Zürich: Zwängerei um das neue Stadion

Walter Aeschimann © cc
Walter Aeschimann / 08. Nov 2018 - Zürich will ein zweites Fussballstadion. Eine breite Allianz von Links bis Rechts ist dafür. Warum eigentlich?

(Red. Die Abstimmung über ein zweites Stadion in Zürich wird von den in Zürich erscheinenden Medien intensiv begleitet. Grundsätzliche Kritik allerdings fehlt weitgehend. Aus diesem Grund bringt Infosperber hier eine zweite kritische Analyse zum Projekt. Der Autor blickt dabei kenntnisreich über Zürich hinaus und erinnert an einige andere Städte mit sinnlos gewordenen Stadien.)

In La Praille, dort, wo einst Kälber und Schweine geschlachtet wurden, steht das Stade de Genève. Vor 15 Jahren für die kommenden Fussball-Europameisterschaften eilig hingestellt. Türkei, Tschechien und Portugal trugen 2008 drei Vorrundenspiele aus. Danach stand es meistens leer. Die kriminellen Führungskräfte hatten den Servette FC finanziell ausgenommen und sportlich ruiniert. Sie wurden angeklagt und eingesperrt. Der hiesige Verein musste in die 1. Liga.

An bester Seelage protzt das Stade de la Maladière in Neuchâtel, vor elf Jahren eingeweiht – und sportlich genauso müssig. Die Eigentümer von Neuchâtel Xamax FCS gaben Millionen aus, obwohl sie kaum Geld besassen. Sie gingen in Konkurs, ebenso in Untersuchungshaft. Der nationale Verband sperrte die Lizenz zum professionellen Spielbetrieb. Coop und Feuerwehr bezogen Räumlichkeiten im Stadion. Eine Tiefgarage ist häufig bis zur Hälfte voll. Wir sprechen von einem Feuerwehrhaus und einem grösseren Gemüseladen, die immerhin 250 Millionen Franken gekostet haben. Seit neustem ist der Rasen wieder grün. Professionelle Spieler schieben einen Ball auf höchstem Schweizer Niveau hin und her. Jede zweite Woche neunzig Minuten lang. Rund 6000 Menschen schauen dabei zu.

Zürich plant seit Jahren ein Fussball-Stadion. Dabei hat die Stadt schon eines. Das Stadion Letzigrund, vor zwölf Jahren neben dem Schlachthaus dringend hochgezogen. Damit es rascher ging, haben die Behörden den Drängeleien des Europäischen Fussballverbandes mit gefälligen Sonderregelungen nachgegeben. Nun sind 250 Millionen Franken für den neuen Stadionkomplex vorgesehen. Ob dies reale Kosten sind, ist umstritten. Wie sehr sich Steuerzahler indirekt daran beteiligen werden, ebenso. Den Konkurs der Stadion Zürich AG, der indirekten Vermieterin des Stadions an die Clubs, müsste die Stadt sowieso übernehmen.

Die Grossbank Credit Suisse (CS) und das Grossbauunternehmen HRS wollen das Hardturm-Areal in Zürich-West bebauen. Dort stand das alte Hardturmstadion, von GC Zürich zuvor bespielt und vor 20 Jahren altershalber abgerissen. Seither wird die Brache als Erholungs- und Spielraum intensiv genutzt. Am 25. November stimmen die Zürcher über das neue Stadionprojekt ab. Es heisst «Ensemble» und sieht zwei 140 Meter hohe Wohntürme mit 600 Luxuswohnungen vor, mit integriertem Fussballstadion. Damit es schwieriger wird, gegen das Projekt zu sein, sind neben Luxuswohnungen auch «299 gemeinnützige Wohnungen» vorgesehen. Der Deal zwischen städtischer Exekutive und CS ist mehr als undurchsichtig. Das Projekt sieht nur 174 gemeinnützige Wohnungen vor. Den Rest müsste die Stadt irgendwo als Kompensationsgeschäft bei der CS kaufen.

