Maskenpflicht für alle: Nur ZFF-Direktor Jungen und Stargäste müssen für Fotos keine tragen. © ZFF

Maskenpflicht für alle: Nur ZFF-Direktor Jungen und Stargäste müssen für Fotos keine tragen.

Sicherer Umgang mit Corona: Kino schlägt Grossraumbüro

Catherine Duttweiler / 05. Okt 2020 - Das Zürcher Filmfestival ging als erster Grossevent ganz ohne Ansteckungen über die Bühne. Eine Studie zeigt: Das Kino ist sicher.

«Es tat schon weh und hat auf die Stimmung gedrückt, dass es unter freiem Himmel auf dem grünen Teppich eine Maskenpflicht für unsere Mitarbeitenden und die Medienschaffenden gab», bilanzierte der neue Festivaldirektor Christian Jungen am Wochenende: «Aber wir wollten auf Nummer sicher gehen, und das hat sich gelohnt.»

Strengere Vorschriften als nötig - ausgerechnet dank Daniel Koch

Tatsächlich hatte das Team des Zürcher Filmfestivals (ZFF) ein besonders umfangreiches Schutzkonzept im Umgang mit Covid-19 erstellt, das in vielen Punkten deutlich über die Vorgaben der Behörden hinaus ging. Neben starken Einschränkungen in der Fanzone gab es eine Maskenpflicht in den Kinos, obwohl die Säle nur zu 60 Prozent belegt wurden. Selbst bei den begehrten Gala-Premièren im Corso 1 mit prominenten Gästen wie Johnny Depp, Juliette Binoche oder Til Schweiger blieb von den 720 Plätzen jeder dritte leer – im Gegensatz etwa zum Zürcher Opernhaus, dass seine aktuellen Aufführungen mit Maske und Vollbelegung verkauft. Auf Partys, wie sie die Sponsoren lieben, wurde komplett verzichtet. Am Eröffnungsabend etwa strich man die legendäre Feier im Warenhaus Globus am Bellevue, wo sich die Gäste jeweils dicht gedrängt auf drei Stockwerken durch die vollen Auslagen bewegen – es wäre der perfekte Superspreader-Event gewesen.

Christian Jungen war sich bewusst, dass das ZFF als erster Grossanlass im Land unter erhöhter Beobachtung stand und habe sich «im Zweifel für die sicherstmögliche Variante» entschieden. Mit seinem Kurs bewies er Mut, denn die Maskenfrage ist in der Schweiz seit Monaten ein Politikum, wie er selber bemerkt: «Es ist eine ideologische Frage fast wie das Waffentragen in den USA.»

Entwickelt wurde das ZFF-Schutzkonzept im engen Austausch mit den Behörden sowie dem noch immer auf allen Kanälen allgegenwärtigen ehemaligen Corona-Delegierten Daniel Koch, der mehrere Verschärfungen anregte. Erstaunlich: Ausgerechnet der Masken-Skeptiker hatte laut Jungen die Maskenpflicht im Freien in dem ohnehin auf 50 Personen reduzierten Fanbereich vorgeschlagen. Das ZFF setzte alle seine Vorschläge um.

Infektion im Umfeld ohne weitere Ansteckungen?

Nun zeigt sich: Der Sondereffort beim Kino-Comeback hat sich gelohnt. Zwar wurde offenbar schon zu Beginn des Festivals eine Person aus dem Umfeld des Festivals identifiziert, die sich mit dem Virus angesteckt hatte, wie es in einem unbestätigten Medienbericht heisst. Doch dank den Schutzmassnahmen kam es – Stand heute – zu keinerlei Folge-Ansteckungen, wie das ZFF betont. Die Gäste vertrauten dem Konzept: Mit 68'000 Besucherinnen und Besucher zählte das diesjährige Festival, ziemlich genau 60 Prozent des Vorjahres - nach Abzug der Sitzplätze, die wegen den Schutzmassnahmen nicht belegt werden durften, lagen die Besucherzahlen auf Vorjahresniveau. Ein wiederholter Augenschein in den Sälen zeigte, dass sich mit Ausnahme weniger Personen zu Beginn des Festivals praktisch alle an die Maskenpflicht hielten, die für normale Kinogänger sonst nicht generell gilt. Die breite Bevölkerung zeigt sich immer resilienter und scheint sich vermehrt mit der «neuen Normalität» zu arrangieren – wenn dafür der Besuch einer kulturellen Darbietung oder seit letzter Woche auch eines Sportanlasses mit über 1000 Personen winkt.

Das ZFF hat also vorexerziert, wie man pragmatisch mit dem Virus umgeht. Nur bei der Preisverleihung vom Samstagabend waren sich die Preisträgerinnen ohne Maske beim Fototermin etwas näher gekommen als geplant. Ansonsten wurde das weltweit erste grosse Filmfestival nach dem Lockdown für seinen frühen Entscheid zugunsten einer konsequent physischen Live-Durchführung belohnt: Es konnte statt 11 wie im Vorjahr beachtliche 23 Weltpremièren präsentieren und glich das Manko an Hollywood-Blockbustern mit mehr Arthouse-Filmen und einem Schwerpunkt zum französischen Film aus.

