SRF Radiostudio Bern: Mitarbeitende sollen ins Leutschenbach nach Zürich zügeln © SRF

SRF Radiostudio Bern: Mitarbeitende sollen ins Leutschenbach nach Zürich zügeln

Mietkosten verschieben statt Medienqualität optimieren

Richard Aschinger / 11. Apr 2018 - Die Schliessung des Berner Radiostudios war schon vor der Billag-Abstimmung geplant. Aber bekannt geben wollte man es erst nachher.

Seit dem 4. April ist es offiziell: Der Schweizer Medienkonzern SRG plant eine Konzentration weitgehend aller SRF Radio-, Fernseh- und Onlineproduktionen in seiner Fabrik im Zürcher Vorort Leutschenbach. Das Informationszentrum von SRF im Radiostudio Bern soll verschwinden. Rund 130 Journalistenstellen, darunter auch das Team des «Echo der Zeit», sollen ins Leutschenbach gezügelt werden. Als Hauptgrund für die Umlagerung nennt die SRG Sofort-Sparmassnahmen, die wegen der Kürzung der Gebühren nötig seien.

«Sehr ernsthafte Pläne»

Das Berner Radiostudio, das der SRG von ihrer Trägerorganisation Bern/Wallis/Freiburg sehr billig vermietet wird, soll von den Journalisten geräumt werden, damit die SRG-Zentrale dort einziehen kann. Das bisherige Hochhaus der SRG-Zentrale an der Berner Giacomettistrasse ist zugemietet. Den Mietzins will man einsparen. Schöner Nebeneffekt: Die Generaldirektion würde neu nicht mehr in der Vororts-Pampa, sondern an zentrumsnaher Parklage residieren. Entschieden sei noch nichts, erklärt die SRG-Medienstelle, aber es handle sich um «sehr ernsthafte» Pläne.

Erstaunlich an diesen Plänen: In ihrer Grundessenz waren sie bereits am 10. Februar 2018, drei Wochen vor der Billag-Abstimmung, in einem Infosperber-Artikel skizziert (vgl. «Coole Stimme, professionelle Arbeit, blanke Nerven»). Ein Mitglied der SRF-Medienstelle nahm damals Stellung zu geplanten Sparmassnahmen nach einer allfälligen Annahme der Initiative. «Die Produktion aller tagesaktuellen Nachrichten und Sportsendungen wird trimedial für Radio, Fernsehen und Online in einem neuen Raum in der SRF-Zentrale Leutschenbach zusammengeführt. Das bringt neue Produktionsabläufe, straffere hierarchische Verantwortlichkeiten und Arbeitsortwechsel», sagte der Sprecher. Er sagte auch: «Die Leute freuen sich darauf.» Kontaktierte SRF-Journalisten in Bern zeigten jedoch keinerlei Anzeichen von Freude. Im Gegenteil: Mehrere bekannte Radio-MitarbeiterInnen, darunter die Inlandchefin Géraldine Eicher, haben sich mittlerweile entschieden, Radio SRF zu verlassen.

Überraschende Kehrtwende

Auf den Infosperber-Artikel im Februar reagierte Toni Koller, ehemaliger Redaktor bei Radio SRF. Er schrieb in einer E-Mail: «Dass das Radiostudio Zürich-Brunnenhof in den Leutschenbach zügeln wird, ist ja schon bekannt (und was den trimedialen Sport betrifft, auch schon seit Jahren vollzogen). Die Züglete der Radio-Informationssendungen von Bern nach Leutschenbach wäre aber eben von anderem Kaliber. Bin gespannt, welche Präzisierungen die SRF-Medienstelle da liefert.»

Auf diese Leserreaktion hin hakte Infosperber bei der Kommunikationsstelle von Radio SRF nochmals nach: Eine Verlegung der in Bern arbeitenden Informationsabteilung nach Zürich wurde bereits vor vielen Jahren unter dem damaligen Radiodirektor Walter Rüegg beantragt, dann aber nach breitem Widerstand abgeblasen. Infosperber fragte den stellvertretenden SRF-Medienbeauftragten: Wird das Berner Radiostudio in die SRG-Fabrik Leutschenbach in Zürich gezügelt, oder war das ein Missverständnis?

Die Antwort schien klar: Die Zusammenlegung von Produktionen von SRF sei nur «teilweise trimedial». Das laufende Projekt fasse Radioproduktionen des Standortes Zürich zusammen. In Bern sei das Radiostudio und das Bundeshaus-Studio «nicht betroffen». Auf Nachfrage, ob es weitere Zusammenlegungs- und Zügelprojekte gebe, hiess es ebenso klar: «Weitergehende Zusammenlegungen sind nicht vorgesehen.» Offenbar also ein Missverständnis. Infosperber publizierte diese Kehrtwende.

Darauf mailte Leser Koller: «... danke – da wird man in Bern ja aufschnaufen können, zumindest für die nächsten Jahre ...»

