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Organisierte Gegenrede hilft, den Hass im Internet auszugleichen

Hass im Internet: Gegenrede ist wirksam

Tobias Tscherrig / 14. Jun 2020 - Eine Studie aus den USA zeigt, dass organisierte Gegenrede gegen Hassbeiträge in sozialen Medien wirken kann.

In den USA haben Forschende nun erstmals in grossem Umfang untersucht, wie sich organisierte Gegenrede auf Hassbotschaften im Internet auswirkt. Das Fazit: Organisierte Gegenrede kann ein wirksames Mittel gegen Hass im Internet sein. Das berichtet unter anderem «netzpolitik.org».

Wirksamkeit bisher nur wenig erforscht

Die Studie basiert auf der Grundlage von deutschsprachigen Tweets aus den Netzwerken der rechten Trollarmee «Reconquista Germanica» und des von Fernsehmoderator Jan Böhmermann initiierten Gegenentwurfs «Reconquista Internet». Anhand dieser Tweets programmierten die Forschenden einen Algorithmus, der Hassrede und Gegenrede sowie deren Wechselbeziehung erkennen kann.

Wie organisiert ist der Hass im Netz? Die Dokumentation verfolgt ein Team, das undercover als Trolle und Hater im Netz unterwegs war, und berichtet von gesteuerten Shitstorms, Mobbingattacken und Wahlmanipulationen.

Das ist ein Novum, vor allem, da Datensätze über die organisierte Gegenrede bislang gefehlt haben. Die Forschenden fokussierten sich deshalb auf Deutschland, da hier neben mehreren organisierten rechten Troll-Gruppen mit «Reconquista Internet» erstmals eine organisierte Gegenrede-Gruppe tätig geworden sei. Anhand von mehr als neun Millionen Tweets gingen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Frage nach, ob Gegenrede im Internet nützlich ist.

«Die Studie belegt erstmals empirisch, was wir mit 'Reconquista Internet' praktisch erfahren haben: Wer organisierten Hass, rassistische Hetze oder die cleveren Diskursverschiebungskampagnen rechtsextremistischer Netzwerke im Internet erfolgreich bekämpfen will, muss wissen, wie diese verdeckten Manipulationsnetzwerke arbeiten, sie analysieren und gegen sie aktiv werden», sagt Böhmermann gegenüber «netzpolitik.org».

Gegenrede ist schwieriger zu erkennen

Mit je einem erhobenen Datensatz der Trollarmee «Reconquista Germanica» sowie einem Datensatz der Gegenrede-Gruppe «Reconquista Internet» trainierten die Studienautorinnen und -autoren den Algorithmus ihres Erkennungssystems. Der Informatiker Keyan Ghazi-Zahedi, der an der Studie mitgewirkt hat, sagt gegenüber «netzpolitik.org»: «Unser KI-System hat gelernt, was typische Aussagen von Hass-Accounts oder von Gegenrede-Accounts sind.»

Um die Fähigkeiten ihrer künstlichen Intelligenz (KI) zu überprüfen, rekrutierten die Forschenden 55 Menschen, welche eine zufällige Auswahl aus den gesammelten Tweets bewerten mussten. Neutrale Inhalte bildeten die Mitte der Skala, Gegenrede und Hassrede die Extreme. Gemäss den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern stimmten die Bewertungen der Testpersonen bei der Hassrede beinahe perfekt mit denen des programmierten Algorithmus überein. Bei der Gegenrede sei die Übereinstimmung ebenfalls stark gewesen. «Das zeigt, dass Gegenrede allgemein von Menschen und KI schwerer zu identifizieren ist. Wir glauben, das könnte daran liegen, dass Gegenrede vielfältiger ist», sagt Ghazi-Zahedi.

Hass- und Gegenrede im Lauf der Zeit

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten auch, wie sich Hass- und Gegenrede im Lauf der Zeit verändert hatten. Sie sammelten rund 200'000 Konversationen aus den Jahren zwischen 2013 und 2018, die unter den Tweets von Konten mit grosser Reichweite entstanden waren, welche zum Ziel von Hassrede geworden waren. Die Ergebnisse zeigen, dass das Verhältnis von Gegenrede im April und Mai 2018 deutlich zunahm – just in der Zeit, in der «Reconquista Internet» gegründet wurde. Im Juli 2018 lag dann der Anteil von Gegenrede sogar über demjenigen der Hassrede.

Ausserdem stellten die Forscherinnen und Forscher fest, dass sowohl Hass- wie auch Gegenrede im Juli 2018 durchschnittlich weniger stark ausgeprägt waren. Das deute darauf hin, dass organisierte Gegenrede helfen könne, den hasserfüllten Diskurs im Internet auszugleichen.

