Pumpspeicher Muttsee des Kraftwerks Linth-Limmern: Wasser hochpumpen rentiert bei negativen Preisen © Guggenbühl
Mehr Wasser in Stauseen als üblich © BFE
Seit 2020 gehts bergab © Epiex/Bricklebrit/hpg

Corona-Folge: Glücklich ist, wer Strom vernichten kann

Hanspeter Guggenbühl / 01. Jun 2020 - Leere Stauseen sind zurzeit wertvoller als volle. Denn sie erlauben, überflüssigen Strom mit Hochpumpen von Wasser zu entsorgen.

Zugegeben, Titel und Vorspann dieses Artikels sind etwas zugespitzt, weil der Platz dafür beschränkt ist, aber trotzdem zutreffend. Denn sie weisen auf eine Besonderheit im aktuellen Strommarkt hin – einem Markt, der am Überfluss leidet. Doch beginnen wir von vorne.

Die Einschränkungen, welche die Regierungen gegen die Corona-Epidemie verordneten, senkten in den letzten drei Monaten den Elektrizitätsverbrauch in Europa und trieben die Marktpreise in den Keller. Gegenüber der Vergleichsperiode des Vorjahres nahm der Stromkonsum in Italien und Frankreich um 20 bis 30 Prozent ab, in Deutschland und der Schweiz um rund zehn Prozent. Unter dem Titel «Wie die Epidemie den Stromkonsum und CO2-Ausstoss senkt» berichtete Infosperber darüber schon am 8. April. Seither hat sich die Lage nichts wesentlich verändert, ausser dass die Marktpreise im April und Mai noch unter das bereits tiefe Niveau im März sanken (das zeigt die nachfolgende aktualisierte Grafik).

Strompreis im Monatsmittel: Grafik: bricklebrit/hpg. Quelle: Epex-Spot

Stromer horten Wasser in Stauseen

Für die Produzenten von Strom (wie auch von anderen Gütern) ist es nachteilig, wenn die Nachfrage abnimmt und die Preise einbrechen. Für die Umwelt hingegen ist es vorteilhaft. So stellten die Stromunternehmen in Europa viele Kohlekraftwerke ab und drosselten – vor allem in Frankreich und Italien – die Leistung ihrer Atom- und Gaskraftwerke.

In der Schweiz hingegen, wo die Wasserkraft dominiert, leiden unter dem Nachfragerückgang vor allem die Betreiber von Speicher-Kraftwerken, die primär Spitzenstrom produzieren. Denn die Preise für Spitzenstrom auf dem Spotmarkt (Peak tagsüber oder während Spitzenstunden) waren in den letzten Monaten ähnlich tief wie jene für Bandstrom.

Die Konsequenzen dieser ökonomischen Situation fallen Leuten ins Auge, die in den Bergen wandern oder im Umfeld von Stauseen wohnen. Und sie zeigen sich auch in der wöchentlich nachgeführten Statistik über den Inhalt der inländischen Speicherbecken (siehe Grafik unten).

Überdurchschnittlich viel Wasser im Jahr 2020 (rote Linie) in den Schweizer Stauseen. Quelle/Grafik: Bundesamt für Energie

So waren die Schweizer Stauseen am 25. Mai 2020 im Schnitt um 40.6 Prozent gefüllt (siehe rote Linie in der Grafik), jene im Kanton Graubünden sogar um 44 Prozent. Das ist ungewöhnlich. Denn in normalen Jahren schwankte der Füllungsgrad der Schweizer Stauseen in dieser Jahreszeit – also kurz nach der winterlichen Absenkperiode – zwischen 18 und 28 Prozent.

Der Grund für diese besondere Lage: Die Betreiber der Speicherwerke halten möglichst viel Wasser in den Stauseen zurück, weil sich die Verstromung der wertvollen Energie zurzeit nicht auszahlt. Dabei hoffen sie auf steigende Marktpreise, bevor die Stauseen überlaufen und sich die Turbinierung des Wassers nicht weiter aufschieben lässt.