Das Aufschnaufen dauerte nur kurz: Schon am Abend, als das herausragende Abstimmungsergebnis (71,6 Prozent Nein) bekannt gegeben wurde, stellte SRG-Generaldirektor Gilles Marchand auf geradezu peinlich unterwürfige Art im Sinne der unterlegenen «No Billag»-Initianten und der privaten Medienkonzerne sehr weitgehende Sparmassnahmen in Aussicht. Am 4. April folgte dann die Ankündigung, die SRG wolle den weitaus grössten Teil der journalistischen Produktion aus dem Studio Bern nach Zürich zügeln.

Chaotische Sofort-Sparplanung

Konkret: SRF will genau das machen, was ihr Sprecher im Februar zuerst skizziert hatte, was dessen Kollege dann aber ein paar Tage später als Missverständnis dementierte. Der Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Projekt im Februar schon vorhanden war und dem Infosperber versehentlich ausgeplaudert wurde, dass man das aber vor der Abstimmung auf keinen Fall in der Öffentlichkeit sehen wollte. Sprecher von SRF und SRG sagen heute, sie hätten damals von nichts gewusst. Irgendjemand hat aber im Abstimmungskampf aber offensichtlich die Wahrheit per Notlüge vernebelt.

Insider sagen, Bundesrätin Doris Leuthard habe mit ihrer abrupten Ankündigung im Abstimmungskampf, die Gebühreneinnahmen würden auf 1,2 Milliarden plafoniert, in der SRG eine chaotische Sofort-Sparplanung ausgelöst. Dabei sei man auf die Idee gekommen, mit dem Umzug der SRG-Generaldirektion ins Studiogebäude Bern liessen sich kurzfristig 100 Millionen Franken sparen. Tatsache ist allerdings, dass die extrem tiefe Miete des Radiostudios Bern nur möglich ist, weil die als Verein konstituierte SRG-Trägerschaft Bern/Freiburg/Wallis, der das Gebäude gehört, auf mögliche weit höhere Mieteinnahmen verzichtet.

Die SRG schreibt in ihrer Erklärung, ihr Konzept, das die Verlegung der Nachrichtenredaktion, der Auslandredaktion und von fast allen Sendegefässen (Echo der Zeit, Rendezvous am Mittag) nach Zürich vorsieht, bringe «klare publizistische Gewinne».

Fachleute sehen das anders. Die heutigen Konzentrationspläne entsprächen zum Teil den alten Konvergenz-Plänen des ehemaligen SRG-Generaldirektors Armin Walpen und von SRF-Direktor Ruedi Matter, die sich in verschiedenen Fällen als nicht qualitätsfördernd erwiesen hätten. Im Zürcher Leutschenbach-Ghetto herrsche eine ungesunde Arbeitsatmosphäre, geprägt von Starmoderatoren, Story-Designern und High Tech. Auch das Argument, der Standort Zürich bringe mehr Sachverstand wird bestritten: Das News-Programm von SRF 4 zum Beispiel, das heute mehrheitlich aus dem Studio Zürich gesendet wird, sei immer wieder gekennzeichnet von mangelnder Sachkompetenz.

Beschlossen sei noch nichts, versichern die Mediensprecher von SRG und SRF. Aber das gilt in Wirtschaft und Politik überall als bequeme Sprachregelung – bis es dann doch schon beschlossen ist.

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Keine

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3 Meinungen

Dieser Text beinhaltet zwei unschöne Fehler:

1. Radio SRF4 News wird seit jeher am Standort Bern produziert, nicht in Zürich (-Leutschenbach).

2. Der Umzug der SRG-Generaldirektion aus dem Hochhaus am Berner Stadtrat ins Radiostudio Bern würde gem. Verlautbarung der SRG Einsparungen von 10 Millionen Franken bringen, nicht 100 Millionen Franken.

Faktencheck?
Mark Balsiger, am 12. April 2018 um 10:41 Uhr
Der Wegzug von Radio SRF aus Bern wäre sehr bedauernswert. Es wäre ein Schritt weiter Richtung Medienkonzentration in Zürich - und der Anfang vom definitiven Ende von Bern als Medienstandort mit überregionaler Ausstrahlung.

Allerdings steht im Artikel fälschlicherweise, SRF 4 würde aus Zürich gesendet - das stimmt nicht. Ausserdem finde ich es auch ziemlich fraglich «Fachleute» zu zitieren, die aber nicht genannt werden und die SRF 4 mangelende Sachkompetenz unterstellen - ohne konkrete Belge oder Beispiele zu nennen. Ich schätze die Beiträge auf dem Sender SRF 4 sehr (abgesehen von den immerwäherenden Wiederholungen). Der Sender ist service public par excellence.
Michael Gerber, am 12. April 2018 um 11:43 Uhr
Eines der wichtigen Argumente für SRF war die nicht marktgängige Pflege der Peripherien und Minderheiten durch eine Medienanstalt, die nicht dem Shareholder Value verpflichtet ist. Wenn ganze Lokalredaktionen nach Zürich verpflanzt werden, geht die lokale Vernetzung verloren und damit die Qualität, die sie zugleich dem lokalen und auch dem anderweitigen Publikum bringt. Bravo!
René Levy, am 12. April 2018 um 12:24 Uhr

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