kontertext: Blumiges aus dem Wirtschaftsressort

Heinrich Vogler © cm
Heinrich Vogler / 06. Nov 2018 - Sport und Feuilleton pflegen eine üppige Bildsprache. Der Wirtschaftsjournalismus treibt es aber stilistisch nicht weniger bunt.

In den letzten Wochen gab es an den Börsen Kursschwankungen und -stürze, sodass man an den Märkten und in der Wirtschaftspublizistik umgehend schwarz zu sehen begann. Dabei wird auch der Merkel-Effekt * zur Erklärung beigezogen. Der angekündigte Rücktritt der deutschen Regierungschefin wird als erstes Indiz für eine Götterdämmerung, also das Ende der Kanzlerschaft gedeutet. Der Machtwechsel sei gleichbedeutend mit möglicherweise ertragreicheren Börsenzeiten in nächster Zukunft. Die Metapher Götterdämmerung, also einen Weltuntergang, zu bemühen ist für diesen Fall etwas gar hoch gegriffen, zumal bei einer Götterdämmerung die Gesamtheit der Götter untergeht. Solange zusammen mit der Kanzlerin nicht zumindest auch die ganze CDU/CSU von der Bildfläche verschwindet, ist es übertrieben und verfrüht von einer Götterdämmerung zu sprechen - Merkeleffekt an der Börse hin oder her.

Der Verfasser eines Finanzbulletins vom Tag glaubt nur an eine lauwarme Erholung des Aktienhandels. Zu diesem schief hängenden Sprachbild sei die Frage erlaubt: Was wäre denn eine warme oder eine heisse Erholung des Aktienkurses? Der Autor gibt jedenfalls vorerst Entwarnung am Finanzmarkt, denn nichts deute auf einen plötzlichen Schock. Hoppla! Aber einem solch herzhaften Pleonasmus sollte man den Unterhaltungswert eigentlich nicht absprechen.

Schlechtes Wetter

Wir Leserinnen müssen in diesen Tagen endlich zur Kenntnis nehmen, dass es an der Schweizer Börse weiterhin zu deutlichen Turbulenzen kommen kann. Wobei das Wetter heute offensichtlich präziser vorauszusagen ist als Vorgänge in der Finanzindustrie. Insofern hinkt der Vergleich mit den Turbulenzen. Vielleicht halten Beboachter den Finanzmarkt für komplexer als das Wetter. Schliesslich ist nicht auszumalen, wenn die Finanzindustrie von einem Schneebrett oder gar einer Lawine erfasst würde. Wir haben verstanden. Die Börse ist so launisch wie das Wetter. Es scheint, dass mit dieser meteorologischen Bildwahl die Vorstellung einhergeht, Finanzspekulation sei ebenso fragil und anfällig für Störungen wie das natürliche Wesen Mensch. Dies kann im Wirtschaftsjournalismus zur Diagnose führen, dass eine börsenkotierte Bank wie die UBS 2008 eine Nahtoderfahrung gemacht habe. So wie ein Mensch, der bereits klinisch tot war, ins Leben zurückkehren kann. Nahtoderfahrung(en) können beim Menschen schwere psychische Störungen auslösen. Die grösste Schweizer Bank stand damals dank 68 eidgenössischen Rettungsmilliarden umgehend wieder auf und setzte nahtlos ihre Geschäfte fort.

Betrübliches Märchenende

Der Geldwirtschaft kann es so geschmiert laufen wie den glücklichen Siegern im Märchen: Wo man hinschaut nur strahlende Gewinner. Eines Tages sei aber die Sause zu Ende und es sei das Unvermeidliche abzusehen, wie ein Wirtschaftsredaktor warnt: (D)er Weg aus dem Schlaraffenland andauernder Kursgewinne ist vorgezeichnet. Ist das nun Pessimismus oder schon Zweckoptimismus im Hinblick auf bald wieder anziehende Börsenkurse?

Es ist ein Geständnis. Der Wertschriftenhandel könnte in den Augen des Wirtschaftsjournalisten gerade wieder einmal dabei sein aus dem Schlaraffenland, wo Milch und Honig fliessen, d.h. üppige Kursgewinne an der Tagesordnung sind, vertrieben zu werden. Das sind düstere Aussichten für alle, die gerne viel Geld verdienen mit ihrem Vermögen, das andere für sie erwirtschaftet haben. Die Metapher vom utopischen Schlaraffenland scheint korrekt - bis auf den Umstand, dass, wer einmal im Schlaraffenland (von mittelhochdeutsch sluraff, also Land der faulen Affen) war, eigentlich für immer und ewig dort bleibt. Niemand kann daraus vertrieben werden. Offen bleiben muss allerdings, ob es vom Autor wirtschaftsjournalistisch intendiert war, das Geldgeschäft mit einem Fauleaffenland in Verbindung zu bringen.

