Von 1984 bis 2013 stieg die Zahl der Einwohner im Schnitt um 58'700 Personen pro Jahr © Presse.Nordelbien/Flickr/cc

Schweizer Bevölkerung wächst den Prognosen davon

Hanspeter Guggenbühl / 08. Dez 2014 - Die Bevölkerung wird langsamer wachsen und danach schrumpfen. Das prophezeien alle Szenarien. Doch die Realität sieht anders aus.

«Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen», spottete einst der Physiker Niels Bohr. Weil niemand die Zukunft sicher voraussagen kann, behilft man sich mit Szenarien. Das heisst: Die Prognose gilt nur, falls die ihr zu Grunde liegenden Annahmen sich bewahrheiten.

Wenn wir heute feststellen, dass die Entwicklung der Bevölkerung in der Schweiz stets massiv von den Szenarien abwich (siehe Grafik weiter unten), so liegt das an den falschen Annahmen. Konkret: Die Verfasser der Szenarien haben die beiden Treiber des Wachstums unterschätzt, nämlich den Zuwanderungs-Saldo (also die Einwanderung nach Abzug der Auswanderung) und den Geburtenüberschuss. Deshalb hat in den letzten 30 Jahren das Wachstum sogar noch zugenommen.

Von 1950 bis zum ersten Szenario

Am stärksten wuchs die Schweizer Bevölkerung zwischen 1950 und 1973; das war die Zeit des Babybooms und der ersten grossen Einwanderungswelle. Danach sank die Bewohnerzahl kurzfristig, weil die Rezession 1974 und 1975 ausländische Arbeitskräfte zur Heimkehr zwang. Ebenfalls in den 1970er-Jahren häuften sich Meldungen, die Schweizer Bevölkerung werde schrumpfen. So sank die Zahl der Kinder pro Frau (die Geburtenziffer) ab 1971 unter 2,1, also unter die Schwelle, die es zur Erhaltung des Bevölkerungsstandes angeblich braucht.

1984 erstellte das Bundesamt für Statistik (BFS) seine ersten Szenarien über die Bevölkerungs-Entwicklung in der Schweiz bis 2025. Das Resultat des mittleren, also wahrscheinlichsten Szenarios: Die Einwohnerzahl werde bis zum Jahr 2021 auf 6,830 Millionen steigen und danach sinken. Die Wirklichkeit: Schon Ende 2013 lebten 8,140 Millionen Menschen in der Schweiz. Das sind 1,3 Millionen oder annähernd 20 Prozent mehr, als das BFS 1984 erwartet hatte!

Neue Szenarien, altes Muster

In den neueren Szenarien korrigierte das BFS – der wachsenden Bevölkerung folgend – seine Zahlen zwar nach oben. Doch das Muster blieb stets das Gleiche: Die Einwohnerzahl werde anfänglich noch deutlich, mittelfristig immer langsamer steigen und langfristig sinken (siehe Szenarien 1984, 2000 und 2010 in der Grafik). Laut Szenario von 2010 werden im Jahr 2050 knapp neun Millionen Menschen in der Schweiz leben.

Bevölkerung wuchs weitgehend linear

Die Resultate zeigen ein anderes Bild: Von 1950 bis zum Jahr 2013 wuchs die Bevölkerung – bei jährlichen Schwankungen – ziemlich gleichmässig. In der Periode von 1984 (dem Start des ersten Szenarios) bis 2013 stieg die Zahl der Einwohner im Schnitt um 58'700 Personen pro Jahr und damit sogar noch stärker als zwischen 1950 und 1984 (plus 50'600 pro Jahr). Sollte sich das Wachstum ab 2013 linear fortsetzen, was der Schreibende langfristig allerdings nicht prophezeit, so stiege die Einwohnerzahl in der Schweiz bis 2050 auf über zehn Millionen Personen (siehe punktierte Trend-Linie in der Grafik).

Ähnlich verlief übrigens die globale Kurve: Die Weltbevölkerung wuchs von 1980 bis 2013 regelmässig, im Durchschnitt um 82 Millionen Personen pro Jahr. Die globale Zunahme der Bevölkerung seit 1980 war damit ebenfalls grösser als zwischen 1950 und 1980 (plus 64 Mio./Jahr).

Wanderung und Alter unterschätzt

Bevölkerungs-Szenarien sind schwierig, nicht nur, weil sie die Zukunft betreffen, sondern weil die wichtigsten Einflussfaktoren – Wanderung, Geburtenziffer und Alterung – zusammenhängen und sich gegenseitig hochschaukeln können. Die Szenarien-Verfasser unterschätzten die höhere Lebenserwartung, welche die sinkende Geburtenziffer ausglich, und sie schätzten vor allem die wachsende Zuwanderung zu tief ein. Dazu kommt: Die mehrheitlich jungen einwandernden Ausländerinnen und Ausländer erhöhten nicht nur die Zahl, sondern veränderten auch die Struktur der Bevölkerung. Darum trägt die Zuwanderung ebenso wie die Alterung zum weiterhin beträchtlichen Geburtenüberschuss bei.

