2018 – Die Welt am Tropf der Zentralbanken

Ernst Wolff © cc
Ernst Wolff / 02. Jan 2018 - Die beispiellose Geldpolitik der westlichen Nationalbanken befindet sich in einer Sackgasse. Am Horizont droht eine Hyperinflation.

Die Lage zu Beginn des Jahres 2018 scheint extrem widersprüchlich: Die Wirtschaft wächst, die Aktienmärkte verzeichnen Rekordstände, die Arbeitslosenzahlen sinken und die Industrie zeigt ein seit langem nicht gesehenes Mass an Optimismus. Zugleich erstickt die Welt unter der höchsten Schuldenlast ihrer Geschichte, krankt an der grössten sozialen Ungleichheit und sieht sich noch höheren Risiken ausgesetzt als vor der Krise von 2007/2008.

Wo stehen wir denn nun wirklich? Können wir beruhigt in die Zukunft sehen oder drohen historische Gefahren? Gibt es eine Wirtschaftstheorie, die uns diese Fragen klar und deutlich beantworten kann?

Die Wirtschaftstheorien der Vergangenheit helfen nicht mehr weiter

Nein, die gibt es nicht. Und zwar aus einem einfachen Grund: Weil wir in einer Ausnahmesituation leben, die die Welt so noch nicht gesehen hat: Das globale Wirtschafts- und Finanzsystem ist seit 2008 klinisch tot. Es funktioniert nur noch, weil es wie ein Patient auf der Intensivstation künstlich am Leben erhalten wird, und zwar durch die Zentralbanken.

Seit dem Beinahe-Zusammenbruch von 2008 haben die grössten Zentralbanken der Welt zwischen 14 und 16 Billionen US-Dollar ins globale Finanzsystem gepumpt und fast siebenhundert Mal die Zinsen gesenkt. Der grösste Teil dieses «billigen» Geldes ist in die Finanzspekulation geflossen und hat so für eine historisch nie dagewesene Verzerrung der Märkte gesorgt.

Konnte man früher davon ausgehen, dass Aktienkurse etwas über die Rentabilität eines Unternehmens aussagen, so ist es damit vorbei: Grosskonzerne in aller Welt haben das billige Geld genutzt, um eigene Aktien zurückzukaufen und deren Kurse künstlich in die Höhe zu treiben.

Sagten früher die Kosten und Zinserträge von Staatsanleihen etwas über die wirtschaftliche und finanzielle Stärke eines Landes aus, so gehört auch das der Vergangenheit an: Die Zentralbanken haben ganze Länder vor dem Bankrott gerettet, indem sie deren Anleihen aufgekauft und durch künstlich geschaffene Nachfrage Märkte erzeugt haben, wo es eigentlich keine mehr gab.

Die Manipulation ist beispiellos

Doch das ist nicht alles: Inzwischen greifen die Zentralbanken auch direkt in die Aktienmärkte ein und sorgen dafür, dass sogar ins Schlingern geratene Unternehmen über Wasser gehalten und andere weit über ihrem tatsächlichen Wert gehandelt werden. Die Schweizer Nationalbank (SNB) zum Beispiel ist inzwischen Grossaktionär bei Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon und Facebook und hält zur Jahreswende 2017/2018 US-Aktien im Wert von 91 Milliarden Dollar. Nur zur Erinnerung: Die SNB kann das Geld, mit dem sie Aktien kauft, selber schaffen...

Das alles heisst: Wir leben in einem durch Geldschöpfung und Zinssenkung künstlich angetriebenen und aufgeblähten System. Das aber hat fatale Nebenwirkungen, denn Zentralbanken funktionieren nach denselben Prinzipien wie der Rest unseres Wirtschafts- und Finanzsystems: Das Geld, das sie schöpfen, wird nicht verschenkt, sondern muss zurückgezahlt werden. Es erhöht also stetig den globalen Schuldenberg.

