In Zukunft etwas weniger: Abgepacktes Fleisch im Supermarkt. © Iurii Sokolov/CC
Weniger Fleisch, Zucker und Milch: so sollte eine klimafreundliche Ernährung aussehen. © Guardian/Nature
CO2-Bilanz verschiedener Lebensmittel im Vergleich. © co1-emissionen-vergleich.de

Warum Fleisch auf die politische Agenda gehört

Daniela Gschweng / 28. Okt 2018 - Der Fleischkonsum in den wohlhabenden Ländern muss markant sinken. Dennoch spielt das Thema in der Politik kaum eine Rolle.

Am 8. Oktober wurde der neueste Sonderbericht des Weltklimarats zur Erderwärmung veröffentlicht. Der IPCC (United Nations Intergovernmental Panel on Climate Change) legt darin dar, welche Folgen eine Klimaerwärmung um 2 Grad gegenüber einer Erwärmung von 1,5 Grad hätte. Das Fazit: Bereits eine Erwärmung um 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter hätte gravierende Folgen. Um die Erderwärmung darauf zu begrenzen, müssten die Netto-CO2-Emissionen bis 2050 auf Null sinken. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste sich die Art, wie sich die Weltbevölkerung fortbewegt, wie sie wohnt, lebt und sich mit Energie versorgt, umfassend ändern.

Derzeit sieht es eher danach aus, als würde die Menschheit selbst das 2-Grad-Ziel nicht schaffen. Präzise gesagt: mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent, so die 91 Autoren der Studie (Zeit.de). Stattdessen bewegen wir uns auf eine Erderwärmung von 3 bis 4 Grad zu. Um das Ruder herumzureissen, haben wir etwa ein Dutzend Jahre Zeit.

Europas Fleisch- und Milchproduktion muss sich halbieren

Eines der einfachsten und schnellsten Mittel, den Ausstoss von Klimagasen zu reduzieren, wäre eine Ernährungsumstellung in grossem Rahmen. Dass der weltweite Fleischkonsum markant sinken muss, stellten schon mehrere Studien fest. Europas Milch- und Fleischproduktion müsse sich bis 2050 halbieren, um das Klimaziel von 1,5 Grad Erderwärmung zu halten, warnen Experten der RISE Foundation, die sich mit Agrarfragen beschäftigt, in einer neueren Studie. Co-Autor Allan Buckwell lässt keinen Zweifel daran, wie das geschehen muss: «Wir sprechen von weniger Fleischmahlzeiten … und der Umstellung auf flexitäre Ernährung ('flexitarian diet', hauptsächlich auf pflanzlicher Kost basierend)», sagte er gegenüber dem «Guardian».

CO2-Bilanz verschiedener Lebensmittel im Vergleich. (co2-emissionen-vergleich.de)

Eine solche Transformation werde nicht spontan stattfinden: «Es bedarf starker Signale von Seiten der Regierung, die Massnahmen enthalten muss, um den Konsum von tierischen Erzeugnissen, die für die öffentliche Gesundheit und die Umwelt schädlich sind, zu verhindern».

Es geht nicht nur darum, Anreize zu schaffen und den Übergang einer ganzen Industrie zu begleiten. Ein ganzer Wirtschaftsbereich muss sich grundlegend wandeln. Auf die Regierungen der ganzen Welt kommt damit eine enorme Aufgabe zu.

Kein Fleisch am Knochen in der Politik

In der politischen Diskussion fehlt das Thema Fleischkonsum jedoch völlig, nicht nur in der Schweiz. Politiker sprechen sich für Solarkraftwerke, Urban Gardening, Elektroautos, Langsamverkehr und Landschaftsschutzgebiete, oder auch mehr oder weniger Atomkraftwerke aus. Keine einzige Partei hat den Fleischkonsum der Zukunft im Programm. Die britische Klimaministerin Claire Perry verweigerte sich in einem Interview mit der BBC so gut wie jeder konkreten Aussage dazu. Es sei nicht Aufgabe der Regierung, den Leuten vorzuschreiben, klimafreundlich zu essen, sagte sie. Nicht einmal darauf, ob sie das für notwendig halte, gab sie eine Antwort. Sie wolle Leuten, die nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommen, nicht raten, kein Steak mehr zu essen. Stattdessen will sie mehr Bäume pflanzen.

Weniger Fleisch, Zucker und Milch, mehr Hülsenfrüchte: so sollte eine klimafreundliche Ernährung aussehen. (Guardian/Nature)

Dabei mischt sich der Staat bereits jetzt kräftig in die Ernährung ein, beispielsweise durch Subventionen. Die Kosten ernährungsbedingter Krankheiten lassen sich längst beziffern, sowohl auf individueller wie auf nationaler Ebene. Der durchschnittliche Europäer isst zu fett, zu süss und zu viel und wird längst angehalten, sein Essverhalten so zu gestalten, dass es nicht noch mehr kostet. Wer gesünder isst, wird belohnt, wer es nicht tut, besteuert. Es gibt ein ganzes Bündel Vereinbarungen und Gesetze, die der Information von Konsumenten in Umweltdingen dienen. Sowohl Elektrogeräte wie Tiefkühlfisch tragen Umweltlabels. Warum aber nicht Fleisch und Milch?