Wie lange die Lebenserwartung weiter steigt und der Zuwanderungs-Überschuss hoch bleibt, lässt sich schwer abschätzen. Darum sind alle Szenarien zur Bevölkerung, aber auch jene zum Wachstum der Wirtschaft und zum Verbrauch von natürlichen Ressourcen, mit Vorsicht zu geniessen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

«Demografieszenarien zwischen Horror und Entwarnung» (Infosperber vom 19.10.2014)
«Schweizer Bevölkerung wächst auch ohne Zuwanderung» (Infosperber vom 9.4.2014)

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12 Meinungen

Von einem gleichmässigen Wachstum in den letzten 50 Jahren kann keine Rede sein. Es schwankte zwischen 2.6% und -0.6%, abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung und den rechtlichen Rahmenbedingungen (Saisonnierstatut, Familiennachzug). Im 2013 betrug es gerade mal 0.2%, 2014 steht es bei 0.3%. Und 1961 prognostizierte F.Kneschaurek, der damalige Guru, 10 Mio Ew. fürs Jahr 2000. Wachstum über die Prognosen hinaus?
Christoph Wydler, am 08. Dezember 2014 um 11:57 Uhr
Ich finde die Diskussion über Dichtestress und Überbevölkerung übertrieben. Zum Vergleich in Europa (km2 / Einwohner / Einw./km2): Schweiz 41'285 / 8'183'000 / 198, Baden Würtemberg 35'751 / 10'632'000 / 297, Belgien 30'528 / 11'099'554 / 364, Niederlande 41'548 / 8'183'000 / 405 (Quelle Wikipedia). Eine Beobachtung der Einwohnerzahl ist sicher angesagt aber wir sind noch weit davon weg uns gegenseitig auf dei Füsse zu treten.
Kurt Lengweiler, am 08. Dezember 2014 um 12:32 Uhr
@Christoph Wydler: Mein ehemaliger Professor an der HSG, heute 90 Jahre alt, ist auf dem besten Weg, Recht zu bekommen, er ist auf dem richtigen Weg und er wird es noch erleben......wenn das so weiter geht.....! Der Trend stimmt, aber selbst die Bevölkerungsmühlen mahlen etwas langsamer als erwartet, aber sie arbeiten Tag für Tag!
Beda Düggelin, am 08. Dezember 2014 um 12:58 Uhr
@Kurt Lengweiler: Bitte vergleichen sie nicht Äpfel und Birnen, noch Orangen mit Zitronen, noch Aprikosen mit Pflaumen! Überlegen Sie mal, ob es nachhaltig ist, wenn die Schweiz zehn Prozent (10 Prozent) der EU-Bevölkerung, welche ausshalb ihres Geburtslandes arbeitet, in der Schweiz zu einem besseren Leben verhelfen sollen?
Über den Mix der ausländischen Bevölkerung ist dabei noch nichts ausgesagt, und wir Schweizer sind ja bekannt, Rosinenpicker zu sein....!
Beda Düggelin, am 08. Dezember 2014 um 13:03 Uhr
@Beda Düggelin: Ich habe zufällig ein Schweizer Pass mit Betonung auf zufällig. Ich fühle mich zumindest aber als Europäer wenn nicht als Mensch. Mensch gilt soweit es mich angeht auch für die anderen Individuen mit der Bezeichnung Einwohner. Aus diesem Grund hat mein Kommentar nichts mit der Nationalität der von mir aufgeführten Zahlen zu tun sondern rein lediglich mit dem Verhältnis Personen zu verfügbarem Platz. Vielleicht würde die Bewohner mit Berücksichtigung der Nationalität zumindest in Belgien interessante Zahlen ergeben.
Kurt Lengweiler, am 08. Dezember 2014 um 14:49 Uhr
Herr Guggenbühl macht mich zu Recht darauf aufmerksam, dass die von mir verwendeten Zahlen für die letzten Jahre nicht mit den offiziellen übereinstimmen und das Wachstum 2013 über 1% betrug. Dies ändert aber nichts daran, dass es in den letzten 50 Jahren kein stetiges Wachstum gab - und die Prognosen immer falsch waren, mal so, mal anders.
Christoph Wydler, am 08. Dezember 2014 um 15:06 Uhr
Wanderungssaldo reduzieren – Wohlstand steigern!

