Armenia Military © Uncredited/Armenian Defense Ministry Press Service/PAN Photo/AP/dpa

Armenische Soldaten im jüngsten Konflikt nahe der Grenze zu Azarbeidjan.

Ist der Konflikt zwischen Armenien und Azarbeidjan unlösbar?

Erich Gysling / 23. Jul 2020 - Seit vergangener Woche bekämpfen sich Azarbeidjan und Armenien wieder. Alte Konflikte drohen neu zu entflammen.

So viel historisches Bewusstsein – und so viel Verdrängung geschichtlicher Fakten! Beides kennzeichnet die drei Kaukasus-Republiken Georgien, Armenien und Azarbeidjan. Und beides zusammen erklärt, in gewissem Rahmen, die aktuellen Konflikte. Der regional brisanteste, jener zwischen Armenien und Azarbeidjan, flackerte eben wieder auf: 17 Todesopfer forderten Schiessereien in Grenznähe – und nicht um die Region Berg Karabach (da gab es immer wieder blutige «Zwischenfälle», den letzten 2016, der 200 Todesopfer forderte), sondern viel weiter nördlich. Weshalb? Angeblich einfach deshalb, weil ein azarbeidjanischer Militärjeep zu nahe an einen armenischen Grenzposten geraten war.

Der Gewaltausbruch ist ein Warnzeichen für die labile Situation in der kaukasischen Region. Es muss absurd wirken, ist aber Realität: Armenier und Azeri können von Glück reden, dass es seit 1994 (Jahr der Unterzeichnung eines Waffenstillstands) keine noch grösseren Tragödien gegeben hat.

Wer durch die beiden Länder reist, stellt immer wieder fest: Über jedes Thema kann tabulos gesprochen werden, ausser über die 4400 km2 grosse Region Berg Karabach. Schneidet man das Thema in Azarbeidjan an, sagt jedes Gegenüber über kurz oder lang: «Da hilft nur noch Krieg». Spricht man darüber in Armenien, lautet die Antwort: «Kein Problem – Karabach war schon immer armenisch, das bezeugen zahllose historische Bauten. Die Gegenseite muss einfach die Fakten anerkennen».

Armenien, der verlässliche Bündnispartner Moskaus

Fakt ist allerdings auch: Armenien beansprucht nicht nur Berg Karabach, sondern hält rund um die Exklave ein Gebiet Azarbeidjans unter militärischer Kontrolle, das noch um einiges grösser ist als Karabach. Die Azeri sagen: Armenien besetzt 16 Prozent unseres Territoriums. Das ist etwas, aber nicht drastisch, übertrieben – um gut einen Zehntel der Landesfläche Azarbeidjans handelt es sich auf jeden Fall. Armenien sollte sich, gemäss UNO, aus diesen Gebieten zurückziehen, ignoriert die betreffenden Resolutionen aber. Und weiss sich zumindest halbwegs sicher hinsichtlich genereller Sympathie innerhalb der Mehrheit der sogenannten Weltgemeinschaft: Der Westen neigt, im Konfliktfall, eher (dem christlichen und demokratischen) Armenien zu als (dem muslimischen und autoritär regierten) Azarbeidjan. Eine Rolle in der Armenien-freundlichen Politik Europas und Nordamerikas spielt wohl auch das Thema Genozid – mit Armenien MUSS man eigentlich schon wegen des von den Türken 1917/18 verübten Völkermords verständnisvoll umgehen, lautet, unausgesprochen und nirgendwo niedergeschrieben, ein breiter internationaler Konsens. Auch Putins Russland stellt sich nie prinzipiell quer gegen Armenien – das kleine Land im Kaukasus ist zwar nicht Moskaus Freund, aber doch ein verlässlicher Bündnispartner.

Man kann auch versuchen, in die Geschichte des Kaukasus einzutauchen, um die aktuellen Probleme zu verstehen. Einiges widerspiegelt sich bereits in geografischen Bezeichnungen: Berg Karabach wird oft Nagorni Karabach genannt. Darin stecken, wörtlich, drei Kulturen: Nagorni weist auf das russische Gora hin; kara kommt aus dem Türkischen und bedeutet schwarz; bach kommt von bagh, persisch, und heisst Garten. Das waren die drei grossen Mächte, die sich, über Jahrhunderte, um Einfluss und Macht in dieser Region bekämpften.

