Die damaligen Präsidenten Boris Jelzin und Bill Clinton © cc

Brisante Russland-Dokumente veröffentlicht – wenige schauen hin

Ramona Wakil / 28. Nov 2018 - Unter Bill Clinton hatten die USA in den russischen Wahlkampf eingegriffen. Nato-Osterweiterung und Putin waren Gesprächsthema.

Red. Ramona Wakil, 19, studiert Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bern.

Bisher als «geheim» eingestufte Transkripte von Gesprächen zwischen den Präsidenten Bill Clinton und Boris Jelzin aus den Jahren 1996 bis 1999 hat die «Clinton Presidential Library» dieses Jahr der Öffentlichkeit freigegeben. Sie zeigen dass

  • Boris Jelzin die USA vor einer Osterweiterung der Nato warnte;
  • die USA sich in den Wahlkampf in Russland einmischten;
  • Boris Jelzin als seinen Nachfolger Waldimir Putin wärmstens empfahl.

Solche Dokumente mit Originalgesprächen erlauben einen seltenen Einblick in den wirklichen Ablauf von Ereignissen. Häufig werden die wahren Absichten durch die öffentlichen Verlautbarungen, durch Ablenkungsmanöver und Geheimhaltung verschleiert und verfälscht.

«Spektakulär genug»

Umso mehr müssten grosse Medien die Öffentlichkeit über den Inhalt solcher Originaldokumente ausgiebig informieren.

Gemäss Mediendatenbank informierte unter den Schweizer Zeitungen lediglich der «Bund» und der «Tages-Anzeiger» über die 74 Ausschnitte von Gesprächen zwischen Jelzin und Clinton. In Deutschland schrieb der «Spiegel»: «Die Dialoge zeigen den freundschaftlichen Umgang der beiden. Aber auch, wie sie, manchmal fast flapsig, manchmal hart, um die Neuordnung der Welt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gerungen haben ... Clinton und Jelzin trafen sich während der gemeinsamen Regierungszeit zwischen 1993 und 1999 insgesamt 18-mal, sie telefonierten regelmässig, manchmal täglich, dazu kommen Briefe. Vieles davon bleibt geheim. Doch das vorliegende Material ist spektakulär genug.»

«Bund» und «Tages-Anzeiger» schrieben im Untertitel: «Neu veröffentlichte Gesprächsprotokolle zeigen, wie US-Präsident Bill Clinton alles darangesetzt hat, seinen Freund Boris Jelzin im Kreml zu halten. Und sich dabei nicht um die Zukunft der jungen russischen Demokratie scherte.»

Alle 74 Gesprächsausschnitte sind auf der Webseite der Clinton Library nachzulesen. Im Folgenden einige auf deutsch übersetzte Passagen.

Geld für den Wahlkampf

• 7. Mai 1996 Telefongespräch

Es wird über Geld gesprochen. Jelzin braucht finanzielle Unterstützung beim Wahlkampf. Ansonsten droht ihm die Niederlage gegen den kommunistischen Kandidaten Gennadi Sjuganow. Im Juli gewinnt Jelzin zur Überraschung Russlands und der ganzen Welt die Präsidentschaftswahlen. Mehr muss man dazu wohl auch nicht sagen. Die Geldnot wurde geregelt.

Präsident Jelzin: (…) Ich habe noch eine weitere Frage, Bill. Bitte versteh mich richtig. Bill, es geht um den Wahlkampf. Ich brauche dringend einen Kredit von 2.5 Milliarden US-Dollar.

Präsident Clinton: Kann ich Dir eine Frage stellen: Habe ich Dir nicht bereits geholfen, als der Pariser Club Russlands Verpflichtungen umgeschuldet hat? Ich habe gedacht, so seien einige Milliarden Dollar nach Russland geflossen.

