Die Giftbrühe des Santiago River in Mexiko © MND

Industrien vergiften Flüsse so stark, dass Menschen sterben

Red. / 25. Jan 2020 - Als «Tschernobyl in Zeitlupe» prangert es die New York Times an. Eine «Umwelt-Hölle» nennt es Mexikos machtloser Umweltminister.

Seit 15 Jahren tun Mexikos Behörden fast nichts, um den Rio Grande de Santiago sauber zu bekommen. Der Fluss stinkt bestialisch von Industrieabfällen und Hausmüll. Der Gestank ist nicht einmal das grösste Problem: Entlang seinen Ufern werden Menschen und Tiere krank und sterben. Die Leidensgeschichte illustriert das Versagen der mexikanischen Regierung beim Thema Umweltschutz: Das Anlocken ausländischer Investoren hat bis heute Vorrang.

«Schmutzigster Fluss Mexikos»

Im Jahre 2008 war ein achtjähriger Knabe in den Rio Grande de Santiago gefallen. Er kletterte selber wieder heraus, starb aber einige Tage später an einer Arsenvergiftung, die er sich im Fluss zugezogen hatte. Dieser Zwischenfall fand grosse nationale Beachtung. Eine Studie, die 2011 veröffentlicht wurde, stellte im Flusswasser hohe Belastungen mit Schwermetallen wie Arsen, Blei, Cadmium, Cyanid, Quecksilber und Nickel fest.

Rio Grande de Santiago ist ein riesiger Abflusskanal für Abwässer aller Art. Die Vereinten Nationen bezeichnen den Rio Grande de Santiago als schmutzigsten Fluss Mexikos. Nach Angaben der «New York Times» verfügt die zuständige Behörde Conagua lediglich über einen einzigen Inspektor, der die Industrien des ganzen Bundesstaates Jalisco kontrollieren soll. Selbst wenn die Behörde einmal Sanktionen ausspricht, sind diese so schwach, dass sie keinem Unternehmen wehtun. Möglichst viele Unternehmen anzulocken, war wichtiger als die Gesundheit der Anwohner und der Schutz der Natur.

Im Jahre 2013 untersuchte eine Kommission den Lago de Chapala und den aus ihm ausfliessenden Rio Grande de Santiago erneut. Sie kam zum Schluss, dass bezüglich Überwachung der Wasserqualität, Durchsetzung von geltenden (schwachen) Rechtsvorschriften und Ansätzen zur Wiederherstellung der Gewässer-Ökologie riesige Defizite bestanden.

Keine Grenzwerte für Pestizide und Schwermetalle

Im Jahre 2017 ergab eine weitere Untersuchung der Wasserqualität diverse Schadstoffwerte, die über den gesetzlichen Grenzwerten für Flüsse lagen. Enrique Alfaro, der Statthalter des Bundesstaates Jalisco, sagte darauf, der Rio Grande de Santiago sei eine der peinlichsten und schrecklichsten Geschichten, die in seinem Bundesstaat und ganz Mexiko vorkommen.

Für einzelne Fabrikabwässer kennt die mexikanische Gesetzgebung keine Höchstwerte bei Substanzen wie Pestizide und Schwermetalle. Sie schreibt auch nicht vor, wieviele Fabriken Abwässer in den Fluss leiten dürfen.

Das bekommen Anwohner des Flusses zu spüren. Sie leiden an Nieren- und Lungenkrankheiten, Hautausschlägen und Krebs. Ärzte und Betroffene sind überzeugt, dass die Ursache beim Flusswasser zu suchen ist. «Bei uns findet eine Tschernobyl-Katastrophe in Slow Motion statt», sagte Enrique Enciso gegenüber der «New York Times», die den Titel des Artikels daraus machte. Encisos Haus steht wenige Hausblöcke vom Flussufer entfernt.

Hoffen auf das neue Freihandelsabkommen

Besorgte Mexikaner setzen gewisse Hoffnungen ins «Kleingedruckte» des Ende 2018 mit den USA und Kanada unterzeichneten neuen Freihandelsabkommens. Dieses sieht vor, dass sich Mexiko keine Handelsvorteile verschaffen darf, indem es Unternehmen von Umweltauflagen verschont. Nur mit dieser Klausel stimmten die Demokraten im US-Kongress dem Abkommen zu. Inzwischen haben Mexiko und die USA den Vertrag ratifiziert. Es fehlt nur noch Kanada.

Doch auf strengere Auflagen für die Industrien am Rio Grande de Santiago warten die dortigen Einwohner immer noch, obwohl an seinen Ufern ausgerechnet diejenigen Unternehmen und Farmen angesiedelt sind, welche vom neuen Handelsabkommen am meisten profitieren. Der Fluss kann nur entgiftet werden, wenn die mexikanische Umweltgesetzgebung massiv verschärft und die politischen Randbedingungen komplett geändert werden.

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Quelle: Bericht von Steve Fisher und Elisabeth Malkin in der «New York Times» vom 30.12.2019/7.1.2020. – Zusammenfassende Bearbeitung von Dieter Kuhn.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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2 Meinungen

Hilflos fühlen ist nicht schön - Bitte meldet wieder was, wenn ein Initiative der Bevölkerung dort zustande kommt, die etwas verändern will.
Es würde mich viel mehr interessieren, wie diese neue Gefahr in China - diese Krankheit zustande gekommen ist und was man von den Massnahmen halten soll, die für Quarantänen ergriffen wurden. Mit Fiebermesser bestimmen, wer in Quarantäne kommt, da kommt mir doch der Verdacht auf, wie leicht ich den digitalen Fiebermesser manipulieren kann und welche Datensammlung im Hintergrund mit Algorhythmen den Ausschlag geben für Behandlung / oder nicht. Und dann ab zur Impfung - mit welchen Langfrist-Folgen?
Carlos Werner Schenkel, am 25. Januar 2020 um 14:20 Uhr
Herr Dieter Kuhn, weiss man denn welche Industrien da sitzen, wem sie gehören, was sie produzieren, wer ihre Produkte kauft? Die Namen der Industrien, die sich hinter «schwachen» Regierungen verstecken und sich wider besseres Wissen derart an der Mitwelt vergehen, gehören öffentlich gemacht...
Weil sonst würde ja im Umkehrschluss gelten: Wenn ich mit einer Gruppe Individuen einen Ausflug mache, darf ich die alle vor Ort töten, wenn mir das kurzfristig Vorteile bringt. Schuld daran ist der schwache Staat, der in besagter Region halt sein Gewaltmonopol nicht durchzusetzen vermag...

Es bleibt zu hoffen, dass in naher Zukunft globale Konzernverantwortung entlang gesamter Wertschöpfungsketten vor einem internationalen Gericht einklagbar wird. Könnte nicht die Schweiz hier einen ersten mutigen Schritt machen?
Stefan Rey, am 26. Januar 2020 um 09:51 Uhr

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