Niedrig dosiertes Aspirin gegen Herzkreislauf-Risiken © Apotek Modern
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Aspirin gegen Darm-, Prostata- und Brustkrebs

Urs P. Gasche / 15. Jul 2014 - Indizien häufen sich, dass das Schmerzmittel gegen Krebs vorbeugen und Metastasen verhindern kann. Doch kein Geld für Forschung.

Das längst bekannte Aspirin kann höchstwahrscheinlich nicht nur das Risiko für Darmkrebs stark senken, sondern auch das Risiko der verbreiteten Tumore der Brust, der Prostata und der Lunge sowie das Risiko des Bauchspeicheldrüsen- und Speiseröhrenkrebses. Zu diesem Befund kamen Professor Peter Rothwell und Mitforscher von der Universität Oxford bereits im Jahr 2012 in Publikationen der Fachzeitschrift «The Lancet».

Letzten Sommer hat eine Auswertung der «Women’s Health Study» in den «Annals of Internal Medicine» bestätigt, dass eine jahrelange Einnahme von niedrigdosiertem Aspirin (100 mg alle zwei Tage) bei gesunden Frauen das Risiko eines Darmkrebses um einen Fünftel senkt. Eine Wirkung auf Brustkrebs war nicht ersichtlich. «Das könnte daran liegen, dass die Frauen das Aspirin nicht täglich eingenommen haben», erklärt Professor Peter Jüni, Professor für klinische Epidemiologie und Direktor des vom Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern.

Wenn sich bisherige Indizien erhärten...

Ende Mai 2014 wandten sich die beiden Brustkrebs-Spezialistinnen, Professorin Michelle Holmes und Wendy Chen von der Harvard Medical School in Boston an die Öffentlichkeit. Falls Aspirin so wirke, wie bisherige Studien zeigen, könne die langfristige, tägliche Einnahme von niedrigdosiertem Aspirin in den USA jedes Jahr 10'000 Frauen vor dem Tod an Brustkrebs bewahren. Umgerechnet auf die Schweiz wären dies über 300 vermeidbare Todesfälle. Zum Vergleich: Falls über 600’000 Schweizerinnen im Alter von 50 bis 69 am Screening-Programm zur Früherkennung von Brustkrebs teilnehmen würden, könnte dies «jährlich 120 bis 150 Leben retten», erklärt die Krebsliga. Als unerwünschte Wirkung würden jährlich 480 bis 600 Frauen unnötig gegen Krebs behandelt, weil sie ohne Früherkennung von den kleinen Krebszellen ihr Leben lang nie etwas gemerkt hätten.

Auch eine Langzeitkur mit Aspirin zeigt unerwünschte Wirkungen wie Magenblutungen und Geschwüre. Weil die Dosierung sehr tief ist (vgl. Kasten), sind sie selten. In Zahlen: Überträgt man die Daten der «Women’s Health Study» auf die Schweiz, so tritt pro Jahr bei 1 von 1000 Frauen, die Aspirin einnehmen, zusätzlich eine Magen-Darmblutung auf. Dies im Vergleich zu Frauen, die kein Aspirin einnehmen. Magen-Darm-Blutungen sind in den allermeisten Fällen gut behandelbar.

Aspirin zweckmässiger als Screenings

Beim Vergleich von Nutzen und Schaden schneide Aspirin deutlich besser ab als das Mammografie-Screening, erklären die Brustkrebs-Spezialistinnen Holmes und Chen:

  • Aspirin rettet nach jetzigem Kenntnisstand mehr Frauen vor dem Brustkrebstod als die Früherkennung mit Screenings. Es senkt bei Frauen mit Brustkrebs auch das Risiko von Metastasen in andern Organen.
  • Aspirin führt in sehr seltenen Fällen zu Blutungen. Das Mammografie-Screening führt zu Überbehandlungen, also Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapie ohne Nutzen.
  • Die langjährige Einnahme von niedrigdosiertem Aspirin senkt nicht nur die Brustkrebssterblichkeit, sondern gleichzeitig auch das Risiko von Darmkrebs, etlichen andern Tumoren und von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Kein Geld für abschliessende Forschung

«Die einfachste Arznei Aspirin könnte sich als wirksames und erschwingliches Mittel gegen Brustkrebs herausstellen», erklärt Professorin Michelle Holmes von der Harvard Medical School. Doch seit vier Jahren suche sie vergeblich die Finanzierung einer weiteren, gezielten Studie.

Auch Professor Peter Jüni möchte gerne eine Studie mit 10'000 bis 20'000 Frauen durchführen, von denen die eine, zufällig ausgewählte Hälfte Aspirin einnimmt. Ein Vergleich mit der andern Hälfte würde Vorteile und Risiken einer täglichen Einnahme von niedrigdosiertem Aspirin bei Frauen beweisen oder widerlegen.

Jüni würde die Studie auf zehn Jahre anlegen, bei jährlichen Kosten von unter drei Millionen Franken. Erste Auswertungen wären bereits nach einigen Jahren möglich. Das Potenzial scheine gross zu sein. Doch für diese billige, nicht patentierbare Substanz würden Pharmafirmen verständlicherweise nicht genügend Forschungsgelder locker machen, erklärt Jüni. Selbst für Hersteller Bayer lohne es sich eigentlich nicht, da es bereits viele Nachahmerprodukte von Aspirin gibt.

Deshalb soll der Bund für diese und ähnliche patientenorientierte Studien im öffentlichen Interesse jährlich 100 Millionen Franken reservieren, fordert der Epidemiologe: «Bei jährlichen Gesamtausgaben für die Gesundheit von rund 70 Milliarden wär dies ein Klacks». Doch für diesen Klacks fehle zur Zeit offensichtlich die politische Unterstützung.

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Siehe auch

  • Howard LeWine, Chefredaktor der «Harvard Health Publications», empfiehlt Aspirin-Kuren vorläufig nur Personen, die ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs haben.
  • Auswertung «Women’s Health Study»

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor vertritt Pramienzahlende und Patienten in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission.

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2 Meinungen

Nur als Ergänzung: Aspirin ist ein bekannter Markenname für Acetylsalicylsäure (ASS oder ASA), das man sogar selber herstellen könnte. Es gibt unzählige andere Marken, siehe z.B. hier:

http://www.preissuchmaschine.de/medikamente_ASS.html
Theo Schmidt, am 15. Juli 2014 um 12:09 Uhr
Ja, da zeigt sich wieder mal, wessen Interessen unsere
Politiker vertreten.
Interessant auch, die sogenannten 5 a day (Obst, Gemüse)
wurden auf 7 a day erhöht, und die Deutsche Krebsliga zeigt, um wieviel dadurch Krebsfälle vermieden werden können. Nach Schweizer Statistischem Amt erreichen nicht mal 30 % die 5 a day.
Auch das ist für Politiker nicht interessant.
Elisabeth Schmidlin, am 21. Juli 2014 um 14:24 Uhr

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