Scheinheilige Kampagne gegen Nati-Trainer Petkovic

Niklaus Ramseyer © Ramseyer
Niklaus Ramseyer / 24. Nov 2019 - «Petkovic muss weg!» So poltert Ringiers «Blick». Ein persönlicher Blick kommt allerdings zu einem ganz anderen Resultat.

«Der behandelt eben alle gleich und lässt sich von Ringier nicht kaufen!» Das sagt ein prominenter Schweizer Fussball-Funktionär, der es wissen muss. Darum mache vorab Ringiers Boulevardblatt «Blick» «seit Jahren eine unsachliche Kampagne gegen Petkovic».

Bester Coach der Schweizer Fussball-Nati seit je

Es geht um Vladimir Petkovic (56), seit 2014 Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft – und in dieser Rolle der beste, den wir je hatten: Er konnte die «Nati» erfolgreich an die EM (Europa-Meisterschaft) 2016 und an die WM (Weltmeisterschaft) 2018 führen – und in der Nations-League unter die besten 4 (Final Four). Statistisch hat «Vlado», wie ihn Freunde etwa nennen, einen weit besseren Job gemacht als alle anderen Nati-Trainer vor ihm: Von 60 Spielen hat die Mannschaft unter ihm 34 gewonnen, 10 unentschieden gespielt und nur 16 verloren. Das ergibt im Schnitt 1,87 Punkte (von 3 möglichen) pro Spiel. Insgesamt haben die Schweizer National-Fussballer mit Petkovic 114 Tore geschossen und nur 52 kassiert.

Von 60 Spielen 34 gewonnen: Nationaltrainer Vladmir Petkovic

In der soeben beendeten Qualifikation für die EM vom nächsten Sommer verloren die Schweizer nur eines der 8 Spiele. Sie gewannen damit die Ausmarchung in der Gruppe D vor Dänemark, Irland, Georgien und Gibraltar. Die EM 2020 wird in Petkovics Karriere als Nationaltrainer der vierte internationale Wettbewerb sein. Er hat bisher keinen verpasst. Im Unterschied etwa zu seinem Vorgänger Ottmar Hitzfeld, mit dem die Schweizer Nati bei der EM 2012 schon in der Qualifikation ausschied – und der damals dennoch Nationaltrainer blieb.

Üble Medienkampagne – aber durchsichtig

Angesichts dieser Fakten musste am letzten Mittwoch, 20. November, nun sogar der «Blick» Vladimir Petkovic an die 1. Stelle der «besten Nati-Trainer» setzen – vor dem international renommierten Briten Roy Hodgson und Ottmar Hitzfeld. Aber nur hinten im Blatt und im Kleingedruckten. Auf der Front prangte derweil dennoch gross die ultimative Forderung «Petkovic muss weg!» Das forderten jedenfalls die «Fans» unter den «Blick»-Lesern zu «57 Prozent».

Kesseltreiben gegen Petkovic im «Blick» (Collage & Foto: N. Ramseyer)

Wer auch nur annähernd etwas von seriösen Umfragen versteht, sieht sofort, dass dieses knappe Resultat in Tat und Wahrheit ein grosser Erfolg für Petkovic ist.

Das weiss auch der bekannte FCZ-Präsident Ancillo Canepa, den die «Blick»-Leute noch gegen Petkovic montieren wollten. Mit mässigem Erfolg: «Wichtig ist, dass der Trainer Ergebnisse liefert, die Mannschaft weiterentwickelt und von den Spielern respektiert wird», mussten sie ihn zitieren, «und dies trifft bei Petkovic zu.» Canepas Meinung ist unmissverständlich: «Vlado macht einen sehr guten Job.»

Ringier kauft sich einen Nati-Trainer

Die «Blick»-Redaktion kommt dennoch zum Schluss: «Wir brauchen einen neuen Nationalcoach.» Und was für einen, statt den «beratungsresistenten und unnahbaren Mann» aus dem Tessin, weiss der «Blick» natürlich auch schon: Einen nämlich, der «das wichtigste Sportprojekt des Landes», die Fussball-Nati, «auch richtig verkauft».

