Walter Laqueur: «Putinismus – Wohin treibt Russland?» Propyläen Verlag, 2015 © -
Walter Laqueur: «Putinismus – Wohin treibt Russland?» Propyläen Verlag, 2015 © -

Warum es immer noch linke Putin-Fans gibt

Philipp Löpfe / 17. Aug 2015 - Russland hat sich in einen nationalistischen und autoritären Staat verwandelt. Das wollen viele Linke in Europa nicht wahrhaben.

Walter Laqueur gilt als ein führender Russlandkenner. Gleich zu Beginn seines neuen Buches «Putinismus» stellt er, offensichtlich irritiert, die Frage: Warum gibt es im Westen immer noch linke Putin-Fans? Und fügt hinzu: «Die extreme Rechte in Europa hat die Wechsel in Russland viel schneller verstanden und ihre Propaganda dementsprechend angepasst.»

Auch in der Schweiz ist es vor allem die rechtslastige «Weltwoche», die immer wieder grosses Verständnis für Putin an den Tag legt. Noch weiter geht ein Artikel von Olivier Kessler in der «Schweizerzeit». Darin stellt der aufstrebende Star der extremen Rechten – er ist unter anderem der Initiator der «No Billag»-Initiative – die Verhältnisse des kalten Krieges auf den Kopf.

Die USA sind gemäss Kessler ein sozialistischer Wohlfahrtsstaat geworden, während der russische Staatskapitalismus zum liberalen Paradies mutiert ist. «Die meisten Reformen seit dem Zusammenbruch der UdSSR haben mehr Freiheit, mehr Privatisierung und mehr wirtschaftliche Öffnung gebracht», schreibt Kessler. Kein Witz, er meint das ernst.

Zeit also, die Dinge wieder an den richtigen Ort zu rücken. Eines stellt Laqueur klar: «Seit dem Zerfall der Sowjetunion hat es in den letzten Jahren eine massive Verschiebung in der Ideologie des russischen Regimes gegeben. Der Marxismus-Leninismus wurde ersetzt durch einen russischen Nationalismus und die Verherrlichung eines starken Staates.»

Einer der grössten Raubzüge der Geschichte

Um das moderne Russland zu verstehen, müssen wir zunächst zurückblenden. Nach dem Zerfall der UdSSR herrschte Chaos und Armut. Die Bürger erhielten so genannte Voucher, die sie gegen Aktien der ehemals staatlichen Unternehmen eintauschen konnten. Das Verfahren war kompliziert, der durchschnittliche Russe hatte keine Ahnung von Marktwirtschaft und wurde übers Ohr gehauen.

Die Privatisierung der russischen Wirtschaft war wohl einer der grösste Raubzüge in der Geschichte der Menschheit. Eine Handvoll Oligarchen rissen sich das Volksvermögen unter den Nagel und benutzten dabei den damaligen Präsidenten Boris Jelzin als nützlichen Idioten. Beim gewöhnlichen Volk hingegen bleibt bis heute der Eindruck zurück: Westliche Demokratie ist gleichbedeutend mit Chaos und organisierten Verbrechen – und das russische Volk wurde verraten und betrogen.

Unter diesen Verhältnissen wurde Wladimir Putin zunächst Premierminister von Russland. Er war damals sowohl zuhause wie auch im Ausland noch gänzlich unbekannt. Doch der ehemalige Geheimdienstmann nutzte die Gunst der Stunde und ging entschlossen gegen die Oligarchen vor. Diese waren waren unermesslich reich, sie waren aber auch im Volk verhasst und besassen keine politische Machtbasis.

Kampf gegen verhasste Oligarchen

Das nutzte Putin geschickt aus. Er vertrieb den sehr mächtige Boris Berezowsky nach London – inzwischen hat dieser Selbstmord begangen – und warf Mikhail Khodorkovsky ins Gefängnis. Jener wurde inzwischen wieder frei gelassen und lebt heute in Rapperswil.

