Zwischenruf: SRG-Demut ist deplaziert

Erich Gysling © Bernard van Dierendonck
Erich Gysling / 06. Mär 2018 - Die SRG darf auf das Abstimmungsresultat der No-Billag-Initiative stolz sein. Vorauseilende Unterwürfigkeit ist fehl am Platz.

Eine Vorbemerkung: Ich war in meinem Berufsleben mehrheitlich (total rund 24 Jahre) «Angestellter» der SRG – als Nachrichtenmann bei der Tagesschau, als Redaktor bei der Rundschau, als Chef dieser Sendungen, während fünf Jahren (1985 bis 1990) auch als Chefredaktor. Ich ging in so genannte vorzeitige Pension, weil ich keine Lust hatte, den damaligen Infotainment-Trend mit zu verantworten. Und ich suchte und fand dann weitere «Nischen» im und in der Nähe des Journalismus.

Dies zur Klärung, ob ich der SRG, dem Fernsehen, dem Radio, in irgend einer Weise zu Loyalität verpflichtet wäre. Kurz-Antwort: Klar, Nein.

Ich verfolge die SRG-Sendungen, im Radio und im Fernsehen, mit mässigem Interesse. Geht's um TV, schalte ich spontan eher ZDF oder BBC auf. Aber an Tagen, da es etwas Wichtiges im eigenen Land gibt, hat SRG meine Präferenz. Viele Angebote der SRG brauche ich täglich sogar dringend: am Morgen die Informationssendungen des französischsprachigen Radiosenders zum Beispiel. Irgendwann wechsle ich auf den Klassik-Musik-Kanal. Und später, wenn ich dann noch «inhouse» bin, auf «Kontext» von SRF. Und am Abend muss man ja wohl, innerhalb des Fernseh-Angebots, sich die Tagesschau anschauen und «Meteo». Dass ich mich täglich über die Dialektitis in dieser Sparte ärgere, ist meine Privatsache. Und dass ich oft nicht verstehe, worum es wirklich geht (habe kurz zuvor ja die prägnante Zusammenfassung des Wettergeschehens auf 3sat angeschaut), ist wohl mein persönliches Problem.

Auch, dass ich kein Flair für Unterhaltung habe, geht auf mein eigenes Konto. Und so weiter.

Nun betrachte ich mich, schon gute zwanzig Jahre «jenseits» der Beschäftigung als Arbeitnehmer der SRG, irgendwie als landestypisch: Interesse für einige wenige Sparten, geringe für andere, absolut keine für wieder andere: «Sollen sie doch …»

Aber nun, nach der No-Billag-Abstimmung, lese ich in verschiedenen Zeitungen, dass sich eine respektable Zahl von Parlamentarierinnen und Parlamentariern mit Details dieses Programms befassen werden – mit dem Ziel, diese «zu gross gewordene» SRG zur Vernunft, zum Sparen zu bringen. Das heisst konkret, dass sich die Parteileute in die Programm-Mache einbringen wollen.

Einige werden sagen: Kein «Bestatter» mehr! Andere: «Weg mit Glanz&Gloria». Wieder andere werden sich in technischen Details zu Experten mausern: «Weniger Personal bei Sport-Übertragungen!» Und so weiter. Klar, das kann man der «classe politique» nicht verbieten. Nur muss man sich darüber im Klaren sein, dass eine derartige Einmischung in die Programmgestaltung zu «italienischen» Verhältnissen führt.

Italienische Verhältnisse: Was heisst das?

Ich war, in Ergänzung meiner redaktionellen Aufgaben bei SRG, während acht Jahren Präsident von Intermag – einer informellen Institution, welche die Redaktionen von politischen Magazin-Sendungen kreuz und quer durch Europa gebildet hatten, vom Weltspiegel der ARD über Panorama der BBC bis zu entsprechenden Formaten in Italien, Skandinavien etc., mit einem Sekretariat in Brüssel. Wir waren mit der Rundschau dabei. Also hatte ich die Aufgabe, bei Problemen jeweils genau hinzuschauen, wie die betreffenden Redaktionen arbeiteten.

Mit der italienischen RAI hatten wir immer Schwierigkeiten: Wollten wir (oder wollte der Weltspiegel etc) einen Beitrag aus Italien übernehmen, hatten wir nie die Möglichkeit, eine auch in der Tonspur «reine» Version zu erhalten. Weshalb, fragte ich einmal an einer dieser Tagungen? Die Italiener antworteten ebenso humorvoll wie verlegen: Es sei eben so, dass jede einzelne Reportage, vor dem «Gut zur Sendung», nacheinander von je einem Parteien-Vertreter begutachtet werden müsse – dann sagte der Eine: «Weg mit diesem Statement», der nächste forderte die Eliminierung einer anderen Aussage. Und so weiter. Bis letzten Endes nur eine verstümmelte Version über den Sender lief …

Wollen wir eine vergleichbare Einmischung der Politik hier, in der Schweiz, wirklich? Denn dazu führt das, was jetzt Persönlichkeiten wie Nathalie Rickli (aber auch Vertreter und Vertreterinnen anderer bürgerlicher Parteien) vorbringen.

Die Programme der SRG, so bieder sie für Viele wirken, werden ohne Beeinflussung «von oben» gestaltet. Das ist gut so, so funktioniert auch in anderen (nicht in allen) westeuropäischen Ländern öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio. Und es soll auch so bleiben, meine ich. Die von den höchsten Verantwortlichen (konkret von Gilles Marchand und von Ruedi Matter) nach der haushoch gewonnenen Abstimmung geäusserten «Bekenntnisse» aber führen unweigerlich zum Schluss, dass man «höheren Ortes» in Zukunft politischer Einflüsterung oder Einschüchterung gegenüber offener sein werde als bisher.