Zehntausende Tote, Hundertausende auf der Flucht

Wer weniger tief in die Vergangenheit eindringen will, kann sich zumindest bis in die von Stalin geprägten Jahre der Sowjetunion hineindenken. Stalin liebte es, innerhalb seines riesigen Reichs Grenzen hin oder her zu schieben. In Zentralasien verzahnte er förmlich die Territorien von Uzbekistan und Tajikistan. Im Kaukasus verfügte er, u.a., dass Nagorni Karabach Azarbeidjan zugeschlagen wurde – die dort lebenden Armenier sollten allerdings «Autonomie» erhalten. Gesagt, getan – aber von Autonomie spürten die Karabach-Armenier nie etwas Substantielles. Was sie zu latent rebellischer Haltung gegenüber den Regierenden in Baku motivierte. Und als die Sowjetunion sich 1991 auflöste (oder, je nach Interpretation, durch einen Putsch von Jelzin im Bund mit den Parteichefs der Ukraine und Weissrusslands den Todesstoss erhielt) und die drei Kaukasus-Staaten unabhängig wurden, brachen sich Zorn und Wut sowohl auf der Seite der Azeri als auch der Armenier freie Bahn. Resultat: 17'500 Armenier und 25'500 Azeri wurden umgebracht; geschätzte 350'000 Armenier, die vorher in Azarbeidjan gelebt hatten, wurden Flüchtlinge, und ein ähnliches Schicksal erlitten 250'000 Azeri, die in Armenien lebten.

Fährt man durch die beiden Länder, sieht man die Spuren dieser Tragödien in der Form von provisorischen Behausungen noch heute. Und reist man durch Azarbeidjan und besucht dort, u.a., ehemalige armenische Ortschaften mit Kirchen, kann man erfahren: Armenier gab es hier nie. Die Kirchen sind eigentlich Tempel der Albanier, einer in die Antike zurückreichenden Ethnie…

Anmerkung: eine Ethnie, ja auch ein Königreich, der Albanier (nicht zu verwechseln mit den europäischen Albanern) gab es tatsächlich – umstritten ist jedoch, ob und allenfalls wie intensiv sie mit den Armeniern in der Region Ähnlichkeiten hatten. Auf jeden Fall waren sie hunderte Jahre vor dem Turkvolk der Azeri in der Kaukasus-Region. Nur: ist das für die Bewältigung von aktuellen Problemen von Belang?

Wer liess die erste Bombe abwerfen?

Auch der dritte unabhängige Kaukasus-Staat, Georgien, tut sich schwer mit der Geschichte. Im Mainstream von jetzt aktiven Politikerinnen, Politikern, Medienleuten etc. findet man kaum jemanden, der oder die dem (durch internationale Untersuchungen untermauerten) Befund zustimmen will, dass es Georgien (konkret: dessen damaliger Präsident Saakashwili) war, der 2008 den bewaffneten Konflikt um Südossetien auslöste, nicht Putin in Moskau. Es stimmt zwar, dass die russischen Streitkräfte direkt hinter der Grenze bereitstanden, mit massiven Kräften nach Südossetien vorzudringen, dass sie vielleicht sogar schon darauf brannten, die Panzer vorzufahren. Aber die ersten Bomben, auf die südossetische Mini-Hauptstadt Zchinwali, die liess Saakashwili abwerfen – er war es, der den Ausbruch des Kriegs provozierte. Seither pflegt der politische Mainstream in Georgien das Feindbild Putin – aber nicht nur seit diesem Konflikt gilt Russophobie in Georgien als chic. Russisch als Sprache war schon vorher verpönt, und das wiederum passte gut in ein noch etwas weiter zurückgreifendes Geschichts-Unverständnis.

