Türkische Militäreinheiten rücken in die syrische Region Afrin vor © Tagesschau.de

Türkische Militäreinheiten rücken in die syrische Region Afrin vor

Einmarsch in Syrien: Sicherheitsrat schont Türkei

Andreas Zumach, Genf / 24. Jan 2018 - Der UN-Sicherheitsrat konnte sich nicht zu einer gemeinsamen Erklärung durchringen. Gab es vor der türkischen Offensive Absprachen?

Der UN-Sicherheitsrat in New York hat am Montagabend ohne Ergebnis über die militärische Invasion der Türkei gegen Kurdenmilizen im Nachbarland Syrien beraten. Die Kämpfe insbesondere um die Stadt Afrin dauerten auch in der Nacht an. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan zeigte sich von jeglicher Kritik unbeeindruckt und erklärte, die Militäroperation werde bis zum Erreichen ihres erklärten Ziels der Schaffung einer 30 Kilometer breiten «Sicherheitszone» südlich der syrisch-türkischen Grenze, fortgesetzt. «Afrin wird abgeschlossen. Es gibt keinen Schritt zurück aus Afrin», sagte er in Ankara.

Der Sicherheitsrat konnte sich bei seinen von Frankreich beantragten Beratungen hinter verschlossenen Türen nicht auf eine Resolution und noch nicht einmal auf eine gemeinsame Erklärung zu der türkischen Militäroperation einigen. Nach Informationen von Sitzungsteilnehmern plädierte unter den fünf ständigen, vetoberechtigten Ratsmitgliedern lediglich Frankreich für eine gemeinsame Erklärung, erhielt dafür aber keine Unterstützung von Russland, China und Grossbritannien. Die UN-Botschafterin der USA, Nikki Haley, nahm überhaupt nicht an der Sitzung teil.

Ruf nach Zurückhaltung

Die Militäraktion sei «natürlich Teil der Diskussion gewesen», erklärte der französische UN-Botschafter François Delattre im Anschluss an die Beratungen. «Der Ruf nach Zurückhaltung wurde, glaube ich, in der Diskussion weitgehend geteilt.»

Bereits vor der türkischen Militäroperation war geplant gewesen, dass der UN-Sicherheitsrat einen Bericht des UN-Nothilfekoordinators Mark Lowcock über die humanitäre Lage in Syrien anhören würde. Auf Antrag Frankreichs wurden die türkische Invasion in Afrin sowie die Offensive syrischer Regierungstruppen in der an der Grenze zur Türkei gelegenen Provinz Idlib und in Ost-Ghuta nahe der Hauptstadt Damaskus zusätzlich auf die Tagesordnung gesetzt.

Delattre verwies auf die «tragische humanitäre Situation, verursacht durch die Operationen des syrischen Regimes und seiner Verbündeten» vor allem in Idlib und Ost-Ghuta. Die Lage in Afrin sei  nur ein Aspekt «der Situation in Syrien». «Oberste Priorität» müsse weiterhin der Kampf gegen den Terrorismus und vor allem gegen den IS haben.

Gab es Absprachen?

Diese Erklärung des französischen UN-Botschafters, die Zurückhaltung Russlands, Chinas und Grossbritanniens an der Sitzung des Sicherheitsrates sowie die Abwesenheit der USA erweckten bei Beobachtern den Verdacht, dass es vor Beginn der türkischen Militäroperation eine Absprache gegeben hat zumindest zwischen den Regierungen in Ankara und Moskau, an der möglicherweise auch Washington beteiligt war: Russland signalisiert der Türkei freie Hand für die Militäroperation gegen die syrischen Kurdenmilizen. Im Gegenzug gibt Ankara seinen Widerstand auf gegen die von Russland unterstütze Offensive der syrischen Regierungstruppen gegen die bislang von Ankara unterstützten islamistischen Rebellen in der Provinz Idlib.

Der Vize-Fraktionschef der FDP im Deutschen Bundestag, Alexander Graf Lambsdorff, äusserte indirekt den Verdacht, dass auch die Regierung von Kanzlerin Merkel Ankara im Vorfeld grünes Licht signalisiert hat für die Militäroperation, zumindest für den Einsatz deutscher Leopard-Panzer bei dieser Operation. Gegenüber der «Heilbronner Stimme» erklärte Lambsdorff: «Ich stelle mir die Frage, ob sich der türkische Aussenminister Çavuşoğlu bei seinem Besuch in Goslar bei Aussenminister Sigmar Gabriel eine Art Stillhaltezusage abgeholt hat. Denn es ist schon ein merkwürdiger Zufall, dass Çavuşoğlu Gabriel daheim zu einem Zeitpunkt besucht, während noch deutsche Staatsbürger als politische Gefangene in der Türkei einsitzen. Es ist Zeit, dass die Bundesregierung klar Stellung bezieht zum völkerrechtswidrigen Vorgehen der Türkei, und es ist auch an der Zeit, dass Gabriel uns hier reinen Wein einschenkt.» Lambsdorff betonte, die «Invasion der Türkei» sei «völkerrechtlich durch nichts legitimiert». Es gebe «kein Mandat der Vereinten Nationen und es handelt sich auch nicht um Selbstverteidigung. Alle Staaten sollten die Türkei zur Beendigung der Aktion aufrufen und sie auffordern, stattdessen an einer politischen Lösung mitzuarbeiten».

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Andreas Zumach ist spezialisiert auf Völkerrecht, Menschenrechtspolitik, Sicherheitspolitik, Rüstungskontrolle und internationale Organisationen. Er arbeitet am europäischen Hauptsitz der Uno in Genf als Korrespondent für Printmedien, wie beispielsweise die tageszeitung (taz), Die Presse (Wien), die WoZ und das St. Galler Tagblatt, sowie für deutschsprachige Radiostationen und das Schweizer Fernsehen SRF.

Weiterführende Informationen

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