Proteste gegen das Regime in Iran nach dem Abschuss eines zivilen Flugzeuges. © Center for Human Rights Iran

Proteste gegen das Regime in Iran nach dem Abschuss eines zivilen Flugzeuges.

Irans Revolutionswächter: Unkontrollierter Staat im Staat

Erich Gysling / 15. Jan 2020 - Offene Kritik an den Revolutionswächtern nach dem Flugzeug-Abschuss. Doch die Pasdaran sind mächtig.

Beliebt bei der iranischen Bevölkerung sind sie schon lange nicht mehr, die Pasdaran, also die Angehörigen der Revolutionswächter-Garden. Der Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs mit 176 Insassen, den die Pasdaran zu verantworten haben, brachte das Emotions-Fass zum Überlaufen. Selbst Zeitungen, die den Revolutionswächtern generell zugetan waren, brachten auf der ersten Seite Artikel und Titel mit hartem Inhalt: «Keine Verzeihung!» «Schuldig» etc. Aus der Reihe der Tageszeitungen tanzte im Ton wahrscheinlich nur «Kayhan», das Blatt der Hardliner (ich konnte die Titelseiten von etwa zwei Dutzend der insgesamt rund 70 Tageszeitungen einsehen), das inhaltlich halbherzig, um Verständnis für die Verantwortlichen bat mit dem Hinweis, die USA seien schuldig an der jetzt so angespannten Situation.

«Tod allen Lügnern»

Auf der Strasse fand dies keinerlei positives Echo: Da wurden weiterhin Parolen skandiert des Inhalts, alle Verantwortlichen, bis hinauf zur höchsten Spitze des Staats, müssten Konsequenzen ziehen. Auch Panels mit der Aufschrift «Tod allen Lügnern» («margh bar dorugh-gaah») wurden hochgehalten, sichtbar für jeden mit einem Handy. Klar, dass solche Aufnahmen sogleich den Weg auch ins Ausland fanden. Sehr wahrscheinlich anderseits, dass Männer oder Frauen, die sich bei den Demonstrationen so klar exponierten, ins Visier der oft brutal agierenden Geheimdienst-Leute geraten konnten. Mit unabsehbaren Konsequenzen.

Trump hat knapp halb recht

Doch worum geht es denn bei diesen Revolutionsgarden, weshalb gibt es die überhaupt – und hat Trump recht, dass er sie als Terrorgruppe brandmarkte? Ich kann die Antwort vorweg nehmen: Trump hat, wieder einmal, knapp halb recht und etwas mehr als zu fünfzig Prozent unrecht. Denn «eigentlich» sind die Pasdaran ja nur eine «Elite-Einheit» und als solche halbwegs vergleichbar den amerikanischen Marines oder allenfalls den Navy Seals (das ist jene Einheit, die, u.a., Osama Bin Laden umbrachte).

Sagt oder schreibt man «eigentlich», muss man auch «un-eigentlich» in Betracht ziehen. Die Pasdaran (Grössenordnung um die 150'000) sind nicht nur eine militärische, sondern auch eine wirtschaftliche Macht. Warum das so ist, lässt sich zeitgeschichtlich erklären: Die Pasdaran wurden kurz nach der Gründung der Islamischen Republik, also um 1980, durch Ayatollah Chomeini ins Leben gerufen. Weil er, also Chomeini, sich der Loyalität der traditionellen Armee nicht sicher war. Vielleicht zu Recht, denn die Offiziere, auch die meisten Soldaten, dieser Armee hatten zuvor noch dem Schah gedient.

