Public Eye Award, William K. Black, Finanzkrise © (Video-Screenshot)

William K. Black bei der Verleihung des Public Eye Awards in 2013.

Wie Deregulierung und Dekriminalisierung zur Krise führten

Daniela Gschweng / 12. Okt 2018 - Die globale Finanzkrise habe sich über Jahrzehnte vorbereitet, sagt ein US-Finanzexperte. Und sie könne sich jederzeit wiederholen.

Zehn Jahre sind seit der globalen Finanzkrise in 2008 vergangen. Darin, zu verhindern, dass sich die Krise in ähnlicher Weise wiederholt, hätten die USA trotz guter Absichten weitestgehend versagt, sagt Bill K. Black, ehemaliger Direktor der US-Betrugsbekämpfungsbehörde, in einer Serie von Interviews. Dazu geführt habe ein System der gewollten Fehleinschätzungen, des Wegsehens und der fehlenden Regulation.

Das System sei zusammengebrochen, sagt er auf dem Online-Kanal «The Real News», weil Banker anderen Bankern nicht mehr trauten. Was im Grunde eine Binsenwahrheit ist. Dass Wirtschaftssysteme auf Vertrauen basieren, ist eine der Grundlagen wirtschaftlicher Tätigkeit. Dazu geführt habe ein System der gewollten Fehleinschätzungen, des Wegsehens und der fehlenden Regulation, sagt Black. Gesetze seien zu lange durch Richtlinien ersetzt, Verfehlungen nicht verfolgt worden.

Wie die Immobilienblase ihren Anfang nahm

Zur Erinnerung: Den Anfang machten Kreditinstitute, die zunehmend Kredite vergaben, die so niemals hätten vergeben werden dürfen. «Liar’s Loans», Lügenkredite, nennt sie Black. Die Banken hätten dabei genau gewusst, dass ein guter Teil davon nicht zurückgezahlt werden konnte.

Faule Kredite funktionierten dabei wie Falschgeld. Auch wenn jeder davon weiss, sie sind so lange Geld wert, bis das System zusammenbricht. So lange der Markt gut lief, störten sie nicht. Im Gegenteil: Kredite, die nicht bezahlt werden konnten, wurden durch andere, grössere, abgelöst. Die Summen wurden grösser und die Immobilienpreise stiegen, immer mehr Menschen kauften Immobilien. Die Kreditinstitute machten unter falschen Voraussetzungen Millionengewinne. Lehman Brothers, beispielsweise, hätte vor dem Crash auf dem Papier über ein Vermögen von 600 Milliarden Dollar verfügt, tatsächlich sei es aber nur halb so gross gewesen, zeigt Black auf. Verbindlichkeiten über 600 Milliarden Dollar summierten sich real auf über eine Billion.

Crash mit offenen Augen

Mit Hilfe von viel Fremdkapital vergaben Banken dabei immer riskantere Darlehen, verkauften die Hypotheken, fassten sie mit anderen Papieren zusammen, teilten das Ganze auf und verkauften es neu. Am Ende konnte niemand mehr genau sagen, was in einer Anlage eigentlich enthalten war. So wurden aus Krediten mit F-Rating Anlagen mit A-Rating. Ein Fehler der Rating-Agenturen, die bei der Bewertung nicht genau hinsahen. Oder nicht hinsehen wollten.

Problematisch wurde die Situation, als der Markt nicht mehr gut lief. Die superkurzfristigen Kredite, auf die Lehman Brothers und auch andere Banken angewiesen waren, waren zu Beginn der Krise nicht mehr verfügbar. Die Folgen sind bekannt: das System stürzte wie ein Kartenhaus zusammen. Weltweit mussten etliche Banken mit dem Geld der Allgemeinheit – sprich: mit dem Geld der Steuerzahler – gerettet oder gestützt werden, um das System vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Besonders in den USA verloren Tausende ihr Eigentum und ihr Erspartes.

Die Vorstellung vom zockenden Banker

Black geht mit der US-Regierung hart ins Gericht. Trotz guten Willens habe sie weitestgehend versagt, eine Wiederholung der Finanzkrise zu verhindern, findet Black rückblickend. Fehler aus der Vergangenheit seien noch immer nicht korrigiert worden. Noch immer herrsche die Vorstellung, dass Banken eben Risiken eingehen. Wenn es nicht klappe, sei das Pech. Diese Vorstellung aber sei falsch. «Appraisal Fraud» – zu Deutsch: Schätzungsbetrug – sei kein Glücksspiel, sondern kriminell und müsse auch so behandelt werden. Diesen Begriff verwendet er oft. Er bedeutet, dass der Wert von Immobilien und Anlagen von Prüfern systematisch zu hoch eingeschätzt wird – eine Lüge, die sich fortsetzt. Wer schlechte Anlagen loswerden will, muss sie anpreisen. Dazu braucht er Prüfer, die – bewusst oder unbewusst – nicht genau hinsehen. Was auf längere Sicht dazu führt, dass Ehrliche im Metier das Nachsehen haben.

Eine verblüffend einfache Lösung

Der einzige Weg, dem zu begegnen, sieht der Experte in gerichtlicher Verfolgung. Die US-Regierung hätte diesen Teil nicht gut geregelt, urteilt er. Eine Befragung durch Abgeordnete des Kongresses, wie es in Folge der Finanzkrise geschehen sei, sei unzureichend. Abgeordnete, die selbst Zuwendungen der Banken für ihren Wahlkampf bekommen haben, seien denkbar schlechte Aufklärer und im Befragen von Zeugen nicht geübt. Das sei Aufgabe unabhängiger Richter.