Pumpen wertvoller als turbinieren

Im Unterschied zu den reinen Speicherwerken profitieren zurzeit die Betreiber von Pumpspeicher-Kraftwerken von den rekordtiefen Marktpreisen. Zwar bekommen sie für ihren Spitzenstrom nicht mehr Geld als andere Produzenten; im April und Mai 2020 waren das im Schnitt rund 20 Euro pro MWh respektive tausend kWh. Aber sie können den Strom, den sie für das Hochpumpen des Wassers von unteren in obere Speicherbecken benötigen, zurzeit für weit weniger Geld und teilweise zu negativen Preisen einkaufen. Allein im April 2020, so weiss Stefan Bisculm, Sprecher des Stromkonzerns Repower, waren die Preise auf den Märkten von West- und Zentraleuropa während 200 Stunden negativ, viermal so oft wie im April 2019.

Dazu das Beispiel am 24. Mai. An diesem Sonntag, als die Wind- und Solarkraftwerke in den umliegenden Staaten besonders hohe Stromüberschüsse erzeugten (zusätzlich zum Sockel aus Atom- und Flusskraftwerken), kostete Strom im Schweizer Spotmarkt (Swissix) im Schnitt minus 13 Euro pro MWh, in einzelnen Stunden viel weniger. Die Stromer erhielten also Geld, wenn sie den Strom abnehmen konnten, um Wasser in die Stauseen hochzupumpen. Am Montag und Dienstag konnten sie dann das hochgepumpte Wasser turbinieren und den Strom zu rund 20 Euro/MWh verkaufen. Der ökonomische Gewinn war damit viel höher als der energetische Verlust von 20 Prozent, den dieser Umwälzbetrieb (Hochpumpen und Turbinieren) des Wassers bewirkt. Oder zugespitzt: Wer zu Corona-Zeiten Strom mit Pumpen vernichtete, profitierte finanziell. Zumindest kurzfristig.

Die Folgen des Überflusses

Im Stromnetz müssen Angebot und Nachfrage von Elektrizität stets ausgeglichen sein; andernfalls kommt es zum Crash. Der Strompreis hängt meist von den variablen Kosten des teuersten Kraftwerkes ab, das es gerade noch braucht, um die aktuelle Nachfrage zu decken. Anders verhält es sich in Zeiten des Stromüberflusses: Negativ werden die Strompreise dann, wenn die Nachfrage auf dem Markt kleiner ist als die momentane Produktion, und wenn sich diese Produktion nicht ohne ausserordentliche Kosten genügend drosseln lässt. Es fehlt also, wie Fachleute definieren, an «negativer Flexibilität».

Solch negative Flexibilität bieten im schlechten Fall Elektroheizungen von Bahnweichen im Hochsommer an, im besseren Fall eben Pumpspeicher-Kraftwerke. In einer soeben veröffentlichten Studie über die «Auswirkungen der Corona-Pandemie» konstatiert die Schweizer Elektrizitätskommission (Elcom): «Es ist davon auszugehen, dass der Verbrauch durch die Pumpen nach dem Ausruf der ausserordentlichen Lage in der Schweiz zugenommen hat und im Vergleich zu den gleichen Kalenderwochen 2019 höher liegt.» Diesen Befund bestätigt Guido Lichtensteiger, Sprecher des Stromkonzerns Alpiq, der selber an Schweizer Pumpspeicherwerken beteiligt ist.

Grosses Potenzial, aber kaum Rendite

Das Potenzial der Pumpspeicherung in der Schweiz ist gross. Die Leistung aller Speicherpumpen zusammen beträgt zurzeit 2500 Megawatt. Davon entfallen allein 1000 Megawatt auf das Axpo-Werk Linth-Limmern. Im Corona-Monat April verzeichnete deshalb der Standortkanton Glarus im Unterschied zur Gesamtschweiz einen massiven Zuwachs an (Pump-)Stromverbrauch. Mit dem Pumpspeicherwerk Nant de Drance kommen nächstes Jahr weitere 900 Megawatt hinzu. Das heisst: Ab Herbst 2021 können die Schweizer Pumpspeicherwerke kurzzeitig 3500 Megawatt Leistung oder die dreieinhalbfache Produktion des Atomkraftwerks Gösgen verpumpen.

