am Main gelebt, ist ein halber «Schwob».

    • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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Eine Meinung

Nathalie Wappler hat schon das Profil des Kultursenders DRS 2 kaputtgemacht. Jetzt ist offenbar Espace 2 an der Reihe mit noch mehr Seichtigkeit. Auch der Tagesanzeiger möchte vermehrt Plauderer wie Philipp Zweifel, Andreas Tobler und Linus Schöpfer zu Wort kommen lassen, indem ersterer den Chefposten erhält. Medien wie 20Minuten haben überhaupt keine Kulturseiten, nur Publireportagen für die Unterhaltungsindustrie und Politpropaganda. Vom unsäglichen Dilettantismus des René Scheu schweigen wir an dieser Stelle.

Dabei ist die Unterhaltung nicht die Kernkompetenz der SRG. Sie ist nur ein Punkt neben der freien Meinungsbildung, der Bildung und der kulturellen Entfaltung. Wenn diese letzteren nicht mehr gewährleistet sind, verliert die SRG ihre Daseinsberechtigung. Dasselbe gilt für die privaten Medien: Wenn es keine Kulturberichterstattung mehr gibt, sondern nur noch Plauschen und Blödeln, handelt es sich nicht mehr um Journalismus, sondern um einen Mix aus Infotainment, Propaganda und Publireportagen.

Wie der Artikel betont, besteht das junge Publikum nicht aus Menschen, die nur Zerstreuung suchen. Nein, sie wollen informiert werden. Schauen wir z.B. auf YouTube, welchen Zuspruch die Avantgardemusik erhält, muss man sich wundern, warum solche anspruchsvollen und abenteuerlichen Dinge keine Aufmerksamkeit mehr erhalten auf den Kulturseiten. Auf gut Deutsch muss ich hiermit konstatieren, dass das heutige Publikum von den Verlegern und Journalisten wie Debile behandelt wird.
Thomas Läubli, am 16. April 2020 um 17:32 Uhr

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