Stacheldrahtverhaue gegen das Ausbrechen: Besucher in Auschwitz © MIGAZIN

Stacheldrahtverhaue gegen das Ausbrechen: Besucher in Auschwitz

Trauriges Jubiläum: «Auf Wiedersehen im Himmel!»

Dirk Baas / 16. Dez 2017 - Die deutsche SS behandelte neben den Juden auch Sinti und Roma als zu vernichtende Minderheit: Sie wurden zu Tausenden ermordet.

Sie kamen in Gaskammern ums Leben, verhungerten oder starben an Seuchen. Während der NS-Gewaltherrschaft wurden in Europa bis zu 500'000 Roma und Sinti ermordet. Am 16. Dezember 1942, vor 75 Jahren, besiegelte das NS-Regime den Völkermord formell: Im nicht erhalten gebliebenen «Auschwitz-Erlass» ordnete SS-Führer Heinrich Himmler die Deportation aller noch im Reich lebenden Sinti und Roma an.

Der Befehl stellte eine Zäsur in der Verfolgung dar, betont Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas: «Die Einweisung in das eigens eingerichtete ‚Zigeunerfamilienlager‘ in Auschwitz-Birkenau bildete den Auftakt für ihre systematische Ermordung ab 1943.»

Grausamer Tiefpunkt

Himmlers Rundschreiben war der grausame Tiefpunkt einer über Jahre andauernden Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung. Schon Ende der 30er Jahre waren Sinti und Roma in Lagern interniert, ab 1940 in Konzentrationslager und Zwangsarbeiterlager deportiert worden. Zehntausende Roma wurden in den besetzten Gebieten in Polen, der Sowjetunion und in Südosteuropa systematisch ermordet. In Rumänien waren bis Herbst 1942 rund 25'000 Menschen getötet worden.

Bereits die Nürnberger Rassegesetze von 1935 stuften die Sinti und Roma zu Bürgern mit eingeschränkten Rechten herab. Im November 1936 entstand im Reichsgesundheitsamt in Berlin ein sogenanntes «Rassenhygieneinstitut» unter der Leitung des Tübinger Kinder- und Nervenarztes Robert Ritter.

Vorarbeit zur Massentötung

Diese Behörde leistete die Vorarbeit zur Massentötung der Sinti und Roma. Die Mitarbeiter erstellten rund 24'000 «Rassengutachten» – Dossiers, die fast immer einem Todesurteil gleichkamen, denn auf ihrer Grundlage erfolgte die Deportation in die Konzentrationslager. Für Ritter waren weit mehr als 90 Prozent aller als «Zigeuner» geltenden Menschen im NS-Jargon «Mischlinge», die ihre Partner unter Menschen «minderwertiger Herkunft» gefunden hätten, wie der Historiker Frank Sparing schreibt.

Adolf Hitler wollte ausdrücklich die Vernichtung aller Sinti und Roma ohne jede Ausnahme. Von den 35'000 bis 40'000 erfassten deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden etwa 23'000 ermordet. Die Zahl der getöteten Jenischen, die der NS-Staat als «Zigeuner» ebenfalls verfolgte, ist nicht bekannt.

«Die hat’s am besten, sie hat den Verstand verloren»

Nach Himmlers Auschwitz-Erlass wurden die Deportierten in das «Zigeunerfamilienlager» des Vernichtungslagers gebracht, ein Bereich, der Ende 1942 neu errichtet worden war. Jede der 32 Baracken war völlig überbelegt, so dass sich jeweils zehn Menschen eine Pritsche teilen mussten, Epidemien breiteten sich aus. Innerhalb weniger Monate starben mehr als 10'000 Menschen.

Über die Zustände im Krankenbau berichtete der überlebende Häftlingsschreiber Hermann Langbein: «Der Boden in der Baracke war gestampfte Erde, es gab keinerlei hygienische Einrichtungen. Da liegen auf einem Strohsack sechs Babys, sie können erst ein paar Tage alt sein. Wie schauen sie aus. Dürre Glieder und einen aufgetriebenen Bauch. Auf den Pritschen nebenan liegen Mütter, ausgezehrt, brennende Augen. Eine Frau singt leise vor sich hin. ‚Die hat’s am besten, sie hat den Verstand verloren‘, sagt mein Begleiter.»

«Es war die Hölle auf Erden»

«Wir drückten uns alle zusammen, um uns gegenseitig zu wärmen. Der grosse Hunger machte uns halb wahnsinnig», erinnerte sich die Zeitzeugin Barbara Adler: «Eltern, die Babys hatten, hatten keine Nahrung für sie, und diese waren schon mehr dem Tode als dem Leben geweiht. Das Schreien der Kinder schallte durch den Block, es war die Hölle auf Erden; keiner konnte helfen, keiner griff ein: Alles, was hier geschah, war unfassbar.»

Vermutlich im April 1944 traf Himmler nach Rücksprache mit dem Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höss, die Entscheidung, die arbeitsfähigen Häftlinge im Lager auszusondern und die übrigen vergasen zu lassen. Doch als die SS-Wachsoldaten die Menschen am 16. Mai 1944 aus den Baracken treiben wollten, stiessen sie auf unerwarteten Widerstand. Die Häftlinge hatten sich mit Steinen, Knüppeln und Werkzeugen bewaffnet und verbarrikadierten sich in den Baracken. Vorerst konnten sie ihre drohende Ermordung abwenden.

Hoffnung und Todesangst

Die SS reagierte umgehend und schickte zunächst alle arbeitsfähigen Häftlinge in andere Lager. Die zurückgebliebenen 2'900 Frauen, Kinder und meist älteren Männer wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in den Gaskammern ermordet.