Die übrigen Oligarchen erwiesen sich als lernfähig und arrangierten sich mit Putin. Das zahlte sich für sie aus. Roman Abramovich beispielswiese hat sich mit einem geschätzten Vermögen von 10 Milliarden Dollar nach London abgesetzt und frönt dort seinem Hobby, dem FC Chelsea. Viktor Vekselberg, geschätztes Vermögen 15 Milliarden Dollar, besitzt heute nicht nur immer grössere Teile von Sulzer, sondern auch die grösste Sammlung der sehr wertvollen Fabergé-Eier. Über den Reichtum von Putin selbst gibt es die wildesten Spekulationen. Einige bezeichnen ihn als den reichsten Mann der Welt mit einem Vermögen von mindestens 70 Milliarden Dollar.

Alte Freunde vom KGB

Putin – inzwischen Nachfolger von Jelzin im Präsidentenamt – sichert seine Macht jedoch nicht mit Geld, sondern mit seinen ehemaligen Kumpels aus dem russischen KGB, der heute FSB heisst. Die so genannten Siloviki bilden eine Art Prätorianergarde aus Geheimdienstleuten, die dem Präsidenten loyal ergeben sind und ihn abschirmen.

Nicht dass Putin derzeit etwas vom Volk zu befürchten hätte. Wie Meinungsumfragen immer wieder zeigen, ist er äusserst beliebt. Sein Macho-Image kommt an. Kein Wunder: Rund die Hälfte der Russen bewundert nach wie vor Josef Stalin, trauert dem verlorenen Imperium nach und fühlt sich vom Westen verraten. Der begeisterte Judo-Kämpfer Putin – er trägt den schwarzen Gurt – wird geradezu verherrlicht.

Wertekrieg gegen den Westen

Grossen Zulauf haben auch Nationalisten und Blut-und-Boden-Philosophen wie Alexander Dugin. In der ehemaligen Sowjetunion gehörte er einer Gruppierung an, deren Vorbild die deutsche SS war. Später wandte er sich vom Faschismus ab, ein Hassprediger ist er jedoch geblieben. (Es gibt mehrere Video-Clips von Dugin auf YouTube, und es lohnt sich, da mal reinzuschauen.)

Dugin gehört heute zu den am meisten beachteten Intellektuellen Russlands. Seine Thesen fasst Laqueur wie folgt zusammen: «Konstante Faktoren seiner Ideologie sind Anti-Globalisierung, Anti-Liberalismus, Anti-Amerikanismus, Okkultismus, Eurasianismus (die Betonung der östlichen Werte gegenüber den westlichen, Anm. d. Red.), Geopolitik, die Vorstellung, dass die Weltpolitik von geheimen Kräften bestimmt wird, und die Verbreitung des Mythos von der russischen Grossmacht.»

Auch die orthodoxe Kirche, im Sowjetkommunismus unterdrückt, spielt im neuen russischen Nationalismus wieder eine zentrale Rolle. «Die Kirchenmänner wurden nie Kommunisten», stellt Laqueur fest. «Aber viele ehemaligen Kommunisten haben den Weg zur Kirche wieder gefunden.» Vor allem im Wertekrieg gegen den dekadenten Westen – beispielsweise bei der Hatz auf Homosexuelle – sind die orthodoxen Popen verlässliche Partner Putins.

Autoritär geführter starker Staat

Als gigantischer Putin-Fanclub hat die russische Politik keine Zukunft. Das weiss auch der Präsident. Zur geistigen Erbauung verschickte er an Weihnachten 2013 deshalb an alle Gouverneure und wichtigen Politiker des Landes drei Bücher. Eines hat Vladimir Solovyov verfasst, ein Vordenker des Eurasianismus. Das zweite stammt von Nikolai Berdyaev, einer Art russische Antwort auf die ultra-libertäre Ayan Rand.

Interessant ist vor allem das dritte. Es trägt den Titel «Unsere Aufgabe» und wurde von Ivan Ilyin verfasst. Er wurde in Moskau 1883 in die besseren Kreise des damals zaristischen Russlands geboren und musste nach der Revolution nach Berlin fliehen. Ilyin war ein grosser Kommunistenhasser. Sein Berliner Büro befand sich im Gebäude des Propagandaministerium von Joseph Goebbels und er war Hitler sehr wohlwollend gesinnt, weil dieser energisch gegen die Kommunisten vorging.