Im Klartext: Nicht zuletzt an Ringier verkauft. Und mit «wir» meinen die Ringier-Journalisten auch vorab sich selbst. Petkovics Vorgänger nämlich, der nur «drittbeste» Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld war tatsächlich «ihr» Nationalcoach gewesen: Der Chef der«Blick»-Journalisten, Ringier-CEO Marc Walder, hatte diesen Hitzfeld 2012 mit einem lukrativen Vertrag für «kommunikative und repräsentative Auftritte für Ringier sowie eine redaktionelle Zusammenarbeit mit der Blick-Gruppe» (siehe persoenlich.com vom 29. Dezember 2016) an das Zürcher Verlagshaus gebunden – und somit effektiv «gekauft». Die Kumpanei zwischen dem Zürcher Medien-Manager und dem National-Trainer ging soweit, dass Nati-Hitzfeld und Ringier-Walder sogar zusammen nach Afrika verreisten: «Ottmar Hitzfeld und Marc Walder bereisen Ghana», meldete «persoenlich.com» Anfang April 2014.

Der senkrechte Petkovic steht nicht zum Verkauf

Für die zwei Reisekumpane war das eine Win-Win-Situation: Walders Ringier-Journalisten konnten auf exklusive Infos und Tipps hoffen – und Hitzfeld musste umgekehrt kaum befürchten, durch diese Angestellten seines Safari-Gefährten harsch kritisiert zu werden. Eine ähnlich üble Kampagne, wie sie «Blick» nun gegen Petkovic fährt, wäre gegen den teilzeitig bei Ringier beschäftigten Hitzfeld jedenfalls undenkbar gewesen.

Dieser senkrechte Charakter-Kopf mit jugoslawischer Herkunft hat sich auf gekaufte Kumpaneien vom Typ Hitzfeld-Walder nie ein- und herabgelassen. «Er gibt seine Antworten auf dem Spielfeld», wie es im Fussball etwa heisst – und nicht am Smartphone. Und diese Antworten fallen klar aus. Sollten noch Fragen bleiben, können alle Sportjournalisten sie am 13. Dezember gleichberechtigt Petkovic stellen: Für dann hat der National-Coach zur einer Pressekonferenz geladen. Thema: Bilanz und Ausblick. Wer sind wir, was wollen wir? Woher kommen wir, wo stehen wir, wohin gehen wir? Für einzelne Medienhäuser hingegen steht Vladimir Petkovic nicht parteiisch zur Verfügung – und schon gar nicht zum Verkauf.

NZZ und Tagi plötzlich mit «Blick» im Rudel

Derlei Integrität und Unabhängigkeit ist der wahre Grund für die rabiate und ansonsten weitgehend haltlose «Blick»-Kampagne gegen den erfolgreichsten Nati-Trainer aller Zeiten. Für seriösere Zeitungen war dies vor Jahresfrist noch Anlass für kritische Fragen gewesen: «Wie geht man im Verband (Schweizerischer Fussballverband, SFV; der Verf.) damit um, wenn sich ein Nationalcoach ans Verlagshaus Ringier bindet, wie dies Petkovic-Vorgänger Ottmar Hitzfeld getan hat?» So fragte etwa die NZZ am 13. August 2018 noch. Und: «Sollte auch Petkovic mit dem Blick ins Bett steigen?»

Jetzt stellt plötzlich nur noch «Der Rheintaler» kritisch-spöttisch fest: «Petkovic muss weg, weil er sich nicht anbiedert, sich manchmal verweigert.» NZZ und Tagi hingegen lassen ihre Leserschaft über die wahren und unschönen Hintergründe der Ringier-Kampagne gegen Petkovic im Dunkeln. Mehr noch: Sie unken nun plötzlich auch in «Rudelbildung» (Rheintaler) mit den Ringier-Leuten, es sei «Zeit für Veränderungen» und diese müssten «mit Petkovic beginnen» (NZZ). Oder im Tagi: «Petkovic mag auf dem Trainingsplatz stark sein, daneben ist er es nicht.»

