Der Kalender «Persönlichkeiten des Dritten Reichs». Oben ganz links Reinhard Heydrich. © NASEVOJSKO
Das Deckblatt des Kalenders zeigt rot ein Hakenkreuz © NASEVOJSKO
Der Nazi-Kalender im Online-Shop des Verlages NASEVOJSKO © NASEVOJSKO
Hitler als Commander-in-Chief der Nazi-Truppen © Starni
Hitler als Sieger über die Sowjetunion auf dem Roten Platz © Starni
T-Shirt mit Hitler-Bild © NASEVOJSKO

Die Hitler-Verehrer sind zurück – erneut auch in Prag

Christian Müller / 02. Jun 2020 - Neonazis in der Ukraine und immer mehr Neonazis nun auch in Tschechien. Das neuste Kapitel einer traurigen Geschichte.

Er war einer der schlimmsten Nazi-Kriegsverbrecher: Reinhard Heydrich, der zuständige Hitlervertraute für die «Endlösung der Judenfrage». Im Herbst 1941 wurde er von Hitler als Reichsprotektor nach Prag geschickt, verantwortlich für die sogenannte «Resttschechei» Böhmen und Mähren. Das Programm nach Heydrichs eigenen Angaben, wenn auch ein bisschen verklausuliert: einen Teil der Tschechen «eindeutschen», einen Teil vertreiben, einen Teil umbringen. Heydrichs Antrittsrede vom 2. Oktober 1941 zeigt im Detail, was die nationalsozialistischen Führungsleute im Osten Europas vorhatten. So etwa sagte Heydrich in dieser Rede, es gelte den Fabrikarbeitern in der tschechischen Rüstungsindustrie «das Fressen» zu liefern, um die industrielle Produktion zugunsten des Deutschen Reichs sicherzustellen.

Jetzt, 79 Jahre später, produziert eine Prager Druckerei mit dem bezeichnenden Namen Naše vojsko – «Unsere Armee» – einen grossformatigen Wandkalender «Persönlichkeiten des Dritten Reiches» mit zwölf Porträts der schlimmsten Nazi-Kriegsverbrecher, darunter Hitler selber, Heydrich, Göring, Goebbels, Eichmann oder auch Mengele.

Schon vor zwei Jahren hatte die Druckerei «Naše vojsko» T-Shirts mit einem Hitler-Porträt im Angebot, ohne grosse Reaktionen in der Öffentlichkeit. Ganz ohne öffentliche Kritik ging diese neue schändliche Publikation, der Wandkalender im Grossformat, nun aber doch nicht mehr über die Bühne. Wie Radio Prague International (in deutscher Sprache) berichtet, haben die Botschafter Israels und Deutschlands bereits interveniert. Der Präsident der Stiftung für Holocaust-Opfer, Michal Klima, hat Strafklage eingereicht. Auch die Föderation der jüdischen Gemeinden Tschechiens hat angekündigt, Strafklage einzureichen.

Die Druckerei ihrerseits verteidigt sich mit dem Argument, es gehe hier nicht um Propaganda, sondern schlicht um Business, sie verlange ja Geld für den Kalender. Das traurige Faktum hinter dieser Argumentation: Offensichtlich liessen sich die T-Shirts mit dem Hitler-Porträt recht gut verkaufen, sonst wären die Marketing-Zuständigen der Druckerei ja nicht auf die Idee gekommen, jetzt auch einen Nazi-Wandkalender herauszugeben.

So bietet der Verlag den Nazi-Kalender im Online-Shop an: für 21 Euro. Wer genau hinsieht, erkennt das rote Hakenkreuz.

Neues Nazi-Internet-Game aus der Ukraine

Auch in der Ukraine sind die Neonazis aktiv. Infosperber hat darüber ausführlich berichtet. Gerade wieder hat die ukrainische Internet-Game-Firma Starni Games ein neues Game herausgegeben, in dem man als Spieler Nazi-Kommandeur der deutschen Wehrmacht ist und zwanzig Schlachten gegen Frankreich, die Briten und gegen Russland gewinnen muss. Während man bei den «normalen» Kriegsspielen als Spieler wählen kann, welche Seite der Kampfhandlungen man einnehmen will, hat man bei «Strategic Mind: Blitzkrieg», so heisst das neue Game, keine Wahl. Man spielt als Hitler!