Trotzdem wurde Llyin 1934 von der Gestapo des Landes verwiesen. Er reiste in die Schweiz, wo er 1954 verstarb. Putin persönlich ordnete an, dass seine sterblichen Überreste 2005 in ein russisches Kloster überführt wurden. Seine Bücher – rund 30 an der Zahl – sind in den letzten Jahren neu aufgelegt worden.

Was macht Ivan Ilyin für Putin so interessant? «Er hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er für Monarchie und einen autoritären (aber nicht totalitären) Staat einsteht», schreibt Laqueur. «Ilyin hat sich eingesetzt für eine starke Zentralmacht in einem postkommunistischen Russland mit wenigen Rechten für nicht-russische Regionen wie die Ukraine und den Kaukasus.»

Genau ein solcher Staat, eine «geleitete Demokratie», und ein neues russisches Imperium scheint auch Putin anzustreben. Es ist daher kaum ein Zufall dass Ilyin der einzige Intellektuelle ist, den Putin mehrfach in seinen Reden erwähnt hat. 2009 hat er Blumen an seinem Grab niedergelegt.

Eine Gefahr für den Westen?

Wie gefährlich ist Putins Russland für den Westen? Laqueur verweist auf das Beispiel von Deutschland, das nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg rasch wieder zu einer militärischen Grossmacht aufgestiegen war. Auch Putin rüstet derzeit massiv auf: Die russischen Militärausgaben haben sich zwischen 2007 und 2014 verdoppelt, diejenigen der Nato haben sich derweil halbiert.

Putin kann sich auch auf eine lange reaktionäre Tradition stützen. Russland war niemals ein liberales Land. Im 19. Jahrhundert gehörten die Zaren zu den militantesten Vertretern der Gegenrevolution, die jegliche bürgerliche Freiheiten im Keim erstickten und die Leibeigenschaft erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts abschafften. Die «geleitete Demokratie» und die Grossmachtsträume stossen deshalb auch heute bei den Russen auf viel Verständnis.

Wirtschaftliche Schwächen

Das moderne Russland hat jedoch auch Schwächen. Die Bevölkerung nimmt ab. Die russischen Frauen haben durchschnittlich bloss 1,6 Kinder. Um die Bevölkerungszahl konstant auf dem gegenwärtigen Stand von 143 Millionen zu halten, wäre eine Rate von 2,1 Kindern pro Frau nötig. Hält der Trend weiterhin an, so wird die Bevölkerung bis 2050 auf 109 Millionen Menschen schrumpfen. Die Stimmung ist zudem mies: «Die Selbstmordrate bei den jungen Russen ist drei Mal höher als der europäische Durchschnitt», stellt Laqueur fest.

Der grosse Schwachpunkt liegt anderswo. Putin hat es nicht geschafft, die russische Wirtschaft zu modernisieren. Die Einkünfte stammen zum grössten Teil aus Rohstoffen, vor allem Öl und Gas. Der Einbruch des Ölpreises setzt Russland hart zu, und es ist fraglich, ob die Wünsche der Bevölkerung noch zu finanzieren sind.

Grossmacht und ein gutes Leben

«Die Russen wollen beides, eine Grossmacht und ein gutes Leben», schreibt Laqueur. «Das mag verständlich sein –, aber kann es auch kombiniert werden?» Die Frage ist berechtigt, zumal die Annektion der Krim nicht nur kostspielig ist, sondern auch westliche Sanktionen nach sich gezogen hat.

Russland ist heute ein Paradox: Ein Land, das gleichzeitig mit seiner ideellen und militärischen Überlegenheit gegenüber dem Westen prahlt, aber selbstmitleidig über den Verlust eines Imperiums klagt. Ein Land, in dem ein neuer Faschismus des Westens angeprangert wird, aber gleichzeitig kritische Intellektuelle unterdrückt und ermordet werden.

Warum also ist dieses Land immer noch für einen Teil der Linken attraktiv? «Teilweise ist es schlicht Ignoranz», lautet die Antwort von Walter Laqueur. «Teilweise ist es die Weigerung, die russische Entwicklung anzuerkennen und teilweise ist es Wunschdenken.»

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Dieser Beitrag ist auf watson.ch erschienen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Philipp Löpfe war früher stellvertretender Chefredaktor der Wirtschaftszeitung «Cash» und Chefredaktor des «Tages-Anzeiger». Heute ist er Wirtschaftsredaktor von «Watson.ch».