Die städtische Exekutive ist dafür. Die bürgerlichen Parteien auch. Die SP Zürich lancierte eine Initiative, was die SP-Stadtpräsidentin verärgert hat – obwohl die Initiative das Stadion nicht bekämpft, nur den Luxus drum herum. Die Grüne Partei ist gespalten. Die Alternative Liste auch. Die Befürworter meinen, es brauche ein «echtes» Stadion, sonst würde Zürich zur fussballerischen Provinz verkommen. Und noch diffuser: Sie wollen «den Sport unterstützen». Im Grunde repetieren sie, was der unbestrittene Platzhirsch in der Gegend, der Weltfussballverband (Fifa), seit Jahren deutlich hörbar flüstert. Die Fifa hätte gerne ein Stadion mit Nutzungsrecht, mit VIP-Logen und repräsentativem Schnickschnack, wo zwielichtige Sport-Politiker mit ebensolchen aus Wirtschaft und Politik unverfänglich netzwerken können. Als sei der Fifa-Wunsch Gesetz, hofiert die städtische Exekutive das Projekt nach Kräften und beugt sich den dreisten Instruktionen von Sportlobby und Promotoren. In diese Allianz lassen sich auch lokal bekannte Promis spannen.

Die Kontroverse zeigt einmal mehr, wie schludrig die Argumentationen sind, wenn der Sport mitmacht. Und wie wenig im Grunde über Sport geredet wird – obwohl es angeblich darum geht.

Zürich ist fussballerische Provinz

Die beiden Zürcher Clubs der höchsten nationalen Liga, FC Zürich und GC Zürich, teilen sich derzeit das Stadion Letzigrund. Das funktioniert tadellos. Die Zuschauerzahlen haben sich auf tiefem Niveau eingependelt. In der Saison 2017/18 kamen durchschnittlich rund 10000 Besucher pro Spiel zum FCZ, bei GC gerade noch 7000 (Quelle: Swiss Football League). Sportlich sind beide Clubs national höchstens mittelmässig, international völlig unbedeutend, von ganz seltenen, rätselhaften Ausreissern abgesehen. Von einer positiven Ausstrahlung auf die Welt des Sports kann somit nicht gesprochen werden. Zürich ist seit Jahrzehnten fussballerisch Provinz.

Fussballstadien mit allem Zubehör liegen meist an bester städtischer Lage. Wir sprechen von mindestens 500 Hektar grossen Flächen. Selten sind die Areale ausgelastet oder ökonomisch profitabel. Das Terrain ist als öffentlicher Raum verloren. Die erweiterte Quartierbevölkerung muss während der kurzen, intensiven Nutzung massive Emissionen dulden: Lärm, Mehrverkehr, Littering, Polizeieinsätze, unterschiedliche Formen so genannter Fankulturen. Fussballstadien, nicht nur in der Schweiz, sind ökonomische Verlustgeschäfte und eine öffentliche Zumutung. Vor diesem Hintergrund scheint ein neues Stadion für jeden vernünftig denkenden Menschen irrational.

Es hat sich gesellschaftlich etabliert, dass bei Fussballstadien und dergleichen irrational gehandelt werden darf. Es wird nicht gerechnet. Es braucht kein vernünftiges Budget, kein nachhaltiges Bedürfnis, nicht einmal ein durchsichtiges ökonomisches Konzept. Jedes anständig geführte Unternehmen würde zudem fusionieren, wenn der Geschäftsgang schleppt und das Produkt Mängel hat. Selbst im Eishockey funktioniert das zwischen dem Zürcher SC und GC seit 20 Jahren bestens. Sportlich und aus betriebswirtschaftlichen Gründen müssten auch FCZ und GC längstens zusammengehen. Aber Zürich will unbedingt zwei Stadien. Die wären doppelt minimal ausgelastet. Eine solch absurde Diskussion kann sich nur eine reiche Stadt leisten, die nicht weiss, wohin mit dem Geld. Und einer Fusion auf Fussballebene stehen im Grunde nur ideologische Gründe aus einer historisch verklärten Zeit im Weg – der FCZ ist der Arbeiterklub, GC gehört den Reichen. Das gehe auf keinen Fall zusammen, sagen beide Seiten.