Im Internet-Game «Strategic Mind: Blitzkrieg» geht es darum, als Befehlshaber der Wehrmacht ganz Europa zu erobern – inklusive Russland, im Gegensatz zur historischen Realität.

Im Internet-Game «Strategic Mind: Blitzkrieg» kann man als Hitler Moskau erobern und auf der Terrasse am Roten Platz in Moskau die Siegesparade abnehmen.

Sind die Gräueltaten der Nazis einfach vergessen?

Es stimmt nachdenklich, dass in Europa, vor allem im Osten Europas, mehr und mehr Nazi-Memorabilien auftauchen, auf T-Shirts, als Souvenir, oder eben auch im Unterhaltungsbereich. Ist der heutigen Jugend überhaupt noch bewusst, was die Nazis wollten und mit welchen Methoden sie daran gingen, ihre Ziele zu verwirklichen?

Zur Erinnerung: 29. September 1938 erlaubten das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien Hitler, das sogenannte Sudetenland in der Tschechoslowakei zu annektieren, obwohl sie damit ein militärisches Bündnis mit eben dieser Tschechoslowakei natürlich verletzten. Der entsprechende Vertrag ist als «Münchner Abkommen» in die Geschichte eingegangen. Die deutsche Wehrmacht marschierte bereits am 1. Oktober ein. Viele hohe Offiziere und Soldaten, aber auch viele zivile Staatsbürger waren bereit, das Land zu verteidigen. Staatspräsident Edvard Beneš aber, geschockt von dem Verrat der Verbündeten im Westen und ohne Hoffnung auf Hilfe aus Russland, weil Polen einen Durchmarsch russischer Truppen verweigerte, beschloss zu kapitulieren. Hitler aber war mit dem Sudetenland allein nicht zufrieden und besetzte bereits Mitte März 1939 die sogenannte «Rest-Tschechei», nun in Verletzung des Münchner Abkommens.

Weil durch die sofortige Kapitulation durch Beneš kriegerische Kampfhandlungen vorerst ausblieben, wird dieser Vorgang noch nicht zum Zweiten Weltkrieg gerechnet.

Eindeutschen, vertreiben oder an die Wand stellen

Um die Einwohner in Böhmen und Mähren unter Kontrolle zu halten, sandte Hitler einen sogenannten Reichsprotektor nach Prag, der aber in seinen Augen zu wenig hart war. Deshalb schickte er im Herbst 1941 Reinhard Heydrich, den Chef seiner Sicherheitspolizei. Dieser hielt auf der Prager Burg, wie oben erwähnt, eine Antrittsrede. Daraus ein kurzer Abschnitt:

«Da gibt es folgende Menschen:
1. Die einen sind gutrassig und gutgesinnt, das ist ganz einfach, die können wir eindeutschen.
2. Dann haben wir die anderen, das sind die Gegenpole: schlechtrassig und schlechtgesinnt. Diese Menschen muss ich hinausbringen. Im Osten ist viel Platz.
3. Dann bleibt in der Mitte nun eine Mittelschicht, die ich genau durchprüfen muss. Da sind in dieser Schicht schlechtrassig Gutgesinnte und gutrassig Schlechtgesinnte. Bei den schlechtrassig Gutgesinnten wird man es wahrscheinlich so machen müssen, dass man sie irgendwo im Reich oder irgendwie einsetzt und nun dafür sorgt, dass sie keine Kinder mehr kriegen, weil man sie in diesem Raum nicht weiter entwickeln will. [ ] Dann bleiben übrig die gutrassig Schlechtgesinnten. Das sind die Gefährlichsten, denn das ist die gutrassige Führerschicht. Wir müssen hier überlegen, was wir bei diesen machen. Bei einem Teil der gutrassig Schlechtgesinnten wird nur eines übrig bleiben, dass wir versuchen, sie im Reich in einer rein deutschen Umgebung anzusiedeln, einzudeutschen und gesinnungsmässig zu erziehen oder, wenn das nicht geht, sie endgültig an die Wand zu stellen; denn aussiedeln kann ich sie nicht, weil sie drüben im Osten eine Führerschicht bilden würden, die sich gegen uns richtet.
Das sind die ganz klaren grundsätzlichen Gedanken, die wir uns als Leitlinie nehmen müssen.»

