ISIS-Terroristen führen Gefangene ab © cc

Der IS-Terror und die verfehlte Irak-Politik

Heiko Flottau / 13. Okt 2014 - Die IS-Terrorgruppe ist auch deshalb entstanden, weil der Westen jahrzehntelang eine verfehlte Interventionspolitik betrieb.

Wie aus dem Nichts sind sie gekommen, die so genannten «Kämpfer» der Gruppe, die sich selbst «Islamischer Staat» nennt. Mit bislang kaum gekannter Brutalität gehen sie gegen jene vor, die sie sich zu Feinden auserkoren haben – Schiiten, Christen, Jesiden, Ausländer, deren sie habhaft werden können. Ein islamisches, natürlich sunnitisch geprägtes Kalifat wollen sie gründen, indem sie die von den Siegermächten des ersten Weltkrieges geschaffenen nationalen Grenzen ausradieren, um auf diese Weise einen allumfassenden islamischen Staat zu gründen.

«Die Torheit der Regierenden»

Aber: kann es wirklich so überraschend gewesen sein, daß aus der inzwischen rechtsfreien Zone des Bürgerkriegslandes Syrien und aus den der Kontrolle der Bagdader Regierung entrissenen nördlichen Landesteilen des Irak Horden zügelloser Krieger hervorbrechen, um die seit neun Jahrzehnten geltende nationalstaatliche Ordnung zu eliminieren?

Amerikas Geheimdienst NSA hat Milliarden Daten von Menschen aus aller Welt gesammelt und gehortet – aber für die Entdeckung und damit für eine frühzeitige Bekämpfung der Terrorgruppe «Islamischer Staat» waren diese Daten offenbar nutzlos. Das ist die eine traurige Botschaft dieses kriegerischen Sommers.

Die andere bittere Nachricht ergibt sich aus der Geschichte, durch welche die Region in den letzten einhundert Jahren geprägt wurde. Als übergreifendes Charakteristikum dieses Jahrhunderts vornehmlich westlicher Unvernunft möchte man sich an den Satz der amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman erinnern.

In ihrem wundervollen Buch «Die Torheit der Regierenden - von Troja bis Vietnam» schreibt die Autorin: «In der Regierungskunst, so scheint es, bleiben die Leistungen der Menschheit weit hinter dem zurück, was sie auf fast allen anderen Gebieten vollbracht hat ... Warum agieren Inhaber hoher Ämter so oft in einer Weise, die der Vernunft und dem aufgeklärten Eigeninteresse zuwiderläuft?»

Wo bleibt das «Aufgeklärtes Eigeninteresse»?

Dieses aufgeklärte Eigeninteresse wurde nicht erkannt, als die Siegermächte des Ersten Weltkrieges die Gebiete des zerfallenen Osmanischen Reiches unter sich aufteilten. Zwar hatten die Briten den Arabern während der Kämpfe die Gründung eines einheitlichen Reiches unter der Herrschaft der in Mekka beheimateten Haschemiten versprochen: dafür zogen die Araber an der Seite der Briten gegen die Türken ins Feld.

Aber nach dem Krieg lösten die Sieger ihr Versprechen nicht ein – sie glaubten, es läge nicht in ihrem Interesse, statt eines osmanischen nun ein arabisches, ebenfalls muslimisches Reich zu gründen. Mit dieser Aufsplitterung der Region, besonders mit der Schaffung des britischen Mandatsgebietes Palästina, später Israel, schufen sie viele der heute noch bestehenden Konflikte.

Das aufgeklärte Eigeninteresse, das Barbara Tuchman so im Handeln von Politikern vermisst, war auch in jenen Jahren abwesend, in denen es um die Ausbeutung der 1908 entdeckten iranischen Ölfunde ging. Das innerlich zerfallene Reich der Kadscharen-Dynastie erlaubte den Briten, die neuen Ölfelder auszubeuten; aus der Raffinerie in Abadan zapften sie Öl für ihren Kriegsbedarf: diese Vorräte erlaubten es den Briten, 1917 mit ihrer Armee bis nach Bagdad vorzudringen.

