Die Zerstörung ist apokalyptisch. Beirut nach der Explosion. © IKRK

Die Zerstörung ist apokalyptisch. Beirut nach der Explosion.

«Nur noch Wut»

Monique Ryser / 07. Aug 2020 - Der Galgen für die Machthaber stehe bereit, schreibt die libanesische Journalistin Fifi Abou Dib nach der Katastrophe in Beirut.

Seit über 50 Jahren leidet der Libanon unter Bürgerkrieg, Wirtschaftskrisen und korrupten Eliten. Gleichzeitig ist das Land ein riesiges Flüchtlingslager mit 1,2 Millionen syrischen Flüchtlingen (ein Viertel der gesamten Bevölkerung) und hundertausenden Palästinensern, die seit Generationen in Lagern leben. Und doch haben die Libanesinnen und Libanesen bis anhin alle Krisen irgendwie gemeistert. Doch nun sei genug, schreibt die Journalistin Fifi Abou Dib in einem Kommentar in der französischsprachigen Tageszeitung «L’Orient Le Jour». Die durch Schlamperei verursachte Explosion im Hafen, die über hundert Tote und Tausende Verletzte gefordert hat, sei der Tropfen zuviel. Damit spricht sie der Bevölkerung aus der Seele.

Bis anhin habe man den Libanesinnen und Libanesen immer zugerufen «nur Mut», damit sei jetzt fertig, jetzt müsse es heissen «nur Wut», schreibt die Journalistin. Das gelte auch für die Widerstandskraft, die vom iranischen Aussenminister gelobt werde. «Der hat Nerven», schreibt sie. «Das resiliente Volk! Nein, endgültig nein. Diese Resilienz, mit denen uns die führenden Köpfe Honig um den Mund streichen, darauf zählen, dass wir uns wieder aufrichten, unseren Dienst verrichten, jedes Mal wenn ihre Dummheit uns wieder direkt in die nächste Mauer steuert. Diese Resilienz ist tödlich.»

Seit Geburt seien sie alle wie unter einer Strassenwalze gefangen, bekämen keine Atempause und lebten in einem Land, das gleichzeitig voller Versprechen sei und voller Not. «Wir haben gelernt, uns immer wieder aufzurichten, den Kopf wieder zu erheben, aufzubauen, was zerstört worden ist, Wunden zu verbinden, die geschlagen worden sind, zu Grabe zu tragen, was tot war. Und dann mit dem Leben einfach weiterzufahren. In jedem Kinderzimmer hänge ein Satz von Rudyard Kipling, Autor des Dschungelbuchs, an der Wand, den er Mogli auf den Weg gegeben habe: «Und ohne ein Wort zu sagen, baue wieder auf.» Als ob von der Wiege an diese Fähigkeit jedem Kind im Libanon eingetrichtert werden müsse.

Bis zu 24 km von der Explosion des Ammoniumnitrats im Hafen entfernt wurden durch die Druckwelle Fenster zerstört. (Infografik: IKRK)

Die Explosion vom Dienstag sei nun der Schlag zuviel gewesen. «Mit der Wirtschaftskrise hatten wir uns organisiert, haben dafür gesorgt, dass in jedem Haus genügend Essen vorhanden ist. Mit der Pandemie kamen wir klar und haben uns angepasst. Aber dass nun durch eine Explosion ein Perimeter von 17 Kilometern im Herzen von Beirut zerstört wird, das ist zuviel. Es ist mehr, als die Bevölkerung noch ertragen kann.» Zuviel sei auch, dass der Staatspräsident die Opfer «Märtyrer» nenne. «Er realisiert nicht, dass dieses Wort aus seinem Mund eine Beschimpfung ist. Märtyrer für was, das möchten wir gerne wissen.» Der Grund für die Toten sei einzig und allein seine Obsession zur Macht und die Missachtung seines eigenen Volkes. «Sie sind tot, unsere Toten, Herr Präsident. Und es war ein schlimmer Tod, ohne Versprechen auf ein Paradies oder einen gerechten göttlichen Ausgleich.» Fifi Abou Dib nennt Namen von Toten, die an einem anderen Libanon gearbeitet hätten. «Aber die gehören nicht zu den Bürgerinnen und Bürgern, die für Sie zählen», wendet sie sich wieder an den Präsidenten. «Für Sie zählen Ungeschulte, Hirnlose, Verzweifelte, die keine andere Ambition haben, als Ihnen aus der Hand zu fressen.»

Keiner der Machthaber habe gewagt, ins Unglücksgebiet zu kommen, keiner habe seine Schuhe schmutzig gemacht in den Trümmern und sich der Katastrophe gestellt, die auch sie zu verantworten hätten. «Ohne Zweifel reiben sie sich schon die Hände, freuen sich auf die internationale Hilfe, die bald kommen wird. Aber wir sagen euch: Wir haben keinen Mut mehr. Wir werden nie mehr resilient sein. Wir sind erfüllt von einer homerischen Wut. Die Leere ist besser als ihre schändliche Kumpanei. Die verzweifelte Menge bereitet schon den Galgen vor, wenn die Machthaber nicht von sich aus verschwinden.»