(Die Nummerierung 1 - 3 wurde von der Redaktion gesetzt.)

Tschechischen Widerstandskämpfern, die von britischen Flugzeugen über Böhmen mit dem Fallschirm abgesprungen waren, gelang es am 27. Mai 1942, Heydrich mit einem Attentat so zu verletzen, dass dieser am 4. Juni verstarb. Darauf wurden von der SS alle Männer und auch die meisten Frauen und Kinder der beiden Dörfer Lidice und Ležáky erschossen, weil vermutet wurde, sie hätten geholfen, die beiden Widerstandskämpfer zu verstecken. Die beiden Partisanen selbst wurden verraten und in der Orthodoxen Kirche Cyrill und Method in Prag entdeckt. Um der Gefangennahme zu entgehen, erschossen sie sich selbst.

Es lohnt sich auf alle Fälle, die ganze Antrittsrede von Reinhard Heydrich zu lesen. Wer das gelesen und verinnerlicht hat, der weiss, was wir den Soldaten zu verdanken haben, die die deutsche Wehrmacht in Ost und West bekämpft und schliesslich besiegt und uns vor einem Europa unter der Führung der Nazis bewahrt haben.

Und heute?

Heute gibt es – horribile dictu – wieder Leute, die einen Wandkalender produzieren, im Januar und im Dezember mit einem Foto-Porträt von Adolf Hitler, im Februar mit einem Foto-Porträt von Reinhard Heydrich und die anderen Monate mit weiteren neun Fotos von Nazi-Kriegsverbrechern. Und es gibt offensichtlich recht viele Leute, die einen solchen Wandkalender kaufen und dann wohl auch aufhängen.

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Siehe dazu auch

«So verraten Rechtsextreme ihre Sympathien zu den Nazis», auf Infosperber

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Zum Autor deutsch und englisch.

