Schmähpreis «Bleierne Feder» geht an die NZZ-Gruppe

Guy Krneta © Ayse Yavas
Guy Krneta / 13. Mai 2018 - Schweizer Autorinnen und Autoren kritisieren die Verschlechterung der Kulturberichterstattung in den NZZ-Medien.

Red. Der Verein Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS) hat am 10. Mai den Schmähpreis «Plume de Plomb» 2018 an die NZZ-Gruppe verliehen. Die Preisrede von Guy Krneta im Wortlaut:

Liebe Kolleginnen und Kollegen
Liebe Anwesende
Liebe Preisträgerinnen und Preisträger
Liebe Abwesende

Der Vorstand des AdS hat beschlossen, seinen Schmähpreis «Plume de Plomb» 2018 zu verleihen. Und er hat mich eingeladen, die Preisrede zu halten. Was ich gerne tue, weil es mir die Gelegenheit gibt, über Dinge zu reden, die mich beschäftigen.

Der Preis, der bisher glaube ich noch nie von einem Preisträger persönlich entgegen genommen wurde, ist mit keinen finanziellen Folgen verbunden. Weder erhält der Preisträger einen lächerlich kleinen Trostpreis aus unseren Mitgliederbeiträgen, noch kann der Verband ein gigantisches Preisgeld für erlittenen Schaden beim Preisträger einfordern.

Auch hat die künstlerisch gestaltete Trophäe von Viola Zimmermann kaum je die Hand gewechselt. Sie stand glaube ich noch nie ein Jahr lang im leeren Bücherregal eines Preisträgers, um ihn von da aus täglich ein bisschen zu piesaken. Sie wird in der Regel nach der glorreichen Verleihung klammheimlich eingepackt und verschwindet wieder für ein Jahr oder zwei im AdS-Büro.

Wenn wir also, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Anwesende, uns nicht bloss darin gefallen wollen, es einem gegeben zu haben, der das gar nicht merkt, kann der Preis nur eine Wirkung haben: Er sollte Anlass sein, uns selber denken zu geben.

Und damit komme ich zum diesjährigen Preisträger.

Der Vorstand des AdS hat beschlossen, den «Plume de Plomb» 2018 der NZZ-Gruppe zu verleihen für die Verschlechterung der Kulturberichterstattung in ihren Medien.

Ein Applaus an dieser Stelle wäre unpassend.

Für den Entschluss des Vorstands spricht einiges: Die Wahl des rechts-libertären Musterschülers René Scheu zum NZZ-Feuilletonchef Anfang 2016. Die damit verbundene Neupositionierung des Feuilletons als gesinnungs-fixiertes Debattenforum. Die Abgänge von langjährigen Kritikerinnen und Kritikern für Kunst und Theater. Die Entlassung der Kulturkorrespondentinnen und -korrespondenten im Ausland. Und schliesslich die Freistellung des für Geisteswissenschaften zuständigen Redaktors, gegen die 69 Schweizer Professorinnen und Professoren erfolglos protestierten.

Genannt werden könnte auch – dies ist jedoch kein neues Phänomen – die lausige Entschädigung von freien Autorinnen und Autoren. Die Zahlen seien nicht genannt, nur so viel: Die genossenschaftliche WoZ zahlt besser.

Und dann gibt es subjektive Eindrücke: Während ich bis vor zwei Jahren davon ausging, die meisten literarischen Werke, die in der Schweiz eine gewisse Bedeutung haben, würden früher oder später in der NZZ besprochen – manchmal halt mit einem Jahr Verspätung –, habe ich diese Erwartung heute aufgegeben. Ich kann nicht mehr ablesen, was die NZZ aus welchem Grund bespricht. Es scheint mir recht zufällig zu sein.

Aber das ist, wie gesagt, ein subjektiver Eindruck. Wie auch der subjektive Eindruck, es würden auffällig viele Deutsche und Harvard-Professoren zu Wort kommen, die zwar im Alltag wohl alle Krawatte tragen, sich aber gerne an angeblicher political correctness abarbeiten.

Und: Die NZZ ist ja nicht die ganze NZZ-Gruppe. Dazu gehört auch die «NZZ am Sonntag», bei der die angesprochene inhaltlich-funktionale Verschiebung des Kulturteils nicht zu beobachten ist. Und regelmässig beispielsweise die Beilage «Bücher am Sonntag» produziert. Die nach wie vor verlässlich kompetente Buchrezensionen liefert.