Der Sturz Massadeghs im Iran

Als aber im Jahre 1953 Irans Premierminister Mohammed Mossadegh den nicht ungewöhnlichen Gedanken hatte, dass iranisches Öl eigentlich den Iranern, nicht aber den Briten gehöre, wurde Mossadeqh gestürzt – in Zeiten des kalten Krieges galt jeder, also auch Mossadegh, der sich dem Westen entgegen stellte, als Kommunist – auch wenn er lediglich eigene nationale Interessen vertrat.

In den Putsch gegen Mossadeqgh war auch ein Amerikaner verwickelt, der H. Norman Schwartzkopf hiess. Der war von den USA in den Iran geschickt worden, um dort eine funktionierende Polizei aufzubauen; doch Colonel Schwartzkopf organisierte auch eine geheime Sicherheitspolizei, die allzu frei denkende Intellektuelle und Politiker verfolgte. Colonel Schwartzkopf war auch zur Stelle, als der CIA-Agent Kermit Roosevelt seinen Putsch gegen den angeblichen Kommunisten Mohammed Mossadegh plante.

Zweimal Schwartzkopf

Ironie der Geschichte oder auch nicht: ein anderer H. Norman Schwartzkopf vertrieb 1991 Saddam Husseins Truppen aus Kuwait. Der 1991 siegreiche General Schwartzkopf war der Sohn des gleichnamigen CIA-Agenten Colonel Schwartzkopf, der half, Mossadegh zu stürzen. Koloniale Familientradition.

Der gewaltsame Abgang von Premier Mossadegh blieb nicht ohne Folgen – auch wenn die auf sich warten liessen. Am 1.Februar 1979 bestieg ein Mann namens Ruollah Khomeini in Paris ein Flugzeug und kehrte nach Jahren des Exils in den Iran zurück. Zuvor hatte Schah Reza Pahlavi nach vielen Unruhen sein Land verlassen. Die iranische Revolution war vollendet. Kein anderer als Nelson Mandela sagte später, der Sturz von Mohammed Mossadegh habe unmittelbar zur iranischen Revolution von 1979 geführt.

Saddam Hussein und die USA

Die USA waren schockiert. Mit Schah Reza Pahlavi war eine ihrer Säulen am Golf zusammen gebrochen. Eine andere stand noch – Saddam Hussein. Als dieser gut eineinhalb Jahre später seinen neuen Rivalen am Golf, Ayatollah Khomeini, stürzen wollte und in den Iran einmarschierte, hatte er die stillschweigende Unterstützung der USA. Doch die Hoffnung auf den Sturz Khomeinis verflog in einem acht Jahre dauernden Krieg, an dessen Ende man etwa eine Million Tote zählte und der, 1988, lediglich durch einen Waffenstillstand, bis heute aber immer noch nicht durch einen Friedensvertrag beendet ist.

Beide Länder waren ausgeblutet, Saddam Hussein wollte von seinen Golfnachbarn Geld eintreiben, er argumentierte, den Krieg gegen den Iran habe er auch für die Fürstentümer am Golf geführt. Schliesslich holte sich Saddam das Geld persönlich ab – er überfiel das kleine Kuwait. Bis dahin galt Saddam Hussein im Westen zwar als Schurke, aber, so argumentierte man intern, er war «unser Schurke». Nun plötzlich hatte «unser Schurke», wie man sagte, «unsere Ölinteressen» am Golf bedroht. Präsident George Bush schickte keinen anderen als H. Norman Schwartzkopf junior an den Golf, um den Schurken zur Rechenschaft zu ziehen.

Bush senior – kein Marsch auf Bagdad

So erfolgreich war «storming Norman», wie er genannt wurde, dass er sofort weiter nach Bagdad marschieren und den abtrünnigen Saddam Hussein stürzen wollte. Das aber widersprach, einerseits, dem Votum des UN-Sicherheitsrates, der die Vertreibung Saddams aus Kuwait, nicht aber dessen Sturz genehmigt hatte. George Bush senior wusste zudem, warum er nicht bis Bagdad marschieren liess: das anschliessende politische Chaos wollte er den USA nicht zumuten. Ein schwacher, von den USA gezügelter Saddam Hussein war besser als ein Chaos, das ohne den Despoten ausgebrochen wäre.