Weiterführende Informationen

Reinhard Heydrichs Antrittsrede in Prag 1941

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5 Meinungen

Es ist nicht redlich, wenn man so tut, als ob die Nazibrut etwas Exotisches sei und ausserhalb unserer Gesellschaft operierend. Die historische Erfahrung hat gezeigt, dass das faschistische Gedankengut mitten in unserer Gesellschaft ausgebrütet wird. Immer wenn die Herrschaft des Kapitalismus ins Wanken geriet, holten die hohen Herren die Höllenhunde heraus und liessen sie wohl gerüstet auf die linke Gegnerschaft los. Das ist heute noch so, wo das kapitalistische System mit seinem Markt- und Konkurrenzchaos weltweit schwächelt. Zum Glück ist die Mehrheit der Weltbevölkerung klar antifaschistisch eingestellt.
Paul Jud, am 02. Juni 2020 um 13:03 Uhr
Wer so einen Kalender möchte, hm... es gibt wahrlich schlimmere, viel, viel schlimmere und sogar aktuell laufende Verbrechen am laufenden Band auf dieser Welt.
Deshalb kommen solche Texte bei mir als «Betroffenheitsduselei» von Leuten an, denen jedweder Überblick fehlt und damit auch eine Priorisierung fehlen muß.
Solche Diskussionen werden schon in wenigen Jahren niemand mehr interessieren, da uns das aktuelle Betrugssystem (Geld, Wirtschaft, Planeten ausplündern) dann fast in den Tod getrieben haben wird.
Zum historischen Hintergrund: ... die dem Artikel zugrunde liegende Sichtweise ist völlig einseitig. Es geht doch wohl nicht primär darum, was im Zuge von Repression, Kriegserklärung dahin/dorthin, Rache, Versaille-Diktat, Kriegsverbrechen ohne Ende (auch seitens der «Befreier") oder dieser albernen sog. «Alleinschuldlügen» passiert ist.
Wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, dann müssen wir zurücktreten und den Anfang der Kausalkette suchen. Dort muß man den Faden aufnehmen. Das vermisse ich hier zur Gänze. Man könnte auch mit Politischer Ökonomie anfangen oder wenigstens mit der Maxime: «Folge der Spur des Geldes».
Ich schätze die positive Absicht des Artikels bzw. des Schreibers, aber so können wir für die Zukunft wahrlich gar nichts verhindern oder besser machen.
Jörg Karkosch, am 02. Juni 2020 um 13:26 Uhr
@Jörg Karkosch: Man kann jede geschichtliche Darstellung abwürgen, indem man darauf hinweist, dass man schon die Entstehungsgeschichte anschauen muss. Ich habe etliche Lebensjahre ins Studium der Geschichte investiert (bin promovierter Historiker) und weiss, dass es keinen «Deus ex machina» gibt, sondern immer auch eine Vorgeschichte. Aber mit Ihrer Argumentation können wir die ganze Geschichtsschreibung zum Müll werfen. Dass es Menschen gibt, die einen Reinhard Heydrich noch (oder wieder) bewundern, zeigt immerhin auf, dass auch heute ein extremer Rassismus unsere Gesellschaft bedroht. Darauf hinzuweisen wird mir niemand verbieten können. Gerade als Historiker bin ich dazu sogar verpflichtet. Mit freundlichem Gruss, Christian Müller
Christian Müller, am 02. Juni 2020 um 14:09 Uhr
Im TV gibt es ständig Filme vom 1. und 2. WK zu sehen. Das sind dann «historische» Begebenheiten, die so vermittelt werden. Wahrscheinlich werden dadurch Gefühle von Wut, Hass und Vergeltung getriggert, denn zwei Weltkriege zu verlieren macht was mit den jungen Menschen, insbesondere Männern, wenn sie selber keine Aufstiegschancen in ihrem Leben sehen. Damit will ich das, was Sie schreiben, nicht klein reden, doch dahinter steckt mehr, als wir denken. Glückliche Menschen, die sich angenommen fühlen und eine humane Erziehung mit Werten und Normen erlebt haben, sind immun gegen das ganze Nazigetöse. Aber wie viele Chancen haben sie heute, im Neoliberalismus, wo auch nur noch Härte und Abfälligkeit gegen andere Länder und andere Sitten herrschen und Kriege sogar völkerrechtlich geführt werden, ohne jemals eine Strafe dafür zu bekommen?! Es fehlen einfach die großen Vorbilder in den Familien und in der Politik, an denen sich junge Menschen orientieren können. Und wenn so ein Mann wie Trump an die Spitze einer Regierung kommen kann, dann muss man sich nicht wundern, dass solche Kalender hergestellt werden, die indirekt versprechen: Ihr könnt es besser machen, als eure Eltern und Großeltern. Gerade lese ich - da kommt ein kurzer Hinweis auf den PC - dass die Polizei in den USA wieder einen Schwarzen erschossen hat. Es herrschen direkte und indirekte Gewalt - politisch so gewollt. Wäre das nicht so, sähe die Politik anders aus.
Karola Schramm, am 02. Juni 2020 um 16:02 Uhr
"Die Hitler-Verehrer sind zurück"
Waren die denn wirklich jemals weg? In den meisten Fällen halt eine Spur diskreter. Es gab doch vor ein paar Jahren im Wallis jemanden, der im Keller eine Reichskriegsflagge aufgehängt hatte und über all die Treffen deutscher Neonazis in der Schweiz wurde im Infosperber ja auch immer wieder berichtet.
Thomas Oberhänsli, am 02. Juni 2020 um 21:42 Uhr

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