Von Hoffnung und Todesangst, von Verzweiflung und unerschütterlichem Glauben berichten viele Briefe von Häftlingen. Ein besonders ergreifendes Dokument ist der kurze Abschiedsbrief von Robert Reinhardt, der im Alter von 14 Jahren aus Pirmasens nach Auschwitz verschleppt und ermordet wurde. In seinen letzten Zeilen schrieb der Junge: «Ich habe meine Eltern und Geschwister wieder gefunden. Wir sind auf dem Transport in das Konzentrationslager. Ich weiss, was uns bevorsteht, meine Eltern wissen es nicht. Ich habe mich nun innerlich so weit durchgerungen, dass ich auch den Tod ertragen werde. (…) Auf Wiedersehen im Himmel! Euer Robert.»

INFO:

Am 16. Dezember 1942 unterzeichnete der SS-Reichsführer und NS-Polizeichef Heinrich Himmler den «Auschwitz-Erlass». Damit begann die Deportation von Sinti und Roma aus elf Ländern Europas in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Darunter waren rund 10'000 deutsche Sinti und Roma aus dem damaligen Reichsgebiet. Fast alle wurden ermordet. Insgesamt wurden den Angaben zufolge im besetzten Europa mehrere hunderttausend Sinti und Roma durch Einsatzgruppen der SS oder in Konzentrationslagern ermordet. Im KZ Sachsenhausen waren mehr als 1'000 Sinti und Roma inhaftiert. Seit 2004 wird in der Gedenkstätte Sachsenhausen die Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma in der Dauerausstellung «Medizin und Verbrechen» dokumentiert.

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Der Völkermord an Sinti und Roma – die Chronologie

Mit der Verkündung der Nürnberger Rassengesetze 1935 nahm die beispiellose Geschichte seinen Lauf. Den traurigen Höhepunkt bildete der Auschwitz-Erlass von 1942. In der Folge wurden zehntausende Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Die Chronologie des Völkermordes:

15. September 1935: Verkündung der «Nürnberger Rassengesetze». Sinti und Roma werden ebenso wie Juden zu Bürgern mit eingeschränkten Rechten herabgestuft, Verbindungen zwischen Sinti und Roma und «Deutschblütigen» sind fortan verboten.

November 1937: Gründung der «Rassenhygienischen Forschungsstelle» unter Leitung von Robert Ritter in Berlin. Die Einrichtung spielt eine wichtige Rolle bei der totalen Erfassung der Sinti und Roma im Reich.

1. Oktober 1938: Auf Weisung von SS-Führer Heinrich Himmler wird in Berlin die «Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens» eingerichtet, die die Erfassung und Verfolgung der Sinti und Roma koordiniert.

8. Dezember 1938: Grundlegender Erlass Himmlers: «Die Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus ist in Angriff zu nehmen.» Mit dem Ziel der «endgültigen Lösung der Zigeunerfrage» ordnet Himmler an, alle Sinti und Roma zu erfassen.

21. September 1939: Beschluss, die Juden sowie «die restlichen 30'000 Zigeuner» aus dem Reichsgebiet in das besetzte Polen zu deportieren.

Mai 1940: Erste Massendeportation ganzer Familien nach Polen.

Ab Sommer 1941: Sinti und Roma werden nach dem Überfall auf die Sowjetunion hinter der Front systematisch von den «Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD» sowie Kommandos der Wehrmacht und der Polizei erschossen.

Februar 1942: Etwa 2'000 ostpreussische Sinti und Roma werden in das Ghetto Bialystok und später von dort über Brest-Litowsk nach Auschwitz deportiert.

Juni bis September 1942: Mehr als 25'000 rumänische Roma werden in die besetzte Ukraine (Transnistrien) deportiert, die meisten kommen um.

10. Juli 1942: Anweisung an die Behörden des «Protektorats Böhmen und Mähren», alle dort lebenden «Zigeuner» zu internieren. Ende 1942 beginnt der Tansport der Lagerinsassen nach Auschwitz.

16. Dezember 1942: Der «Auschwitz-Erlass» bildet die Grundlage für die Ende Februar 1943 beginnende Deportation von rund 23'000 Sinti und Roma aus fast ganz Europa (darunter etwa 13'000 aus Deutschland und Österreich) in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort richtet die SS im Lagerabschnitt B II e ein «Zigeunerfamilienlager» ein. (epd/mig)

(Dieser Artikel erschien zuerst auf der deutschen Informationsplattform MIGAZIN.)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine Interessenkollision.

Weiterführende Informationen

Erfundene Roma-Überfälle und ihre Folgen (auf Infosperber)

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Eine Meinung

Interessant in diesem Zusammenhang zu wissen, dass der im Artikel erwähnte Eugen Max Robert Ritter (* 1901, † 1951), der Leiter der «Rassenhygienischen Forschungsstelle (RHF)» in Berlin, welcher nebenbei bemerkt in den frühen Dreissigerjahren auch an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich wirkte, nach Kriegsende niemals zur Rechenschaft gezogen wurde. Im Gegenteil: Ritter wurde, ungeachtet seiner Vergangenheit als massgeblich für den Porajmos, dem Holocaust der Sinti und Roma, verantwortlicher Schreibtischtäter 1948 zum Obermedizinalrat der Stadt Frankfurt am Main befördert. Einer von zahlreichen Fällen von Naziverbrechern, denen alte Seilschaften in der jungen Bundesrepublik ermöglichten, sich nicht nur der Verantwortung zu entziehen, sondern obendrein auch noch ihre Karriere ungehindert fortzusetzen.
René Edward Knupfer-Müller, am 16. Dezember 2017 um 19:16 Uhr

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