Sabine Kloske: Kombiniert die Chemo mit Methadon – seither ist der Hirntumor weg © ARD
Das Balken-Diagramm zeigt, wie Methadon bei veschiedenen Krebsarten die Wirkung der Chemotherapie verstärkt hat © ARD
Die Grafik zeigt, wie Methadon bei verschiedenen Krebsarten die Wirkung einer Chemotherapie verstärkt hat © ARD
Tumore, die auf keine Therapie mehr ansprachen, verschwanden als Patienten zusätzlich zur Chemo Methadon einnahmen © ARD
«Gegen ein Krebsmedikament, das pro Quartal 25'000 Euro kostet, hat Methadon für 20 Euro kaum eine Chance» © ARD

Krebspatientin: «Methadon gibt mir neue Hoffnung»

Red. / 23. Jun 2017 - Methadon könnte bei Krebs helfen. Doch Pharmakonzerne interessieren sich nicht für den Wirkstoff: Das Mittel ist zu wenig lukrativ.

Das Schmerzmittel Methadon wird seit den 70er-Jahren vor allem als Drogenersatz für Heroin verwendet. Doch es könnte auch eine Hoffnung sein für krebskranke Menschen: Eine Forscherin der Uniklinik Ulm hat entdeckt, dass Methadon die Wirksamkeit einer herkömmlichen Chemotherapie um bis zu 90 Prozent erhöht. Sogar therapieresistente Krebszellen sterben innert kürzester Zeit, wenn man die Krebsmedikamente mit Methadon kombiniert.

Über die vielversprechenden Ergebnisse der Methadon-Therapie bei Krebs berichtete das ARD-Magazin «Plusminus» am 13. April 2017. Im «Tagesgespräch» von Radio DRS (22. Juni 2017) äusserte sich Chef-Onkologe Roger von Moos vom Kantonsspital Graubünden zur Therapie mit Methadon. Andere grosse Schweizer Medien haben bisher nicht darüber informiert.

«Ich muss nicht sterben»

Die Ulmer Forscherin Claudia Friesen hat den Wirkmechanismus von Methadon schon 2014 der Fachwelt beschrieben. Methadon besetzt spezielle Opioid-Rezeptoren auf den Krebszellen und macht die Zellwände durchlässiger. Dadurch können chemotherapeutische Gifte die bösartigen Zellen besser bekämpfen – der Tumor schrumpft oder verschwindet ganz.

Mittlerweile hat Claudia Friesen mehr als 350 Patientendaten gesammelt, die allesamt positive Krankheitsverläufe zeigen. Auf den MRT-Bildern ist zu sehen, dass sich Metastasen zurückbildeten, wenn die Betroffenen die Chemotherapie mit Methadon ergänzten. Selbst grosse Tumore im Hirn, die auf keine Therapie mehr ansprachen, verschwanden (Bild unten).

Ein Beispiel ist Sabine Kloske. Vor mehr als zwei Jahren wurde bei ihr ein Glioblastom diagnostiziert. Dieser schnell wachsende, bösartige Hirntumor gilt derzeit als unheilbar. Die Ärzte sagten der damals 36-Jährigen, sie habe nur noch etwa 15 Monate zu leben. Doch es kam anders: Seit mehr als zwei Jahren ist der Tumor nicht zurückgekehrt. Sabine Kloske führt dieses Wunder auf das Methadon zurück. Zusätzlich zur Chemotherapie nimmt sie zweimal täglich 35 Tropfen davon und ist wieder voller Zuversicht: «Ich bin wieder da. Kann weiterleben und muss nicht sterben.»

Fachärzte äussern Bedenken

Methadon als Krebskiller? Die Ulmer Entdeckung müsste in der Fachwelt eigentlich auf reges Interesse stossen – doch das Gegenteil ist der Fall. Statt Unterstützung erfährt die Ulmer Forscherin vor allem Ablehnung und Kritik. Führende deutsche Neuro-Onkologen warnen vor «falschen Erwartungen», «die Wirkung beim Menschen sei völlig unklar» und «potenziell reich an unerwünschten Nebenwirkungen». Der Sprecher der deutschen Neuro-Onkologischen Arbeitsgemeinschaft (NOA) hält die Ergebnisse aus Ulm für unzureichend, da sie «experimentell» seien. Der Einsatz von Methadon bei Krebs sei deshalb «nicht gerechtfertigt», sagt er im ARD-Interview. Untersucht haben diese Neurologen die Wirkung von Methadon zusammen mit einer Chemotherapie aber nicht.