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5 Meinungen

Und wieder denke ich an Nietzsche und seine Warnung vor dem Elitärismus. Er war der Zeit voraus und irgendwie aber auch nicht, es ist ein Paradoxon, denn der Elitärismus war schon immer da. Es gibt Menschen welche wahre Führungspersönlichkeiten sein könnten, doch für diese ist kein Platz in den Eliten. Wahre Führungspersönlichkeiten haben andere Ziele als Narzissmus und das Horten von Wissen, Kapital und Macht. Es wird Zeit die Welt in die Hände von Kompetenz zu legen, und nicht in fette Brieftaschen, es wird Zeit dass die Wahrheit wieder das höchste Gut wird, es wird Zeit das der Mittelstand wieder samt der Demokratie zurück kommt. Was kommt als nächstes? Die einen sterben an den Folgen oder Spätfolgen eines Virus und die Anderen an einem wohlklingenden MRna-Impfstoff der nicht ausgereift und nicht genügend geprüft wurde. Wird unsere Regierung faule Kompromisse eingehen wie 1938? Ich sehe Medien voller Propaganda, böse Chinesen, böse Russen, man holt die Feindbilder aus der Schublade. Nicht nur Beirut hat genug von dieser Kriegspolitik, die ganze Welt hat genug von Eliten welche ausser Rand und Band sind weil der Raubtierkapitalismus alles an die Wand gefahren, den Mittelstand zerstört und die Demokratie unterwandert hat. Offenbar tut es noch zuwenig weh damit alle sich endlich mal «Empören» über diesen Zustand.
Beatus Gubler, am 07. August 2020 um 18:26 Uhr
Der Automatische Informationsaustausch (AIA) und der Common Reporting Standard (CRS) ist unter diesen Verhältnissen wenig verlässlich.
Die meisten global tätigen Finanzinstititionen betreiben ihre libanesischen Filialen ungestört von solchen für den grössten Teil der libanesischen Bevölkerung desaströsen Verhältnissen.
Auch Kryptowährungen sind von dort benutzen.
In der Stadt Beirut ist die Internetinfrastruktur gut bis sehr gut.
https://www.liportal.de/libanon/alltag/
Das Interesse von liban. uns globalen Macht-Eliten ist viel zu gross, auf diese Offshore Alternative zu verzichten. Für das sichere Verbergen von Kapitalvermögen u. fragwürdigen Einkünften ist dieses ansonsten unsichere Land besser, als sichere Offshore-Destinationen.
Ludwig Pirkl, am 07. August 2020 um 23:25 Uhr
Wer diese Wut nicht nachvollziehen kann, lebt in einer Traumwelt oder ist ist ihm/ihr schnurzpiepegal was in diesem Land schon seit geraumer Zeit passiert. Nämlich eine Katastrophe.
Und da jammern die Europäer unisono, dass eine Million Flüchtlinge - ich meine die echten Flüchtlinge, die wegen ihrer Religion oder weil sie die menschenrechtsverachtenden Machenschaften ihrer i.d.R. korrupten Regierung öffentlich kritisieren oder weil sie einer nicht genehmen Minderheit und deswegen verfolgten Rasse angehören oder sie ganz einfach in ihrem Land auf Grund eines nicht überlebensfähigen Mindestlohnes ihre Familie nicht ernähren können (so dass die reichen Euopäer sich billige, von Sklavenhand produzierte Waren kaufen können usw.) - zuviel sind.
Gleichzeitig werden kriminelle Straftäter nur in geringer Zahl ausgeschafft. Das verstehe wer kann, ich nicht.
Fifi Abou Dib ist eine wirklich mutige Frau, vor der ich alle Hüte die ich besitze, ziehe (ich habe deren viele),
Hoffentlch hat sie sich gut versteckt, denn nachdem sie diesen Wutartikel veröffentlicht hat, dürfte ihr in ihrer Heimat das Todesurteil drohen. Wenn dieses vollstreckt würde, wäre diese Frau eine wahre Märyrerin.
Am Rande bemerkt meine Frage an die geneigten Leser/innen meiner Zeilen: Die männlichen Märtyrer bekommen doch im Paradies auch Jungfrauen als Lohn . Wenn Martyrerinnen ins Paradies gelangen, welches männliche Pendant bekommen diese als Lohn? Jungfrauen nennt man doch «unbefleckte»...
Bitte um ernste Antwort.
Annalisa Gehring, am 08. August 2020 um 00:20 Uhr
Und die rechtsbürgerliche Parlamentsmehrheit in der Schweiz will immer noch, dass Kriegswaffen produziert und exportiert werden können. Mir wird schlecht.
Ruedi Basler, am 09. August 2020 um 17:40 Uhr
@Beatus Gruber: Ihrer Meinung schließe ich mich voll und ganz an.
Außerdem würde ich sehr gerne eine Antwort auf meine Frage von einem kompetenten Islamexperten/m/w/d lesen, was der Koran auf die Paradiessuren bezüglich der weiblichen Martyrer anzubieten hat.
vielen Dank im voraus. Mein Anliegen(Frage) interessiert mich wirklich, denn ich habe gar keine Ressentiments, was die wahren Moslems betrifft. Meine Frage richtet sich an die radikalen Mitglieder dieser Religion, bzw. islamische Religionswissenschafter.
Vielen Dank im voraus.
Annalisa Gehring, am 10. August 2020 um 01:52 Uhr

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