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Huonder-Zögling Reto Nay predigt weiterhin auf der Webseite von Gloria.tv

Das Kreuz der Katholiken mit den Gloria-Katholiken

Kurt Marti / 16. Jul 2014 - Im Grunde folgen die christlichen Fundamentalisten der vatikanischen Doktrin. Doch sie tun es etwas zu laut und zu aggressiv.

Die Hölle und der Teufel existieren, Abtreibung ist Mord, Homosexualität widernatürlich, Sex vor der Ehe verboten, Ehebruch unverzeihlich und die Frauenpriesterschaft unmöglich. So sieht es der Vatikan und so sehen es viele Würdenträger der katholischen Kirche. Weil aber die Mehrheit der Katholikinnen und Katholiken sich nicht mehr an diese haarsträubenden Dogmen und Vorschriften aus Rom halten, lassen sich die meisten Bischöfe und Priester öffentlich nicht auf die Äste hinaus. Doch es gibt auch die romtreuen Fundamentalisten unter ihnen, die kein Blatt vor den Mund nehmen.

Ein Zögling des Churer Bischofs Huonder

Einer davon ist der Bündner Priester Reto Nay, der auf «Gloria.tv» im Internet das gleichgültige Verhalten der Christen und generell das Böse in der Welt mit wahren Wortlawinen geisselt. Nay ist ein Zögling des Churer Bischofs Vitus Huonder und auch ein Günstling des Vatikans. Als «Gloria.tv» deutsche Bischöfe mit einem Hakenkreuz brandmarkte, weil sie sich für die Pille danach für Vergewaltigungsopfer aussprachen, konnte Bischof Huonder nicht mehr anders, als Nay fallen zu lassen und des Amtes als Pfarrer von Tujetsch zu entheben. Seither ist Nay untergetaucht und beglückt seine Anhängerschaft weiterhin mit seinen Internet-Predigten.

Keine Freude an «den zahllosen Beiträgen mit antisemitischem, homophobem, islamfeindlichem und rechtsextremem Gedankengut» hat die Katholische Akademie «Die Wolfsburg» im deutschen Bistum Essen. Anlässlich einer Tagung «Hass bricht sich Bahn: Extremisten in der katholischen Kirche begegnen» (siehe Link unten) warnte Ulrich Lota, Pressesprecher des Bistums Essen: «Wir dürfen es nicht zulassen, dass diese Leute das Bild der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit bestimmen.» Dabei verwies er auf auf den Internet-Fernsehsender «Gloria.tv» und auf das Internetportal «Kreuz.net», das seit 2012 zwar gesperrt ist, aber dessen Gesinnung weiterlebe.

Distanzierung von den «Gloria-Katholiken»

Laut Tagungsbericht sind «Hassprediger» für viele Menschen «muslimische Extremisten, Islamisten, Dschihaddisten». Doch ähnliche Denkstrukturen gebe es «auch in der katholischen Kirche». Vor allem im Internet seien reihenweise vermeintlich «katholische» Inhalte verfügbar, «die gegen Homosexuelle, Frauen, Juden, Muslime oder andere Gruppen hetzen». Laut Bistumssprecher Lota missbrauchen diese «Gloria-Katholiken» den Namen «katholisch», obwohl sie vorgeben, sich streng an der Kirchenlehre zu orientieren und für das Lebensrecht ungeborener Kinder oder die Familie einzutreten. Der katholische Glauben habe aber nichts mit «extremistischen, menschenverachtenden und hasserfüllten Positionen» zu tun, sondern mit «Toleranz und Vielfalt».

Neigung zu Sexismus und Homophobie

Dieser Darstellung einer toleranten Religiosität widersprach die Antisemitismus-Forscherin Dr. Juliane Wetzel: «Religiosität schützt nicht vor gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit». Mehrere Studien würden belegen, dass die Neigung zu Sexismus und Homophobie bei religiösen Menschen sogar ausgeprägter als bei Nicht-Religiösen sei. Man müsse sich immer wieder vor Augen führen, «wie gefährlich diese Seiten sind, gerade wenn sie so vermeintlich seriös daher kommen». Denn es gebe zahlreiche Verbindungen zwischen dem traditionalistisch-katholischen Netzwerk und rechtspopulistischen und -radikalen Medien und politischen Gruppierungen.

Klaus Pfeffer, der Generalvikar des Bistums Essen, hingegen sah in «Kreuz.net» und «Gloria.tv» nur «Randerscheinungen», denen man nicht zu viel Aufmerksamkeit widmen sollte. Viel mehr Sorgen bereiten ihm die aggressiven Diskussionen innerhalb der Kirche.

Die laute Aggressivität der «Gloria-Katholiken» ist für die Durchschnitts-Katholiken zwar ärgerlich, aber im wesentlichen nicht wegen deren Penetranz, sondern wegen deren verblüffender Übereinstimmung mit der vatikanischen Doktrin.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti ist Journalist und wohnt in Brig-Glis. Er ist mit dem Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti nicht verwandt.