Den Boden für den Börsencrash bereitet habe in den USA die Abschaffung des Glass-Steagall-Acts, sagen viele Beobachter. Ein Gesetz, das die Trennung von Investmentbanking und Privatkundengeschäft verlangte. Der Glass-Steagall-Act wurde mehrmals geändert, die Clinton-Administration schaffte ihn 1999 endgültig ab.

Falsch, sagt Black. Der Fehler sei schon wesentlich früher passiert, nämlich 1994, als die Regeln für Kreditvergaben geändert worden seien. Im Grunde müsse bei der Kreditvergabe überprüft werden, ob der Kreditnehmer genügend Einkommen hat, um das Darlehen zu verzinsen und zurückzuzahlen. Der Schätzwert müsse der Sicherheit angemessen sein, dass das Darlehen zurückbezahlt werden kann und dass der Kreditnehmer seine Kredite in der Vergangenheit zurückgezahlt hat. Das klingt so einfach wie einleuchtend.

Hoffnung auf andere Gesetze

Stattdessen sei es zu einer fast wahllosen Vergabe von Krediten gekommen, die Kreditsummen seien immer mehr gestiegen, Darlehen seien aggressiv beworben worden, gerade auch bei denen, die sie sich am wenigsten leisten konnten. Viele stellten fest, dass ihre Immobilie nicht annähernd so viel wert war wie die Höhe des für sie erhaltenen Kredits, als die Blase platzte.

Sowohl die US-Wirtschaft wie auch die meisten Finanzinstitute anderer Länder haben sich zehn Jahre später wieder erholt. Gebannt ist die Gefahr einer Wiederholung des Crashs nach Blacks Ansicht aber überhaupt nicht. Einstweilen hofft er auf eine Erstarkung der Demokratischen Partei bei den Midterm-Wahlen, um bessere Gesetze auf den Weg zu bringen.

  • Siehe dazu unser Dossier zur Euro- und Währungskrise

  • Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    William Kurt Black ist ein US-amerikanischer Autor, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler, der an der Universität von Michigan Wirtschaft und Recht lehrt. Der ehemalige Direktor des Instituts für Betrugsbekämpfung sagte 2010 in einer öffentlichen Anhörung vor dem Finanzausschuss des US-Parlaments zum Bankrott von Lehman Brothers aus. Black hatte sich schon 1989 mit mehreren Kongressabgeordneten und dem Parlamentspräsidenten angelegt, die er beschuldigte, gegen Spenden dem Finanzsystem zuzuarbeiten. Er ist der Autor mehrerer Bücher, unter anderem «The Best Way to Rob a Bank is to Own One» (der beste Weg, eine Bank auszurauben, ist sie zu besitzen).

    Weiterführende Informationen

    «De-Regulation, De-Supervision, and De-Criminalization Set the Stage for the 2008 Financial Crisis», Teil 1, The Real News
    «De-Regulation, De-Supervision, and De-Criminalization Set the Stage for the 2008 Financial Crisis», Teil 2, The Real News
    «De-Regulation, De-Supervision, and De-Criminalization Set the Stage for the 2008 Financial Crisis», Teil 3, The Real News

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    2 Meinungen

    Ich hatte «am Rande der Vollgeldinitiative» einen Kommentar geschrieben.
    cf mein Kommentar zu Christian Müllers Artikel vom 15. Aug. 2018

    "Die Finanzkrise 2008/09 war aber nicht ein Problem von Zentralbankengeld, sondern die logische Konsequenz der Bankenderegulierung, welche unter der Administration Clinton umgesetzt wurde *) und welche dem Prinzip der Gier und des institutionalisierten Egoismus erst die Entfaltung im Streit „Wallstreet vs Mainstreet“ ermöglichte und schliesslich zum Untergang der Lehman Brothers und der zugehörigen Derivatgeschäfte im amerikanischen Wohnungsmarkt führte.
    [*) Der “Riegle-Neal Interstate Banking and Branching Efficiency Act” vom Sept 1994 (Clinton) eliminierte die seit den 20er Jahren praktizierte Beschränkung der Bankenaktivität auf einzelne Bundesstaaten und erlaubte so US-weite Bankgeschäfte ohne adäquate Ausweitung der entsprechenden Bankenkontrolle.
    Die Aufhebung des „Glass-Steagal Act“ in 1999 (Clinton) erlaubte die bisher getrennten Branchen des Retail- und Investmentbanking zu vereinen und führte zu einem Wildwuchs an „kreativen“ Derivat-Instrumenten, welcher weitgehend für die folgende Instabilität des Finanzsektors verantwortlich war und schliesslich zur Finanzkrise 2008/09 führte.]"
    Robert Aliber hat übrigens schon 1973 in seinem Buch «The International Money Game» auf die Perversitäten des Geldsystems amerikanischer Prägung hingewiesen.
    Das «Quartalsbilanzdenken» ist der Motor dieser perversen Entwicklung.
    Josef Hunkeler, am 13. Oktober 2018 um 10:02 Uhr
    Die amerikanischen Fachleute können sich aus welchen Gründen auch immer nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass das Grundproblem der Finanz- und Wirtschaftskrisen durch die Geldschöpfung durch Banken und Schattenbanken verursacht wird. Ohne der Möglichkeit dieser Schöpfung wären alle viel vorsichtiger bei der Kreditvergabe. Schade, dass die Schweizer Wähler die Chance verpassten, durch die Vollgeld-Initiative der Finanzindustrie eine entsprechende Lektion zu erteilen.
    Michel Mortier, am 14. Oktober 2018 um 17:31 Uhr

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