Wird die Schweiz in 25 Jahren 1 Million Einwohner mehr zählen als heute? Ja, wenn wir die Zuwanderung als unabwendbar akzeptieren. Nein, wenn wir uns endlich zu einer absoluten Kontingentierung der Zuwanderung entschliessen könnten. Auch mit einem Einzonungsstopp bei den Bauzonen wäre etwas zu erreichen. Die Wohnbevölkerung der Schweiz hat von 1985 bis 2013 um 1,65 Mio Menschen, also um 26% Prozent zugenommen, dies vor allem durch Einwanderung. Zur Erhaltung einer lebenswerten Umwelt muss die Einwanderungspolitik mit dem Ziel, einen wesentlich reduzierten Wanderungssaldo zu erreichen, überdacht werden. Der Wohlstand pro Kopf könnte dadurch sogar gesteigert werden. Eine Erhöhung des Rentenalters ist ein Unsinn, haben die Jungen ja heute schon Mühe, eine Arbeitsstelle zu finden. Einwanderung zum Ausgleich der Rentnerquote verschiebt die Problematik nur weiter in die Zukunft; auch die neu Zugezogenen werden einmal alt!
Alex Schneider, am 09. Dezember 2014 um 05:35 Uhr
@Kurt Lengwiler: Ihr Zahlenvergleich mit Belgien würde interessieren, bitte liefern Sie doch die Zahlen, dann können wir diskutieren!
Beda Düggelin, am 09. Dezember 2014 um 08:00 Uhr
Beda Düggelin: Quelle wie schon angegeben (und für die Zahlen nicht verantwortlich) unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Belgien . (Dort werden nebst den Zahlen auch die offiziellen Quellen angegeben)
Kurt Lengweiler, am 09. Dezember 2014 um 13:28 Uhr
Dichtestress und so. Zahlen sind immer etwas heikel und sagen nicht immer, was sie sagen sollten. Immerhin hat das BFS eine „Arealstatistik“ publiziert (letzte Zahlen per 2009), welche hier etwas weiterhelfen kann.

Insgesamt hat die CH etwa 40‘000 km2 Gesamtfläche. Davon gelten aber 23% als „unproduktiv“, 32% als bewaldete Fläche, 37% als „Landwirtschaftsfläche“ und nur gerade 7.7% als effektive „Siedlungsfläche“.

Im Durchschnitt ergibt sich zwar eine Bevölkerungsdichte von 200.2 Bewohner pro km2,
[von 24.3 in GR bis zu 5068.7 in BS],
aber 2602 Bewohner pro km2 „Siedlungsfläche“.
[1075.7 im JU, 1926.9 in FR, 2429.2 in LU, 3575.1 in ZH, 4817.6 in GE und schliesslich 7149.8 in BS]

Dichte ist offenbar eine relative Geschichte und Dichtestress, durch eine subjektive Komponente potenziert, wohl auch.

Immerhin darf festgehalten werden, dass selbst der Siedlungsraum nicht durch Beton und ähnliches, sondern durch die Grünflächen rund um die Ein- und Zweifamilienhäuser der Vororte und übrigen Dörfer geprägt wird. Die Singvögel werden das zu schätzen wissen.

[Gebäudeareal 3.8%; (davon Wohnareal 2.55%, davon 1-2 Fam-Häuser 0.34%, Umschwung 1.4%); Verkehrsareal 2.38% usw.]
Josef Hunkeler, am 15. Dezember 2014 um 11:48 Uhr
Es geht nicht um die Menschen, sondern um ihre Ansprüche. Die Schweiz könnte die extrapolierten 10.2 Millionen bis 2050 locker unterbringen und vielleicht sogar ernähren, aber nur wenn wir alle unsere Ansprüche massiv senken würden.

Dies wird jedoch nicht geschehen. In vielen Orten wird zur Zeit über die Ortsentwicklung diskutiert. Sogar grünen Politikern und Bauernvertretern ist es wichtiger, dass z.B. Sportler Land für Infrastruktur erhalten, wie Hallen, Garderoben, Spielfelder aus Kunststoff, Strassen und Parkplätze, um in einer hohen Liga spielen zu können, als Kulturland für die Produktion von Nahrung zu bewahren. Sogar rot-grün dominierte Regierungen fordern wie alle anderen ständiges Wirtschaftswachstum und mehr Konsum. Hierzu werden immer grössere Flächen im In- und Ausland benötigt, aber sie tun so, wie wenn diesem mit «innerer Verdichtung» oder «qualitativem Wachstum» entgegnet werden könnte.
Theo Schmidt, am 20. Dezember 2014 um 10:27 Uhr
Warum gab es Vollzugsdefizite bei der Raumplanung? Weil viele Gemeindevertreter im Kantonsparlament sitzen und sich gegenseitig bei der Verteidigung von Lokalinteressen unterstützen. Weil der Bund nie die Courage hatte, ungenügende kantonale Siedlungsplanungen zurückzuweisen.

Wollen wir die letzten Grün- und Fruchtfolgeflächen in den nachfragestarken Agglomerationen überbauen? Das revidierte Raumplanungsgesetz bringt diesbezüglich gar nichts. Im Gegenteil: Die Kantone werden verpflichtet, zusätzliches Siedlungsgebiet im kantonalen Richtplan zu bezeichnen. Damit geraten Gemeinden unter Druck, neue Bauzonen zu bezeichnen, auch wenn die lokale Bevölkerung das gar nicht will.

Die allgemeine Stimmung für Verdichtung verändert gar nichts! Die lokalen Bauinteressen haben bis heute immer über die „allgemeine Stimmung“ triumphiert.
Alex Schneider, am 20. Dezember 2014 um 16:46 Uhr

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