Man kann es beim Besuch des Nationalmuseums in Tbilissi erahnen. Da wird die Geschichte Georgiens, bis zurück weit in die Antike und dann vorwärts greifend bis in die Gegenwart, in Wort und Bild detailliert dargestellt. In der Zeit der Sowjetunion war Georgien, folgt man dieser Darstellung, das Opfer einer brutalen Moskauer Zentralgewalt. Irgendwann stutzt der aufmerksame Besucher – war Stalin nicht Georgier? Und Lawrenti Berija, der Terrorchef der Stalinschen «Säuberungen», was war mit dem? Ja, wird dann geantwortet, Berija wurde in Abchasien geboren, und Abchasien gehört «eigentlich» zu Georgien, aber noch «eigentlicher» stammte Berija aus einer mingrelischen Familie, war also doch kein echter Georgier. Und Stalin, der war auch nicht hundertprozentiger Georgier, sondern hatte auch eine familiäre Linie in Richtung Südossetien…

In der Zeit der Herrschaft Stalins seien gewisse Dinge passiert seien, die eigentlich nie hätten passieren sollen

Immer interessant ist ein Besuch des Stalin-Museums in der georgischen Stadt Gori, der Geburtsstadt des Diktators. Da wird immer noch einem lupenreinen Stalin-Kult gehuldigt: Fotos, ein für Stalin wichtiger Eisenbahnwagen im Original, eine Totenmaske in Tragödie-schwangerer Raum-Inszenierung etc. Manchmal führt eine Historikerin durch die Räume, die ohne Probleme in einer filmischen Nacherzählung des Lebens Stalins auftreten könnte. Sie erfüllt ihre Aufgabe mit erkennbarem Engagement – zögerlich bei der Schilderung des Lebens Stalins wird sie nur ein einziges Mal: Man bleibt vor einem Ensemble von schwarz-weiss Fotos in der Grösse von maximal einem Quadratmeter hängen – abgebildet sind vielleicht zwölf Männer. Und da sagt sie, sinngemäss: Nun, es stimme, dass in der Zeit der Herrschaft Stalins gewisse Dinge passiert seien, die eigentlich nie hätten passieren sollen. Dafür seien diese Leute (sie zeigt mit einem Stab auf die Fotos) verantwortlich gewesen.

Das Stalin-Museum in Gori ist wie eine isolierte Insel innerhalb Georgiens – man muss nur ein paar Strassenzüge weiter fahren, und schon ist der «Spuk» vorbei, schon ist man wieder in einem Land, in dem es Diktatur, Kommunismus nur in der Form einer Fremdherrschaft gegeben haben soll, ohne Beteiligung eigener Leute.

Halb-Frieden, Halb-Konflikt

Schlussfrage: Könnten die Konflikte im Kaukasus (Georgien beansprucht die verlorenen Regionen Abchasien und Südossetien; zwischen Azarbeidjan und Armenien brachen eben wieder Kämpfe aus) gelöst werden, würden die Regierenden sich zu den historischen Fakten bekennen und nicht länger Mythen und Halb oder Fast-Wahrheiten pflegen? Eigentlich schon – aber «uneigentlich» muss man erkennen, dass Jene, die jetzt in Tbilissi, Yerevan und Baku in Amt und Würden sind, wahrscheinlich von der Macht verdrängt würden, rängen sie sich öffentlich zu so genannten Faktenchecks durch. Kein Premierminister Armeniens, der Konzessionen gegenüber Azarbeidjan eingehen würde, bliebe an den Schalthebeln der Macht. Kein Politiker in Georgien, der Fehler in Bezug auf Abchasien oder Südossetien eingestehen würde, hätte eine Chance, die nächsten Wahlen zu gewinnen. Und sogar im autoritär regierten Azarbeidjan müsste der Präsident mit massivem Widerstand rechnen, würde er sich öffentlich bereit erklären, mit den „bösen“ Armeniern substanziell zu verhandeln.

Was bleibt als Erkenntnis? Dass die Menschen in allen drei unabhängigen Kaukasusländern sich glücklich schätzen können, wenn der labile Zustand von Halb-Frieden und Halb-Konflikt erhalten bleibt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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4 Meinungen

Guten Tag Herr Gysling,

sie haben die Befindlichkeiten in den drei Republiken gut beschrieben, der Innenblick passt. Zur Beurteilung der Möglichkeiten einer deutlichen Entspannung in der Region gehört jedoch in jedem Fall die Rolle externer Mächte.

