Viele Litauer freuen sich über NATO-Panzer in den Strassen © RT

Viele Litauer freuen sich über NATO-Panzer in den Strassen

Jetzt rollen auch wieder die Panzer

Jürg Müller-Muralt / 19. Aug 2017 - Vor zwanzig Jahren haben Experten den zwischenstaatlichen Krieg zum Auslaufmodell erklärt. Vielleicht war die These etwas verfrüht.

Zuerst wurde das «Ende der Geschichte» ausgerufen, etwas später dann auch noch das «Ende des klassischen Krieges». Die erste These setzte 1992 der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama kurz nach dem Mauerfall und den demokratischen Umbrüchen in Osteuropa in die Welt. Demokratie, Liberalismus und Marktwirtschaft, so lautete kurz zusammengefasst die These, hätten gewonnen und seien alternativlos; politische Ideologien, Autoritarismus und Totalitarismus dagegen befänden sich endgültig auf dem Misthaufen der Geschichte. Das erwies sich als falsch, aber der Autor wurde berühmt.

Von der Symmetrie zur Asymmetrie

Etwas komplizierter verhält es sich mit der zweiten These. Gegen Ende des vergangenen und zu Beginn des neuen Jahrhunderts erschienen verschiedene Aufsätze und Bücher von Politikwissenschaftlern und Militärhistorikern, die vom «Ende des ‹klassischen› Krieges» sprachen. So lautete beispielsweise der Titel eines Beitrags des deutschen Politologen Herfried Münkler in der Neuen Zürcher Zeitung (14./15.09.2002). Dort ist, als Quintessenz des Aufsatzes, auch die Aussage zu finden: «Der zwischenstaatliche Krieg ist also ein historisches Auslaufmodell.» In seinen Büchern Die neuen Kriege (2002) und Der Wandel des Krieges: Von der Symmetrie zur Asymmetrie (2006) spricht Münkler davon, die klassischen, konventionellen, symmetrischen Kriege zwischen Staaten seien von asymmetrischen Kriegen abgelöst worden, also von Bürgerkriegen, innerstaatlichen Konflikten, Terrorattacken, Guerillakriegen, Kriegen von Warlords als Folge eines Staatszerfalls etc. Es handelt sich auch um Kriege zwischen Gegnern, die strategisch und waffentechnisch völlig unterschiedlich und ungleichgewichtig ausgerichtet sind.

«Letzte Phase der Abschaffung»

Als zweites Beispiel sei der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld zitiert. In seinem 1991 erschienenen Buch Die Zukunft des Krieges (deutsch 1998) heisst es: «Konventionelle militärische Organisationen der wichtigsten Mächte haben für die überwiegende Form des heutigen Krieges so gut wie keine Bedeutung.» Und: «Falls es nicht zum atomaren Holocaust kommt, steckt der konventionelle Krieg offenbar in der letzten Phase seiner Abschaffung. (…) Während sich der zwischenstaatliche Krieg auf der einen Seite der historischen Drehtür verabschiedet, kommt auf der anderen Seite der low intensity conflict zwischen unterschiedlichen Typen von Organisationen herein.» Wobei es heute, angesichts etwa des Syrien-Konflikts, geradezu zynisch wäre, von einem Konflikt niederer Intensität zu sprechen, obschon er alle Elemente eines innerstaatlichen, asymmetrischen Krieges aufweist.

1962: «Letzte ernsthafte Drohung»

