Regenwald im Steak: Zwei der Hauptexportprodukte Brasiliens sind Rindfleisch und Tierfutter. © Tojosan, Flickr, CC
Europa ist abhängig von Sojaimporten, da es selbst nicht genügend eiweisshaltige Futtermittel produzieren kann. © MVO
Die Gebiete des Amazonas und der Cerrados nehmen den grössten Teil Brasiliens ein. © Rajão et al. «The rotten Apples of Brazil’s Agribusiness»
Die EU importierte 2017 etwa 34 Millionen Tonnen Sojaprodukte, vorwiegend als Tierfutter. © IDH

So viel verbrannter Regenwald steckt im Steak

Daniela Gschweng / 15. Aug 2020 - Zahlen zeigen, wie Fleisch und Soja aus Brasilien zu Lasten des Regenwaldes gehen. Ohne könnte Europa aber kaum noch wirtschaften.

Die Abholzung von Brasiliens Regenwald hat Rekordgeschwindigkeit erreicht. «Greenpeace» warnte schon Anfang August davor, dass in dieser Waldbrandsaison noch mehr Regenwald dem Feuer zum Opfer fallen könnte als im vergangenen Jahr.

Europäische Konsumenten tragen daran eine Mitverantwortung. Wer in Brasilien kauft, kauft sehr wahrscheinlich Produkte, die mit Hilfe von illegaler Abholzung erwirtschaftet wurden. Zugespitzt formuliert ist mindestens jedes fünfte Steak aus Brasilien auf illegal entwaldetem Gebiet «gewachsen», entweder als Rindfleisch oder als Sojafutter.

Wissenschaftler haben dies nun erstmals mit Zahlen belegt. Mindestens ein Fünftel der Hauptexportprodukte Rindfleisch und Soja stammt aus illegal gerodeten Gebieten. Oder genauer: Mehr als 22 Prozent aller Sojaexporte und 12 bis 46 Prozent des Rindfleisches. Das führt eine Studie auf, die am 16. Juli im Fachmagazin «Science» erschienen ist. Schuld daran sind allerdings nur wenige «schwarze Schafe».

Geodaten von 2009 bis 2017

Um herauszufinden, wo natürliche Vegetation verlorengegangen und was mit der Fläche geschehen ist, hat das Forscherteam aus Brasilien, Deutschland, Schweden und den USA Geodaten gemappt, Datenbanken mit Vegetationsinformationen durchforstet, Rinder in Schlachthöfen gezählt, Verarbeitung, Verpackung und Transport von Soja und Rindfleisch von 2009 bis 2017 nachverfolgt.

Brasilien hat seine Produktion in diesen Jahren ausgeweitet – auf Kosten des brasilianischen Regenwaldes. Das Land wird für seine laxe Umweltpolitik weltweit kritisiert. Die Bauern wie auch die brasilianische Regierung versichern jedoch immer wieder, dass legale und illegale Brandrodung nur schwer zu unterscheiden seien. Zudem sei es unmöglich, die gesamte Herstellungskette zu überwachen.

Die Gebiete des Amazonas und der Campos Cerrados, die die Wissenschaftler nach Daten aus dem CAR-Register untersucht haben, nehmen den grössten Teil Brasiliens ein. (Rajão et al. «The rotten apples of Brazil’s agribusiness»)

Ausgehend von öffentlich verfügbaren Geodaten haben die Wissenschaftler 815'000 Flächen untersucht, die im Landkataster CAR (Cadastro Ambiental Rural) registriert sind. Sie konzentrierten sich dabei auf das Amazonasbecken und die Campos Cerrados, eine Savanne im Osten Brasiliens, die intensiv landwirtschaftlich genutzt wird. Sowohl im Amazonas wie in den Cerrados ist nach dem «Soja-Moratorium» und dem «Forrest Code Law» ein Teil des Landes gegen Abholzung geschützt. Die geschützte Fläche liegt zwischen einem Fünftel (Cerrados) und vier Fünfteln der Landfläche (Amazonas). Beide Regelwerke sind allerdings umstritten.

Die Abhängigkeit Europas vom Soja aus Übersee

120'000 erfasste Flächen wurden nach 2008 neu gerodet, 36'000 im Amazonas-Gebiet und 27'000 in den Cerrados, die Hälfte davon sehr wahrscheinlich illegal. Eine Genehmigung zu erhalten wäre schwierig bis unmöglich gewesen, da viele Ländereien schon vor 2008 zu wenig Schutzflächen aufwiesen, führen die Autoren der Studie auf.

Auf dem Grossteil der abgeholzten Fläche wird für den Export produziert. Ein Zehntel der Sojafelder etwa dürfte es gar nicht geben. Umgelegt auf das Exportvolumen stammten fast ein Viertel (22 Prozent) aller Soja-Exporte von illegal gerodetem Land. In der Realität sind es eher mehr, schreiben die Autoren, da nicht alle Flächen im CAR erfasst sind.

Europa ist abhängig von Sojaimporten, da es selbst nicht genügend eiweisshaltige Futtermittel produziert. (Daten: USDA, EU DG Agriculture, Visualisierung: MVO) Grössere Auflösung

Soja wird grösstenteils als Tierfutter nach Europa exportiert. In Sachen Futtermittel ist Europa von anderen Ländern abhängig. Für die Erzeugung von «Tierprodukten» baut die EU zu wenig eiweisshaltige Futtermittel an. Ohne Sojafutter, das vor allem aus den USA und Brasilien stammt, wäre die europäische Massentierhaltung kaum möglich.