Mag sein, dass das «Veggie-Gate» der deutschen Grünen europäischen Politkern noch in abschreckender Erinnerung ist. Diese machten sich im Bundestagswahlkampf 2013 für einen fleischfreien Tag pro Woche in Kantinen stark, was ihnen den Ruf einer «Verbotspartei» eintrug. Wer sich mit den einflussreichen Lobbys im Ernährungssektor anlegen will, braucht dazu einen langen Atem. Das gilt allerdings ebenso für den Automobilbereich. Einen objektiven Grund, das eine Thema, das buchstäblich alle angeht, aus der Agenda zu verbannen, gibt es nicht.

Wir können 10 Milliarden ernähren – aber nicht so

Selbst ohne den Klimawandel gäbe es Gründe, zu handeln. In den wohlhabenden Ländern wird durchs Band zu viel Fleisch produziert und konsumiert. Eine am 10. Oktober in der Zeitschrift «Nature» erschienene Studie kommt zu dem Schluss, dass die Einwohner westlicher Länder bis 2050 auf 90 Prozent ihres Rindfleisch- und 60 Prozent ihres Milchkonsums verzichten und dafür vier- bis sechsmal soviel Bohnen und andere Hülsenfrüchte essen müssen, damit die Weltbevölkerung weiter zu essen hat. Sonst würden wir kritische Umweltgrenzen zerstören, «jenseits derer die Menschheit um ihr Leben kämpfen wird». Das bezeichnete selbst der Leiter der Studie, Marco Springmann von der Universität Oxford, gegenüber dem «Guardian» als «ziemlich schockierend».

Etwas gemässigter drückte sich sein Kollege Johan Rockström vom Potsdam Institut für Klimaforschung in Deutschland aus. «Wir können 10 Milliarden ernähren, aber nur, wenn wir die Art, wie wir essen und Nahrung produzieren, ändern», sagte er. Schon vor einem Jahr zeigte auch eine Studie der Agroscope, bezogen auf die Schweiz, dass wir unseren Speisezettel radikal verändern müssen, um uns umweltgerecht zu ernähren.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«Is meat's climate impact too hot for politicians?», BBC
«Huge reduction in meat-eating ‘essential’ to avoid climate breakdown», Guardian
«Europe's meat and dairy production must halve by 2050, expert warns», Guardian
«Rapid, Unprecedented Change Needed to Halt Global Warming-U.N», New York Times
Auf Infosperber: "Beim Essen weniger Umwelt verzehren"

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9 Meinungen

Leider wird der Klimawandel von der Vegi Lobby missbraucht um ihr Anliegen zu puschen. Es gibt viele Gründe weniger Fleisch zu essen, aber der Klimawandel ist keiner. CO2 ist das gefährliche Treibhausgas und die Ursache für dessen Zunahme ist die Verbrennung von Kohlewasserstoffen. Nur die kompromisslose Substitution dieses Energieträgers ist zielführend. Und hier spielt der Fleischkonsum eben nur eine marginale Rolle.
Matthias Vogelsanger, am 28. Oktober 2018 um 11:47 Uhr
Beängstigend scheint mir vor allem die Zunahme des Geflügel- und Fischkonsums zu sein, wohingegen das Schwein und der traditionelle Cervelat eher rückläufig zu sein scheinen. Dabei muss doch gesagt werden, dass das Schwein ausdrücklich und exklusiv für die Versorgung mit Fleisch gezüchtet wurde und dass ich selbst auch als übrigens anerkannter Tierschützer nie für Schweinefriedhöfe eingetreten bin.
Pirmin Meier, am 28. Oktober 2018 um 12:29 Uhr
Ja, es ist richtig, dass wir den Fleischkonsum reduzieren müssen. Wir müssen weg von Massentierhaltung und Monokulturen. Aber leider geht auch in diesem Beitrag etwas vergessen: ohne Kühe geht es nicht!

Bei der Diskussion um die Klimaschädlichkeit der (Rind)Fleisch- und Milchproduktion wird immer wieder der hohe CO2 Ausstoss der Kühe aufgelistet, der so hoch ist, weil die Wiederkäuer Methan rülpsen, das als 21-mal schlimmer als CO2 gilt.

Nun ist aber Lachgas (N2O) 295-mal schlimmer als CO2 und dieses wird unvermeidlich freigesetzt, wenn künstlicher Stickstoffdünger eingesetzt wird. Nicht berücksichtigt ist auch die energieaufwendige Produktion von Stickstoffdüngern.

Eine Kuh, die das machen darf, was sie am besten kann, grasen auf natürlicher Wiese, bringt CO2 in den Boden, düngt diesen ohne Ammoniakbildung und fördert die Biodiversität.