Nicht nur der klassische, konventionelle Krieg ist laut van Creveld ein Auslaufmodell, auch ein Nuklearkrieg sei nicht führbar, «weil bis heute niemand ein überzeugendes Konzept vorgelegt hat, wie ein Atomkrieg geführt werden könnte, ohne die ganze Welt in die Luft zu jagen.» Er ging gar so weit zu behaupten, dass «in der Kubakrise im Oktober 1962 wohl letztmals jemand ernsthaft mit dem Einsatz von Atomwaffen drohte». Nun haben wir spätestens dieser Tage erfahren müssen, dass das so leider nicht stimmt: Nordkoreas Kim Jong-un wie Amerikas Donald Trump drohen offen bis leicht verklausuliert mit Atomwaffen; die Frage ist höchstens wie «ernsthaft». Ziemlich ernsthaft gedroht hat aber ausgerechnet Martin van Creveld selbst, wenn auch natürlich nicht als offizielle Stimme Israels. In einem Interview mit einer niederländischen Wochenzeitung sagte er 2002: «Wir (d.h. Israel, Anm. J.M.) besitzen mehrere hundert nukleare Sprengköpfe und Raketen und können sie auf Ziele in allen Himmelsrichtungen lenken, vielleicht sogar bis Rom. Die meisten europäischen Hauptstädte sind mögliche Ziele unserer Luftstreitkräfte. (…) Wir haben die Fähigkeit, die Welt mit uns zu nehmen (take down the world with us). Und ich versichere Ihnen, dass dies geschehen wird, bevor Israel untergeht.» (Zitiert nach Wikipedia).

Die These vom nichtführbaren Atomkrieg war zumindest für die Zeit des Gleichgewichts des Schreckens zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion zutreffend. Ob sie heute, da weitere Staaten über Atomwaffen verfügen, immer noch und in gleichem Masse richtig ist, bleibt umstritten. Aber auch bei den Analysen über die Zukunft des Krieges müssen einige Fragezeichen gemacht werden. Es ist zwar unbestritten, dass derzeit praktisch keine klassischen, zwischenstaatlichen Kriege geführt, dafür sehr viele kriegerische Konflikte anderer Art ausgetragen werden. Ob die konventionelle Kriegsführung jedoch wirklich ein «historisches Auslaufmodell» (Münkler) ist, muss bezweifelt werden. Zumindest in den Köpfen und Planungen der Militärs nimmt er nach wie vor einen prominenten Platz ein.

Panzer werden plötzlich wieder wichtig

Im Fernen Osten ist die Gefahr eines grösseren zwischenstaatlichen Krieges dieser Tage ganz offensichtlich gestiegen. Aber auch in Europa kommen sich russische Truppen und Nato-Verbände bedrohlich nahe. Russland sieht sich von der Nato umzingelt, der Westen befürchtet nach der Annexion der Krim weitere russische Expansionsversuche. Man schaukelt sich gegenseitig hoch: Die Nato hat mehrere Bataillone in Estland, Lettland, Litauen und Polen stationiert. Die Truppenübungen auf beiden Seiten finden immer häufiger statt. «Die Spannungen sind grösser als seit Langem», sagt Fredy Gsteiger in einer beachtenswerten Reportage im Echo der Zeit von Radio SRF (15.08.2017). Und «Panzer, die noch bis vor Kurzem als Waffe der Vergangenheit galten, werden für die Nato plötzlich wieder wichtig.»

Zurück zu alten Taktiken

Auch die Süddeutsche Zeitung schreibt, dass «alte Taktiken, garniert mit neuer Technik, in der Nato nun wieder geübt» würden. Nach Jahren der Out-of-Area-Einsätzen, also Einsätzen fern des Nato-Gebietes wie etwa in Afghanistan, werde nun wieder darauf geachtet, «klassisches militärisches Rüstzeug nicht aus den Augen zu verlieren: Landesverteidigung im Nato-Verbund.» An der russischen Grenze im Osten Europas stehen sich wieder hoch gerüstete, offen operierende staatliche Armeen gegenüber. Nicht mehr nur kleinere, verdeckte und schnell operierende Einheiten kommen zum Einsatz, sondern wieder, wie im konventionellen Krieg, schweres Gerät und eine grosse Anzahl an Soldaten. Die deutsche Informationsplattform Telepolis titelt gar etwas überspitzt: «Vom asymmetrischen Krieg zurück zur konventionellen Kriegsführung».