Weiterführende Informationen

Putinismus gibt es nicht, von Jörg Baberowski

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18 Meinungen

Russland hat sich nicht verwandelt; auch Wirklichkeitsverweigerung der Linken blieb gleich. Es gab nie einen nationalistischeren und autoritäreren Herrscher über Russland als Stalin, was man schon 1937 in einem Zürcher Exilverlag nachlesen konnte, im Buch «Die Diktatur der Lüge» von Willi Schlamm. Prawda lobte damals den Realitätssinn Mussolinis. Nach dem Zeugnis seines Kammerdieners betete Stalin im Grossen Vaterländischen Krieg in Kremlkapelle für den Sieg - als ehemaliger Priesterseminarist. Als Volkskommissar für Nationalitätenfragen war er mit einer der grössten Kriegsverbrecher aller Zeiten; man kann ihm mangelnden Nationalismus und mangelnde autoritäre Führung keinesfalls vorwerfen. Unter Putin gibt es mehr Reisefreiheit, mehr Wirtschaftsfreiheit und sogar mehr Meinungsfreiheit als im Sowjetsystem, nur den Nationalismus und das Autoritäre konnte er kaum steigern.

Typisch für die Linke war die Unfähigkeit, die Verhältnisse in Russland zu analysieren. Annemarie Schwarzenbach, von Stalin begeistert, war überzeugt, dass Russlands Frauen freier sind als bei uns. Wenn es gestimmt hätte, würde man das nach 70 Jahren Sowjetunion bei den Russinnen von heute merken. Aber emanzipierte Russinnen gab es schon zur Zarenzeit, waren erste Studentinnen an unseren Universitäten. Sowjetfrauen hatten, wie die Wählerinnen Hitlers und Mussolins, das Frauenstimmrecht. Sie wählten in Moskau wie in Nordkorea zu über 99% richtig. J.R. v. Salis machte schon auf russ. Nationalismus aufmerksam.
Pirmin Meier, am 17. August 2015 um 12:00 Uhr
Man kann «Die Linke» und «Die Rechte» nicht auf Stellungnahmen einiger Exponenten reduzieren. Sie argumentieren normalerweise differenzierter. Damals reichte die Linke von den Kommunisten bis zu Sozialdemokraten. Unter der «Rechten» gab es etliche Exponenten, die den disziplinierenden Realitätssinn Mussolinis begrüssten, und solche, die mit Hitlers Machtergreifung sympathisierten. «Die Rechte» war deshalb bei uns nicht «typisch» faschistisch.
Urs P. Gasche, am 17. August 2015 um 12:46 Uhr
Was Sie über die Linke sagen, versuchte ich mal am Beispiel der Meinungsentwicklung von Nationalrat Walther Bringolf zu analysieren. Und natürlich ist der vernünftige von Salis für die Schweizer Rechte, der er zur Zeit seiner Motta-Biographie nahestand, leider nicht gerade repräsentativ. Aber die linken Illusionen über Stalin gab es nun mal, auch sehr nachthaltige und verbreitete betr. die Sowjetunion. Die klügeren und differenzierteren Stimmen blieben leise. Die Schweizer Rechte war zu einer berüchtigten Zeit oft antisemitisch, aber ausser den total aussenseiterischen Fröntlern nun mal nicht faschistisch, sondern demokratisch und vor allem föderalistisch bis zum Gehtnichtmehr. Das ist ein anderes Thema. Es geht um die Einschätzung der Sowjetunion und Russlands. Hier wollte man die Realität, auch die Realität «hinter dem Kommunismus», sehr oft nicht sehen. Für den geopolitisch denkenden von Salis war diese Realität, übrigens auch bei den Chinesen, die Hauptsache. Er behielt in seinen Perspkektiven langfristig recht.