Jelzin: Nein. Das kommt in der zweiten Hälfte des Jahres. In der ersten Hälfte des Jahres werden wir, aufgrund der aufgestellten Bedingungen des IMF, lediglich 300 Millionen US-Dollar erhalten. Weisst Du, als Mr. Camdessus hier war, habe ich mit ihm darüber gesprochen. Aber er sagte 300 Millionen US-Dollar in der ersten Hälfe und 1 Milliarde in der zweiten Hälfte. Falls dieses Problem nicht gelöst wird, wird es sehr schwer für mich, den Wahlkampf zu führen, da Renten und Löhne anfallen. (…)

Clinton: Ich werde mir die Möglichkeiten mit der IMF und einiger unserer Freunde anschauen und sehen, was ich tun kann. Ich denke, dass ist die einzige Art, wie wir das lösen können, aber lass mich das abklären. Ich habe gedacht, Du würdest die 1 Milliarde US-Dollar vor dem Wahlkampf von der IMF erhalten.

Jelzin: Nein, nein, nur 300 Millionen US-Dollar.

Clinton: Ich werde das überprüfen.

Jelzin: Okay.

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«Nato-Erweiterung wäre ein Regelverstoss»

• 21. März 1997 Meeting in Helsinki

Präsident Jelzin möchte sich bezüglich der NATO äussern. Er hält daran fest, dass die NATO Osterweiterung eine nicht zu duldende Aktion für Russland wäre. Viel konnte er aber nicht bewirken.

Präsident Jelzin: (…) Unsere Position hat sich nicht geändert. Wir halten daran fest, dass die NATO Osterweiterung ein Regelverstoss wäre. (…)

Noch ein wichtiger Punkt: Die Erweiterung sollte ebenfalls nicht für die ehemalig sowjetischen Länder in Frage kommen. Ich kann eine Vereinbarung ohne solch eine Haltung nicht unterschreiben. Das gilt vor allem für die Ukraine. (…)

Ich schlage vor, dass wir im Statement festhalten, dass Russland keine Ansprüche auf weitere Länder hat. Vielmehr sollten wir aufgrund der ehemalig sowjetischen Länder eine mündliche «Gentlemen Vereinbarung» treffen, (wir würden es im Statement nicht niederschreiben). Kein ehemalig sowjetisches Land sollte in die NATO aufgenommen werden.

Präsident Clinton: Lass mich mit Folgendem beginnen. Ich akzeptiere das neue Russland, welches kein Interesse hat, andere Länder zu übernehmen. An unserem letzten Treffen habe ich Dir gesagt, ich würde versuchen, eine neue NATO aufzubauen, welches keine Gefahr für Russland darstellen würde, sondern es den USA und Kanada ermöglicht, in Europa zu bleiben und mit Russland und anderen Ländern daran zu arbeiten, ein vereintes und offenes Europa zu erschaffen. Es wäre bereit, sich um andere Probleme zu kümmern. (…)

Wenn wir aber vereinbaren, keine ehemalig sowjetischen Länder in die NATO aufzunehmen, wäre das sowohl für den Versuch, eine neue NATO aufzubauen, als auch für den Versuch, ein neues Russland aufzubauen, schlecht. Ich bin nicht naiv. Ich kann Dein Interesse, wer wann in die NATO eintritt, nachvollziehen. (…)

Aber vergiss nicht in Betracht zu ziehen, was für eine schreckliche Botschaft es wäre, wenn wir solch eine Art eines vermeintlichen geheimen Deals vereinbaren würden. Erstens gibt es auf dieser Welt keine Geheimnisse. Zweitens wäre die Botschaft «wir sind immer noch gegen Russland organisiert -- aber es gibt eine Linie, die wir nicht überschreiten werden». (…)

Jelzin: Die Duma wird zwei Entscheidungen treffen. Erst wird es dem Dokument zustimmen, dann werden Bedingungen angefügt. Falls die NATO auch nur ein ehemalig sowjetisches Land aufnimmt, wird Russland aus der Vereinbarung austreten und sie als belanglos betrachten. Das wird passieren, wenn Du mir heute nicht bestätigst, dass Ihr keine neuen Länder aufnehmen werdet; ich muss, das von Dir hören. Ich verstehe, dass sich die Situation vielleicht in 10 Jahren verändern wird. Heute tut sie es aber nicht. Vielleicht wird es eine Entwicklung diesbezüglich geben. Aber ich brauche diese Zusicherung. Es darf in naher Zukunft nicht dazu kommen. (…)