Nur dem Ayatollah Rechenschaft schuldig

Im Krieg mit Irak (1980 bis 1988) bewährten sich die Pasdaran tatsächlich auf eine Weise, die man rückblickend nur als selbstmörderisch bezeichnen kann. Hunderttausende starben (nebenbei bemerkt: gegen die Armee des irakischen Diktators Saddam Hussein, der von den USA und einigen westeuropäischen Regierungen unterstützt wurde), noch mehr wurden zu Invaliden. Als «Nebenprodukt» gründete Chomeini, zusammen mit dem Pasdaran-Kommandanten, eine weitere Truppe, jene der Basiji, die selbst Kinder in die todbringenden, von den Irakern geschaffenen Minenfelder im Tiefland um Ahwas schickten. Und später wuchs aus den Pasdaran heraus auch die speziell für Einsätze im Ausland konzipierte Truppe, die Al-Quds-Brigaden (total ca 15'000 Mann). Rechenschaft über seine Aktivitäten ist der Pasdaran-Kommandant einzig dem Revolutionsführer, also Ayatollah Chamenei, schuldig.

Der Krieg endete 1988, Iran und Irak beklagten je etwa 500'000 bis eine Million Todesopfer. Nun machte man sich an den Wiederaufbau – da kamen die Pasdaran zum Zug. Sie wurden für die Konstruktion von Strassen, Brücken etc. eingesetzt. Und da forderten ihre Kommandanten Kompetenzen im Bereich der Wirtschaft, sonst könnten sie, so ihre Argumentation, die ihnen gestellten Aufgaben nicht erfüllen. Die entsprechenden Vollmachten erhielten sie von Chomeinis Nachfolger, Ayatollah Chamenei, aber auch von den unter Chamenei dienenden Staatspräsidenten. Besonders Mahmud Ahmadinejad erweiterte die Aktionsmöglichkeiten der Pasdaran.

Die Pasdaran kontrollieren weite Teile der Wirtschaft – und der Banken

Das Resultat: Die Pasdaran kontrollieren jetzt gewaltige Bereiche in der Wirtschaft und im Finanzwesen. Sie konnten ganze Industriekomplexe übernehmen oder sich zumindest entscheidenden Einfluss auf die Geschäftstätigkeit verschaffen und Anteile bei zahlreichen Banken übernehmen. Daher die fehlende Transparenz bei den vielen iranischen Banken (in einer einzigen Strasse von Teheran oder einer anderen Millionenstadt liest man bisweilen ein Dutzend Banken-Namen), und daraus resultierend auch eine gewisse Berechtigung der US-Regierung und der US-Banken, dieses ganze Finanzsystem als durchdrungen von der Macht der Revolutionswächter zu brandmarken. Und zu erklären: Mit Iran können keine normalen Geschäfte abgewickelt werden, weil sie immer, letzten Endes, den Pasdaran dienen. Das mag zutreffen – nur: Sind diese Revolutionswächter tatsächlich auch eine Terror-Organisation, wie US-Präsident Trump erklärt? Würde mit gleichen Ellen gemessen, wären mindestens auch die bereits erwähnten US-amerikanischen Navy Seals eine Terror-Einheit.

Bessere Ausrüstung

Nicht Jeder, der in einer Einheit der Pasdaran dient oder Dienst getan hat, ist übrigens ein harter Verfechter der Ideologie der Islamischen Republik. Ich kenne (das mag Zufall sein) zwei Iraner, die sich für den Militärdienst schlicht und einfach deshalb bei den Pasdaran meldeten, weil in diesen Einheiten die Dienstzeit mehrere Monate kürzer war als bei der normalen Armee. Dieses «Privileg» wurde inzwischen aufgehoben. Aber viele junge Männer melden sich trotzdem noch immer gerne bei den Revolutionswächtern – weil diese das Renommee des Besseren geniessen. Und bessere Ausrüstung haben als die Regulären.

Guter Ruf dahin

Geniessen oder genossen – nach dem Abschuss des ukrainischen Flugzeugs beim internationalen Flughafen von Teheran ist es mit dem guten Ruf möglicherweise vorbei. Denn da musste erkannt werden, wie eklatant zufällig die Entscheidungs-Strukturen bei den Pasdaran sind. Was, fragen sich nun viele, ein einzelner Revolutionswächter musste innerhalb von zehn Sekunden entscheiden, ob er eine (aus Russland gelieferte) Rakete abschiessen soll? Und das in unmittelbarer Nähe des Flughafens mit seinem gerade am frühen Morgen dichten Verkehr? Unglaublich. Und, wie die Demonstranten und Demonstrantinnen äusserten: unverzeihlich.