@Loepfe. Wenn Sie schon mit einem «der grössten Raubzüge in der Geschichte der Menschheit» im Zusammenhang mit Putin kommen, in Sachen Verhungernlassen der eigenen Bevölkerung halten seine sozialistischen Vorgänger immer noch den eurasischen Rekord. Sonst aber scheint es richtig, Putin in einer langfristigen nationalistischen, autoritären und nicht demokratieorientierten Tradition zu sehen.
Pirmin Meier, am 17. August 2015 um 13:52 Uhr
... und teilweise ist es der Ärger darüber, dass dynastische Tendenzen, Demokratieverlust, Medienmanipulation und aggresiver politischer Expansionismus nur in Putins Russland angeprangert werden, wo doch ähnliche Prozesse auch im Westen ablaufen. Russland dient als Projektionswand und unterstützt solcherart die eigenen Verdrängungsmechanismen. Europäischen Limken stösst die gesellschaftliche Entwicklung in Russland ebenfalls auf. Hingegen fallen sie weniger in die «Personalisierungsfalle», sind also weniger bereit als der Mainstream, die russische Entwicklung auf die Person Putins zu reduzieren. Man muss sich nur mal vorstellen, wie die politische Landschaft in Europa aussähe, wenn der Westen einen vergleichbaren ökonomischen Rückschlag erlitten hätte wie Russland nach dem Zerfall der UdSSR. Ferner verhindert die polit-ökonomische Denkweise, die Linken eigen ist, zu übersehen, dass die westlichen Aneignungsstrategien zwar in der Form eleganter sind, als wenn mit Panzern aufgefahren wird. In Sachen Aggresivität und Mangel an Legitimität stehen sie dem russisch-politischen Weg in nichts nach,
Wer sein Bewusstsein vor diesen Tatsachen nicht verschliesst, mag sich dem Putin-Bashing nicht mehr anschliessen - nicht aus Begeisterung über den russischen Präsidenten, sondern aus Scham vor dem Expansionismus und der informellen Macht des westlichen transnationalen Kapitals. Ob Laqueur diese Scham auch kennt?
Hans-Peter Müller, am 17. August 2015 um 15:05 Uhr
Der Erfolg Putins bei hiesigen Linken ist vor allem in der Tatsache begründet, dass er sich gegen die von Jelzin und Gaidar aufgegleiste Ausverkaufspolitik des Tafelsilbers stemmte und diese denn auch recht erfolgreich rückgängig machte - zum grossen Verdruss so vieler multinationaler Rohstoffkonzerne, die sich in ganz Osteuropa wie die ärgsten Heuschrecken aufführten.
Und Putin hatte diesbezüglich mehr als nur recht.
Es war allerdings in der Aussenpolitik noch nie die Stärke der Linken einen politischen Umstand differenziert kritisch anzugehen. Lieber machen sie in Nibelungentreue selbst dann, wenn sich jetzt Putin verdammt kriegszündlerisch verhält,
Charles-Louis Joris, am 17. August 2015 um 18:20 Uhr
Warum Philipp Löpfe ausgerechnet das Buch des 94jährigen US-amerikanischen Historikers Walter Laqueur: Putinismus bespricht und dabei auch noch «die Linken» als Dummköpfe anzuschwärzen versucht, bleibt sein Geheimnis. Eine meines Erachtens qualifiziertere Besprechung von Laqueurs Buch findet sich unter http://www.tagesspiegel.de/politik/politische-literatur/walter-laqueur-ueber-putin-putinismus-gibt-es-nicht/11956908.html. Jörg Baberowski, der Autor der Rezension, ist Professor für osteuropäische Geschichte (siehe dazu oben den Link).
Christian Müller, am 17. August 2015 um 23:47 Uhr
@Christian Müller. Das dürfte weiterführen. Putinismus gibt es kaum, aber fluktuierende sog. Putin-Versteher.
Pirmin Meier, am 18. August 2015 um 01:28 Uhr
Schade, dass man einen Artikel mit so viel sachlicher Information zum Schluss und vor allem auch noch im Titel mit primitivem Linken-Bashing versehen muss.

Wenn Herr Löpfe von «Putin-Fans» spricht, soll das wohl eine Abwandlung von «Putin-Versteher» sein. Wer es nötig hat, mit solchen Kampfbegriffen zu hantieren, hat in seriösem Journalismus nichts verloren. Hätte den Artikel wohl doch nicht lesen sollen.
Thomas Müller, am 18. August 2015 um 06:03 Uhr
@Noch an U.P. Gasche. Die umstrittene Einschätzung Russlands zur Stalin- und Sowjetzeit war nicht eine Angelegenheit zum Beispiel der Schweizer Kommunisten und Linksextremen.