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Jelzin empfiehlt Wladimir Putin als seinen Nachfolger

• 8. September 1999, Telefongespräch

Jelzin gibt seinem Amtskollegen Clinton Ratschläge für dessen baldiges Treffen mit Putin: «Ich recherchierte seinen Lebenslauf, seine Interessen, seine Freunde usw. ... Ich bin sicher, dass Du in Putin einem qualifizierten Partner begegnest.» Quelle: Clinton Presidential Library.

Transkript eines Gesprächs. Jelzin empfiehlt Putin als seinen Nachfolger: «Er ist ein Demokrat und kennt den Westen ... Er hat die Energie und ist schlau genug, um Erfolg zu haben.» Quelle: Clinton Presidential Library.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Ramona Wakil, 19, studiert Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bern. Auf ihrer Webseite schreibt sie über innen- und aussenpolitische Ereignisse. Wakil las die von der Clinton Presidential Library veröffentlichten Korrespondenzen und Gespräche zwischen Bill Clinton und Boris Jelzin. Sie wunderte sich darüber, dass etliche grosse Medien in der Schweiz diese Quelle ignorierten und darüber nicht informierten.

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10 Meinungen

Ich war wirklich neugierig, aber schon am ersten Absatz blieb ich hängen und hatte keine Lust mehr. Da wird geschrieben, dass Jelzin Geld für den Wahlkampf benötigte. Als nächster Satz, dass er die Wahl gewonnen hat, ergo das Geld bekommen habe.
Das ist kein seriöser Journalismus, entweder man weiß, ob er es bekommen hat oder mach macht klar, dass es eine Spekulation ist. ein Satz wie «Mehr muss man dazu wohl auch nicht sagen» hat wahrlich nichts mit Journalismus zu tun, das ist Propaganda.
Übrig bleibt, dass Jelzin versucht hat Geld für seinen Wahlkampf zu bekommen, Punkt. Ob das nun brisant ist, mag jeder für sich selbst entscheiden.


Wenn ich rechtspopulistische Seiten ob solcher Sachen angreife, dann darf ich nicht das Gleiche machen. Oder ist infosperber schon so weit nach rechts gerückt?
Karl Knauser, am 28. November 2018 um 12:00 Uhr
Zu diesem Thema wagt sich Infosperber auf Pfade abseits des medienmässigen Mainstreams. Was soll aber der erhebliche Aufwand des Engagements für ein Medium, das sich unter seinesgleichen unterdessen Beachtung erkämpft hat, wenn nur Stromlinienförmiges zu lesen bleibt? Dabei gebührt es sich für Leserinnen und Leser von IS, dass man halt auch immer wieder mal was schlucken muss, was einem nicht gerade bekömmlich scheint.
Pirmin Meier, am 28. November 2018 um 12:22 Uhr
Guten Tag, das ist ja der Hammer nun steht ja alles zu Kopf, Lehrreich für die Kriegstreiber. MfG Werner Kämtner
Werner Kämtner, am 28. November 2018 um 13:40 Uhr
Schade, es ist cool, wenn sich junge Journalisten um die Wahrheit bemühen. Die 'Entdeckungen' hier wurden grösstenteils sehr breit in den Medien 1996 bereits analysiert. 2 Tage nach der Wahl.... und global von sämtlichen bedeutenden Medien. Und da stellt sich die Frage, ob hier eine Verschwörung konstruiert werden muss oder ob einfach Geburtsjahr 1999 als Begründung reicht.
Dan Ogg, am 28. November 2018 um 19:04 Uhr
Schon etwas sonderbar diese Kommentare. Dabei ist es so einfach: «Eine Krähe pickt der anderen kein Auge aus». Man kooperiert, man streitet, man verarschscht sich, man versöhnt sich wieder, greift sich mal unter die Arme und lässt den anderen dann wieder fallen. Die Interessen, werden gewahrt, das ist die Hauptsache. Und das hat mit Verschwörung nichts zu tun, das ist Kollegialität unter Kollegen. Die einzigen die unter dem Spiel leiden sind die welche das ganze berappen müssen. Einmal mit Schweiss,einmal mit Tränen. Danke Frau Wakil!
Hanspeter Gysin, am 29. November 2018 um 17:16 Uhr
Interessanter Artikel und interessante Kommentare. @Karl Knauser Wenn ich es richtig verstehe schreibt sie nur dass es geregelt wurde und nicht dass eindeutig Geld von den USA nach Russland geflossen sind. Der Satz mit das kann sich jeder selbst denken mit der obigen Reihenfolge kann durchaus als manipulativ angesehen werden.