Ähnlich kritisch äusserte sich Roger von Moos, Chefarzt Onkologie am Kantonsspital Graubünden und Präsident der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung SAKK im «Tagesgespräch» von Radio DRS. Der Schweizer Onkologe hält es für höchst problematisch, Methadon in der Krebstherapie einzusetzen, bevor die Wirksamkeit der Substanz klinisch erprobt sei. Auch er warnt vor überzogenen Hoffnungen und möglichen Nebenwirkungen. Über mögliche Interessenkonflikte des Onkologen mit der Pharmaindustrie informierte das Radio nicht.

Unabhängige Forschungsmittel fehlen

Die Ulmer Chemikerin Claudia Friesen weiss, dass Laborergebnisse und eine Vielzahl von positiven Patientenfällen nicht beweisen, dass Methadon gegen Krebs tatsächlich hilft. Aufwändige und teure Doppelblind-Studien wären nötig, um die Wirksamkeit des Schmerzmittels in der Krebstherapie wissenschaftlich zu belegen. Doch für unabhängige Forschung gibt es kaum öffentliche Mittel. Auch deshalb sind die millionenteuren Studien überwiegend von der Pharmaindustrie finanziert. Und diese zeigt kein Interesse, Methadon in der Krebstherapie klinisch zu erproben. Denn mit Methadon lässt sich kaum Geld verdienen.

Pharmakonzerne stecken zwar Milliarden in die Erforschung neuer Wirkstoffe gegen Krebs. Viele davon sind extrem teuer – entsprechend gross ist der Profit. Ein Beispiel dafür ist das Krebsmittel Avastin von Roche. Seit Jahren wird daran mit Hochdruck geforscht; über 1000 Studien gibt es zu dem Medikament, das das Leben schwerst Krebskranker verlängern soll. Eine Behandlung von drei Monaten kann bis zu 25‘000 Euro kosten.

Die Ulmer Forscherin Claudia Friesen: «Gegen ein Krebsmedikament, das pro Quartal 25'000 Euro kostet, hat Methadon für 20 Euro kaum eine Chance» (Quelle ARD)

Methadon jedoch verspricht keinen Profit. Der Wirkstoff ist nicht mehr patentfähig und darum extrem billig. Die Grundsubstanzen für das Methadon-Präparat müssen in der Apotheke lediglich angemischt werden und kosten nur wenige Euro. Wohl deshalb sei das Interesse, Methadon als Krebsmedikament zu erforschen, so gering, vermutet Claudia Friesen. Zusammen mit einem Palliativmediziner hat sie speziell für Krebspatienten eine Rezeptur für ein Methadon-Präparat entwickelt: «Methadon für vier bis sechs Wochen kostet etwa 12 bis 20 Euro. Wenn man das mit den sehr teuren Krebs-Medikamenten vergleicht, die 20'000 bis 25'000 Euros kosten, hat Methadon kaum eine Chance.»

Claudia Friesen hat mittlerweile Unterstützung von deutschen Medizinern erhalten, um die Weichen für die klinische Erprobung von Methadon zu stellen. An der Berliner Charité sammeln Onkologen die Daten von Hirntumorpatienten, die zusätzlich mit Methadon behandelt werden. In einer vor Kurzem veröffentlichten Studie stellten sie fest, dass die Nebenwirkungen bei Weitem nicht so stark sind, wie von manchem befürchtet.

Sollte sich in einigen Monaten zeigen, dass Methadon das Leben von Krebspatienten tatsächlich verlängern kann, wäre der nächste Schritt eine umfassendere Studie. Doch ob sich der dafür notwendige Millionenbetrag aufbringen lässt, bezweifeln selbst die Mediziner an der Charité.

