Transparente Löhne © HR Today

Entweder Transparenz oder kein «Arbeitsmarkt»

Urs P. Gasche / 10. Jul 2017 - Arbeitgeberverband und NZZ zeigen ungeschminkt, was sie unter dem «freien Markt» verstehen, von dem sie dauernd reden: Nichts.

Ein «freier Markt» besteht nur dann und funktioniert nur dann, wenn man in Kenntnis von Preis und Qualität frei wählen kann, welche Teigwaren man kauft, welche Versicherung man abschliesst – oder welche Stelle man antritt. Nur dann kann von «Lebensmittelmarkt», «Versicherungsmarkt» oder – unter Einschränkung – «Arbeitsmarkt» die Rede sein. Nur dann führt das viel beschworene Spiel von Angebot und Nachfrage dazu, dass sich die besten Produkte und Dienstleistungen und die besten Arbeitgebenden durchsetzen können.

Einseitige Freiheiten

Doch der Arbeitgeberverband, der Gewerbeverband und in deren Schlepptau die NZZ verstehen unter «freiem» Markt offensichtlich in erster Linie, dass die Anbieter von Lebensmitteln, Versicherungen oder eben von Arbeit eine möglichst freie Hand haben, den Konsumentinnen, Konsumenten, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern eine freie Wahl zu verunmöglichen. Die Anbieter wollen mit «weniger Staat» erreichen, dass sie möglichst viele Tricks und Mittel anwenden dürfen, um den Käuferinnen und Käufern zu verunmöglichen, die Preise und die Qualität zu vergleichen. Sie akzeptieren gerade noch, dass der Staat bei einigen Lebensmitteln vorschreibt, die Preise wenigstens im Kleingedruckten vergleichbar pro 100 Gramm anzugeben.

Beispiel «Arbeitsmarkt»

Ein aktuelles Beispiel ist der stets von der Wirtschaftslobby und leider von vielen grossen Medien verwendete Begriff «Arbeitsmarkt».

Auf diesem «Markt» kennt man in der Regel nicht einmal die Preise, also die Löhne und Lohnnebenleistungen. Das führt unter anderem dazu, dass Frauen für absolut vergleichbare Arbeiten im Durchschnitt 7000 Franken pro Jahr weniger verdienen als Männer (Analyse im Auftrag des Bundes). Betroffene Frauen können nur vereinzelt wegen Lohndiskriminierung klagen, weil sie meistens nicht wissen, was ihre männlichen Kollegen verdienen.

Jetzt schlägt der Bundesrat vor, dass Unternehmen mit über fünfzig Beschäftigten wenigstens alle vier Jahre eine Analyse ihrer (nicht individualisierten) Männer- und Frauenlöhne veröffentlichen, um das Bewusstsein für Geschlechterdiskriminierung zu schärfen.

Gegen diese halbbatzige Transparenz läuft der Arbeitgeberverband sturm und NZZ-Redaktor Hansueli Schöchli führt in seinem Blatt eine regelrechte Kampagne gegen den Vorschlag des Bundesrats, anstatt im Sinne eines Marktes für noch mehr Transparenz bei den Löhnen und Lohnnebenleistungen einzustehen.

In die Mottenkiste

Der Begriff «Arbeitsmarkt» gehört ohnehin in die Mottenkiste: Erstens weil ohne volle Lohntransparenz keine Marktbedingungen herrschen. Und zweitens, weil die Lohnabhängigen als Anbieter ihrer Arbeitskraft auf generell sinkende Löhne gar nicht reagieren können.

Das sind die Gründe: Wer seine Arbeitskraft auf dem «Markt» anbietet, ist auf die Erwerbsarbeit existenziell angewiesen. Aus diesem Grund funktioniert dieser «Markt» genau umgekehrt wie zum Beispiel ein Gurken-Markt. Dort werden immer weniger Gurken angeboten, wenn die Preise für Gurken im Keller sind. Falls umgekehrt die Gurken-Preise steigen, werden die Produzenten entsprechend mehr Gurken produzieren und anbieten.

Anders auf dem «Arbeitsmarkt»: Steigen die Löhne rasant, wird tendenziell nicht mehr, sondern weniger Arbeitskraft angeboten, weil man sich dann mehr Ferien, Teilzeitarbeit usw. leisten kann. Sinken aber die Löhne in den Keller, hören die Lohnabhängigen nicht etwa auf, ihre Arbeitskraft anzubieten. Im Gegenteil: Weil die gesunkenen Löhne für den Lebensunterhalt nicht mehr reichen, werden die Arbeit«nehmenden», die eigentlich Arbeit«gebende» sind, ihre Arbeitskraft noch mehr Stunden als vorher anbieten. Mit der Folge, dass die Löhne noch stärker sinken.