Ich empfehle dringend das Buch „die Kuh ist kein Klima-Killer!“ von Anita Idel, Lead-Autorin im Weltagrarrat (International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development IAASTD), zu lesen. https://www.metropolis-verlag.de/Die-Kuh-ist-kein-Klimakiller/1209/book.do
Stephan Klee, am 28. Oktober 2018 um 12:43 Uhr
Es sollte eine Warnung wie bei Zigaretten angebracht werden müssen. Sie gefährden mit diesem Produkt ganze Völker und unser Klima aktiv!!!
Marion Theus, am 28. Oktober 2018 um 13:55 Uhr
Der Artikel geht mit keinem Wort auf den sehr hohen (mind. so hoch wie in Europa) Fleischkonsum in den meisten Ländern Südamerikas ein, ich erwähne hier nur Brasilien und Argentinien. Es sind also nicht nur die wohlhabenden Europäer, die umdenken sollten.
Alois Amrein, am 28. Oktober 2018 um 15:44 Uhr
Den Fleischkonsum sollte man nicht nur wegen dem Klima senken, sondern auch wegen unserer Ethik gegenüber einem fühlenden, schmerzempfindlichen Wesen.

Was mich aber schon lange interessiert und was ich noch nirgendwo in klaren Zahlen gelesen habe, ist die durchschnittliche Temperatur, ab wo die 1,5, bzw. die 2°C-Grenze gerechnet wird.
Die «vorindustrielle Zeit», die meistens genannt wird, deckt sich ja zeitlich mit dem beginnenden Ende der kleinen Eiszeit. In meinen Augen bildet also die Temperatur der kleinen Eiszeit keine ideale oder vernünftige Ausgangslage, um den Einfluss des Menschen auf das Klima zu behaupten.

Daher meine Frage: Welche Temperatur wird denn als idealer Grundwert angenommen, ab der die 1,5°C oder 2°C gerechnet werden? Wo liegt die oberste Grenze von 2°C in einer absoluten Zahl?
Francis Kaderli, am 28. Oktober 2018 um 21:57 Uhr
Das sind gleich zwei Fragen in einer. Zuerst zur Temperaturreferenz:
Die Klimaerwärmung wird berechnet als Anstieg der globalen Mitteltemperatur in Bodennähe seit 1880/1850. Seit dieser Zeit gibt es durchgehende Aufzeichnungen. Da diese aus verschiedenen Quellen (GB, USA, NASA) ist die gemessene Temperatur leicht unterschiedlich und es wird nur die Erwärmung angegeben. Das ist ähnlich wie beim menschlichen Körper. Abhängig davon, wo und wie Sie die Körpertemperatur messen, erhalten Sie vielleicht etwas unterschiedliche Werte. Steigt die Temperatur an, zeigt sich das aber in allen Messungen, wenn sie genügend exakt sind.
Ganz gut erklärt ist das hier: https://bit.ly/2ujf4w1 (Link verkürzt, damit er hier noch lesbar ist).

Zur «kleinen Eiszeit»:
Sie beziehen sich auf den Einfluss der Sonne auf die Temperatur der Erde. Ohne auf die Prognose oder Berechnung von Eiszeiten einzugehen: Bezogen auf die globale Mitteltemperatur war dieser relativ klein und liegt bei 0,3 bis 0,4 Grad. (https://bit.ly/2yDyzEc). Die «Hockeyschlägerkurve», die Sie sicherlich kennen, kann er nicht erklären. Dazu ist die Erwärmung zu stark.
Daniela Gschweng, am 29. Oktober 2018 um 08:00 Uhr
Gemäss Landwirtschaftsstatistik gab es in der Schweiz 1980 fast 2 Millionen Rinder. Diese Zahl wurde bis 2017 um etwa 20% reduziert. Bei den Schweinen fiel die Zahl von etwas über 2 Mio per 1980 sogar um über 30% auf etwa 1.5 Mio Tiere. Natürlich ist die Tierhaltung intensiver geworden, die Anzahl Rinder und Schweine pro Hof hat sich in dieser Zeit im Durchschnitt verdoppelt. Die Anzahl der betroffenen Betriebe wurde aber bei den Rindern halbiert, bei den Schweinen um über 80% reduziert.

Geht es also nur um ausländische Rinder und Schweine ?
Josef Hunkeler, am 29. Oktober 2018 um 10:18 Uhr
Der Fleischkonsum sollte sinken aus mehreren Gründen, importiertes Kraftfutter, Gesundheit, Übergewicht, Oekologie. Was tut die Schweiz? Sie finanziert mit staatlichen Subventionen die Lobbyarbeit der Fleischindustrie: «Schweizer Fleisch. Alles andere ist Beilage» ist vom Steuerzahler bezahlt.
Jürg Schmid, am 29. Oktober 2018 um 14:43 Uhr

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