Weil vor allem die neuen Pumpspeicher-Kraftwerke auf hohen Kapitalkosten sitzen und weil ausserhalb von Corona-Zeiten der Spread zwischen Pump- und Spitzenstrom nicht sehr gross ist, rentieren sie langfristig wohl trotzdem nicht; das zeigen etwa in normalen Zeiten die hohen Verluste des Pumpspeicherwerks Linth-Limmern

Weitere Artikel zu diesem Thema auf Infosperber:

- "Wie die Epidemie den Stromkonsum und CO2-Ausstoss senkt"

- DOSSIER: "Die Politik der Stromkonzerne"

- DOSSIER: "Die Klimapolitik kritisch hinteerfragt"

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

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6 Meinungen

Leider, leider hat der Text eine absolut irreführende, um nicht zu sagen falsche Überschrift: der Strom wird doch gespeichert! Auch die Zwischenüberschrift «Stromer horten Wasser in Stauseen» ist sehr unglücklich und weckt falsche Assoziationen! Geld zu horten ist zerstörerisch für den Fluss des Geldes, Geld und Wasser haben viel gemeinsam - aber gestautes Wasser kann sehr segensreich sein (wenn der Damm eh schon existiert und auch sicher ist!!), gestautes Geld nicht. Und fallende Preise im Stromsektor können durchaus auch den Verbrauchern zugute kommen! Der Problematik der (langfristig möglicherweise) zu geringen Rentabilität von Pumpspeicherwerken bzw. von ungerechtfertigten hohen Gewinnen muss man auf der Ebene der Regulierung bzw. der Geld- bzw. Steuerpolitik begegnen!
Alwine Schreiber-Martens, am 01. Juni 2020 um 12:44 Uhr
Mir ist nicht ganz klar, auf was der Artikel hinaus will. Sollte man etwas ändern oder ist es einfach eine Feststellung?

Dazu noch folgende Ergänzungen:

Energie kann man nicht vernichten, sondern höchstens in eine unpraktische Form umwandeln (z.B. laue Wärme eines Mediums).

Es ist die Frage, ob der wirtschaftliche Aspekt immer der wichtigste ist. Mir schiene es sinnvoller, zunächst technische und systemische Überlegungen anzustellen um dann daraus abzuleiten, wie Randbedingungen angepasst werden müssten, damit technisch sinnvolle Lösungen auch wirtschaftlich werden.