National-Goalie Roman Bürki ortet «Hetzerei»

Da wird schon mal keck ausgeblendet, dass Petkovic an der Seitenlinie, wenn und wo es ernst gilt, erst recht stark ist. Oder ist er etwa ein Trainingsplatz-Coach? Doch das ganze, durch Ringier von Zürich her angeführte Kesseltreiben scheint doch eher wenig Resonanz zu finden. In Internet-Foren herrscht weitgehend Unverständnis dafür – und viel Rückhalt für den Nationaltrainer. Die «Berner Zeitung» (Tagi Verlag) buchstabiert auch schon wieder zurück: «Das ist schon fast Hetzerei.»

Nati-Goalie Roman Bürki in der «Berner Zeitung» vom 22. November 2019 (Bild: N. Ramseyer)

So titelte das Blatt am 22. November mit einem Zitat von National-Torhüter Roman Bürki, der als Nummer 1 bei Dortmund zwischen den Pfosten steht. «Mich stört es sehr, wenn Dinge kritisiert werden, die nichts mit dem Fussball zu tun haben», führt Bürki im grossen Interview aus: Es störe den einen oder anderen Schweizer «womöglich, dass Vladimir Petkovic kein Eidgenosse ist und nicht Röthlisberger oder so heisst». Und: «Er ist nicht verpflichtet, jeden Wunsch der Medien zu erfüllen.»

«Blick» treibt seine «Hetzerei» mühsam weiter

Als ob es für Bürkis Befund noch eines Beweises bedurft hätte, probiert die Sportredaktion des «Blick» derweil in ihren Blättern vom Donnerstag 21. und Freitag 22. November die «Hetzerei» (Bürki) noch etwas weiter zu treiben. Allerdings eher mühsam nach dem System «der Neffe des Onkels des Cousins hat es auch gesagt». Das geht so: Petkovics Assistenztrainer, Antonio Manicone, habe einen Sohn. Und der habe einen U-19-Nationalspieler (Nachwuchstalent unter 19 Jahren) als Spielerberater per SMS «angebaggert» – mit Verweis auf den Job seines Vaters. Das sei «ein Skandal» im «Dunstkreis von Nati-Coach Vladimir Petkovic», gifteln die Ringier-Leute. Und illustrieren die Räuberpistole mit einem grossen Bild von Petkovic und seinem Assistenten auf der Trainer-Bank.

Der Versuch, auch noch den neuen Direktor der Nationalmannschaften, Pierluigi Tami, gegen Petkovic zu instrumentalisieren, ging dann aber ebenso in die Hose wie das ähnliche Ansinnen tags zuvor mit FCZ-Canepa: «Wir möchten betonen, dass Vladimir Petkovic und Antonio Manicone mit dieser Sache nichts zu tun haben», sagt Tami ungerührt. Und er verurteile es, «dass ihre Namen vom Spielerberater bei der Kontaktaufnahme mit dem Spieler überhaupt erwähnt wurden». Im grossen Titel darüber stand dann im «Blick» nur noch: «Wir verurteilen das!»

Führende Nationalfussballer wehren sich für Petkovic

Neben derlei weit hergeholten Null-Geschichten, die in anderen Medien zu Recht null Resonanz fanden, verbreiten die Ringier-Leute auch regelrechten Unfug: «Der Trainer hat sich nicht von den Journalisten entfernt», behaupten sie etwa, «sondern von den Fans.» Und: «Darunter leiden auch die Spieler.»