Trotzdem bleibt es ein interessanter Artikel den man so in vielen anderen Medien niemals lesen würde.
Philipp Schüpbach, am 03. Dezember 2018 um 07:28 Uhr
Das sich die USA bei den Wahlen in Russland eingemischt haben, passt manchen nicht. Zu gerne wird das unter den Teppich gekehrt und vergessen gemacht. Solche Berichte wie dieser stören das Narrativ vom Westen mit den «Menschenrechten» und der «Demokratie». Die Bösen sind doch nur die Anderen. Herr Gysin hat schon recht, wirklich sonderbar manche Kommentare hier.
Wer die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd. Vielen Dank für Ihren Bericht Frau Wakil. Offizielle Dokumente sind die besten Quellen und für die Wahrheitsfindung und deren Belegung enorm wichtig. Das öffentliche Verbreiten durch Medien daher eigentlich eine Pflicht.
Stöckli Marc, am 03. Dezember 2018 um 09:59 Uhr
@Stöckli, Gysin, Schüpbach. Offenbar kann es gar nicht anders sein als eine Verschwörung. Mit dem Link finden sie die Geheiminformationen, welche die bösen Natomedien unter dem Deckel halten (sogar auf dem Cover des Time-Magazins vom 15ten Juli 1996). Ich mache mir aber ehrlich schon sorgen, wenn die 'kritischen Bürger und Leser' so einfach jede Aussge glauben, sofern diese aus der richtigen Ecke kommt.
http://content.time.com/time/covers/0,16641,19960715,00.html
Dan Ogg, am 05. Dezember 2018 um 14:29 Uhr
Herr Ogg, dass sich die USA in den Wahlkampf von Russland eingemischt hat, ist nichts Neues. Das hat aber auch niemand behauptet, es ist lediglich ihre Interpretation. Neu ist, dass offizielle Dokumente dazu offen gelegt wurden. Wenn man sich für Fakten interessiert, gehören solche Dokumente zu den wichtigsten Quellen. Wer unsicher ist und die vorherrschende Quellenlage anzweifelt, ob sich die USA tatsächlich in den Wahlkampf von Russland eingemischt hat, findet da weitere Hinweise. Wenn Sie das penible pochen auf seriöse Quellen und deren Verbreitung für übertrieben halten, ist das natürlich Ihr Recht. Ich halte es für sehr wichtig.

"Ich mache mir aber ehrlich schon sorgen, wenn die 'kritischen Bürger und Leser' so einfach jede Aussge glauben, sofern diese aus der richtigen Ecke kommt. »
Was sollen wir denn nicht glauben? Wurden diese Dokumente etwa nicht veröffentlicht in diesem Jahr? Was meinen sie?
Stöckli Marc, am 06. Dezember 2018 um 12:15 Uhr
Ein wahrhaft meisterlich geschriebener Bericht, in englischer Sprache, über die Vorgänge im damaligen Russland hat den Titel «1993-2013: is the twenty years long “pas de deux” of Russia and the USA coming to an end? Zu finden auf der Seite thesaker.is. geschrieben von jemand der damals vor Ort war. Wie passend doch der Titel zur Zeit der Publikation 2013 war...
Uwe Borck, am 06. Dezember 2018 um 18:10 Uhr

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