Die dereinstigen gut 3 GW Regelenergie der Schweizer Stauseen sollte man sinnvoll referenzieren. Zum Beispiel mit dem Angebot an schwankenden Erneuerbaren Energien im benachbarten Ausland. In Deutschland fliessen heute Mittag zum Beispiel gut 30 GW alleine PV-Leistung ins Netz. Im europäischen Kontext sind deshalb die Speicherkapazitäten in der Schweiz eher mickrig, zumal Deutschland deutliche weniger Möglichkeiten für Stauseen hat. Stattdessen fällt dann den Ingenieuren ein, überschüssigen Strom in Wasserstoff oder sogar Methanol umzuwandeln. Dabei sind die Umwandlungsverluste um ein vielfaches höher als bei Pumpspeicherwerken. Pumpspeicher sind die effizientesten Speicher für elektrische Energie, wenn man von Batterien absieht (teuer, zu viele Rohstoffe). Zudem können diese in jeder Zeitdimension speichern: Minuten, Tage, Monate, Saison.
https://www.sma.de/unternehmen/pv-leistung-in-deutschland.html
Josef Brusa, am 01. Juni 2020 um 13:49 Uhr
Ja, die Pumpspeicherwerke können die Leistung von allen AKWs liefern, aber nur während einige Tage. Es sind nicht nur die Pumpspeicherwerke, sondern alle Speicherwerke betroffen. Die Staubecken füllen sich, indem sie nichts produzieren. Ob diese Situation in zwei Jahren nach der Ausserbetriebnahme der deutschen AKW andauert, wird sich zeigen. Und erst recht, falls die Belgier 2025 aussteigen.
Die Hoffnung, dass man die Speicherseen als Batterie für Solar und Windstrom nützen kann, verflüchtigen sich, wenn zu wenig zu speichern ist, und es sieht ganz danach aus. Es nützt uns nichts, dass 2040 genügend erneuerbare Energien da sind, wenn die Netze vorher kollabieren.
Hubert Kirrmann, am 01. Juni 2020 um 18:52 Uhr
Pumpspeicherwerke sind ohne Zweifel nötig, wenn auf regenerative Energieformen umgestellt wird.
Man darf sich aber ruhig auch fragen, wozu sie heutzutage üblicherweise genutzt werden. Die Produzenten kaufen nachts billigen Atomstrom und pumpt die Speicherseen auf. Tagsüber läuft der Strom dann als teurer Naturstrom (ist ja Wasserkraft) wieder hinunter.
Nun muss man sich nicht wundern, dass ein kapitalistisches System das macht, aber die genaue Bezeichnung dafür wäre eigentlich Atomstromwäsche. So wird Atomstrom rein gewaschen. In Norwegen, der Schweiz und Österreich ein völlig übliches Gebaren. Wer teuren Naturstrom kauft bekommt leider häufig gewaschenen Atomstrom.
Das ändert aber nichts daran, dass die Technologie eigentlich sehr sinnvoll ist.
Sigi Heider, am 02. Juni 2020 um 13:47 Uhr
Und gestern stand in der Bernerzeitung auf Seite 1 und 15 ein Interview mit Thoma (BKW-Chefin mit 2-facher Millionengage ohne Unternehmerrisiko dank Zwangsabnahme des Stroms zu überhöhten Preisen im Kanton Bern) in dem sie laut mit dem immer selben Argument droht: Stromlücke im Winter. Sie fordert tatsächlich ein Gaskraftwerk, das man «schnell» hoch und herunter fahren kann, um die angeblich drohende Stromlücke zu decken. Und natürlich fordert sie auch eine Liberalisierung, es würden die Preise für die privaten Abnehmer sinken (das Gegenteil wird wohl eher der Fall sein).
Mich würde eine Antwort aus qualifiziertem Mund auf die Darstellung im Interview interessieren.
Zufällig wollte mich die BZ als online-Abonnent gewinnen zwei drei Tage vorher. Ich habe mein Desinteresse zurück gemeldet. Und wenn die BZ wissen will, warum, dann braucht sie nur die gestrige Zeitung aufzuschlagen. Harmlose Gefälligkeitsinterviews interessieren mich einfach nicht. (Und die ganzen People- und Alltagsstories auf dem TA-Onlineportal noch viel weniger).
Jan Holler, am 04. Juni 2020 um 07:33 Uhr
Gemäss Marktlogik sagen uns die tiefen Energiepreise: Macht euch keine Gedanken über die Energieversorgung! Sparen? Unnötig! Investieren in neue (erneuerbare) Energie? Unsinn!
Die BKW-Chefin Thoma scheint einerseits an ein Funktionieren der Marktlogik zu glauben und fordert deshalb eine Liberalisierung des Strommarktes.
Gleichzeitig scheint sie jedoch ebendieser Marktlogik nicht zu vertrauen, denn sie fordert den Bau von Gaskraftwerken, obwohl das zur Zeit etwa das letzte ist, was sich gemäss Marktlogik aufdrängen würde.
Und sie ist sich der Widersprüche in ihrer Logik offenbar nicht bewusst.
Daniel Heierli, am 04. Juni 2020 um 21:54 Uhr

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