Die Planer reden das «Ensemble» zum multifunktionalen Projekt schön. So genannte Sportexperten versuchen zu erklären, warum das Stadion Letzigrund kein eigentliches, kein «echtes» Fussballstadion sei. Der Wind pfeife durch die offenen Räume zwischen Dach und Tribünenplätzen. Die Atmosphäre, die intensive Stimmung fehle, weil die Besucher zu weit vom Geschehen seien und den Schweiss der Spieler nicht riechen könnten. Dabei wissen sie genau: Magische Momente im Stadion wurden nie von Architektur geschaffen. Zauberhafte Fussballmärchen sind keine architektonischen Planungsspiele. Begeisternde Emotionen erzeugen die Athleten auf dem Feld mit ihrem Fussballspiel. Das wiederum animiert ein Publikum. Vor leeren Rängen mit wenig stimulierender Ambiance kocht es auch in so genannt echten Stadien nicht.

Ist der heutige Sport noch ein Symbol für Fairness?

Das einzige Argument, das Befürworter somit noch haben, ist die Idee des Sports, also die PR-Floskel von Fairness, Frieden und einer gesunden Jugend. Dieser Idee wagt sich niemand mit politischen Ambitionen zu widersetzen. Gegen ein zweites Stadion zu sein, hiesse gegen die Idee des Sports zu sein. Bekanntlich ist aber professioneller Elitesport kaum noch mit der Idee verbunden. Der professionelle Eliteathlet ist auch kein gesunder Mensch. Stadien und ihre Athleten sind Kulissen, in denen Illusionen einer Sportidee vermarktet werden, nach Kategorien der Unterhaltungsindustrie. Die gigantische Schatten-Industrie dahinter, auch dies ist kein Geheimnis, steuert ein undurchsichtiges Netzwerk von Sportfunktionären im Zusammenspiel mit Wirtschaft und Politik. Das passiert überall auf der Welt, aber besonders hier in Zürich, wo die Fifa ihren Hauptsitz hat. Die jahrelange Zwängerei um ein neues Stadion und die breite Allianz dafür, der sich die meisten Medien angeschlossen haben, darf auch vor diesem Hintergrund betrachtet werden.

Zürich hat mit dem Letzigrund ein gutes Stadion, das alle Bedürfnisse optimal erfüllen kann. Es genügt den realen Fähigkeiten der hiesigen Fussball-Spieler und dem realen Interesse des Sparten-Publikums. Den Weltklasse-Leichtathleten passt es ebenso wie den Weltklasse Pop- und Rock-Ikonen. Letzteren ist eh egal, wo sie ihr Geld verdienen. Von echten Bedürfnissen bleibt der Plan in Zürich abgekoppelt. Wie meistens, wenn der Sport den Takt vorgibt. Für 250 Millionen Franken könnten auf jeden Fall gesellschaftlich drängendere Projekte verwirklicht werden. Beispielsweise Schulen mit multifunktionalen Sportanalagen für die Jugend. Die sind nämlich vergessen worden, als man vor zwei Jahrzehnten in Zürich-West begonnen hat, Spass und Luxus zu installieren.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Walter Aeschimann ist Historiker und Journalist. Es gibt keine Interessenkollisionen.

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6 Meinungen

Danke für diesen Standpunkt. Nur ein aufgeklärtes und selbständig denkendes Volk kann diesen irrationalen Plan stoppen. Die Mehrheit der Menschen kann nur verlieren. Irrational nicht nur wegen einer Logik, sondern vor allem wegen wiederholt schlechter bis desaströser Erfahrung.
Alessandro Meier, am 08. November 2018 um 12:49 Uhr
Ein Stadion wird für den Passivsport gebaut. 22 spielen, Tausende schauen zu. Es sollten der Aktivsport und aktive Kulturtätigkeiten gefördert werden. Ist doch Wurst, in welcher Liga eine Mannschaft kickt, ist sowieso schlechter als alles, was man am Fernsehen zu sehen bekommt.
Alex Schneider, am 08. November 2018 um 12:55 Uhr
Danke für diesen bitternötigen Beitrag. Er kommt leider wohl zu spät. Ohnehin sind wir chancenlos, beim Thema Fussball setzt bei einem grossen Teil sonst kritisch Eingestellter von rechts bis links der Verstand aus. Der Tagi flötet seit Monaten in hoher Kadenz, seit einiger Zeit täglich, «Wir wollen das Stadion» und ähnliche Weisheiten. Er tut es sogar seit bald 20 Jahren. Heute wieder: «Der bisher beste Vorschlag». «Zürich braucht eine richtige Fussballarena». «Das Hardturm-Projekt passt zum Geist der Stadt: Es steht für Durchmischung und Erneuerung». Der einzige Satz an obigem Beitrag, den ich beanstanden würde: «Aber Zürich will unbedingt zwei Stadien.» Neben Finanz- und Bauwirtschaft, nützlichen Idioten aus Politik und Fans sind es die Branchen, welche die Werbeblöcke während der Live-Übertragungen garnieren. Das ist nicht Zürich, in der Stadt leben eine Menge Leute, die zwar ein unverkrampftes Verhältnis zum Breitensport haben, aber erpresserische Vorlagen wie diese Wohnturm-Mogelpackung nicht goutieren, und in einem 2. Stadion keinen Integrationsbeitrag, und im Profifussball kein Vorbild für die Jugend sehen. Was in diesen Wochen hier läuft, ist Gehirnwäsche.
Andreas Diethelm, am 09. November 2018 um 05:12 Uhr
Braucht Zürich, mässig fussballbegeistert, mit vielen Menschen am Rande des Existenzminimums wirklich zwei grosse Fussballstadien? Muss wirklich der Zuschauersport so stark gefördert werden? Müsste nicht vielmehr dafür gesorgt werden, dass Jugendliche Sport treiben können? - Zuschauen im Stadion wie Grasshoppers und der FC Zürich kicken ist zwar auch «Sport»...

