Am Westeingang des Goms (Pfeil) zwischen Ernen und Niederwald fielen mehrere Bäume auf die Stromleitungen und legten die Stromversorgung des Tales für 16 Stunden lahm. (Blickrichtung von der Furka gegen Westen) © ktm
Die Wasserkraftwerke im Goms produzieren Strom für 22'000 Haushalte. © energieregionGoms

16 Stunden Strom- und Handy-Blackout im Goms

Kurt Marti / 19. Apr 2019 - Das Goms strotzt vor Wasserkraftwerken und Stromleitungen. Dennoch kam es zu einem 16-stündigen Blackout. Wie war das möglich?

Am 4. April 2019 begann es im Goms heftig zu schneien. Innert weniger Stunden fiel so viel Schnee, dass gleich mehrere Bäume auf verschiedene Stromleitungen fielen. Zuerst riss um 16 Uhr ein umstürzender Baum ein Leiterseil der 65 kV-Leitung Ernen-Ulrichen der überregionalen Verteilnetz-Gesellschaft Valgrid herunter.

Nach einem kurzen Unterbruch wurde die Stromversorgung des Goms durch die 16 kV-Leitungen der regionalen Elektrizitätswerke EnBAG (Energie Brig-Aletsch-Goms) und EWO (Elektrizitätswerk Obergoms) sichergestellt, erklärt auf Anfrage Valgrid-Chef Ivo Abgottspon, der seine Antworten mit der EnBAG und dem EWO koordiniert hat.

Dann traf es um 20 Uhr auch diese Notversorgung. Mehrere Bäume fielen an verschiedenen Stellen auf die 16 kV-Leitung zwischen Ernen und Niederwald. Es wurde dunkel im Tal. Laut Abgottspon leiteten die Mitarbeiter der EnBAG und des EWO «umgehend Massnahmen ein, um das 16 kV-Netz wieder funktionsfähig zu machen».

Am Donnerstagabend mussten die Reparaturarbeiten jedoch wegen der Lawinengefahr und Dunkelheit sowie wegen «spontan umstürzenden Bäumen» unterbrochen werden, erklärt Abgottspon. Am Freitag konnten die betroffenen Leitungen durch Valgrid, EnBAG und EWO repariert werden. Nach 16 Stunden Blackout floss ab Freitagmittag wieder Strom im Goms.

«Schlimmer als im Lawinenwinter 1999»

Neben dem Licht fiel das Festnetz-Telefon aus und damit auch das Internet. Und wegen des Ausfalls der Handy-Antennen der Swisscom war auch das mobile Internet weg. In der Bevölkerung hörte man Leute sagen, das sei ja «schlimmer als im Lawinenwinter 1999». Damals habe wenigstens die Kommunikation via Festnetz funktioniert.

Probleme gab es auch mit den Heizungen, die wegen den strombetriebenen Pumpen ausfielen. Zudem fielen die Kühl- und Tiefkühlgeräte der Verkaufsläden aus. Beispielsweise im Volg-Laden in Ulrichen waren die Kühl- und Gefrier-Produkte aufgetaut und mussten ausgeräumt werden. Die Kunden standen am Tag danach vor leeren Kühl- und Tiefkühl-Vitrinen.

Laut Swisscom-Sprecherin Esther Hüsler laufen nach einem Stromausfall die Mobilfunk-Antennen der Swisscom mit Batterien mindestens eine Stunde weiter. Zudem verfüge Swisscom «über mobile Notstromgeneratoren, die innert kurzer Zeit vor Ort gebracht werden können». Trotz diesem Notstrom-Konzept der Swisscom kam es im Goms zu einem Ausfall des Handy-Netzes von Donnerstagabend bis Freitagmittag, weil laut Hüsler «die Notstromanlagen aufgrund der gesperrten Strassen (Lawinengefahr) nicht zum Einsatzort gebracht werden konnten». Ein Helikopter-Transport sei vorbereitet, aber dann verworfen worden, «da die zuständigen Elektrizitätswerke die Stromzufuhr wiederherstellen konnten».

