Die «Roten Garden» marschieren für ihren Halbgott Mao © Harald Groven/Flickr/CC BY-SA 2.0

«Stürmt die Hauptquartiere!!»

Peter G. Achten / 28. Mai 2016 - Zum 50. Mal jährt sich in China der Beginn der «Kulturrevolution». Das Chaos dauerte zehn Jahre. Mit verheerenden Folgen.

Der Tod des «Grossen Steuermanns» Mao Dsedong am 9. September 1976 besiegelte das Schicksal der «Grossen Proletarischen Kulturrevolution». Wenig später wurde die Viererbande mit Maos Frau Jiang Qing an der Spitze verhaftet. Die Volksrepublik China war nicht wiederzuerkennen. Das Land hatte sozial, ökonomisch und politisch schwer gelitten. Nichts war mehr wie früher. «Grosses Chaos erzeugt grosse Ordnung» – das hatte Utopist Mao einst proklamiert, und vor allem die Jungen glaubten ihrem Halbgott.

Massenmörder Mao

Das Resultat der Kulturrevolution, die Mao am 16. Mai 1966 zur persönlichen Machterhaltung angezettelt hatte, war die grosse Unordnung. Nach offiziellen Zahlen kamen 1,7 Millionen Menschen ums Leben. Zig Millionen wurden gedemütigt, gefoltert, ins Gefängnis gesteckt. Zehntausende schieden freiwillig aus dem Leben. Kulturgüter von unschätzbarem Wert wurden vernichtet. Buddhistische und daoistische Klöster sowie christliche Kirchen wurden abgerissen oder zu Lagerräumen beziehungsweise Fabriken umfunktioniert. Bibliotheken wurden dem Erdboden gleichgemacht. Bücher landeten auf dem Scheiterhaufen. China wurde um zehn, zwanzig Jahre zurückgeworfen.

Fast ein Jahrzehnt vor der Kulturrevolution wollte Mao bereits mit seinem «Grossen Sprung nach vorn» (1958-61) eine seiner Utopien in der Wirklichkeit testen. Die imperialistischen Staaten England und Amerika sollten in einem Kraftakt eingeholt und überholt werden. Der «Grosse Sprung» endete in der grossen Hungersnot. Nach Schätzungen kamen 30 bis 45 Millionen Menschen ums Leben. Mao zog sich zurück, doch als er seine Macht schwinden sah, weil Pragmatiker wie Deng Xiaoping und Staatspräsident Liu Shaoqi die Wirtschaft wieder ankurbelten, kam er zurück. Und wie!

Radikalisierte Jugend

Zuerst machte sich Mao Anfang 1966 den Propaganda-Apparat gefügig. Dann liess er am 16. Mai 1966 an einer erweiterten Sitzung des Politbüros erneut den Klassenkampf ausrufen, diesmal jedoch gegen «Feinde» innerhalb der Partei. Staatspräsident Liu Shaoqi wurde als «Kapitalist Nummer 1» ins Gefängnis geworfen, wo er später ohne ärztliche Hilfe elend zugrunde ging. Deng Xiaoping wurde als «Kapitalist Nummer 2» als einfacher Arbeiter nach Südchina verbannt. Andere hohe und höchste Funktionäre, Lehrer, Professoren, Künstler und Intellektuelle wurden an Massenveranstaltungen geschlagen, gedemütigt und teilweise gar zu Tode geprügelt.

Am 26. Juli 1966 marschierte eine Million Jugendliche auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen auf. Mao gab den Schülern und Studenten, die sich zu «Roten Garden» formiert hatten, die Parole auf den Weg: «Entfernt die bourgeoisen Feinde aus der Partei!» – «Stürmt die Hauptquartiere!!».

Die chinesische Jugend liess sich das nicht zweimal sagen. Überall im Land wurde Jagd auf Autoritäten gemacht. Schüler attackierten Lehrer, Studenten Professoren, kleine Parteikader grosse Parteikader. Schlimmer noch: Kinder denunzierten Eltern. Schliesslich bekämpften sich im landesweiten Chaos verschiedene Fraktionen, jede noch Mao-treuer als die andere. Allein in der zentralchinesischen Stadt Wuhan bekämpften sich zum Beispiel 54 verschiedene Gruppen. In Peking griffen Studenten der Beida-Universität Studenten der Tsinghua-Uni an – mit Gewehren, Handgranaten, ja sogar mit Artillerie.

Keine Gnade für unliebsame Genossen

Diese chaotischen Verhältnisse wurden sogar Mao zu viel. Er liess die Volksbefreiungsarmee aufmarschieren. Die «Roten Garden» wurden aufgelöst, ihre Anhänger aufs Land verbannt. Dort sollten die städtischen Schüler und Studenten von den Bauern lernen. Einer von ihnen war der heutige Staats- und Parteichef Xi Jinping, er «diente dem Volke» im Schweinekoben einer Volkskommune. Xis Vater, zuvor stellvertretender Ministerpräsident unter Mao, wurde an einer öffentlichen Volksversammlung beschimpft, geprügelt, gefoltert und später jahrelang ins Gefängnis gesteckt.

