Auf dem Weg in die Gesundheitsdiktatur

Bernd Hontschik © Ute Schendel
Bernd Hontschik / 03. Apr 2020 - Politik und Medien kennen fast nur noch das Thema Coronavirus. Wer spricht noch vom Klima, vom Brexit, von Syrien, Jemen, Lesbos?

Red. Chirurg und Publizist Bernd Hontschik ist gelegentlicher Gastautor von Infosperber.

Was geht hier eigentlich vor? Ausgangssperren, Schliessung von Universitäten, Schulen und Kindergärten, Versammlungsverbote, geschlossene Grenzen, Ausserkraftsetzung von Grundrechten, bewaffnete Patrouillen der Polizei und bald auch der Armee – das waren für mich bis jetzt untrügliche Zeichen des Faschismus, lateinamerikanischer Diktaturen. Haben wir jetzt also eine Gesundheitsdiktatur?

Es gibt so vieles, was völlig untergeht, nicht nur die grossen Katastrophen in Syrien, im Jemen und an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland. Wer spricht denn da noch vom Klima? Kein Thema mehr. Wer spricht noch vom Brexit? Die Gesundheit geht vor! Riesige Demonstrationen in Berlin, Paris, London, Barcelona, Fridays for Future – alles kein Thema mehr. Datenschutz? Lächerlich! Gerade hat die Telekom dem Robert-Koch-Institut zum zweiten Mal ein Paket von fünf Gigabyte ihrer Mobilfunkdaten übergeben, um die Wege der Menschen im Land verfolgen zu können [in der Schweiz gibt die Swisscom vergleichbare Daten dem Bund]. Noch anonym, versteht sich, aber wenn demnächst die Ausgangssperre kommt, sollte man es doch lieber personalisieren. Die Gesundheitsdiktatur fordert das. Und die Bevölkerung macht das alles mit einer geradezu erschütternden Bereitwilligkeit mit: Die Gesundheit geht vor!

Für die Rettung der Volkswirtschaften stellen Regierungen Hunderte von Milliarden Euro bereit, es gäbe da keine Grenze nach oben. Woher kommt plötzlich das ganze Geld, und wo war es eigentlich bei der Diskussion um die lebensnotwendige Energiewende? Aber jetzt werden alle Register gezogen, es ist unendlich viel da: Die Gesundheit geht vor!

Und hatten wir nicht eben noch einen eklatanten Mangel an Pflegepersonal, besonders auf Intensivstationen? Aber jetzt sollen die Kapazitäten überall mindestens verdoppelt werden. Wie soll das gehen? Können diese komplexen Tätigkeiten an Menschen und Maschinen von angelernten Kräften ausgeübt werden? Wurden wir nicht gerade auf die Schliessung von Hunderten von Krankenhäusern in unserem Land vorbereitet? Aber jetzt fehlen die Betten überall, das ärztliche und pflegerische Personal in den Krankenhäusern ist am Ende, kurz vor dem Zusammenbruch.

Gibt es nicht jeden Winter immer wieder Tausende von Grippetoten, vor zwei Jahren sogar über 25’000 [in Deutschland], unter den Verursachern auch einige Coronaviren? Und sterben bei uns nicht Jahr für Jahr mehr als 30’000 Patientinnen und Patienten wegen Krankenhaus-Infektionen? Es ist sehr heikel, sich an dieser Diskussion zu beteiligen. Aber einhellige Meinung scheint ja inzwischen zu sein, dass es für die ganze Menschheit um Leben und Tod geht. Womit sonst könnte man das komplette soziale und wirtschaftliche Leben aller Kontinente zum völligen Erliegen bringen?

Wer jetzt den Krieg gegen das Virus nicht mitmacht, der macht sich schuldig. So sagt man zur Zeit jedenfalls – überall.

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Diese Kolumne erschien in etwas anderer Form am 21. März 2020 in der Frankfurter Rundschau.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Bernd Hontschiks neustes Buch: «Erkranken schadet Ihrer Gesundheit», 2019, Westend Verlag, 24.90 CHF / 16 Euro.