Die Stadt Zürich hatte für die Europäische Fussballmeisterschaft EM 2008 bereits im Letzigrund ein neues sehr tolles Fussball- und Leichtathletikstadion gebaut. Kosten: 125,2 Millionen Schweizer Franken. Kapazität 30‘930 Zuschauer.

Ich arbeitete früher in der Nähe des Letzigrund Stadions, das, wenn mich richtig erinnere vom Architekten Dunkel gebaut wurde, einem späteren Architekturprofessor der ETH. Dann wurde auf der Stadtseite zusätzlich eine Tribüne gebaut, die Millionen kostete. Für die EM 2008 wurde das ganze Letzigrund Stadion mit der neuen Tribüne abgerissen, obwohl die ganze Anlage noch vollständig intakt war. Wir Stimmbürger von Zürich stimmten für dem Abriss des alten Letzigrundes und waren auch dafür, dass Zureich für die Europäische Fussballmeisterschaft 2008 ein «anständiges» Fussballstadion erhält.

Aber noch ein zweites Fussballstadion, dass auch von den Sozialdemokraten mit ihrer Initiative gefordert wird ist überflüssig. Sozialdemokraten: Kümmert euch um die armen Leute in Zürich, für die Jugend, die selbst Sport treiben will und nicht nur in Stadion zuschauen will wie Stars kicken.
Heinrich Frei, am 09. November 2018 um 06:21 Uhr
Vor 100 Jahren haben Sozialdemokraten schon die Revolution verraten und sogar auf Arbeiter schiessen lassen. Zwar nicht in Zürich aber in Berlin, München und anderswo. Und jetzt kämpfen sie sogar an vorderster Front dafür, dass neben dem Brot auch Spiele geboten werden, auf dass die Lohnsklaven ihr Los besser . ertragen können. Wirklich bewundernswert diese Fürsorge!
Paul Jud, am 12. November 2018 um 18:30 Uhr
Wohlverstanden, ich bin kein grosser Fussball-Fan. Trotzdem, ich stimme dem Artikel und den Kommentaren in keiner Weise zu. Wer davon schreibt, dass mit dem Letzigrund ein gutes Fussballstadion vorhanden sei, disqualifiziert sich selber und belegt, dass er von der Materie keine Ahnung hat. Das Spiel einiger (wenigen - aber lauten?) Exponenten aus der Sozialdemokratischen Partei gibt ein ziemlich trauriges Bild ab, das ist für mich Verrat an der Bevölkerung. Das lange Hin und Her um das Hardturmstadium ist ein Armutszeugnis sondergleichen und einer Stadt wie Zürich unwürdig. Mit der linken Regierung bin ich wirklich nicht immer einig, finde aber, dass sie sich hier absolut im Sinne der Bevölkerung und nicht nur linker Ideologen positioniert hat. Ich hoffe deshalb auf einen klaren demokratischen Entscheid des Stimmvolkes FÜR ein neues Stadion.
Roland Hausin, am 13. November 2018 um 15:10 Uhr

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