Wie Xi Jinping erging es drei weiteren Mitgliedern des heutigen Ständigen Ausschusses des Politbüros – des siebenköpfigen allmächtigen Gremiums der Volksrepublik: Auch Premier Li Kejiang, Ideologiechef Liu Yunshan und Disziplinarchef Wang Qishan «dienten dem Volke». Xis Halbschwester nahm sich das Leben, ebenso die Schwester von Yu Zhangsheng, der heute ebenfalls Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros ist.

Zwei Jahre nach Beginn der Kulturrevolution hatte Mao sein Machtziel erreicht. Rund zwei Drittel des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas wurden ersetzt durch Mao-treue Ja-Sager. Mao, «Die Sonne des Ostens», erreichte den Status eines Halbgottes. Maos handverlesener Nachfolger, Marschall Lin Biao, soll angeblich einen Staatsstreich vorbereitet haben. Er kam Anfang der 70er-Jahre bei einem Flugzeugabsturz über der mongolischen Wüste ums Leben, offenbar war er auf der Flucht in die Sowjetunion.

Während der ganzen Zeit hielt der legendäre Premierminister Tschou En-lai das Land einigermassen zusammen und verhinderte noch Schlimmeres. Mit dem Tod Maos am 9. September war die «Grosse Proletarische Kulturrevolution» am Ende. Deng Xiaoping übernahm die Macht und leitete im Dezember 1978 die Wirtschaftsreform und Öffnung nach aussen ein.

«Ein grosser Fehler»

Der Rest ist Geschichte – könnte man meinen. Doch China hat die Kulturrevolution bis heute noch nicht richtig verarbeitet. Allerdings ist sie kein absolutes Tabu wie der «Grosse Sprung» und die Hungersnot oder Tiananmen 1989. Schriftsteller wie Yan Jianke, Ji Xianlin, Wang Meng, Zhang Jie und viele andere haben darüber viel gelesene Romane publiziert. Einige Täter haben sich entschuldigt, so zum Beispiel der Sohn von Marschall Chen Yi, Chen Xiaolu, der 2013 bei seinen ehemaligen Lehrern für üble Attacken um Vergebung bat.

Das Zentralkomitee hat die «Grosse Proletarische Kulturrevolution» bereits 1981 als «Katastrophe», «Zeit des Chaos» und als «grossen Fehler» verurteilt. Die Viererbande, angeführt von Maos Frau Jiang Qing, habe «hinter dem Rücken Maos» agiert. Das ZK kommt zum Schluss, Mao habe 70 Prozent Gutes und nur 30 Prozent Schlechtes zu verantworten. Reform-Architekt Deng Xiaoping sagt zwar, dass erst die Geschichte ein endgültiges Urteil abgeben werde, doch ohne Mao hätte es kein modernes China gegeben. Deng 1981: «Mao zu diskreditieren, würde bedeuten, unsere Partei und unseren Staat zu diskreditieren.»

Wenn westliche Kommentatoren Xi heute unterstellen, ähnliche Praktiken wie zu kulturrevolutionären Zeiten zu fördern, einschliesslich des Personenkults, kennen sie die Fakten nicht. Zwar hat Xi Jinping seit seinem Machtantritt die Schraube angezogen und den von Reformübervater Deng als Reaktion auf die Kulturrevolution eingeführten kollektiven Führungsstil durch ein autoritäres Modell ersetzt. Doch die Kritik gegen die Parteiführung ist in kleinem Rahmen explizit erlaubt und erwünscht. Partei- und Regierungskader müssten zu Intellektuellen ein ausgewogenes gutes Verhältnis finden, sagt Xi. Obwohl sie «Vorurteile und falsche Informationen über Regierungs- und Parteipolitik» hätten, sollten Partei- und Regierungskader die Intellektuellen nicht verurteilen. «Menschen sind nicht Gott. Unsere Meinung und unsere Kritik kann niemals zu 100 Prozent richtig sein.» Anders als zur Zeit der Kulturrevolution ist China heute nicht nach aussen abgeschottet. Das Internet wird zwar überwacht und zum Teil zensiert, doch es wird rege genutzt. Bald gibt es in China eine Milliarde Handys, und Millionen von Chinesen reisen ins Ausland.

Verdrängen und schweigen

Die Kulturrevolution richtete nicht nur materielle und soziale Schäden an, auch das Werte-System kam unter die Räder. In einer Gesellschaft, in der Intellektuelle traditionell hohes Ansehen geniessen, ging während der Kulturrevolution der moralische Kompass verloren. Noch heute ringt man in China um neue Werte, wie auch die von der Partei unterstützte Wiederbelebung der Lehren von Meister Kong (Konfuzius) zeigt. Dieser Prozess ist längst nicht abgeschlossen und bedarf einer breiten Diskussion der neueren und neuesten Geschichte innerhalb Chinas.