Eine krasse Falschmeldung: «Leiden» tut ganz im Gegenteil etwa Nationaltorhüter Roman Bürki unter der «Hetzerei» Ringiers gegen Petkovic, den er verteidigt, obwohl er momentan nicht mehr im Aufgebot des National-Trainers figuriert. Und nicht nur er: Schon am 16. Oktober hatten sich auf srf.ch mit dem weltbekannten Stephan Lichtsteiner und dem prominenten Internationalen Granit Xhaka zwei Schlüsselspieler der Nationalmannschaft ähnlich für Vladimir Petkovic engagiert: «Er ist ein Super-Trainer, der innerhalb der Mannschaft gut ankommt und beliebt ist», hielt Xhaka fest. Er verstehe nicht, wieso «die Medien negativ über Petkovic berichteten». Denn: «Die Ergebnisse stimmen, wir haben uns weiterentwickelt.» Alle wünschten sich eine positive Zukunft mit ihm. Lichtsteiner und Xhaka fordern beide, der Vertrag mit Petkovic müsse verlängert werden. Das wünscht sich auch der eingangs zitierte, wichtige SFV-Mann. Er hoffe, dass der Verband vor dem Kesseltreiben der Ringier- und Zürcher Medien nicht einknicke, sagt er, und dass der Vertrag mit dem erfolgreichen Petkovic «nun erst recht» verlängert werde.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Vladimir Petkovic
«Blick» über Vladimir Petkovic
Nati-Goalie Roman Bürki in der BZ

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3 Meinungen

Petkovic ist einer der wenigen internationalen Trainer, der es fertigebracht hat und immer noch fertig bringt, eine schwach spielende Nationalmannschaft so zu führen, dass diese immer noch als Sieger vom Platz geht. Das ist die hohe Kunst eines Trainers, die nun Petkovic beherrscht. Wenn eine Mannschaft gut spielt, ist es einfach Trainer zu sein, doch in Gefahrensituationen wie die Schweiz nun einmal mehrfach während der EM-Qualifikation war, das Team zum Sieg oder zumindest zum Unterschieden zu führen, ist ausserordentlich. Das hat bis heute kein einziger Schweizer Nati-Trainier hingebracht! Es gäbe da noch viele Gründe für Petkovic! Was jedoch sicher ist, eine Abwahl von Petkovic würde nur Schaden anrichten, denn jeder neue Trainier wird an den Erfolgen von Petkovic gemessen. Die sind für schweizerische Fussballverhältnisse phänomenal!!
Rudolf Elmer, am 24. November 2019 um 12:13 Uhr
Zitat Roman Bürki: «Es störe den einen oder anderen Schweizer «womöglich, dass Vladimir Petkovic kein Eidgenosse ist und nicht Röthlisberger oder so heisst»»...dem ist wohl nicht viel hinzuzufügen, ausser vielleicht: Danke Herr Bürki, sehe ich genauso.
Alex Bötschi, am 26. November 2019 um 19:38 Uhr
Besten Dank für diesen Beitrag, der endlich etwas von den Hintergründen im Petkovic-Bashing von Blick und Tagi erhellt. Ich möchte dazu noch ergänzen: Wenn Journalisten ihre Agenda einer öffentlichen Person nicht aufzwingen können, dann wird gern auf dessen Kommunikation gezielt, und damit zielt man auch auf seine Person und aktiviert dabei Ressentiments bei Lesenden. Denn man kann davon ausgehen, dass Petkovic’ bei vielen Schweizer Fussballinteressierten nicht sympathisch wahrgenommen wird, wenn er öffentlich kommuniziert. Petkovic spricht unverkennbar ein Deutsch mit starkem Balkan-Einschlag. Offenbar ist es auch in einem Teil der Schweizer Medien schwer zu ertragen, dass eine identitätsstiftende Nationalmannschaft mit Secondos aus dem Balkan und mit einem Trainer aus dem Balkan Erfolg hat. Im übrigen denke ich, dass Petkovic durchaus gute Kommunikationsfähigkeiten hat, sonst könnte er ein so schwieriges Team wie eine zusammengewürfelte Fussball-Nationalmannschaft nicht während Jahren weiterentwickeln. Die Frage ist, wo muss er vor allem kommunikativ sein, um mit dem Team Erfolg zu haben. Bei den Spielern oder bei den Journalisten?
Urs Alter, am 28. November 2019 um 16:36 Uhr

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