Weiterführende Informationen

Tagung zum katholischen Extremismus
Dossier: Der Vatikan und die Katholiken

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4 Meinungen

"Die Antisemitismus-Forscherin Dr. Juliane Wetzel stellte in ihrem Referat mehrere Studien vor, die belegen, dass religiöse Menschen nicht weniger intolerant seien als andere."
«Religiosität schützt nicht vor gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit».
Beide Sätze sind aus dem verlinkten Bericht.
Kurt Marti hat den zweiten Satz zitiert. Dieser Satz legt die traurige Wahrheit dar, es müsste anders sein. Kritik ist notwendig.
Doch weshalb wurde der erste Satz weggelassen?
Religiöse Menschen seien «nicht weniger intolerant..» - vielleicht weil es ein eigenartiger Satzbau ist? «Nicht intolerant» lässt sich auf «tolerant» kürzen, «weniger intolerant» ist kürzbar auf «toleranter» und schliesslich kürzen wir «nicht weniger intolerant» auf «nicht toleranter"....
Weshalb Dr. Wetzel so kompliziert schreibt weiss ich nicht, ich kann verstehen, dass Kurt Marti diesen Satz nicht zitieren will, er sagt ja das gleiche aus wie der zweite Satz: Religiosität bewirkt im Durchschnitt keine tolerante Haltung.
Welche Art von Religiosität hier gemeint ist lässt Wetzel wie Marti offen.
Es ist wohl nicht die Religiosität an sich, sondern die absolutistische Doktrin.
Betrachten wir beispielweise einen Sufi und einen Wahabiten, beide verstehen sich als religiös. Die Unterschiede vom Menschen- und Gottverständnis sind aber sehr unterschiedlich.
Die sog. heiligen Schriften sind nicht widerspruchsfrei, sie lassen sich alle tendenziös zitieren. Das ist übrigens bei «nichtheiligen» Schriften gleich.
Urs Lachenmeier, am 16. Juli 2014 um 23:06 Uhr
Kurt Marti ist in diesen Fragen, die auch mit dem Wallis zu tun haben, parteiischer Journalist. Was er schreibt und einschätzt ist zeitgeschichtlich relevant, kann aber nie voll zum Nennwert genommen werden. Er ist in religiösen Fragen Ideologe, wie schon sein ignoranter Bericht über die Sonderbündler als schweizerische Taliban gezeigt hat. Mit seinen Gegnern hat er die weltanschauliche Orientierung nach Feindbildern gemeinsam.
Pirmin Meier, am 17. Juli 2014 um 12:40 Uhr
Kurt Marti ein Ideologe? Pirmin Meier ein Nicht-Ideologe?
Ich versuche, mir einen Menschen ohne Ideologie vorzustellen. Der wäre dann über allen Ideologien, wohl mit göttlichem Allwissen. Aber wahrscheinlich sind nicht einmal Roboter ganz ideologiefrei: sie beinhalten die ihrer Macher. Warum brauchen immer wieder Leute, die ganz selbstverständlich von ihrer Ideologie ausgehen, «Ideologe» als Schimpfwort?
Maja Beutler-Vatter, am 18. Juli 2014 um 11:41 Uhr
Ideologe ist kein Schimpfwort, bloss notwendige Standpunktreflexion. Ich versuche zum Beispiel als Publizist, der sich wie Kurt Marti VS immer wieder mit dem historisch praktizierten Katholizismus befasst, möglichst wenig ideologisch zu argumentieren, was der andere Kurt Marti BE, protestantischer Theologe, vorbildlich realisierte. Als kritischer Katholik setze ich mich mit dem Kirchenkritiker Karl-Heinz Deschner ebenso auseinander wie mit Hans Küng, der von wirklich radikaler Kirchenkritik nichts wissen will, wie mit anderer ernsthafter katholischer Publizistik. Über Lefèbre und Econe habe ich schon vor 40 Jahren kritisch geschrieben, dazu seit 1973 die Vorrechte der Kirche, zum Beispiel den Kirchensteuerprivileg, in Frage gestellt. Es ist auch historisch erwiesen, dass der Schaden, der von kath. Institutionen ausgegangen ist und ausgeht, höher ist als der von Scientology. Andererseits hat die Geschichte der Mystik und vieler Heiliger faszinierende Aspekte. Dass das Wallis eine kath. Kultur hat, ein eindrucksvolles Brauchtum, finde ich als Volkskundler wertvoll. Es ist aber auch kein Luxus, dass Leute wie Kurt Marti dort Kritik üben und Opposition machen. Eine nicht ideologische Sichtweise der Dinge kann das in angemessene Proportionen bringen. Dabei gehe ich davon aus, dass Voltaire, der auf eigene Kosten eine Kapelle um 50 Meter versetzt hat und über die Funktion der Religion einmalig intelligente Gedanken äusserte, als Kirchenkritiker in einer noch anderen Liga spielte.
Pirmin Meier, am 18. Juli 2014 um 12:36 Uhr

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