Viele meiner Bekannten und Freunde in China, die die Kulturrevolution miterlebt haben, reden nur ungern über jene chaotischen Jahre. Von einigen weiss ich nicht einmal, ob sie Opfer oder Täter waren. Die junge Generation sieht in Mao Dsedong vor allem den «Staatengründer». Zur Politik und Geschichte der Vergangenheit fehlt der Bezug. Die jungen Chinesinnen und Chinesen wollen Geld verdienen und suchen nach neuen Werten. Die Älteren und Alten schweigen oder trauern den alten, «besseren» Zeiten nach. Dieses Schweigen und Verdrängen erinnert an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Kriegsgeneration in Deutschland nur ausweichend oder gar nicht über die Zeit des Nationalsozialismus sprach.

Der «dritte Weg»

Auch westliche Intellektuelle meiner Generation müssen ihre Haltung kritisch hinterfragen. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Wer stramm antikommunistisch war, für den war von Anfang an klar: Mao und die Kulturrevolution waren – wenn nicht des Teufels – so doch zumindest grundfalsch und kommunistisch. Die Linken hingegen jubelten Mao ebenso zu, wie sie ein Jahrzehnt später dem kambodschanischen Massenmörder Pol Pot applaudierten.

Für jene aber, die, wie ich, in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts politisiert wurden, war alles etwas komplizierter. Wir lasen eben nicht nur Adam Smith, Karl Marx, Friedrich Engels und das kleine rote Buch von Mao, sondern auch Max Weber, Frantz Fanon und lateinamerikanische Befreiungstheologen wie Gustavo Gutierrez. Die Niederlage der französischen Kolonialisten in Dien Bienphu 1954 brachte Vietnam die Unabhängigkeit, danach folgte der algerische Unabhängigkeitskrieg und 1959 die Revolution in Kuba. Kurz, wir Tiers-Mondistes begrüssten die Kulturrevolution vorsichtig als den «dritten Weg» zwischen Kapitalismus und Sowjetkommunismus. Wie sich bald herausstellen sollte, gab es diesen Weg nicht.

Reality-check

Der endgültige Reality-check erfolgte bei mir 1986, als ich anfing, in China zu leben und zu arbeiten. Trotz erfolgreicher Wirtschaftsreform kündigten sich inmitten einer überhitzten Wirtschaft und Hyperinflation bald Unruhen an. Doch seit der Zeit der Kaiser fürchten die Herrschenden in China nichts so sehr wie Chaos (Luan), weil sie um das «Mandat des Himmels», also die Macht, bangen.

Bei den Studenten- und Arbeiterprotesten auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen 1989 blickte Deng Xiaoping zurück. Er sah Rote Garden, er sah Chaos wie damals 1966 auf dem Tiananmen und liess die Volksbefreiungsarmee aufmarschieren. Hat Deng damals falsch geurteilt? Mit Sicherheit war es eine Tragödie. Im Gegensatz zur Kulturrevolution aber bleiben die Ereignisse von Tiananmen 1989 bis heute als «Konterrevolutionärer Aufstand» absolut tabu. Doch China kommt nicht darum herum, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Sowohl den «Grossen Sprung nach vorn», die «Grosse Proletarische Kulturrevolution» als auch Tiananmen 89.

Kann sich Geschichte wiederholen? Der ehemalige Premier Wen Jiabao jedenfalls schliesst es nicht aus. Kurz vor Ende seiner zehnjährigen Amtszeit 2012 sagte er: «Ohne erfolgreiche politische Reform könnte sich eine solche historische Tragödie wie die Kulturrevolution wiederholen.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.

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Eine Meinung

Das Chaos dauerte zehn Jahre, mit verheerenden Folgen... mag ja sein.

Aber was tut die westliche Wertegemeinschaft um ihre Macht zu erhalten?

Es gibt da ein Kartenspiel welches in den 80er Jahren in den USA hergestellt und publiziert wurde. Der Name... «Friendly Dictators» ,Es werden 36 der peinlichsten Freunde Amerikas vorgestellt... alle strategisch an der Macht erhalten mit verheerenden Folgen für Millionen Menschen. Immer schon spielten Schulden und Waffen eine verheerende Rolle um ganze Völker für immer neue Kriege gegen Feinde aufzuhetzen die man zuvor nie gekannt hatte.

Sorgen macht mir das Aufrüsten in Europa und diese elende Kriegshetzerei gegen einen Feind der Zeit meines Lebens nie eine persönliche Bedrohung war und trotzdem wurde auch ich aufgehetzt und wuchs mit einer gewaltigen Lebenslüge heran. Meine Befürchtung, es wird das genau gleiche vorbereitet wie damals vor ca. hundert Jahren der Aufbau einer kleinen völkischen Partei die schliesslich in einem gewaltigen Krieg endete...
Uwe Borck, am 29. Mai 2016 um 13:59 Uhr

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