Nicht so schlau wie Vater Bush war später Sohn George W. Bush. Wider besseres Wissen behauptete er, Saddam Hussein verberge Massenvernichtungswaffen, Zudem streiften Al-Qaida Banden durch die Strassen Bagdads, behauptete der Sohn kühn. Alles falsch. Die Waffeninspekteure der UN hatten jedem, der es nur hören wollte, bestätigt, das es grosse Mengen von Massenvernichtungswaffen nicht gebe, auch Langstreckenraketen seien nicht gefunden worden. Und: jeder, der ein despotische Regime wie das Saddam Husseins kennt, weiß, dass ein solcher Diktator niemals eine terroristische Konkurrenz wie Al-Qaida in seinem Land dulden würde.

Bush juniors Versäumnisse

Bush Junior stürzte ein Terrorregime. Wäre es dabei geblieben, hätte man ein solches Vorgehen vielleicht noch hinnehmen können. Die Amerikaner aber verboten auch die gesamte Baathpartei – und die war das Gerüst des Staates. Sie lösten die Armee auf – und machten viele Militärs arbeitslos. Und sie liessen es zu, dass die nun regierende Mehrheit der Schiiten die Sunniten vollständig von aller Macht fernhielt.

Kein Wunder, dass sich die sunnitischen Stämme, die arbeitslosen Generäle, die Funktionäre der Baathpartei nun dem IS zuwandten, als dieser plötzlich aus dem Bürgerkriegsland Syrien auf den Irak übergriff. Denn Bush junior hatte kein, wie es so schön heisst, «Nation buildung» betrieben. Im Gegenteil, er hatte die Strukturen eines, wenn auch autoritär funktionierenden Staates vollständig zerstört. In dieses Vakuum stiess der IS hinein.

Sohn Bush hatte das von Barbara Tuchman erwähnte «aufgeklärte Eigeninteresse» nicht erkannt – oder nicht erkennen wollen. Das Ergebnis ist das Chaos im Irak, das wir heute erleben, welches die humanitäre Katastrophe erst möglich macht.

Die Türkei und die Kurden

Aufgeklärtes Eigeninteresse liess auch die Türkei vermissen. Bis in die 1980iger Jahre leugnete sie, dass es überhaupt Kurden gebe. «Bergtürken» seien diese Leute, die im fernen Osten Anatoliens hausten, so wurden ausländische Journalisten beschieden. Die Folge: die kurdische PKK probte den bewaffneten Aufstand. Eilfertig wurde sie vom Westen als «Terrorgruppe» eingestuft – um dem Nato-Partner Türkei ein politisches Pläsier zu bereiten.

Inzwischen hat die Türkei zwar einen Dialog mit den Kurden begonnen, deren Sprache anerkannt und auch angefangen mit der PKK zu sprechen. Doch im verzweifelten Kampf zwischen Kurden und IS um die nordsyrische Stadt Kobane zeigt die Türkei die alten überholten Reflexe: Kurden werden nicht unterstützt, auch wenn sie zu Tausenden abgeschlachtet werden.

Obamas Eingreifen wider Willen

Schliesslich die USA, besser deren Präsident Barack Obama. Frühzeitig hatte er vor dem Krieg gewarnt, den Bush junior gegen den Irak im Jahr 2003 dann führte. Frühzeitig hatte er auch als Präsident gesagt, jeder Krieg müsse auch einmal zu Ende gehen, Amerika müsse sich mehr aus den Konflikten der Welt heraushalten. Menschen, die der amerikanischen Interventionspolitik überdrüssig waren, jubelten. Endlich etwas weniger Grossmachtgehabe der USA?

Obama meinte wohl, was er sagte. Aber nolens volens wurde er nun in den Krieg im Nordirak und in Syrien wieder hineingezogen. Guten Gewissens kann nämlich Amerika nicht zusehen, wie Jesiden, Kurden, irakische Schiiten und irakische Christen abgeschlachtet werden. Obama trägt die Konsequenzen jener unseligen Politik, die George Bush junior während acht Jahren verfolgt hat. Und er trägt auch die Konsequenzen einer schon Jahrzehnte dauernden verfehlten westlichen Interventionspolitik.