Zur Gruppe gehören auch die dreizehn Regionalzeitungen rund um die «Luzerner Zeitung» und das «St. Galler Tagblatt», bei denen sich eine nähere Betrachtung erübrigt. Die Zeitungen gehen nächstens in einem Joint Venture mit den AZ Medien auf. So entstehen überspitzt gesagt mehr als zwanzig Regionalausgaben der «Aargauer Zeitung» von der Ostschweiz über die Innerschweiz, das Mittelland bis nach Basel. Und dies parallel zum Tamedia-Einheitsbrei in Zürich, Bern, Basel, Berner Oberland, Zürcher Ober- und Unterland und Winterthur. Was das für die Kulturberichterstattung bedeutet, kann bereits jetzt beobachtet werden: das Fokussieren auf wenige kulturelle Grossanlässe, für die dann flächendeckend geworben wird. Während Vielfalt, Regionalität und die kenntnisreiche Auseinandersetzung mit einem einzelnen Werk zunehmend auf der Strecke bleibt. Ersetzt wird das dann auf regionaler Ebene durch Vorankündigungen und allenfalls Porträts von Künstlerinnen und Künstlern mit grossen Fotos.

Eine der wenigen Untersuchungen zu Qualität und Quantität der Kulturberichterstattung ist eine aktuelle Bachelor-Arbeit von Irène Unholz an der Uni Fribourg. Sie verglich Ausgaben des «Tages-Anzeigers» von 2007 mit solchen von 2017 im Umgang mit Bildender Kunst. Ihre Befunde sind: Berichte über Bildende Kunst finden sich weiterhin nach wie vor fast täglich in der Zeitung. Auch der flächenmässige Umfang hat in den zehn Jahren nicht abgenommen. Hingegen werden die Bilder grösser aufgemacht und der Textanteil nimmt ab. Die Anzahl Beiträge über Bildende Kunst ist in diesen zehn Jahren um fast ein Drittel gesunken. Die Anzahl eigentlicher Kritiken hat sich halbiert.

Ob die Ergebnisse einfach auf die Literaturberichterstattung übertragen werden können, muss offen bleiben. Der Verdacht besteht aber, dass hier ähnliche Befunde gemacht werden könnten. Zu ergänzen wäre auch, dass die Anzahl Veranstaltungen oder eben Buchpublikationen sich in den letzten zehn Jahren massiv erhöht hat. Das heisst: Es würden deutlich mehr als die Hälfte weniger Bücher rezensiert als noch vor zehn Jahren. Und auch der Kulturbegriff weitet sich weiter aus und macht sich im Feuilleton breit: So bespricht die Literaturkritikerin nicht nur Literatur, sondern hat auch eine wöchentliche Kolumne über die Bachelorette.

Davon hebt sich das NZZ-Feuilleton, um wieder auf unseren Preisträger zurückzukommen, ab. Es scheint nach wie vor umfangreich und eigenständig zu sein. Es gibt einzelnen bekannteren AdS-Mitgliedern gelegentlich Platz für Essays und Betrachtungen. Oder druckt ihre Reden ab. Die Feuilletonredakteurinnen und -redakteure tauchen sogar ausserhalb des Feuilletons an prominenter Stelle auf. Auf Seite «Meinung & Debatte». Oder mit Leitartikeln auf der Frontseite. Man könnte umgekehrt argumentieren und sagen: Die NZZ hat das Feuilleton aufgewertet! Es durchdringt nun die ganze Zeitung.

Vor rund einem Jahr machte ich einen Besuch auf der NZZ-Redaktion. Dabei ist mir ein Bild geblieben: Der Blick in ein Grossraumbüro, in dem zentral ein riesiger Bildschirm platziert ist. Dieser zeigt unter anderem, wie viele user in diesem Augenblick die Website besuchen. Und ein permanentes Ranking misst time-in-time die Beliebtheit von einzelnen Artikeln. Seit Scheus Umpositionierung kann das Feuilleton in diesem Ranking gut mithalten. Einzelne Beiträge sind ausserordentlich beliebt – in Deutschland, in merkelkritischen und AfD-nahen Kreisen. Ob die NZZ daraus einmal Kapital schlagen kann, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Dagegen aber seien reine Buchbesprechungen, wie mir von verschiedener Seite versichert wird, ausgesprochen unbeliebt.

Mag ja sein, sage ich als Autor, Künstler oder Kulturschaffender, nur: Kunst ohne öffentliche Beachtung läuft ins Leere. Dabei geht es ja nicht bloss um Werbung, die meinetwegen durch Vorankündigungen, Porträts und Facebook ersetzt werden kann. Es geht um die kritische Auseinandersetzung, die Transmission der Auseinandersetzung in die Öffentlichkeit. Unsere Kunst findet in einer demokratischen Gesellschaft statt. Sie wird je nach Sparte mehr oder weniger öffentlich finanziert. Sie will und sucht und braucht Auseinandersetzung, die sie nicht aus sich selber heraus schaffen kann. Bücher, Theateraufführungen, Musik- und Kunstwerke sind Ereignisse per se, ja. Aber sie werden erst zu Ereignissen, wenn sie an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten von bestimmten Menschen bemerkt werden, die darüber reden, die darüber streiten und öffentlich darüber nachdenken.