Die Grafik zeigt, wie Methadon bei verschiedenen Krebsarten die Wirkung einer Chemotherapie verstärkt hat. (Quelle: ARD)

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Chefonkologe Roger von Moos im «Tagesgespräch» von Radio DRS (22. Juni 2017)

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10 Meinungen

"In God we believe, all the other guys have to bring data.» (Zitat)
Unerwartete Beobachtungen führen zu zahllosen Hypothesen und Extrapolationen, die ausnahmsweise auch einmal bestätigt werden können. Solche im vorliegenden Fall zu überprüfen dürfte vorerst nicht an der Haltung der Pharmaindustrie oder anderen Faktoren des Forschungsbetriebes scheitern; einige davon könnten sogar förderlich sein. Wenn die Geschichte tatsächlich einen substantiellen und so generell wirksamen Hintergrund haben sollte, müsste der in jedem Fall aufgedeckt werden. Es könnte sein, dass patentrechtliche Aspekte von Methadon dann gar nicht mehr relevant sind.
Jetzt wird ja eine Studie gemacht; man darf gespannt sein.

Klaus Neftel
Klaus Neftel, am 23. Juni 2017 um 14:51 Uhr
Interessant:

Hier haben wir Fachärzte, die lautstark Bedenken äussern und vor eventuell möglichen Nebenwirkungen warnen.

Wo sind diese, wenn es um Umweltgifte geht oder um Strahlenschutz? Dort können die Grenzwerte «unbedenklich» nach oben gesetzt werden.
Ekkehard Blomeyer, am 23. Juni 2017 um 15:18 Uhr
TAS e.V. ist eine couragierte Gruppe junger Naturwissenschaftler und arbeitet transparent und unabhängig von wirtschaftlichen Interessen. Arzneimittelstudien werden nach neuesten wissenschaftlichen Standards analysiert, bewertet und nachvollziehbar auf unserer Website dargestellt.

Wir sind auf das Thema aufmerksam geworden und wollen die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und präklinischen Daten zur Tumortherapie mit Methadon analysieren. Die Anlayse kann als wichtige Vorraussetzung für größere klinische Studien dienen!

Helfen Sie das Projekt zu verbreiten!
https://www.tas-ev.org/projekte/krebstheraphie-mit-methadon.html
Jacques Ehret, am 23. Juni 2017 um 18:19 Uhr
Danke für diesen guten Bericht

Methadon wird leider zu unrecht immer noch oft negativem assoziert, und die Toleranzerscheinungen (Entzugserscheinungen) bei rapidem absetzen werden dramatisiert. Mit Ibogain kann der Entzug kurzerhand ausgeschaltet werden. Ibogain ist in vielen Ländern zugelassen, nur nicht in der Schweiz. Die Pharamlobby interessiert sich nicht immer für das Wohl der Patienten/innen, sondern eher für ihre eigene Brieftasche. Irgendwann kommt jemand mit genug Kapital, und verklagt die Pharmaindustrie auf unterlassene Hilfeleistung. Juristisch wäre dies möglich, es ist nur eine Frage des Geldes. Das Medikament ist ein Segen für viele chronische Schmerzpatienten, und ebenso für Suchtpatienten und derren Umfelder. Es macht im Vergleich zu anderen synthetischen Opioiden viel weniger Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Aber es ist zu unrecht auch unter Aerzten immer noch verpönt. Es wird in der Schweiz mit Sucht und bösen Süchtigen assoziiert, mit Feindbildern. Nach meiner 5ten Operation wirkte kein Schmerzmittel mehr adäquat, die chronischen Schmerzen mergelten mich aus, wir probierten alle die Nieren und Leberkiller bis meine Organe geschädigt waren. Dann kamen die syntheitschen Opiode als Versuch dran, mit allergischen Reaktionen, instabiler Wirksamkeit und vielen Problemen. Bis mein Hausarzt es mit einer sehr kleinen Dosis Methadon versuchte. Seither kann ich wieder Zuhause leben ohne Rollator.
Beatus Gubler, am 24. Juni 2017 um 12:03 Uhr
Nebenwirkungen! Nebenwirkungen! Hat der Onkologe vielleicht auch einmal die Beipackzettel 'seiner' Medikamente gelesen?
Wenn jeder Arzt bei einer Anfrage für Medadon, zwecks Unterstützung einer 'Chemo', so mauert wie der ChurerChef, bleibt wohl nur noch der Schwarzmarkt!
Michael Haggenmacher, am 24. Juni 2017 um 16:31 Uhr
Aus Distanz betrachtet: Eine Forscherin entdeckt einen «Effekt». Kein einmaliges «Aha-Erlebnis», sondern bereits schon ein Ereignis!