Was die Notrufzentrale 144 betrifft, gab es laut deren Leiter Diego Lareida «in der Zeit des Blackouts in den betroffenen Gemeinden Goms und Obergoms keine Notfälle». Die Kommunikation sei «durch Funkverbindungen mit den regionalen Rettungsstationen gewährleistet gewesen».

Werden die Leitungen genügend unterhalten?

Ein Blick in die Stromausfall-Statistik des EWO zeigt, dass es im Goms relativ häufig zu Stromausfällen kommt. Die EnBAG reagierte in einer Medienmitteilung vom Dezember 2014 auf den «Unmut in der Bevölkerung» und bat um «Verständnis» für die «vielen Stromunterbrüche im Goms».

Infosperber wollte von Valgrid-Chef Abgottspon wissen, was er zur im Goms gehörten Kritik sagt, die Stromleitungen, insbesondere jene der Valgrid, würden nicht genügend unterhalten bzw. zu wenig ausgeholzt?

Laut Abgottspon werden die 65 kV-Leitungen im Goms «wie im restlichen Kantonsgebiet einmal jährlich kontrolliert». Dabei würden gefährliche Bäume notiert und «grossmehrheitlich durch den zuständigen Forstbetrieb» gefällt. Trotz dieser Ausholzungen, «die tendenziell grosszügig vorgenommen» würden, könne «leider nicht ausgeschlossen werden, dass ein Baum auf eine Leitung fällt».

Die Unternehmungen Valgrid, EnBAG und EWO seien bestrebt, «die vorsorglichen Unterhaltsmassnahmen mit grösster Sorgfalt und vorausschauend vorzunehmen, um Stromunterbrüche auf ein Minimum zu reduzieren». Da die Stromleitungen teilweise in exponierten Trassen verlaufen würden, könne «eine 100%-ige Verfügbarkeit leider nicht garantiert werden».

Ausfälle trotz stattlicher Strominfrastruktur

Natürlich sind die Verhältnisse im Goms nicht mit jenen im Mittelland zu vergleichen. Dennoch ist es doch erstaunlich, dass in einem Tal, wo es viele Wasserkraftwerke und Stromleitungen gibt, der Strom so lange ausfällt. Neben dem grossen Speicherkraftwerk auf dem Griespass steht nämlich in fast jedem Dorf ein kleineres Wasserkraftwerk, wie die folgende Abbildung zeigt:

Die Wasserkraftwerke im Goms produzieren Strom für rund 22'000 Haushalte. (Quelle: energieregionGoms)

Total produzieren diese Wasserkraftwerke im Jahresmittel rund 100 GWh. Das ist Strom für 22'000 Haushalte. Allein das Wasserkraftwerk Gletsch bei Oberwald produziert jährlich 41 GWh, was dem Stromverbrauch von rund 9000 Haushalten entspricht. Braucht es also im Goms redundante Stromeinspeisungen beziehungsweise gibt es Bestrebungen, solche zu realisieren?

Laut Abgottspon bildet im Obergoms «das 16 kV-Netz von EnBAG und EWO die Redundanz für die Stromversorgung», wenn die überregionale 65 kV-Leitung der Valgrid ausfällt. Und er ist «zuversichtlich, dass die Störungsanfälligkeit der neuen 65 kV-Leitung kleiner sein wird als die der heutigen Leitung», wenn die 65 kV-Leitung der Valgrid wie geplant auf die neue 380 kV-Gommerleitung von Swissgrid gelegt werde.

Zudem werde das Unterwerk in Ulrichen mit einem 2. Transformator ausgerüstet, der nicht nur der Abfuhr der erzeugten Energie diene, «sondern auch der Allgemeinversorgung». Ab Ende 2019 bestehe damit im Unterwerk in Ulrichen «eine Redundanz in Bezug auf die 65/16 kV-Transformierung».

Fazit: Die Störungsanfälligkeit der Stromversorgung im Goms muss tatsächlich kleiner werden. Es ist doch sehr erstaunlich, dass ein paar umgefallene Bäume am Westeingang des Tales einen 16-stündigen Strom- und Handy-Ausfall bewirken können. Nota bene in einem Tal, wo fast bei jedem Dorf ein Wasserkraftwerk steht. Am sichersten wäre die Verlegung der regionalen Stromleitungen in den Boden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor war selbst vom Stromunterbruch im Goms betroffen.