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7 Meinungen

Treffender Artikel, ausser dass das Pflegepersonal nicht mehf als vorher am Anschlag ist. Die zusätzlichen Intensivbetten wurden geschaffen und weiteres mehr. Aber diese sind fast ganz leer.
Beat Schärer, am 03. April 2020 um 13:51 Uhr
Danke für diesen Beitrag. Ich habe schon einmal angeregt eine Gespräch zu lancieren, was wirklich hinter dieser Angst steckt. Sorry das geht ja nicht. Dafür ist der Infosperber ja nicht eingerichtet.
Urs Anton Löpfe, am 03. April 2020 um 14:29 Uhr
Nun ja, die Antwort scheint mir relativ einfach: Wir sind komplett überfordert mit den schier unendlichen Möglichkeiten, die wir uns geschaffen haben. Unsere Gesellschaft steht unter Dauerstress. Tagtäglich müssen wir unzählige Entscheidungen treffen und unzählige Möglichkeiten gegeneinander abwägen. Das, gepaart mit den heutigen Kommunikationsmittel überfordert auf die Dauer jeden Menschen. Wir sind schlicht und einfach nicht geschaffen für die Welt, wie wir sie uns geschaffen haben.
Die irrationale, und (wie im Artikel beschrieben) im Vergleich zu anderen Bedrohungen völlig übertriebene Reaktion auf das Virus, rührt von einer orientierungslosen und überforderten Gesellschaft her.
Ich fragte mich in den letzten Wochen des öfteren, wie die ganze Geschichte ohne die Möglichkeiten des Internets abgelaufen wäre?
Marc Fischer, am 04. April 2020 um 09:20 Uhr
Um die Zusammenhänge zu verstehen, die zwischen einer, von einer zivilgesellschaft kaum hinterfragten und schon gar nicht kontrollierten Biotechnologie, als eine der Vorzeigedisziplinen für alles was fortschrittlich, was modern ist, empfehle ich wärmstens das 10minütige Video:
How Dr. Wolfgang Wodarg sees the current Corona pandemic ... es ist auf deutsch mit englischen Untertiteln.
Die Weltgemeinschaft der Menschen wird durch eine wissenschaftliche Sichtweise in Schach gehalten, die dermassen in sich gekrümmt und selbstreferenziell geworden ist, dass sie wirklich zu einer Gefahr geworden ist. Zudem ist gerade eine dermassen renommierte Biotechnolgie Beute sämtlicher investorialen Begierden. Die dann die Agenda bestimmen. Vergessen sollte nicht gehen, dass solche Technolgoien sich aus dem 'Krieg' herausentwickelt haben und nun zur Nemesis für die Menschen und unseren Planeten entwickeln können, wenn die Zivilgesellschaft ihre Verantwortung, diese zu kontrollieren, nicht wahrnimmt.
Patrizia Caputo, am 04. April 2020 um 09:28 Uhr
Vielen Dank für diesen Artikel.
Bin kein Mediziner. Aber nach dem ich nun Zeit habe zum hören von Covid-19 Updates (staatsnaher Virologe in D) und dem lesen von IST und Prognosedaten aus CH beginnen sich mir ähnliche Fragen zu stellen bei denen ich von unseren CH-Bundesrat rasch klare Antworten haben will:
- Warum gab es bei der bisher meist weit schwerwiegender verlaufenden, meist alljährlichen Influenza und bis zu über 25'000 Toten (D) bisher niemals Einschränkungen des Lebens wie derzeit?
- Kann man angesichts dessen alle die Einschränkungen, die wir derzeit beim Covid-19 erleben, noch ernsthaft als verhältnismässig bezeichnen?
- Warum starben und sterben bei der Grippe derart viele Menschen, obwohl es doch gegen Grippe seit Jahren Impfungen und sogar antivirale Mittel gibt?
Waren diese Erkrankten alle nicht geimpft, oder hat die Impfungen nicht genutzt? Oder nützen die Mittel nichts?
- Weshalb glaubt man deshalb auch jetzt, nur mit einer Corona-Impfung Erkrankungen am Coronavirus verhindern zu können und stellt bei den Massnahmen nicht diese häufig genannten Risikofaktoren und Sterblichkeit in den Vordergrund:
o Übergewicht
o Bluthochdruck bzw. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tumor Erkrankungen
o Sonstige Stoffwechselstörungen bzw. Vorerkrankungen
o Dazu dies alles meist noch kombiniert mit hohem Alter
Guido Meier, am 04. April 2020 um 13:51 Uhr
Aha, die Gesundheit geht nicht vor? Die polemische Wiederholung ist kein Argument, sondern wohl blosse Retorik. Ich frage mich, wo ich hier gelandet bin.

Sie dürfen mir glauben: Es gibt wohl nichts wichtigeres als die Gesundheit . Was andere, ganz menschenverachtend, in diesen Zeiten auch schon «die Sorge um die eigene kleine Gesundheit» genannt haben.

Die Wiederkunft der Ernst Jüngers et al. Aber hier?
Bernhard Bruder, am 04. April 2020 um 21:12 Uhr
In diesen Zeiten zeigt sich der erbärmliche Egoismus der verwöhnten Bürger vor allem der Europäischen Länder. Vorher machte sich kaum jemand Gedanken über Leben und Tod. Und wenn dann noch einer mit der Bibel daherkommt, ignoriert man ihn oder macht ihn mundtot. Ja, wonach richtet sich dann die ach so bedrohte Gesellschaft? Früher starb man bereits mit 50 oder 60 Jahren; heute will jeder 100 werden! Wäte nicht gerade jetzt der Zeitpunkt, ja die grosse Chance, darüber nachzudenken, was nach dem Tod sein wird? Wenn diese Frage geklärt wäre, so würden auch all die bestehenden Ängste verschwinden und es würde Solidarität unter den Menschen herrschen... Packen wir diese Chance?!
René Lütold, am 07. April 2020 um 10:31 Uhr

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