An anderer Stelle stösst ein Vermögensverwalter in ein ähnliches Horn. Die Anleger haben sich an eine finanzielle Disney-Welt gewöhnt, in der es Geld fast gratis gibt ... aber man muss diese Märchenwelt verlassen ... Ob Schlaraffenland oder Disney-World – was sind solche Analogien anderes als die Warnung, dass die Börse ziemlich irreal und gefährlich sei. Letztlich nicht mehr als ein Glücksspiel, oft verbunden mit gravierenden Kollateralschäden. Vielleicht gibt es gerade deshalb ein Heer von Analysten und Geldmarktspezialisten. Diese Ratgeber auf vermintem Terrain halten tagtäglich das Wunschdenken aufrecht, dass es doch nicht ganz so schlimm sei mit einer der tragenden Säulen der Weltwirtschaft.

Finanzmärkte sind und machen krank

Im Wirtschaftsteil wird die Ökonomie oft als Patient betrachtet. Der Journalist (die Männer dominieren diese Sparte) versteht sich dann gleichsam als Arzt, der wohl eine Diagnose zur Beruhigung des Patienten stellt, aber eigentlich keine Therapie weiss. Die Wallstreet reagiert mit einem Hüsteln, wenn andere Weltfinanzmärkte Grippe haben. Nichts gegen die robuste Wallstreet. Wenn es denn bei einem Hüsteln bleibt. Es gab ja auch schon den umgekehrten Fall, dass Wallstreet Grippe hatte. Und Grippe, das weiss auch der Laie, ist nicht zu unterschätzen. Gleichwohl ist zu bezweifeln, dass der Wirtschaftsredaktor in absehbarer Zeit mit dem grossen Börsencrash rechnet. Aber es schwingt die unausgesprochene, beunruhigende Ahnung mit, dass eine sehr gefährliche, ja tödliche Krankheit im Finanzsektor bevorstehe. Mag sein, dass die Experten festhalten wollen, dass wir bald wieder so weit sind. Denn, so erfuhr man jüngst, auch der Rubelkurs hat (schon) Schübe.

Die Sprache der Wirtschaftspublizistik stellt die Finanzwirtschaft oft als Spielball von Naturkatastrophen und Krankheiten dar, die urplötzlich und völlig voraussetzungslos, also schicksalhaft, in das labile Gefüge der laufenden Geschäfte hereinbrechen. Der vorindustriellen Welt vergleichbar, wo der Mensch ähnlichen bösen Mächten hilflos ausgesetzt war. «Je näher man ein Wort ansieht», gab der Satiriker Karl Kraus zu bedenken, «desto ferner sieht es zurück.» Das trifft den Kern der Sprache der Wirtschaft. Mit der oft reichlich verbrauchten Bildsprache verschleiert man Schwächen der Wirtschaft mehr als dass man tiefer liegende Zusammenhänge freilegte und Widersprüche beim Namen nennte. Die deutsche Sprache verfügt immerhin über einen Wortschatz von 300’000 bis 500’000 Wörtern. Dies sollte ausreichen, um hin und wieder darüber zu schreiben, wie die nicht hinterfragte Steuerung der Finanzwirtschaft über Angebot und Nachfrage hinaus tatsächlich funktioniert.

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* Die angeführten kursiv gesetzten Beispiele stammen aus den Wirtschaftsteilen von NZZ und TA vom Oktober 2018

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Heinrich Vogler, geboren 1950 in Basel. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie der Politik. War Journalist / Redaktor bei Radio DRS und SRF 2 Kultur. Arbeitete als Kultur- sowie jahrelang als Literaturredaktor. Bis zur Pensionierung Ende 2015. War freier Literaturkritiker für Berner Zeitung, Tages-Anzeiger und NZZ.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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Eine Meinung

Zum Verhältnis von Wirtschaft und Wetter gibt es ja die hübsche Frage, was der Unterschied zwischen Meteorologen und Börsianern sei.
Antwort: Meteorologen können das Wetter halbwegs vernünftig vorhersagen, aber sie können es nicht beeinflussen. Börsianer hingegen beeinflussen die Börsenkurse, aber sie können sie nicht vorhersagen.
Daniel Heierli, am 08. November 2018 um 22:24 Uhr

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