Auch das Bieler Festival ging erfolgreich über die Bühne

Zuvor hatte Mitte September das kleinere Festival du Film Français en Hélvétie (FFFH) in Biel mit überdurchschnittlich vielen «Grandes Premières» überzeugt – und mit prominenten Gästen wie Patrick Bruel, Nicole Garcia und Stéphanie Chuat. Auch das FFFH konnte mehr Personen im Kino empfangen als erwartet, auch weil die wichtigsten Filme zeitgleich in zwei Kinos übertragen wurden. Das französischsprachige Liebhaberfestival lebt von den engagierten und oft langen nächtlichen Debatten zwischen Zuschauerinnen, Schauspielern und Filmemacherinnen, die auch dieses Jahr im Anschluss an die Premièren wie gewohnt durchgeführt wurden. Und auch in Biel und Umgebung kam es danach zu keinen nachverfolgbaren Ansteckungen, weder am FFFH noch in den seit Juni wieder eröffneten Kinos, wie die künstlerische Direktorin Edna Epelbaum bestätigt: «Das beweist, dass die Schutzkonzepte sehr gut umgesetzt und vor allem auch gut respektiert werden.» Sie habe den Eindruck, dass die Leute sich in den Kinos wohl fühlten.

Berliner Studie zeigt: Kinos sind dank guter Lüftung sehr sicher

Eine neue Studie der Freien Universität Berlin zeigt denn auch, dass die Ansteckungsgefahr mit Covid-19 in klimatisierten Kinos meist geringer ist als in Büroräumlichkeiten. Bei der Analyse des Teams «Contamination Control» von Martin Kriegel wurden zwei Berliner Kinosäle untersucht, in denen der Mindestabstand eingehalten wurde – und mit einem Grossraumbüro verglichen, in welche unter Einhaltung der Distanzvorschriften acht Personen, halb soviel wie normal, arbeiteten. Fazit: Da im Kino deutlich weniger gesprochen wird als im Grossraumbüro und die Leute sich kaum bewegen, ist das Risiko von Infektionen selbst bei überlangen Filmen von 180 Minuten Dauer markant tiefer. Die in Kinos verbreitete Quell-Lüftung trage zudem dazu bei, dass verbrauchte und erwärmte Luft zur Decke steigt, während die Luft im Zuschauerbereich laufend erneuert werde und damit sauberer sei, heisst es weiter. In Büros sind Mischlüftungen üblich, die weniger Luftaustausch ermöglichen.

Der Kinobranche, die wegen Streamingdiensten wie Netflix, Apple TV, Google TV oder den neuen «Blue»-Angeboten der Swisscom ohnehin unter Druck steht, ist der Erfolg in Zürich zu gönnen. «Wir sind hochzufrieden», bilanzierte Direktor Christian Jungen am Wochenende. «Wir haben bewiesen, dass man auch unter den aktuellen schwierigen Bedingungen Events ausrichten kann.»

Zurückhaltung von Hollywood hilft dem Schweizer Film

Epelbaum, die zugleich Präsidentin des Schweizer Kinoverbandes ist, bedauert allerdings, dass die grossen amerikanischen Filmstudios wie Disney und Universal derzeit keine Filme auf internationaler Ebene lancieren: «Wir erleben deshalb nach wie vor schwierige Zeiten.» So wurde letzte Woche der Start des neuen «James Bond» - ein garantierter Kassenhit - zum zweiten Mal verschoben, auf nächstes Jahr. Sie bleibt aber optimistisch: Dies sei auch eine Chance für kleinere Produktionen und Schweizer Filme, die dank längerer Spieldauer ein grösseres Publikum erreichen könnten: «Das Kino lebt, die Leute sind dankbar, dass das kulturelle Leben wieder live stattfindet.»

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Eine Meinung

"Erstaunlich: Ausgerechnet der Masken-Skeptiker hatte laut Jungen die Maskenpflicht im Freien in dem ohnehin auf 50 Personen reduzierten Fanbereich vorgeschlagen."

Ich stelle fest, dass fast alle früheren fachlichen Maskenskeptiker (für Situationen wie draussen und mit Abstand) «umgekippt» sind, obwohl sich fachlich nicht viel geändert hat. Ich vermute einen ungeheuren öffentlichen Druck auf diese durch von Medien beflügelte Maskenfans.

Ich sass schon früher im Kino immer etwas abseits, und jetzt erst recht, und fühle mich auch ohne Maske sicher. Auch weil die Leute in der Regel ja nicht sprechen, da reicht theoretisch etwa 30 cm Abstand. Bei einem wirklich ganz vollen grossen Saal würde ich jedoch verzichten, oder notfalls eine FFP2-Maske anziehen.
Theo Schmidt, am 05. Oktober 2020 um 13:35 Uhr

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