Um die Last der Schulden zu erleichtern, gäbe es ein bewährtes Mittel: das Anheizen der Inflation. Das Ansteigen des allgemeinen Preisniveaus führt dazu, dass die Höhe der nominalen Schulden im Verhältnis zu den übrigen Geldwerten sinkt. Doch das Herbeiführen einer solchen Inflation erfordert genau die Mittel, die seit 2008 angewandt wurden: Geldschöpfung und Zinssenkung.

Doch weil diese Politik das erwünschte Resultat nicht brachte, sondern nur die Risiken einer Überschuldung erhöhte, kündigen die Zentralbanken in aller Welt seit einiger Zeit an, ihre Geldpolitik nach zehn Jahren des billigen Geldes wieder straffen zu wollen. Das FED hat einige sehr zaghafte Versuche in diese Richtung unternommen. Doch einer weiteren Straffung der Geldpolitik steht der grösste Schuldenberg in der Geschichte im Weg. Ihn zu ignorieren, hätte den Bankrott zahlloser Schuldner zur Folge, würde riesige Löcher in die Kassen der Gläubiger reissen und das System in die nächste, möglicherweise noch schwerere Krise als 2007/2008 stürzen.

Am Ende eine Hyperinflation

Die Situation, in der wir stecken, lässt sich also folgendermassen beschreiben: Die Zentralbanken haben sich auf eine Geldpolitik eingelassen, die an der Oberfläche zwar einige positive Phänomene erzeugt, die sich aber nicht rückgängig machen lässt, ohne das System als Ganzes zum Einsturz zu bringen.

Anders ausgedrückt: Das globale Finanzsystem gleicht einem Suchtkranken, der auf Grund von Drogeninjektionen immer wieder kurze Aufschwungphasen erlebt, dessen Organe aber von Mal zu Mal stärker geschädigt werden und die irgendwann – ohne Vorankündigung – ihren Dienst versagen werden.

Wann das sein wird – ob 2018 oder später – kann niemand voraussagen. Nur eines ist sicher: Die Mittel der Manipulation, die den Zentralbanken zur Verfügung stehen, sind weitgehend ausgereizt. Nach Niedrig- und Nullzinsen bleiben nur noch Negativzinsen – und damit die Zerstörung des klassischen Bankgeschäftes, nämlich der Kreditvergabe. Nach der Flut neu geschaffenen Geldes bleibt nur die Schaffung von noch mehr Geld – und damit der Weg in die Hyperinflation.

Der einzige Ausweg wären geordnete Schuldenschnitte in grossem Masstab. Doch die Politik und die wirtschaftlichen Interessengruppen sind offensichtlich nicht dazu bereit.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Ernst Wolff ist freier Journalist.

Er publizierte soeben das Buch «Finanz Tsunami – Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht», edition e. wolff, 27.90 CHF.
Früher hatte er «Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs» im Tectum-herausgegeben, 26.90 CHF.