Organisierte Gegenrede führt zu zivilisierterem Diskurs

Weiter geht die Studie der Frage nach, welchen Einfluss die Frequenz von Hass- oder Gegenrede auf den späteren Verlauf von Twitter-Konversationen hat. Man habe festgestellt, dass der Hass mit dem Auftreten von Gegenrede abgenommen habe, so Ghazi-Zahedi. Es gebe einen Zusammenhang, die Ergebnisse würden darauf hindeuten, dass auf Gegenrede häufiger neutrale Rede als Hassrede folgen würde. Gegenrede sei anscheinend effektiver darin, einen zivilisierteren Diskurs herbeizuführen, wenn sie organisiert sei.

Die Forscherinnen und Forscher hoffen, dass ihre Arbeit dazu beiträgt, die Dynamik hinter Hass- und Gegenrede besser zu verstehen. So liegen nun Datensätze vor, die auch zeigen können, welche Strategien gegen den Hass im Internet Erfolg versprechen – und zu welchem Zeitpunkt sie am besten angewendet werden. «Man könnte zum Beispiel zeigen, wann es Sinn ergibt, einzeln und mit Fakten zu argumentieren oder wann man besser zu zehnt dagegenhält und die Konfrontation sucht», sagt Ghazi-Zahedi.

«Womöglich könnte dann sogar die Zivilgesellschaft in den stark polarisierten USA vom Erfolg von Reconquista Internet lernen», bilanziert «netzpolitik.org».

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

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4 Meinungen

Danke für diesen Beitrag. Hassreden, usw. Etwas beschönigend scheint es mir hier, wie an das Thema heran gegangen wird. Schliesslich handelt es sich um verbale Gewalt. Normalerweise braucht es eine Warnung oder eine Altersbegrenzung bei Gewaltdarstellungen, aber offenbar nicht so wenn es verbale Gewalt ist. Ähnlich den Manga-Comiks, wo Menschen vergewaltigt, gegessen, zerrissen, gequält, überfahren und zerschnitten werden. Wie verbale Gewalt auf Kinder wirkt, wird offenbar nicht tiefer analisiert. Ich habe ältere Menschen dessen einziger Trost noch Facebook ist, da wegen Behinderung an die Wohnung gefesselt, erlebt, welche von Trollen so fertig gemacht wurden, das sie einen Nervenzusammenbruch erlitten und Psychologische Hilfe brauchten. Redet mal mit erfahrenen Psychotherapeuten, leider dauert es immer 3 bis 7 Jahre bis die neuesten «Schadenserfahrungen» der Psychotherapeuten in die allgemeinen Lernstudien einfliessen. Der gesundheitliche Schaden welche «Hater» und «Stalker» im Internet anrichten, geht zulasten der Steuerzahler und Krankenkassen, nebst den seelischen Schäden. Im obigen Film wird unbetroffen darüber gesprochen, ohne Mitgefühl für die Opfer, Täter werden grinsend in die Mitte gestellt. Es werden edle Motive als Ausrede verwendet, um die eigenen niederen Instinkte ab zu reagieren. Ich Bitte darum, dieses Thema zu vertiefen und etwas tiefer in dieser Form von Internetkriminalität zu graben. Sie werden Leichen im Internet-Keller finden.
Beatus Gubler, am 14. Juni 2020 um 17:43 Uhr
Das Konzept «Trollarmee» ist strafbar (StGB Art. 261). Wehrt euch, damit ihr nicht durchdreht.
Mike Wieland, am 28. Juni 2020 um 08:30 Uhr
Ob SRF diesen Beitrag wohl kennt? Vielleicht kennt und Hassreden gezielt für Ihre Zwecke einsetzt? Subtil immer ein bisschen mehr unverschämt - dummes der Bevölkerung anbieten dürfen bis zur untersten Schublade? z.B. gestern, 12. August, «die Analyse» vom neuen Leiter TV Bundeshausredaktion SRF, Urs Leuthard und viele, nicht besonders nette, Kommentare als Reaktion darauf. Für mich selbst entschied ich, falls mein Gegen - Kommentar abgelehnt würde, SRF - News zu meiden weil: «schlechter Umgang verdirbt gute Sitten». Er wurde abgelehnt und bin froh darüber.
Mariette Schelker, am 13. August 2020 um 23:51 Uhr
Es kommt gut :)! Ich fand diesen Beitrag auf SRF: «Der Bund will mehr gegen Hassrede im Internet tun. Er hat dafür erstmals Finanzhilfen für Projekte gesprochen, die sich dagegen einsetzen».
Autor:Noemi Ackermann
Mittwoch, 26.08.2020
Mariette Schelker, am 29. August 2020 um 17:00 Uhr

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