Der «Staatsmann» Stalin wurde im Schlüsseljahr (Berlin-Blockade usw.) 1948 noch vom grossen Theologen Karl Barth von der Kanzel des Berner Münsters herab gelobt. Das provozierte dann den Berner Kirchendirektor und späteren Bundesrat Markus Feldmann zu einem 38seitigen Brief an den Theologen, immerhin ein eindrucksvoller Aufwand und eine ernst zu nehmende Diskussion. Weil der frühere Kommunist und spätere Sozialdemokrat Bringolf das System in Moskau aus eigener Anschauung viel konkreter kannte, kann man ihm im Vergleich zu Annemarie Schwarzenbach und Karl Barth «Dummschwatzen» kaum vorwerfen. Interessant bleibt freilich, dass bei Bringolf in seiner kommunistischen Zeit (bis 1934) die Sozialdemokraten stärker angegriffen wurden als die Bürgerlichen. Die frontistische und nationalsozialistische Bedrohung brachte den Schaffhauser Stadtpräsidenten dann zur Vernunft. In Neuhausen hielt sich ein kommunistischer Gemeindepräsident bis 1956. Der Stalinist polemisierte damals gegen das «Pack» der Ungarn-Flüchtlinge... Ab «Ungarn», zum Teil schon vorher, aber nicht schon zur Zeit des Generalstreiks (Robert Grimm), war die Schweizer SP in der Regel sowjetkritisch. Die Ostpolitik von Willy Brandt galt lange als Orientierung.
Pirmin Meier, am 18. August 2015 um 08:37 Uhr
Philipp Löpfe bezieht sich in diesem Artikel auf Walter Laqueur. Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die sogenannten Terroranschläge von «Nine-eleven» 9/11 und dem Überfall auf den Irak, anderthalb Jahre später, habe ich Laqueurs Interpretation der Geschichte in sehr zwiespältiger Erinnerung.
Aber tatsächlich will ich zuerst noch den ganzen Artikel von Philipp Löpfe und die Kommentare lesen.
Ruth Obrist, am 18. August 2015 um 10:47 Uhr
Walter Laqueur füllt hier ein Buch mit vielen üblen Sachen, die je in Russland oder dem Sowjetimperium geschehen sind und noch geschehen. Dazu alte und neue Denke von russischen Rechtsextremen. Dann noch dürre Angaben aus dem Lebenslauf von Herrn Putin. Wieso das Buch dann «Putinismus» heisst und inwieweit der Herr für all das Böse in Russland verantwortlich sein soll - dazu liefert er kaum sachdienliche Hinweise. Insbesondere fehlen Belege dafür, dass er selber ein Eurasianist ist oder dass Russland (erst) seit seiner Machtergreifung nicht mehr das Paradies der Werktätigen ist.
Eine intellektuell unredliche Montage! Walter Laqueur hat schon besseres geschrieben - gibt es heute keine Lektoren mehr?

