Einzelne Ärzte verdienen an Medikamentenstudien und an «Beratungen» über die getesteten Medikamente © UNF

Einzelne Ärzte verdienen an Medikamentenstudien und an «Beratungen» über die getesteten Medikamente

Neue Medis: Ärzte verdienen mit Tests und Werbung

Red. / 01. Apr 2014 - «Pro Publica» deckte auf, dass Ärzte gleichzeitig für Medikamenten-Versuche und Vorträge und Beratungen über diese Medis kassieren.

Sogenannte klinische Versuche mit Medikamenten an Patientinnen und Patienten gelten für Ärzte als lukrativ, aber als weniger problematisch als andere Formen der Zusammenarbeit mit Pharmakonzernen. «Pro Publica» hat jetzt aufgedeckt, dass in den USA zehn Prozent der praktizierenden Ärzte, die klinische Versuche durchführen, gleichzeitig an der Promotion der getesteten Medikamente verdienen. Das wirft Fragen zur Unabhängigkeit dieser Ärzte auf.

Dem Arzt und Infektionsspezialisten Yoav Golan zahlen Pharmafirmen für klinische Medikamententests an Patienten, die er am «Tufts Medical Center» mit Antibiotika durchführt. Die Firmen, die an positiven Testresultaten interessiert sind, zahlen ihm gleichzeitig auch tausende Dollar jährlich für Vorträge und Beratungen zu ihren Produkten. Ein Interessenkonflikt ist augenfällig.

1300 Ärzte betroffen

Aber bei Tufts und vielen anderen akademischen medizinischen Zentren wird es den Ärzten erlaubt, sich überdeckende Zahlungen anzunehmen – und einige Ärzte tun dies immer noch. Eine Analyse der Autoren von Charles Ornstein und Ryann Grochowski Jones, die «Pro Publica» veröffentlicht hat, zeigt, dass 2012 mehr als 1300 praktizierende Ärzte im ganzen Land vom gleichen Medikamentenproduzenten sowohl Forschungsgelder wie auch Honorare für Vorträge oder Beratungen erhielten. Alles in allem erhielten sie mehr als 90 Millionen Dollar an Forschungsfördermitteln – plus fast 13 Millionen Dollar für Vorträge und weitere 4 Millionen Dollar für Beratungen.

Ärzte haben ein Interesse an positivem Ergebnis

Kritiker meinen, dass Ärzte die klinische Forschung betreiben und gleichzeitig persönliche Bezahlung von der Firma annehmen, welche die Studie finanziert, könnten sich dem Medikamentenproduzenten verpflichtet fühlen. «Die Pharmafirma hat ein enormes Interesse an einem positiven Ergebnis. Der Empfänger der (Forschungs-) Fördermittel hat ein Interesse an einem positiven Ergebnis, und der Empfänger von Vortrags- oder Beratungshonoraren hat ebenfalls ein Interesse am Ergebnis», sagt David Rothman, Direktor des Zentrums für medizinische Berufe an der Columbia Universität. «Es ist nicht nur mein Labor. Es ist meine Hypothek.»

«Pro Publica» benutzte ihre «Dollars for Docs»-Datenbank, welche die Zahlungen von 15 Pharmafirmen an praktizierende Ärzte erfasst. Nicht jede Firma macht alle Arten von Zahlungen – Forschung, Vorträge und Beratungen – öffentlich zugänglich, oder hält die Zwecke der Zahlungen auseinander. Die Analyse umfasst jene neun Firmen welche die Zahlungen in der aufgeschlüsselten Form bereits heute bekannt geben.

Golan liess sich von drei Pharmakonzernen unterhalten

Golan, ein Spezialist für Infektionskrankheiten, war der einzige Arzt, der 2012 Zahlungen für Vorträge, Beratungen und Forschung von drei Firmen erhielt. Pfizer, Merck und Forest Labs gaben Tufts 51'000 Dollar für seine Forschung in diesem Jahr, zusätzlich bezahlten sie ihm 125'000 Dollar für Vorträge über ihre Medikamente und 13'000 Dollar für «Beratungen». Seine Honorare für Vorträge lagen landesweit auf dem zweiten Platz der untersuchten Forscher und seine gesamten persönlichen Einnahmen auf Platz vier.

Golan verwies Anfragen an die PR-Abteilung des «Tufts Medical Center», welche in einer Stellungnahme erklärte, dass Golan sich an ihre Vorgaben betreffend Interessenkonflikte halte, und dass ihre Sachbearbeiter seine Arbeit genau überprüften. «Die Arbeit von Dr. Golan hat zur Entwicklung von zwei bedeutenden Antibiotika beigetragen, eines davon das erste Antibiotikum das in den letzten 25 Jahren zur Behandlung der tödlichen Bakterien ‚Clostridium Difficile’ entwickelt wurde», hiess es in der Stellungnahme.

Manche Spitäler mit Lehrauftrag erlauben es Ärzten nicht, oder nur unter strengen Bedingungen, gleichzeitig Forschungsgelder und persönliche Honorare für Werbevorträge oder Beratungen von Pharmafirmen anzunehmen. Diese Spitäler befürchten, das Geld könnte klinische Befunde beeinflussen oder zumindest den Anschein eines Interessenkonflikts erwecken.