"Da könnte ja jeder kommen...!» Kennen wir! Passt's nicht in den Kram, werden die Killerphrasen ausgepackt! Die Argumentation von Herrn von Moos und die Sendung im ARD, Plus-Minus ist bekannt.

Freilich muss eine klinische Studie vorliegen. Ich hoffe sehr, dass sie zustande kommt!

Nur weil kein Geld verdient wird, darf diese Entdeckung nicht übergangen werden! Oder geht es gar nicht um den Fortschritt in der Medizin um dem Patienten zu helfen? Der Patient ist zu schade, um als Mittel zum Zweck missbraucht zu werden um Gewinne zu maximieren!
Wenn Avastin um die 20'000 Franken (pro Monat) kostet, aber keine echte Lebensverlängerung bringt - es gehe darum, in der restlichen verbleibenden Zeit die Lebensqualität zu erhöhen, um vielleicht noch das bisher verlauerte Testament zu schreiben, dann könnte man dies mit palliativer Behandlung genau so erreichen und es würde vermutlich erst noch bedeutend weniger kosten!

Wer über 50 Jahre Schmerzen «feiert» kann ein Lied singen. Eines der günstigsten Mittel: «Morphine» tut schon seit über 15 Jahren seinen Dienst. Anfänglich mit zu hohen Dosen von Cortison ist den Körper mit Artherose übersät. Andere Mittel schlugen nicht an. Am Morphium ist kaum viel zu verdienen. Bei Opiaten wäre es ähnlich. Ist nichts zu verdienen, ist's nichts wert! Kann's ja wohl nicht sein!
Herbert Odermatt, am 27. Juni 2017 um 23:20 Uhr
@ Michael Palomini: Da wäre ich mir jedoch nicht so sicher! Wenn Natron nach 10 bis 12 Tagen anschlagen würde, wüsste dies die ganze Welt! Ahornsirup nicht vergessen, wenn Sie von Natron reden! Sind Sie selbst Opfer einer bösartigen Erkrankung? Haben Sie schon auf ein wirksames Mittel gehofft? Haben Sie die Welt auch schon über Jahre aus der «Wurmperspektive» angeschaut? Wenn nein, dann recherchieren Sie gründlich und nennen Sie Fakten! Bitte! Billig Hoffnung schüren gehört zum Verwerflichsten was ich kenne!
Herbert Odermatt, am 28. Juni 2017 um 23:46 Uhr
Ja, es gibt einige interessante therapeutische Ansätze, die noch nicht ausreichend erforscht sind oder sogar sehr umstritten - aus welchen Gründen auch immer. Bis diese geklärt sind, kenne ich leider auch nur den Tipp, selbst zu recherchieren, auszuprobieren, zu verwerfen...
Ekkehard Blomeyer, am 29. Juni 2017 um 16:47 Uhr
Wer weiss einen Arzt in der Schweiz der das Methadon verschreiben würde
Beatrice Cesar, am 08. August 2017 um 20:46 Uhr
Der Therapieansatz, wie ihn Frau Friesen und Kollegen beschreibt, macht Sinn. Ich verordne, da ich sehr viel Erfahrung mit Methadon habe, Methadon mit bis jetzt gutem Erfolg, auch bei Schmerzen die z. B. durch Metastasen ausgelöst werden.
Karl-Heinz Bauer, am 09. November 2017 um 14:00 Uhr

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