Weil bei der Erwerbsarbeit der Markt von Angebot und Nachfrage nicht spielt, gibt es in allen reichen Ländern staatlich festgesetzte oder gewerkschaftlich ausgehandelte Mindestlöhne. Bei den Importen aus Entwicklungs- und Schwellenländern profitieren die reichen Länder davon und tolerieren es, dass dort unterhalb der Menschenwürde gearbeitet werden muss.

Fazit

  • Der Begriff «Arbeitsmarkt» ist krass irreführend und eine Augenwischerei. Es sind die Begriffe «Arbeitspolitik» oder «Beschäftigungspolitik» zu verwenden.
  • Wer wie der Arbeitgeberverband oder die NZZ von «Arbeitsmarkt» spricht und schreibt, sollte allermindestens für eine volle Transparenz der Löhne und Lohnnebenleistungen einstehen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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8 Meinungen

Bin ganz dieser Meinung! Als Konsumenten wäre ich schon sehr glücklich die Lohnschere in einem Unternehmen zu kennen, gleich wie bei Hühner, wo ich heute weiss wieviel Auslauf im Grünen diese haben, um glücklich zu sein. Das wäre ein sinnvolles Kaufmotiv, Freilandmenschen schaffen wir durch die Wahl unseres Konsums!
Silvio Ballinari
Silvio Ballinari, am 10. Juli 2017 um 11:51 Uhr
Vielen Dank für diesen Artikel. Ja, es bräuchte Transparenz, Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, Solidarität und auch ökologische Nachhaltigkeit und Mitbestimmung. Diese Werte sind in der Gemeinwohl-Bilanz enthalten. Je grösser ein Unternehmen ist, umso wichtiger wäre es, dass die GW-Bilanz jährlich erstellt wird, um den Beitrag (oder Schaden) an das Gemeinwohl transparent aufzuzeigen. Infos unter: www.ecogood.org So könnten Arbeitnehmerinnen besser erkennen, welchem Unternehmen sie ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen und Konsumentinnen einfacher wählen mit welchen Produkten sie weniger Schaden anrichten.
Luzia Osterwalder, am 10. Juli 2017 um 14:20 Uhr
Der Arbeitmarkt wäre nur dann ein richtiger Markt wenn man die Kosten für Arbeit bis auf minus 0 senken könnte. Das man also ohne Lohn Arbeit verkaufen muss um überhaupt ein bischen was zu Essen und ein Dach über dem Kopf bekommt. Kinderarbeit kommt da sehr entgegen. In vielen Staaten nach wie vor ein Prinzip das gelebt wird denn die Schulden der vorherigen Generationen werden auf die Nachfahren vererbt. Leibeigenschaft gibt es immer noch. Sklaven gibt es ebenfalls noch häufig und auch das ist eine irgendwie legitimierte Existenz. In Indien gibt es ein Kastensystem welches die Rechte und Pflichten ebenfalls durch Geburt vorschreibt. Ein wechsel in andere Stufen der GEsellschaft war da nicht vorgesehen. Märkte in denen die Ware menschliche Arbeitskraft gehandelt wurde gab es auch an der heutigen Wall St. wo die verschleppten Menschen gleich nach der Ankunft versteigert wurden. Die frischen Arbeitskräfte standen da halt an einer Mauer bis jemand kam und kaufte. Heute gibt es offiziell Humane Ressourcen, also die gleichwertige Behandlung menschlicher Arbeitskraft, Konsumgütern, Immobilien, Wohnungen, Abfallentsorgung... was hier einer Preisfindung durch Markakteure im Wege steht sind Sozialhilfe, Arbeitslosenunterstützung, Gewerkschaften, Langfristige Arbeitsverträge, GAV, staatliche Mindestlöhne... kein Wunder haben die neoliberalen keine Ahnung wie man human Wirtschaftet und was man mit Arbeitslosen tun soll ausser Gratisarbeit, Repression und BEstrafung.
Uwe Borck, am 10. Juli 2017 um 19:01 Uhr
Eigentlich sind Märkte immer asymmetrisch: Verkäufer- oder Käufermarkt. Die Frage ist bloss, wer auf welche Seite mehr Kraft und Macht hat, mit Preisdruck etc. die Marktbalance zu beeinflussen.

Priviliegierte ArbeitnehmerInnen haben die Chance, als AnbieterInnen starkt aufzutreten: z.B. mit Knowhow. Allerdings genügt das nicht. Im Ausland ist der Preis für's Gleiche tiefer. Also Pech gehabt.
Noch trister schauts bei denjenigen aus, bei denen die Arbeitslosenquote hoch ist. Die haben Null Chance auf Job und schon gar nicht gegen den Preis für Angebote aus dem Ausland.