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11 Meinungen

Leider hat Ernst Wolff recht. Es sei denn, es gäbe eine neue Wirtschaftstheorie. Davon haben wir bisher nichts gehört. Deshalb ist weiterwursteln angesagt. Den Politikern der hoch verschuldeten Länder kommt das sehr gelegen. So schaffen sie es vielleicht, bis zur nächsten Wahl zu überleben.
Hans Geiger, am 02. Januar 2018 um 15:47 Uhr
Ja, Herr Wolff hat Recht. Auch wenn er sagt, dass es sich um ein Versagen des finanzpolitischen Establishments und dessen Finanz- und Geldsystem handelt. Diese Elite sollte jetzt Verantwortung übernehmen. Z.B. Durch Schuldenschnitte und die Einführung eines Vollgeldsystems, welches für eine Abkehr vom heutigen Schuldgeld-System steht. Einfach durchwursteln und warten auf Hyperinflation ist keine Option. Auch Krieg ist definitiv die schlechteste aller Optionen.
Kritische Zeitgenossen haben längst verstanden, dass unser Geldsystem falsch konstruiert ist und heute an seine Grenzen stösst.
Paul Steinmann, am 02. Januar 2018 um 23:12 Uhr
Dieser Artikel enthält leider einen Fehler:
Die Geldflut wird vor allem von privaten Banken gemacht. Notabene durch die Nationalbanken *ermöglicht*.
Die Geldschöpfung von Nationalbanken ist ausserdem NICHT an Schuld (Kredit) gebunden, die titanischen Geldmengen der privaten Banken hingegen schon!
Fazit: Nationalbanken ermöglichen durch ultraniedrige Leitzinsen (=0) billiges Geld, das private Banken für ihre private Geldherstellung nutzen (siehe Vollgeld-Initiative in der Schweiz) und damit die Schuldenberge anschwellen lassen.
Cris Schmid, am 03. Januar 2018 um 09:15 Uhr
Ich habe zwar nur rudimentär Wirtschaftskunde gehabt; Aber sogar ein Laie wie ich sieht, dass so ein System nicht ewig gutlaufen kann. Unsere Politiker lassen den «Drogenkranken» an der Nadel. Ist ja bequemer, als sich zu exponieren. Mit ihrer ohnmächtigen, nur-nichts-machen-dann-machts-sich-von-selber Politik überlassen sie früher oder später den kleinen Mann der Strasse einer gigantischen Wirtschaftskatastrophe. Wie wäre es als ersten Schritt, die Vollgeldinitiative anzunehmen?
Kurt Wieser, am 03. Januar 2018 um 10:18 Uhr
@ Cris Schmid: Der Artikel enthält keinen Fehler, den Fehler machen Sie. Die SNB hat die «Notenbankgeldmenge» (Banknoten und Giroguthaben der Banken) zwischen Ende 2007 (Ausbruch der Finanzkrise) von 53 Mrd CHF bis Ende 2016 um 493 Mrd CHF auf 546 Mrd CHF erhöht. Die Banken haben in der gleichen Zeit nur «privates Geld» (Sichteinlagen und Transaktionskonten der Kunden) im Umfang von 280 Mrd CHF geschaffen und den Bestand so auf 512 Mrd erhöht. Sie können das nachschlagen auf dem Datenportal der SNB: https://data.snb.ch/de/publishingSet/B.
Hans Geiger, am 03. Januar 2018 um 13:37 Uhr
Herr Wolff hat die Situation wohl richtig dargestellt - seine Aussagen decken sich mit manchen, die bereits publiziert worden sind und ich fürchte auch, dass die Politiker/innen nicht in der Lage sind, eine Lösung aus der Situation zu finden.

Was MICH interessieren würde wäre deshalb: Was kann ICH tun, dass meine (bescheidenen) Ersparnisse einigermassen erhalten bleiben? Ich benötige sie für die Finanzierung meines Alters, denn wenn das Finanzsystem zusammen kracht oder die Hyperinflation kommt, werden die Guthaben der Pensionskassen und der AHV auch in Mitleidenschaft gezogen. Politische Vorstösse wie die Vollgeldinitiative sind keine Antwort, denn sie überleben eine Volksabstimmung nicht - oder werden anschliessend im Parlament verwässert.
Emil Wettstein, am 03. Januar 2018 um 14:31 Uhr
@Wettstein: Ob die Vollgeld-Initiative angenommen wird hängt davon ab, ob die Bürger verstehen, dass dadurch mal Ihre Bankkonten sicher sind und was bis zur Abstimmung noch passiert. Weil wir alle am Schluss für die Kosten dieses heutigen, falsch konstruierten Geldsystems zur Kasse gebeten werden, sollten wir den Spiess umdrehen: Heben Sie so viel Kapital wie möglich bei den Banken ab und verwahren Sie es AUSSERHALB der Bankbilanz in Aktien, Immobilien, Bargeld & Edelmetallen. Bei der Altersvorsorge ist für viele Bürger der Zug bereits abgefahren. Dieses gebundene Kapital ist voll der zukünftigen Inflation ausgesetzt.
Engagieren Sie sich für Vollgeld!
Paul Steinmann, am 03. Januar 2018 um 15:14 Uhr
lesen:
Die Verantwortungslosigkeit in Europa wird neu organisiert