Die EU importierte 2017 etwa 34 Millionen Tonnen Sojaprodukte, vorwiegend als Tierfutter. (IDH)

In der Saison 2016/2017 wanderten 2 Millionen Tonnen Soja aus illegal abgeholzten Regenwaldgebieten in die Futtertröge, rechnen Hauptautor Raoni Rajão von der Universität von Minas Gerais, Brasilien, und seine Kollegen vor. Das entspricht etwa sechs bis sieben Prozent der gesamten Importmenge der EU. Die Schweiz hat 2019 260'000 Tonnen Soja eingeführt, je zur Hälfte aus Europa und aus Brasilien.

Nur wenige Farmer roden – dafür hemmungslos

Schwieriger ist die Zuordnung von Rindvieh zur Fläche. Rinder werden im Laufe ihres Lebens oft mehrmals verkauft und zu anderen Orten transportiert. Kälber werden womöglich auf einem illegal gerodeten Stück Land grossgezogen, für die Mast stehen sie dann auf einer legal angelegten Weide.

Die Wissenschaftler haben deshalb ein Raster entwickelt, nach dem sie Rindfleisch nach «wahrscheinlich kontaminiert» und «sicher kontaminiert» einstufen. 12 Prozent des von Brasilien exportierten Rindfleischs stammen demnach sicher und 48 Prozent teilweise von wahrscheinlich illegal abgeholzten Regenwaldflächen. Die EU importiert zwischen 25 und 40 Prozent ihres Rindfleischs aus Brasilien. Die Schweiz bezieht nur Geflügelfleisch von dort, 2018 importierte sie aber 5'065 Tonnen Rindfleisch aus Deutschland.

Die meisten brasilianischen Farmer wirtschaften legal und holzen keine Flächen ab, die sie nicht abholzen dürfen. Der Grossteil der Zerstörung geht auf nur wenige Farmen zurück, nur zwei Prozent waren für 62 Prozent der Zerstörung verantwortlich. «Eine kleine Gruppe, die die Zukunft von Brasiliens Landwirtschaft bedroht und Konsequenzen für die Umwelt hat», schreiben die Autoren der Studie, die sie bezeichnenderweise mit dem Titel «The rotten apples of Brazil’s agribusiness» (Die faulen Äpfel in Brasiliens Agarwirtschaft) versehen haben.

Grossbritanniens Supermärkte drohten mit Boykott

Wie viel Verantwortung europäische Konsumentinnen und Konsumenten dafür tragen, lässt sich nun erstmals einigermassen genau beziffern. Aber auch diesen wird es irgendwann zu viel. Britische Supermarktketten drohten mit Boykott, als der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro vor kurzem ein Gesetzesvorhaben ankündigte, mit dem die illegale Abholzung und Besetzung von Regenwaldgebiet vor 2018 nachträglich legalisiert werden sollte. Betroffen wären 570'000 Quadratkilometer Regenwald. Bolsonaro lenkte ein und erliess ein temporäres Rodungsverbot.

Mittlerweile brennt der Regenwald wieder, zu einem für Bolsonaro ungünstigen Zeitpunkt. Das 2019 aufgesetzte Mercosur-Abkommen zwischen den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay und der EU soll unbedingt vorankommen. Das Freihandelsabkommen wird für die Partner beiderseits des Atlantiks erhebliche wirtschaftliche Vorteile bringen. Vor allem Deutschland, das noch bis Ende 2020 den EU-Ratsvorsitz innehat, möchte die Ratifizierung vorantreiben. Der Import von Soja und Fleisch aus Brasilien dürfte in Folge weiter steigen. Einige Staaten wie beispielsweise Frankreich drängen jedoch auf Umwelt- und Klimastandards oder wollen das Abkommen ganz stoppen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«The rotten apples of Brazil’s agribusiness», Raoni Rajão et al, Science

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4 Meinungen

Soja wird nicht nur für Tierfutter angebaut. Tofu basiert auf Soja. Zugespitzt formuliert: wer Tofu isst, unterstützt Bolsonaro.
Mit der sogenannten «Trinkwasserinitiative» müssten noch mehr Lebensmittel aus unkontrollierbaren Quellen importiert werden. Unangenehme Fakten weglassen löst keine Probleme.
Tim Meier, am 15. August 2020 um 15:24 Uhr
@Tim Meier: Da haben sie wohl einen Teil des Textes nicht gelesen und obendrein eine Grafik übersehen. Sehr schade. Tofu ist für den Sojaverbrauch komplett unwesentlich. Nur etwa ein bis zwei Prozent der weltweit produzierten Sojamenge werden überhaupt von Menschen verzehrt.
Daniela Gschweng, am 15. August 2020 um 17:10 Uhr
Es gibt nur eine Lösung : brasilianische Produkte boykottieren und zwar total.
Gerold Wunderle, am 18. August 2020 um 09:51 Uhr
es ist doch interessant, wie man den fleischessern den regenwald-verbrauch vorrechnet. warum kommt niemand auf die idee, bio-produktion gegen regenwald-rodung aufzurechnen. bei uns wird ökologisiert was das zeug hält, weil es kein problem ist, die verlorenen erntemengen durch importlebensmittel zu ersetzen. wir können alles auf bio umstellen, so lange man am anderen ende der welt regenwald roden kann, weiden umpflügen oder entwicklungsländer für uns arbeiten lassen. dann solltn wir uns auch nichtd aran stören, dass dort hungrige kinder am feldrand stehen, die sich fragen, wo die lebensmittel hinkommen.
hans kreimel, am 18. August 2020 um 14:06 Uhr

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