Mein Zwischenruf:

Lasst Euch nicht einschüchtern – die Programmhoheit muss da bleiben, wo sie jetzt ist. Auch wenn nicht Alle (auch ich nicht) mit Allem, was produziert wird, glücklich sind. Aber diese 71,6 Prozent Zustimmung bei No-Billag, die könntet Ihr doch mit Stolz und Selbstbewusstsein zur Kenntnis nehmen, anstelle von Demut.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine Interessenkollision. Siehe Anfang des Textes.

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3 Meinungen

Erich Gysling: Bei aller Sympathie, aber Sie sympathisieren oben Kommentar-los mit einem Budget von gut CHF 1.6 Mia. / Jahr. Da stimmt für mich etwas Grundlegendes nicht mehr.

Deshalb plädiere ich für eine Einmischung von Bundesbern, wie immer wenn jemand ¦ etwas über die Stränge schlägt.
- Es wäre klug gewesen, wenn die SRG diesem Treiben selbst Zügel angelegt hätte. Dann wäre die Einmischung der Politik weniger dringlich gewesen.
- Nun aber hat die SRG selbst das gesunde Mass nicht gefunden. Dann darf sie sich nicht wundern.

Umgekehrt plädiere ich für einen seriösen Ansatz bei der Einmischung, welche nun folgen wird.
- Ein klarer Auftrag ausgerichtet auf 'die 4. Gewalt im demokratischen Rechtsstaat'
- Eine Verankerung des neuen Auftrags in der Verfassung
- Eine rein staatliche + Werbeeinnahmen-lose Finanzierung des Betriebs
- Eine echte Konkurrenzierung der SRG über private, Werbeeinnahmen-basierte Massenmedien
- Ein Partei-fernes Kontrollorgan der Schweizer Massenmedien, wenn es um die 4. Gewalt geht

Im Zentrum steht bei mir also der öffentliche Auftrag, nicht die Höhe der Gebühr.
Konrad Staudacher, am 06. März 2018 um 14:02 Uhr
No-Billag wurde abgelehnt. Wichtig ist jetzt, das SRF weiter kritisch berichtet. William Blum, ein US- Publizist schrieb: Die Lügen, die Fake News werden anderswo zusammengestellt, nicht in den Medien, im Kalten Krieg von dem US-Geheimdienst CIA, die dann von den Medien im guten Glauben, dass sie stimmen übernommen wurden. https://www.globalresearch.ca/fake-news-is-fake-news/5628705

Auch über Seltsamkeiten beim Terroranschlag am Boston Marathons vom 15. April 2013 könnte SRF informieren. The Boston Globe berichtete damals: Beamte gegenüber der Buchhandlung, auf der Ziellinie des Boston Marathons, sollen kurz vorher, um 12.53, eine Explosion angekündigt haben, im Rahmen der Anti Terror-Ausbildung. Das Attentat der Gebrüder erfolgte um 14.49 am selben Ort.

Jetzt viel später wurde diese Terrorübung in Boston auf Grund von Video- und Fotos ausführlich in einem über dreistündigen Film dokumentiert. Auf den Filmen war unter anderem zu sehen, wie angeblich Schwerverletzte noch Minuten nach den Explosionen unverletzt herumspazierten. (The Boston Unbombing How And Why The Boston Marathon Bombing Was Staged https://www.youtube.com/watch?v=8zpir3GQDj8) Wie wäre es, wenn das Schweizer Fernsehen dieser Boston-Story kritisch nachgehen würde?

SRF könnte auch über den Vortrag des Diplomphysiker Heinz Pommer am 16. März 2018 in der Helferei in Zürich berichten, über seine Sicht der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA. Website von Heinz Pommer dazu: http://www.911history.de/
Heinrich Frei, am 06. März 2018 um 17:03 Uhr
Herr Staudacher, Sie gehören nicht zu denen, die den Service publique grundsätzlich
ablehnen, ich weiss. Aber über Ihre Reaktion auf Erich Gyslings Beitrag staune ich jetzt doch sehr: Sind Sie Fachmann für elektronische Medien? Wissen Sie,
welche Kosten wofür anfallen? Haben Sie eine Ahnung, wieviele Leute und welche technischen Einrichtungen es braucht, um das SRG-Angebot rund um die Uhr und das ganze Jahr über zu garantieren?
Was mich an den Kommentaren, die dem Ihren gleichen, am meisten stört, ist das freihändige Jonglieren mit Budgetzahlen, die angeblich zu hoch sind. Haben Sie schon einmal nachgefragt, was Sie mit Ihrem/Ihren Zeitungsabo/s so alles bezahlen?
Wir in Bern berappen heuer für ein «Bund»—Abo 559 Franken für sechs Ausgaben
pro Woche. Für diesen vergleichsweise hohen Betrag bekommen wir eine Zeitung,
deren Inhalt (samt SRG-Bashing) zum grössten Teil identisch ist mit dem des
«Tages-Anzeigers» und inzwischen auch mit dem der «Berner Zeitung». Sprich: Immer mehr printmedialer Einheitsbrei und damit verbunden immer mehr Macht für die privaten Verleger. Die diese Macht zu nutzen wissen. Und: Wo bleibt der Aufschrei
gegen d i e s e Mächtigen? Wer verlangt, d i e müssten geradestehen für Fehler, für millionenschwere Fehlinvestitionen, z.B. in Fernsehabenteuer? Warum rechnet denen niemand vor, was sie mit den stolzen Abo-Einnahmen tun? Warum sie z.B. die Redaktionen ausbluten lassen, auf Kosten der Qualität? Ich setze auf Sie!
Rosalie Roggen
rosalie roggen, am 07. März 2018 um 01:41 Uhr

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