http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=22008
andi jung, am 03. Januar 2018 um 23:15 Uhr
@Hans Geiger @Ernst Wolff: Stimmt, ich hatte Unrecht, meine Schuld. Das Geld von der Notenbank WIRD auch durch Schuld weitergegeben.
Ich bezog mich auf den Vergleich von Bargeld mit der Geldmenge M1 - dem elektronischen Geld in der REALWIRTSCHAFT.

Das Notenbank-geld (M0) von der Ernst Wolff spricht ist aber leider -mit Ausnahme des Bargelds- für die Realwirtschaft völlig irrelevant, da es gar nie in den Publikumskreislauf kommt. Es befähigt private Banken aber, dieses Geld als Reserve zu halten und damit Geld aus Nichts zu schöpfen - um damit zu spekulieren, Kredite zu vergeben oder Immobilien zu kaufen.
Mit Vollgeld könnte sich diese Irrelevanz ändern, da M0 bereits Vollgeld ist und damit Teil der einzigen Geldmenge würde. Dank der aufgeblasenen M0 könnte man also Vollgeld besonders einfach einführen!

Bargeld hatten wir Ende 2017 übrigens ca. 83 Mia, Elektronisches Geld der Banken hatten wir aber -in der Realwirtschaft- 638 Milliarden!
Cris Schmid, am 04. Januar 2018 um 16:32 Uhr
Denke der Artikel hat wohl einige Fehler? Nicht nur die Nationalbank, sondern auch die Geschäftsbanken schöpfen selbst Geld in Form von Buchgeld durch Kredite & Investitionen. Wie das im Detail geht erklärt Prof. Dr. Mathias Binswanger recht verständlich in einem Artikel der Aargauer Kantonalbank:

https://www.akb.ch/documents/30573/89695/wie-banken-geld-schaffen.pdf/49d9b11c-eeb9-5a15-e5cd-bb7d5558bcd6?version=1.1

Zur Höhe der Geldschöpfung sollte man verstehen, das Wachstum aller Art (und sei es nur die Bevölkerung) sowie Gewinne eine stets wachsende Geldmenge erfordern. Problematisch wird es, wenn die Geldschöpfer gleichzeitig Wirtschaftsteilnehmer sind. Würde eine Privatperson selbst Geld «schöpfen» und mit diesem Geld Investitionen tätigen wie würde man dies nennen? Den (privaten) Geldschöpfern müsste daher die Form der AG, die Teilnahme oder Beteiligung am Kapitalmarkt oder Kreditgewährung an Mitwirkende untersagt werden. Vollgeld tut dies nicht. Zudem muss man betrachten, dass Geld aus Schulden geboren wird, dann in Umlauf gebracht wird und bei der Schuldentilgung stirbt. Bedeutet, wenn sämtliche Schulden zurückgezahlt würden wäre KEIN Geld mehr im Umlauf.
Eine hohe Geldmenge muss nicht zwangsläufig Inflation bedeuten. Geld ist Vertrauenssache, so lange Vertrauen in eine Währung besteht ist nichts zu befürchten.

https://bazonline.ch/wirtschaft/konjunktur/Warum-die-Nationalbank-nicht-pleite-geht/story/20169524?track
Edgar Huber, am 04. Januar 2018 um 19:34 Uhr
Geld, das durch Nationalbanken direkt zum Aktienkauf verwendet wird, ist «verschenktes» Geld. Niemand wird das je zurückzahlen müssen, weil Aktien ja Teilhaberscheine, nicht Schuldanerkennungen sind.
Josef Hunkeler, am 05. Januar 2018 um 11:35 Uhr

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