Von Spezialoperationen zu konventionellen Schlachten

Die US-Armee hat während mehr als einem Jahrzehnt vorwiegend islamistische Aufständische in Irak und Afghanistan bekämpft. Nun üben sie «in Osteuropa die Echos des Kalten Kriegs», wie die New York Times (NYT) in einem Beitrag schreibt. Hunderte von Schlachtpanzern werden derzeit neu gestrichen und müssen ihre Tarnfarben ändern – von wüstenähnlichem Hellbraun in ein sattes Dunkelgrün für europäisches Terrain. Die Soldaten, die von mehr oder weniger sicheren irakischen und afghanischen Basen aus operierten, müssen für neue Bedingungen fit gemacht werden, in denen der Gegner alle Truppenbewegungen durch Satelliten, Überwachungsflugzeuge und Drohnen beobachtet. Die NYT bringt das Beispiel von Oberst Gill, der seine Ausbildung in der US-Militärakademie West Point zu einer Zeit absolvierte, als Russland noch als grosse Gefahr galt. Doch nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA verbrachte Gill, einer der versiertesten Black-Hawk-Helikopterpiloten, die meiste Zeit in kleinen, hochgeheimen Einheiten für Spezialoperationen gegen islamistische Terroristen. Als er vor einiger Zeit das Kommando einer Luftwaffenbrigade übernahm, habe er lernen müssen, dass es einige Zeit braucht, «um sich auf konventionellere Schlachten vorzubereiten». Die NYT vertritt in ihrem Artikel die These, die Waffen und Strategien des Kalten Kriegs würden wieder aktuell.

Trend und Wirklichkeit

Natürlich verschwinden die asymmetrischen Konflikte deswegen nicht. Es kommen einfach vermehrt wieder konventionelle Kriegsszenarien dazu, zusätzlich zu den noch unberechenbareren Szenarien des Cyberkriegs. Neuere Formen militärischer Bedrohung verdrängen offensichtlich nicht einfach die älteren. Die teilweise recht apodiktischen Voraussagen der Zeit um die Jahrtausendwende über die Zukunft des Krieges haben sich nicht in der von den Autoren dargestellten Deutlichkeit entwickelt. Aber das ist ja nun wirklich nicht neu: Trends lassen sich feststellen, aber ob sich die Wirklichkeit dann auch längerfristig in diese Richtung bewegt, ist eine andere Frage.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Siehe auch den Beitrag auf Infsperber: Neue US-Basis in der Ukraine