Bei einem Gespräch über Kulturberichterstattung neulich sagte der Chefredaktor einer Zeitung – es war nicht die NZZ – sie, also seine Kulturredaktion, würden immer wieder bedrängt von Kulturschaffenden, sie müssten doch dieses und jenes besprechen. Wozu sie aber gar nicht in der Lage seien, platz- und kapazitätsmässig. Und übrigens müssten sie gar nichts. Sie seien ein privates Unternehmen, ohne öffentlichen Auftrag.

Die Antwort ist deutlich. Und ich wundere mich, dass sie bei uns Kulturschaffenden, uns Künstlerinnen und Künstlern, uns Schriftstellerinnen und Schriftstellern nicht längst angekommen ist. Denn wir hören sie, ganz ehrlich, nicht zum ersten Mal. Die SRG, ja, die MUSS. Für sie ist Kulturberichterstattung, Kulturförderung und sogar Kulturproduktion gesetzlicher Auftrag. Aber die NZZ, die Tamedia-Blätter, die «Aargauer Zeitung», der «Blick» müssen gar nichts. Und kein AdS-Schmähpreis der Welt kann sie dazu bringen, irgendetwas wollen zu müssen.

Wir haben ein Problem. Wir schreiben Bücher, Theaterstücke, Spoken-Word-Texte, Gedichte und haben damit weniger Resonanz. Gegensteuer dazu geben vielleicht die immer zahlreicheren Preise – vom Poetry-Slam-Schweizermeister bis zum Schweizer Buchpreis –, die es schaffen, Literatur zu medialen Ereignissen zu machen. Wie immer man als Künstlerin oder Künstler zur Wettbewerbisierung stehen mag. Und ja, es gibt auch Neues: Private Blogs, in denen Menschen unbezahlt Bücher besprechen. Es gibt sogar die Tendenz, dass solche Bloggerinnen und Blogger auf einmal erwarten, von Verlagen und Autorinnen und Autoren dafür bezahlt zu werden, dass sie privat Bücher besprechen. Influencer für Literatur. Es gibt den wunderbaren «Buchjahr»-Blog der Uni Zürich, betrieben von Studierenden und Dozierenden, die auch an den Literaturtagen anwesend sind. Es gibt den öffentlich finanzierten Feuilletondienst. Es gibt – ebenfalls öffentlich finanziert – «vice versa», mit leider geringer Reichweite. Und es gibt die SRG.

Was wir suchen, ist die Auseinandersetzung, die nicht nur in Nischen stattfindet. Aber vielleicht sollten wir uns jetzt auf die Hinterbeine stellen, dass die Auseinandersetzung wenigstens in Nischen und darüber hinaus stattfindet. Dass sie zur Kunstproduktion gehört und entschädigt werden muss, weil sie sonst qualitativ ungenügend ist. Schenken wir der NZZ diese bleierne Feder, schauen wir weiterhin zu, was dort passiert, aber verschwenden wir keine Hoffnung auf sie. Wir müssen selber tun, erfinderisch werden und die Kulturförderung überzeugen, dass Kunst nicht von Klickraten lebt, sondern von Auseinandersetzung. Und dass die organisiert werden muss.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Guy Krneta, geboren in Bern, lebt als freier Autor in Basel. Er schreibt regelmässig für die Medien-Kolumne «kontertext» auf Infosperber.

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Eine Meinung

Guy Krneta hat leider die Grundsätze Martin Luthers nicht verinnerlicht, sein «Hommage» oder auch Standpauke gegen die NZZ und wohl auch gegen den Tages-Anzeiger ist viel zu lange ausgefallen. Wer tut sich denn dies an, alles zu lesen, ja man kann ja auch querlesen. ....."Tritt forsch auf, mach's Maul auf, hör bald auf», eine Rede, welche länger als 10 Minuten dauert wird nicht aufmerksam verfolgt, dies gilt auch für einen allzu langen Infosperber-Kommentar.

Da freut sich Krneta über die SRG als Retter der Kultur. Ja, die SRG kostet uns ja auch viel Geld, da darf sie ruhig einen gehörigen Beitrag leisten. Doch gefragt ist nicht Einheitskost à la SRG mit oft fragwürdiger Allokation der finanziellen Ressourcen.
Die Auseinandersetzung findet aber auch weiterhin in der NZZ statt. Dass mal ein Beitrag des Feuilleton-Redaktors auch die erste Seite der NZZ zieren darf, zeigt doch auf, dass selbst Feuilleton und Kulturredaktoren nicht im Glashaus leben.
Vielleicht stösst ja Guy Krneta bei den Verantwortlichen der «Republik» auf mehr Musikgehör.....
Beda Düggelin, am 13. Mai 2018 um 13:19 Uhr

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