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4 Meinungen

Spannende Literatur zu diesem Thema: «Blackout - Morgen ist es zu spät» von Marc Elsberg. ISBN 978-3-7645-0445-8
Franz Peter Dinter, am 19. April 2019 um 12:12 Uhr
Herr Marti, was noch vergessen wurde, dass Swisscom Ihre Mobil-/GSM-Anlagen wie Sie feststellten nur 1 Stunde per Batterienotstrom versorgt werden. Danach zuerst die Notstromgeneratoren aus einem Lager zu den div. Orten gekarrt werden müssen, was ja auch in Folge des Schneefalls, usw. ebenfalls behindert wurde.

Damit ist ja auch das GSM-Netz betroffen, für welches nun die div. Hauseigentümer nach Abschalten des Analognetzes Ihren Notruf für Liftanlagen teuer auf das GSM-Netz, welches um 2022 ebenfalls wieder ausgelaufen ist, umrüsten.
Dass nun bei einem längeren Stromausfall auch die gesamte Kommunikation inkl. VoIp-Festnetz nicht durch automatisch startende Generatoren im Jahr 2019 nicht sicher gestellt wird, insbesondere auch für ärtzliche Notfälle, Brandfälle, usw. ist schon fragwürdig.
Meinerseits (AHV-Elektronikbastler) ist der SC-Standardrouter für Telefonie (WLAN abgeschaltet) durch eine in Allen möglichen Störbetriebsarten abgesicherte Eigenbau-USV bis zu 20 Stunden Stromausfall betriebsbereit. Mit Wlan-Internet noch 15 Stunden, um in jedem Fall während den folgenden 15 Stunden ebenfalls für die Alarmanlage eine automatische Meldung/Kommunikation mit dieser, sowie über ein einfaches Grosstastentelefon mit eingebauter Batterie oder dem Notebook absetzten zu können.
Wieso können solche billigste Massnahmen bei Netzversorgungsausfall nicht auch die Verantwortlichen zur Sicherstellung eines dringend zu meldenden Notfalls ausser acht lassen?
Willy Richartz, am 19. April 2019 um 17:49 Uhr
Willy Richartz, Ihre billigen Massnahmen kosten und bringen kein Geld.Träumen Sie weiter Willy Ihre CH lebt nur noch dort.
Albrecht Marco, am 20. April 2019 um 06:00 Uhr
Die reale wirklichkeit bei der Stromversorgung und der Kommunikation, ist nunmal leider etwas komplexer, als das viele Bürger in CH und D denken und wie es auch viele Journalisten nicht besser wissen.

Früher klappte Festnetztelefonie mit seiner eigenen Schwachstromversorgung auch bei totalen Stromausfällen. Seit der technischen Umstellung auf «Internet-Telefonie» ist das vorbei und klappt nur noch bei normaler Stromversorgung.

"Strom» klingt erst mal so simpel und einfach. Dabei muß eine Menge geregelt werden, bevor irgendein Gerät überhaupt mit Netzstrom zum Laufen gebracht werden kann. All diese dazu nötigen Dinge wie Stabilität, Netzfrequenz, Spannungsumwandlung, Blindstrom und so seltsame Dinge mehr, gehören nunmal meistens nicht zum Wissen von ökologisch überzeugten Bürgern. Davon, daß es viele kleine Wasserktaraftwerke in den Orten vom Goms gibt, ist ja nicht automatisch ein stabiles und nutzbares Stromnetz da. Das müßte erst eingerichtet, ausgestattet und stabilisiert werden.

Als 2005 im deutschen Münsterland (Nordrheim-Westfalen) durch Schnee Strommasten umknickten und es dort gebietsweise mehrere Tage keinen Strom gab, wunderten sich Fernsehzuschauer darüber. Sie sahen da nämlich in den Sendungen, daß sich dort unverdrossen, etliche Windräder drehten. Nur das Problemchen, daß Windräder allein, da nämlich gar nichts nutzen und ein immer erst existierendes vorhandenes Stromnetz benötigen, um da den Windstrom einzuspeisen. Tja, Strom ist komplizierter, als gedacht!
Werner Eisenkopf, am 20. April 2019 um 11:09 Uhr

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