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9 Meinungen

Ja, wieder mal typisch, diese Amerikaner: jetzt Panzer «europäisch» bemalen nachdem sie sie «wüstenhaft» angemalt hatten. Typisch, weil sie damit zeigen, dass sie sich wieder mal auf einen Krieg AUSSERHALB der USA einstellen . Das ist eine US- eine Gewohnheit seit dem ersten Weltkrieg ... Wegen ihrem autistischen Imperialismus lösen sie Kriege aus oder beteiligen sie sich an ihnen und nehmen in Kauf die totalen Verwüstung der Kriegsgebiete AUSSERHALB der USA - dass es sowas auch bei ihnen geben könnte ist für sie undenkbar. Und wenn mal etwas derartiges , Kleines im Vergleich zu den Verwüstungen in Europa. Asien, Vietnam etc wie 9/11 bei ihnen passiert , dann bricht für sie eine Welt zusammen ... Da ihnen diese - für sie zum Glück - schreckliche Erlebnisse fehlen, gehören die USA mehr als objektiv notwendig zu den den grossen und gefährlichen Kriegstreibern.
bernhard sartorius, am 19. August 2017 um 14:08 Uhr
Entgegen den Abmachungen bei der Wiedervereinigung Deutschlands, wurde die NATO nach Osten erweitert. Das ist für die USA ein gefundenes Fressen (oder vielleicht von langer Hand geplant?). Sie können endlich ihren alten Traum verwirklichen und US-Truppen an die Russische Grenze bringen. Die NATO ist die grosse Gefahr für Europa geworden und Deutschland hat da kräftig mitgemacht. Die Kanzlerin hat offensichtlich ihren Russland-Hass mit der Muttermilch eingesogen. Das behindert die Wirtschaft Europas sehr, die auf eine friedliche Koexistenz mit Russland angewiesen wäre.
Bernhard Ramp, am 19. August 2017 um 16:45 Uhr
"Annexion der Krim"? Warum übernimmt Infosperber unreflektiert NATO-Sprech?
Thomas Müller, am 19. August 2017 um 18:10 Uhr
Wenn die Krim nicht zu Russland zurückgeholt worden wäre, wären jetzt US-Truppen auf der Krim. Für die meisten Mensche dort (über 50% Russen) eine Horrorvorstellung.
Bernhard Ramp, am 19. August 2017 um 20:02 Uhr
Ist es sinnvoll über Szenarien möglicher Kriege zu diskutieren, ohne auf die Ursachen der Konflikte zu verweisen? Der Zusammenbruch der Sowjetunion machte Millionen von Russen zu Fremden im bisher eigenen Land, z.B. in Litauen. Die Situation Russlands ist vergleichbar mit derjenigen von Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg (mit dem Unterschied, dass Russland unter Jelzin nicht zur Abrüstung gezwungen wurde). Diese Probleme zu lösen erfordert Panzer höchstens zur Dekoration (quasi bewaffnete Neutralität), aber viel echten Willen zur Verständigung. René Hauswirth
René Hauswirth, am 19. August 2017 um 21:49 Uhr
Ja, richtig: wenn Russland die Krim, die Chruschtschow 1953 innerhalb der Sowjetunion an die Ukraine verschenkt hatte, nicht wieder in Russland eingegliedert hātte, stūnde die NATO wohl neben der russischen Schwarzmeerflotte. Heiter! Und die NATO ist dabei absolut friedlich, und die Russen sind die Bōsen. Das ist der verbreitete Glaube in allen westlichen Medien.
Ruth Obrist, am 20. August 2017 um 00:26 Uhr
@ hauswirth: Millionen von Russen in Litauen «im eigenen Land"!? Für diese Geschichts-Naivität bedanken sich die Litauer. Stalin hat Russen in die baltischen Staaten mit dem Ziel geschickt, resp. deportiert mit dem Ziel, in der Sowjetunion langfristig alle nichtrussischen Kulturen auszulöschen. Dass Esten, Litauer und Letten die Russen am liebsten wieder los würden, ist ihnen nicht zu verargen.
Arnold Fröhlich, am 21. August 2017 um 18:41 Uhr
Herr Fröhlich hat natürlich recht, Stalin hat Russen nach dem Baltikum deportiert. Die russische Bevölkerung hatte unter Stalin am meisten zu leiden und die allerwenigsten möchten ihn zurück. Nun leben sie aber in zweiter oder dritter Generation dort. Hat man den die Bevölkerung gefrat, ob man NATO-Truppen im Land will? Davon habe ich nichts gehört, man hat sowohl in Polen, wie in den Baltischen Staaten, die Bevölkerung vor vollendete Tatsachen gestellt:
http://www.anderweltonline.com/klartext/klartext-2017/hurra-die-ami-panzer-sind-wieder-da-nato-aufruestung-in-osteuropa/
Bernhard Ramp, am 28. August 2017 um 18:19 Uhr
Absolut korrekt, Herr Ramp! Die Eltern und Grosseltern jener Russen, die heute in zweiter und dritter Generation in den baltischen Staaten leben, sind oft nicht freiwillig dorthin gekommen. In Lettland (Litauen kenne ich nicht) werden die dort lebenden Russen noch immer verhasst und gesellschaftlich und politisch diskriminiert.
Im zeitgeschichtlichen Museum im Zentrum von Riga kommt deutlich zum Ausdruck, dass die Letten die Herrschaft der Sowjets, mit den Deportationen von Zehntausenden, offenbar als weitaus gravierender empfanden als die Besetzung durch die Nazis während des Zweiten Weltkriegs.
Richtig ist, dass die dortige Stationierung von NATO-Truppen ein Bruch der Zusagen ist, die der Westen beim Zusammenbruch der Sowjetunion den Russen abgegeben hat. Die Bevölkerung wurde dazu tatsächlich nicht befragt, aber die Angst vor dem russischen Bären (sprich Putin) ist (noch immer, oder besser: wiederum) virulent und so sind die Letten nicht ungern unter dem militärischen Schutzschirm der NATO. Dass dies für sie auch eine Gefahr darstellt, wird offenbar in Kauf genommen.
Arnold Fröhlich, am 28. August 2017 um 20:27 Uhr

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