Lesen Sie zum Konflikt Iran auch:

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4 Meinungen

Sie beleuchten EINEN Aspekt der gegenwärtigen Situation im Iran, nämlich die gezielte Demontage oder Schwächung der IRCG von Ausserhalb des Irans oder/und mit Hilfe von Kräften im Innern. Alles dreht sich um die Nachfolge – Ordnung für die Nach-Chamanei – Zeit. Solemani wäre vermutlich eine moderierende und vom breiten Volk akzeptierte Rolle zugekommen. Jetzt ist er weg. Die Glaubwürdigkeit der IRCG wird mit dem Unfall PS 752 (Ob Absturz oder Abschuss ist immer noch nicht klar, da noch keine offiziellen DETAILS des Ereignisses vorhanden sind : siehe http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2020/01/warum-ubernimmt-der-iran-die-schuld-am.html ) untergraben. Es werden sicher noch weitere gezielte De-stabilisierungsversuche kommen damit der schon lange versuchte „Regime Change“ vorgenommen werden kann. Im Iran ist nichts so, wie es auf den ersten Blick den Eindruck macht. Alle Ereignisse sind vielschichtig. Ohne die unterliegenden und vorhergegangenen Schichten bzw. Ereignisse zu wissen, versteht man im Iran wenig. War dieser Unfall der Anfang der „Nacht der langen Messer“ ?
Vital Burger, am 15. Januar 2020 um 12:35 Uhr
Ja, unverzeihlich, dieser tragische Fehler dieses Iranischen Soldaten und dessen Vorgesetzte, der im Bruchteil einer Minute feststellen sollte - und einen entsprechenden Entscheid fällen - was für ein Flugobjekt jetzt in der Nähe des Teheraner Flughafens flog kurz nachdem seine Armee Amerikanische Basen im Irak bombardiert hatte. Ja, sowas sollte absolut nicht passieren, es fehlten dramatisch die notwendigen Instruktionen. Aber es gibt Abstufungen in der «Unverzeihlichkeit»: bedeutend unverzeihlicher ist eine Nation wie die USA und ihre obersten Behörden, die zB den Irak- Krieg vom Zaume rissen mit seinen über eine Million Zahl von Opfern ... und noch unverzeihlicher wären die jetzigen Hirngespinste den Iran betreffend gewisser Leute im Pentagon und Weissen Haus sollten sie umgesetzt werden . Die US Propaganda versucht, wie üblich, den Spiess umzukehren und die USA in Unschuld zu baden indem dieser tragische Fehler des Iranischen Militärs medial aufgebauscht wird.
bernhard sartorius, am 15. Januar 2020 um 17:47 Uhr
Die Rolle der Armee in der Wirtschaft ist auch in anderen Ländern ähnlich bedeutsam, doch von den US und den Medien weniger thematisiert. Ägypten ist ein gutes Beispiel für diese These. Aber es gibt einige mehr. Der «militaro-industrielle» Komplex treibt vielerlei Blüten.
Josef Hunkeler, am 15. Januar 2020 um 20:43 Uhr
Hmmm.... Reiht sich Infosperper nun ein, in den allgemeinen Mainsream.?

Seit Tagen wird Mann / Frau mit der immer gleichen Geschichte zugedeckt. Regelrecht ein neues Bild, ein neues Narrativ konstruiert.

Der Abschuss des Flugzeuges steht nun nicht mehr in Verbindung mit einem militärischen Krisenfall, sondern plötzlich mit einer empörten Opposition. Es wird regelrecht eine revolutionäre Situation herbeigeschrieben, ja herbeigeschrien.

Das ruft in mir allergrösste Zweifel über eine spontane Empörung in der iranischen Gesellschaft hervor..... Dies alles sieht nach werte-westlicher PR aus
Dragao Nordestino, am 16. Januar 2020 um 12:53 Uhr

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