Die Zahlungen von Pharmafirmen für Werbevorträge und Beratungen scheinen in den letzten Jahren zurückgegangen zu sein, seitdem Kassenhit-Medikamente ihren Patentschutz verloren haben und der Druck zur Transparenz gestiegen ist. Ab kommendem Herbst werden alle Medikamentenfirmen aufgrund des «Physician Payment Sunshine Act», einem Bestandteil des «Affordable Care Act», dem Gesundheitsgesetz von 2010, ihre Zahlungen an Ärzte bekannt geben müssen. Aber von der Industrie finanzierte klinische Studien wurden bisher als getrenntes Thema betrachtet. Die Analyse von «Pro Publica» ist die erste grossangelegte Studie darüber, wie häufig Forscher zusätzliche Zahlungen von Firmen erhalten, die ihre klinischen Versuche finanzieren. Rund 10 Prozent der Forschenden, die für die neun untersuchten Firmen tätig sind, erhielten ebenfalls Geld für Vorträge oder Beratungen oder beides.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. «Pro Publica» hat diese Recherche zusammen mit «The Boston Globe» am 25. März 2014 veröffentlicht. Übersetzung von Barbara Stiner.

Weiterführende Informationen

Zum englischen Originalartikel auf «Pro Publica»

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3 Meinungen

Als Behinderter, chronisch Kranker, wie man zu nennen pflegt, und dennoch Langzeitüberlebender, was ich auch den eigenen medizinischen, hart erarbeiteten Kenntnissen zu verdanken habe, sowie den Institutionen welches es mir möglich machten, auch als Behinderter «Studieren» zu können, insbesondere war dies auch die Anthroposophie, könnte ich ein Leides-Lied singen von Strukturen, welche Ärzte zu faulen Kompromissen nötigen, und ehrliche Ärzte der Gefahr aussetzen, wegen Verletzung des Kollegialprinzipes, fertig gemacht zu werden. Diese ehrlichen Ärzte werden, um jeweils gleich ein Zeichen zu setzen, beruflich und gesellschaftlich vollständig vernichtet, wenn sie im gängigen System nicht parieren. Allenfalls finden sie dann noch, gnadenvoll erlaubt durch die Medizinische Gesellschaft eine Bewilligung, als Gefängnisarzt irgendwo in Hintertupfingen wirken zu dürfen. Würde es bei uns ein Sibirien geben, würde man sie dorthin schicken. Die unbequeme Wahrheit, dass wir alle Opfer bringen müssen, dahinter verbirgt sich die unbequeme Wahrheit, dass wir alle als Teil einer Nation welche sich gegen aussen abgrenzen muss, schon in einem faulen Kompromiss befinden. Und dass fast jeder ein Stück weit davon betroffen ist, oder zumindest von den faulen Kompromissen profitiert. Wissentlich oder unwissentlich. Nun liegt hier der Fokus auf dem Verhalten von Ärzten und Pharmaindustrie. Doch egal wohin er gerichtet wird, wir leben im Land der faulen Kompromisse.
Beatus Gubler, am 01. April 2014 um 16:11 Uhr
Wir müssen diese wenigen Ärzte, welche dem korrupten System widerstehen unterstützen. Doch wo sind sie? Basel wird von der Pharmamafia erpresst...
wer wagt es denn gegen die Cosa Nostra aufzumucken?
Auch das Rote Kreuz wurde gezähmt...
http://www.youtube.com/watch?annotation_id=annotation_279111&feature=iv&src_vid=4j74kPNstyQ&v=wV1FVIGTBRg
https://www.youtube.com/watch?v=YuQ21ZWCLwc
IG-Farben lässt grüssen...
Urs Lachenmeier, am 01. April 2014 um 22:44 Uhr
Guten Tag Herr Urs Lachenmeier. Es ist die Zeit der Projekte, des Internets, der Interessengemeinschaften. Siehe Avaaz.org und andere Organisationen. Das blossstellen von Missständen wird einfacher, es ist einfacher eine Gegenbewegung über Bewusstsein ins Leben zu rufen, öffentlich zu klagen und an zu prangern. Es wird irgendwann mal ein Betroffener mit einem Fairplay-Projekt an die Öffentlichkeit treten, zum Schutz des Aerztestandes, jenseits von den bisherigen Verbandelungen von Regierung, Wirtschaft und der Schweizerischen medizinischen Gesellschaft, welche ihre Deals gleich in geheimen Sitzungen mit der Pharmaindustrie hinter dem Rücken der Patienten und Krankenkassen abmacht. Untereinander über Aktienpakete, Verschwägerungen und Familienbruderschaft sich gegenseitig Marketing zuspielend, können Sie dann demissionieren, wenn, wie so oft, aus dem Ausland ein Autor mit einem Buch, Film oder einem Webprojekt das ganze System blossstellt. Von innerhalb der Schweiz wird es nicht kommen, wir wissen ja wie Niklaus Meienberg endete, und auch andere. Auch die Sklaverei wurde nicht von innen beendet, die wesentlichen Impulse kamen von aussen. Es ist eine Mühsal, welche Geduld die Entwicklung zum Besseren einem Erdenbewohner abverlangt wird. Und kaum zu ertragen, mit welchen Abfindungen dann die Vertriebenen Materialisten noch Entsorgt werden. Auf Kosten des Steuerzahlers. Gruss Beatus Gubler
Beatus Gubler, am 02. April 2014 um 09:50 Uhr

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