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 18. August 2015 um 21:14 Uhr
Falsch, was Philipp Löpfe schreibt! Die USA zogen in den 80ern alle Register, um Russland zu schaden. Putin hat das Ruder imposant gewendet. Das sind Fakten, Herr Löpfe!
Weil die USA «in den nächsten Jahren» Russland angreifen werden, wird Europa nicht überleben und weltweit wird JEDES Land den Raubmord-USA aufgeliefert sein. Beispiel:
http://www.politaia.org/geheimdienste/erneuter-us-putsch-in-venezuela-vereitelt/
Wolfgang Reuss, am 05. September 2015 um 22:10 Uhr
@ W. Reuss: Ihre «Quelle» politaia.org kann man nicht wirklich ernst nehmen, da sie mit rechtsextremen und antisemitischen Kreisen verknüpft war. Gegen Breit lief in Deutschland ein Verfahren wegen Rassendiskriminierung, in der Folge musste er die Seite vom Netz nehmen. politaia.org verbreitete antisemitische Verschwörungstheorien, nach der die USA von Zionisten reagiert werden, usw.
Alois Amrein, am 07. Dezember 2015 um 05:50 Uhr
@Alois Amrein: Die ursächliche Gefahr für uns/Demokratie sind Leute, die die Wahrheit nicht wissen WOLLEN bzw. Verschwörungspraktiker.
Bezeichnenderweise gehen Sie in Ihrer Stellungnahme null auf den Inhalt ein, sondern diskreditieren lediglich die Quelle. Selbstverständlich gibt es Nachrichten, die auch von Dritten (nicht immer sind es seriöse) weiterkolportiert werden. Entscheidend ist 1.) Der Inhalt (den man überprüfen kann, was Sie unterlassen) und 2.) die Tatsache, dass die «Vierte Gewalt», zuallererst in den USA, gekauft wurde, ein Schaden, der unheilschwangerer nicht sein könnte, wenn man die Tatsache ernstnimmt, dass die «Vierte Gewalt» die Grundlage der Demokratie ist (übrigens exakt aus diesem Grund ist die Rechte Finanzweltmachtelite so scharf auf den Besitz der Medien, Berlusconi lässt Teleblocher grüssen; aber wie gesagt, am fortgeschrittensten bzw. infaustesten ist der Vorreiter USA).
Wolfgang Reuss, am 07. Dezember 2015 um 13:21 Uhr
@ W. Reuss: Die grösste Gefahr für die Demokratie sind nicht die Seiten, die Verschwörungstheorien und Unwahrheiten verbreiten, sondern Leute, die diesen Unsinn für bare Münze nehmen und es glauben. Darum ist die Replik von Herrn Löpfe völlig richtig und Ihre Kritik daran falsch. Walter Laqueur hat in seinem Buch deutlich aufgezeigt, was von Putin (und seinen Fans im Westen) zu halten ist. Die grössten Putin-Fans finden sich in der Schweiz übrigens in Rechtsaussen-Kreisen (SVP, Weltwoche usw.), eigentlich logisch, wenn man weiss, dass Putin in Frankreich den rechtsextremen Front National unterstützt und sogar finanziert.
Alois Amrein, am 07. Dezember 2015 um 13:41 Uhr
@Alois Amrein. Lese Ihre kritischen Beiträge immer mit Interesse, auch wenn nie einer allein bestimmen kann, und heisse er Laqueur, was sagen wir mal von Putin zu halten ist.

Pirmin Meier, am 07. Dezember 2015 um 13:50 Uhr
"Rechtsextrem» und «antisemitisch» sind völlig rationale Argumente?
Ruth Obrist, am 07. Dezember 2015 um 17:34 Uhr
Philipp Loepfes Artikel strotzt nur so von falschen Daten und willkürlich zusammengekleisterten Zerrbildern. Schrecklich. Wenn schon die Daten dermassen falsch sind, so sind es seine willkürlichen (subjektiven) Schlussfolgerungen erst recht.
Tatsache ist, dass Russland von den USA schwer betrogen wurde (beispielsweise wurde Europa 1990 nach dem Abzug Russlands nicht (symmetrisch) ebenso von den USA verlassen, sondern im Gegenteil, die USA brachen ihr Ehrenwort «Kein Inch Nato-Osterweiterung» bis in alle Extreme) und seit Jahrzehnten vermehrt misshandelt wird. Der preisgekrönte Doku-Film von Dirk Pohlmann (Ronald Reagan ändert US-Doktrin von Verteidigungs- auf Angriffskrieg; wer die Nato für ein Verteidigungsbündnis hält, ist unwissend oder suizidal) sollte zum Grundwissen jedes Europäers gehören, ebenso wie die Geschichte des Raubmordes an den Native Americans, deren ständig weitergeführte Ausdehnung auf den Gesamtglobus kurz vor der Vollendung stehen dürfte (Endsieg) mit dem Präsidentschaftsantritt von Jeb Bush 2017. Pflichtschulstoff für jeden Europäer sollte sein: www.tarpley.net und auf Youtube: ISIS könnte ganz leicht besiegt werden - Webster Tarpley bei NuoViso-Talk
Ausserdem das Video Rede von US-George Friedman, der erklärt, es sei endlich Zeit für Krieg in Europa nach so langem Frieden.
Wolfgang Reuss, am 07. Dezember 2015 um 21:38 Uhr

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