Die Rolle von Russland haben Sie angedeutet. Allerdings: »...mit massiven Kräften nach Südossetien vorzudringen, dass sie vielleicht sogar schon darauf brannten, die Panzer vorzufahren.» Können Sie das auch mit unabhängigen Quellen belegen? Dieser These widerspricht auch der Verlauf dieses Krieges in der ersten Phase, als die russische Armee zunächst massive Verluste hinnehmen musste. Diese passten nicht zu einer Armee, die darauf brannte, irgendwo einzumarschieren. Die politische Situation in Russland zu dieser Zeit spricht auch sehr viel eher dafür, dass Russland derzeit anderes im Sinn hatte. Und nicht zuletzt: Erst infolge des Konfliktes kam es zu tiefgreifenden Reformen der russischen Armee.

Belegen lässt sich hingegen sehr wohl, dass Geogien seinerseits massiv in seiner aggressiven Politik durch die NATO unterstützt wurde. Ohne diese wäre Saakashwili diesen Schritt keineswegs gegangen.
Und Aserbajdshan wird in seinen Überzeugungen ebenso massiv insbesondere von der Türkei unterstützt. Es genügt also nicht, nicht «nicht länger Mythen und Halb oder Fast-Wahrheiten» zu pflegen. Die Spannungen passen - vor allen anderen - der NATO ins Konzept.

Nochmals vielen Dank für den interessanten Artikel!
Beste Grüße! R.-B. Zittlau
René-Burkhard Zittlau, am 23. Juli 2020 um 15:14 Uhr
Klassische «frozen conflicts» im Südkaukasus; alle drei – in Nagorno Karabach, Südossetien und Abchasien ! Eingefrorene Konflikte, bei welchen man nur noch hoffen kann, dass sie – da eigentlich unlösbar – niemals auftauen werden ...
Was den georgisch-russischen Krieg um die abtrünnigen, ursprünglich georgischen Gebiete Südossetien und Abchasien im August 2008 betrifft: Es war schon damals (und ist es noch heute) unglaublich, mit welcher Beflissenheit und Unbedarftheit praktisch die ganze westliche Weltöffentlichkeit, angeführt vom US-Präsidenten George W. Bush und brav sekundiert durch die NATO dem skrupellosen politischen Abenteurer und Kriegstreiber Saakaschwili treue Gefolgschaft leistete und damit seinen, den Südkaukasus auf unabsehbare Zeit destabilisierenden Angriffskrieg zu legitimieren suchte. – Ein in jeglicher Hinsicht beschämendes Kapitel westlicher Machtpolitik, welches bis zum heutigen Tag noch immer seiner Aufarbeitung harrt …
René Edward Knupfer-Müller, am 23. Juli 2020 um 15:44 Uhr
Mein ganz einfache und dummer Vorschlag wäre: die UNO sollte dort in den Regionen Volksabstimmungen durchführen und oder die umstrittenen Landesteile so nach ihren mehrheitlichen Sprachen unter UNO Aufsicht entzerren.
Den Anspruch Georgiens auf Südosssetien bezweifle ich aber, seit dort der umstrittene Saakashwili in einer Nacht -und Nebeleaktion einen Überfall mit teilweise schwarzen US-Söldnern(?), wie ich vor ca. 6 Jahren per Internet verfolgen konnte, einen Zugriff versuchte, der letztlich durch russische gegnerschaft scheiterte.
Tage zuvor versprach Saakashwili auf jede Kampfhandlung zu verzichten...
Manfred Sauter, am 23. Juli 2020 um 16:46 Uhr
Wie hier bereits angedeutet, die Machtmittel und Interessen der jeweils Mächtigen in den beiden Nationen und mächtigen Akteuren auf der Weltbühne wollen keine Lösung.
Diese lassen immer wieder aufhetzen, instrumentalisieren und bewirtschaften den National- u. Männlichkeits-STOLZ, sowie die EHRE, Macht und die Lust an Gewalt u. töten. Nicht alle Männer sind frühkindlich autoritär erzogen worden, von ebensolchen Vätern.
Frauen sind doch eher am Leben interessiert, auch an dem ihrer Kinder.
Ludwig Pirkl, am 26. Juli 2020 um 14:09 Uhr

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