Die MEI Umsetzung soll ja hier Besserung bringen, sagt das Parlement (FDP Philipp Müller, SR). Wenn ich die Verordnungsvorlagen des BR anschaue, grinst mich die Alibiübung verächtlich voll ins Gesicht!
Peter Müller, am 10. Juli 2017 um 19:19 Uhr
"Jetzt schlägt der Bundesrat vor, dass Unternehmen mit über fünfzig Beschäftigten wenigstens alle vier Jahre eine Analyse ihrer (nicht individualisierten) Männer- und Frauenlöhne veröffentlichen, um das Bewusstsein für Geschlechterdiskriminierung zu schärfen.»

Hier sind die Arbeitnehmenden beider Geschlechter gefordert. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Geschäftsleitung vieler Firmen nicht querstellen wird, wenn die Mehrheit der Belegschaft sich eine solche Analyse wünscht. Die Software dafür (logib) wird vom Bund gratis zur Verfügung gestellt. Dieser könnte übrigens mit gutem Beispiel vorangehen und die Analyse bei sich selbst durchführen. Bin gespannt auf das Resultat...
Andrea Ryffel, am 10. Juli 2017 um 20:53 Uhr
Die wenigen Kommentare auf diesen wichtigen und gut geschriebenen Artikel zeigen möglicherweise, wie hilflos sich Arbeitnehmende fühlen und evtl. sogar Angst haben, Transparenz zu fordern und um ihre Stelle fürchten.

@Silvio Ballinari - Er hat auf intelligente Art das Thema pointiert.
Ich pflichte ihm bei, dass Arbeitnehmende auch in der Schweiz teilweise nicht art-gerecht 'gehalten' werden und leider Stall- und Käfighaltung gerne noch von Arbeitgebern praktiziert wird. Das hat nichts mehr mit Markt zu tun, sondern grenzt an Ausbeutung.
Peter Müller, am 11. Juli 2017 um 10:16 Uhr
Die Grundstrukturen müssen überdenkt werden. Die materiellen Verwerfungen werden exponentiell zunehmen. Es ist kein Wunder das der Arbeitgeberverband mit angeschlossem Sprachrohr ihre Sicht der Dinge zum Besten gibt. Es sollte dabei nicht der Fehler begangen werden die Diskussion auf Arbeitgeber vs. Arbeitnehmer zu reduzieren, sondern das System auf seine Machtverhältnisse/Konzentration zu hinterfragen. Der Staat funktioniert als blosser Handlanger dieses System - und das ist schon eine der Ursachen. Die Eigentumsökonomie und angeschlossen Hilfs-Organe (Medien, Konzerne, Gerichte) sollte auch auf dem Prüfstand, denn in einer Welt wo 8 Milliardäre reicher als 3.6 Milliarden Menschen sind (Quelle: Credit Suisse,Oxfam), kann es nicht nach Recht und Gesetz gehen. Und Bitte, es geht mir nicht dabei eine Neiddebatte loszutreten. Bestimmt, gibt es sehr tüchtige Millionäre und Milliardäre die es sich redlich verdient haben. Aber nach einer bestimmten Summe geht es nicht mehr um Produktivität oder Erfindergeist, sondern liegt im System begründet - und in diesem System ist nunmal die Ausbeutung der Belegschaft und Plünderung von natürlichen Ressourcen ein wesentlicher Bestandteil des Geschäftsmodell.
Michele D'Aloia, am 11. Juli 2017 um 13:28 Uhr
Lieber Herr Gasche, wie oft haben wir doch das alles schon gehört! So lange eben diese «Marktwirtschaft» als Religion gepredigt, gelehrt und betrieben wird, wird der «Arbeitnehmer» chancenlos sein. Menschen, deren «Marktleistung» eine austauschbare Grösse ist, wird es mehr und mehr im Überfluss geben. Der dafür bezahlte Preis wird «marktwirtschaftlich» selbstverständlich sinken müssen bis zum Ruin. Das Gerede von Gerechtigkeit mag ich schon lange nicht mehr hören. Das kleine Bändchen «Sonst knallt's» von Götz W. Werner, Mathias Weik, Marc Friedrich (edidition eichborn) deckt schonungslos auf, was da eigentlich abläuft. Die NZZ wird sich nicht belehren lassen, nicht bevor es geknallt hat. Bis dahin predigt weiterhin Vollbeschäftigung durch Wachstum bis zum Untergang.
Walter Schenk, am 16. Juli 2017 um 21:10 Uhr

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