Kriegerische Tradition seit Menschengedenken

Freilich, es gibt eine schon Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alte, unselige kriegerische Tradition im Zweistromland. So reich war der in Mesopotamien zu gewinnende Schatz für gierige Machthaber, dass sich kaum ein König und kaum ein Feldherr davon abhalten ließ, einen Landstrich zu betreten, in dem im Juli Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius herrschen und von dem der deutsche Geograph Ewald Banse (1883-1953) schrieb, das sich «gelbe Leichenfarbe» auf dem Boden ablagere.

Die reichen Wasservorräte, die Euphrat und Tigris liefern, erlaubte stets das Überleben in der Hitze des Sommers. Das fruchtbare Ackerland und, seit neun Jahrzehnten, reiche Erdölfunde, erwiesen sich stets als unwiderstehliche Magneten. Kein Wunder, schreibt der Kulturhistoriker Egon Friedell, «daß dieses Land immer den Nährboden für eine gewisse Verrücktheit gebildet hat, die die allgemein menschliche noch um ein Beträchtliches übersteigt.»

Heute wünschte man sich, dass Barbara Tuchman noch lebte und ihre Chronik politischen Versagens, die in ihrem Buch von Troja bis Vietnam reicht, auf den Irak und auf Vater und Sohn Schwartzkopf und auf Vater und Sohn Bush fortschreiben könnte. Dann hätte die Welt wenigstens eine Handreichung für eine vernünftigere Politik in jenem Land, das bis dato stets für «eine gewisse Verrücktheit» schlecht war.

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Dieser Beitrag erschien auch auf Journal21.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor arbeitete seit 1970 als Redaktor und Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung, zuletzt von 1996 bis 2004.

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2 Meinungen

Einmal mehr wird eine schlechte Politik der USA G.W.Bush angelastet und blind Präs. Obama geschont. Mit den Entwicklungen in Syren hat GWB gar nichts mehr zu tun. Obama hat hier, seinen verfrühten Friedensnobelpreis verhöhnend, versagt. Anstatt mit Putin eine gemeinsame Lösung d.h. Entfernung von Assads Regime, also einen geordneten Machtwechsel, zu bewirken, hat er bewusst Gegenpartei eingenommen, nur um sich vermeintlich als starken Führer darzustellen. Wegen dieser schwachen Führungsleistung hat Obama den so von ihm geschürten Bürgerkrieg (die USA haben Assadgegner von Beginn an unterstützt) ausser Kontrolle geraten lassen. Auf Obamas Konto geht deshalb diese abschàuliche Entwicklung in Syrien und im Irak. Anfänglich hätten die USA, Russland (mit Iran/Israel im Schlepptau) bestimmt eine Lösung mit viel weniger Zerstörung und Blutvergiessen erreichen können. Aber die Egomanie von Obama hat dies verhindert. Nun brennt es lichterloh nicht nur in Syrien, sondern auch im Irak und der Konflikt weitet sich rasant aus (Türkei, Nigeria, Yemen, Niger, Philippinen, auf den Strassen von Grossstädten in Europa, und mit den ISIS Rückkehrern überall im Westen).
Anstatt mit intelligenter Diplomatie politische Veränderungen konstruktiv zu realisieren, kostet die Egomanie hochgejubelter Politiker wie Obama, Putin, Erdogan Hunderttausenden die Würde, das Leben und beschädigt das wirtschaftliche Fortkommen Unbeteiligter. Und nachhaltig beschädigt dieses Machtverhalten die Demokratie per se.
Ignaz Heim, am 13. Oktober 2014 um 13:03 Uhr
Es ist egal, welcher Präsident der USA welche Politik betrieben hat. Jeder war immer nur ein Hampelmann derer, die für seine Wahl gesorgt haben.
Und es ist auch egal, welche der grossen westlichen Mächte, wen im Osten und in der übrigen Welt gefördert und wen bekämpft haben. Angefangen mit Kolumbus haben sie die von ihnen heimgesuchten Länder immer nur ins Elend gestürzt.

Das Einzige, was wir heute noch tun können, ist hinzugehen und der Bevölkerung an der Basis beim Wiederaufbau und der Selbstversorgung helfen. In vielen islamischen Ländern ist leider nicht mal mehr das möglich, da heute lebensgefährlich.
Natürlich müssen wir auch die Strukturen des Welthandels ändern, aber wer kann das noch?
Daniel Nägeli, am 13. Oktober 2014 um 14:52 Uhr

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