Nigeria, Migration, Asyl, Infosperber © pixabay

Die Auswirkungen der schweizerischen Kampagnen in Drittweltländern ist unklar. (Symbolbild)

Serien, Filme, Trailer: Wirkungsvolle Mittel gegen Migration?

Tobias Tscherrig / 30. Mrz 2018 - Die Schweiz finanziert Kampagnen, um Menschen aus Drittweltländern von Migration abzuhalten. Den effektiven Nutzen kennt niemand.

700 Menschen aus Nigeria stellten im letzten Jahr ein Asylgesuch in der Schweiz. Das sind so wenige, wie seit dem Jahr 2007 nicht mehr.

Die rückläufigen Zahlen interpretiert die Schweiz als Erfolg für die Migrationspartnerschaft mit Nigeria. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern waren seit 2010 angespannt: Grund dafür war der Tod eines nigerianischen Asylbewerbers, der bei der Durchführung der Zwangsausschaffung am Flughafen Zürich starb. In der Folge intensivierte die Schweiz ihre Bemühungen, die schliesslich in einer Migrationspartnerschaft mit Nigeria mündeten.

Diese Partnerschaft umfasst mehrere Projekte:

  • In der Schweiz lebende Nigerianer können einen Einsatz zur Ausbildung junger Menschen in Nigeria leisten
  • Länderübergreifende Zusammenarbeit der Polizeikorps im Kampf gegen Drogenhandel
  • Kapazitätenaufstockung bei den nigerianischen Migrationsbehörden
  • Unterstützung Nigerias bei der Politik zum Schutz von intern vertriebenen Personen
  • Installation einer Arbeitsgruppe, die sich mit der irregulären Migration befasst
  • Gemeinsamer Aktionsplan zu Asyl und Rückkehr, welcher auch ein Rückkehrhilfe-Programm umfasst, das die freiwillige Rückkehr von über 500 nigerianischen Staatsangehörigen begünstigt hat und von den nigerianischen Regierungsvertretern gelobt wird. Dabei erhalten nigerianische Rückkehrer von der Schweiz eine finanzielle Starthilfe von bis zu 500 Euro pro Person, auch die Reisekosten werden übernommen. Je früher die betreffende Person gewillt ist auszureisen, desto grösser ist die finanzielle Entschädigung
  • Beschleunigte Behandlung von Gesuchen nigerianischer Asylsuchenden

TV-Serie gegen Migration

Im Jahr 2013 trafen sich die Migrations-Delegationen von Nigeria und der Schweiz zu ihrem jährlichen Treffen. Auf Initiative der nigerianischen Delegation beschloss die Schweiz, sich an der Produktion der 13-teiligen TV-Serie «The Missing Steps» zu beteiligen. Eine Serie, die gemäss dem Staatssekretariat für Migration (SEM) präventive Wirkung hat, indem sie die Herausforderungen der irregulären Migration ins Zentrum stellt. Es handle sich dabei nicht um eine klassische Informationskampagne, sondern um eine «innovative Annäherung» an die Problematik. So soll über die Zusammenhänge und die Folgen von irregulärer Migration und Asylmigration in die Schweiz informiert werden.

Das ist die erste Episode von «The Missing Steps».

Der Plot handelt von einem nigerianischen Studenten, der in die Schweiz flüchtet, kein Asyl erhält und schliesslich wieder nach Nigeria ausgewiesen wird.

Das Projekt «The Missing Steps» wurde von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) durchgeführt, finanziert wird es vom SEM. Kostenpunkt: 400'000 Franken. Produziert wurde die TV-Serie von «Nollywood», der nigerianischen Filmindustrie.

Im Jahr 2014 wurde die Vorbereitungsphase lanciert und ein erstes Skript redigiert. Die endgültige Version wurde schliesslich von dem Nigerian National Immigration Service (NIS), von IOM Nigeria, vom SEM und von Mitgliedern der Arbeitsgruppe «Internationale Migrationszusammenarbeit Nigeria» bewilligt. Das Mandat zum Filmdreh erhielt die nigerianische Firma C&E Productions. Im Dezember 2016 drehte sie in Nigeria, im Februar 2017 in der Schweiz.

Serie wird bereits zum zweiten Mal ausgestrahlt

Die Premiere von «The Missing Steps» fand in der Residenz des schweizerischen Botschafters in Abuja statt. Zwischen Ende 2017 und Januar 2018 wurde die TV-Serie dann im nigerianischen Fernsehen ausgestrahlt. Mit Erfolg, wie das SEM betont. Deshalb habe sich die Nigeria Television Authority (NTA) nun entschieden, die Serie noch einmal ins Programm zu nehmen. Seit dem 2. Februar flimmert sie erneut über die nigerianischen Fernsehgeräte. Dieses Mal wird sie aber nicht nur von NTA, sondern auch vom privaten Fernsehkanal DSTV ausgestrahlt. Immer am Freitag um 20.00 Uhr – und damit zur besten Sendezeit.

Als nächster Schritt soll die Serie auf 200'000 DVDs produziert und an diejenigen Nigerianerinnen und Nigerianer abgegeben werden, die ein Gesuch für einen Pass stellen, um dann nach Europa zu migrieren.

Erst danach untersucht IOM den Einfluss, den die Sendung auf die nigerianische Bevölkerung hat. Auch das SEM weiss nicht, welchen Effekt die Serie erzielt: «Die Wirkung von Informationskampagnen isoliert zu beurteilen ist schwierig, dennoch sind Informationsprojekte regelmässig Teil einer umfassenderen Strategie, die unter anderem das Ziel verfolgt, über irreguläre Migration nach Europa und die daraus resultierenden, zum Teil dramatischen Folgen aufzuklären sowie das Herkunftsland bei der Bewältigung dieser zu unterstützen.»

Kritik von NGO's und Wissenschaftlern

Dass die Schweiz in teure Anti-Migrations-Werbung investiert, führt immer wieder zu Kritik. So bemängeln etwa NGOs wie Amnesty International und die Flüchtlingshilfe den Nutzen des Projekts. Solche Kampagnen brächten nicht viel. Sie hätten keinen Mehrwert, ausserdem werde den Informationen im Zielland nicht vertraut. Das SEM kontert: «Bei der TV-Serie «The Missing Steps» kann nicht von einer klassischen «westlichen Kampagne» gesprochen werden, da sie einerseits auf Initiative der nigerianischen Partner zustande kam, andererseits auf einem lokal produzierten Skript basiert und von der lokalen Nollywood-Filmindustrie produziert wurde.»

Die Antiwerbungen der Schweiz

Das SEM lässt sich von der Kritik nicht beirren. Und das muss es auch gar nicht, es agiert auf der Grundlage eines Gesetzes. Seit Januar 2008 enthält das Asylgesetz eine Bestimmung zur Prävention der irregulären Migration. Dabei können Massnahmen auf politischer wie auch auf operativer Ebene umgesetzt werden, «um eine unkontrollierte und ungesteuerte Migration zu verhindern.» Ein Massnahmenpunkt: Informations- und Aufklärungskampagnen für potenzielle Migrantinnen und Migranten.

Folgende Informationsprojekte hat das SEM in der Zwischenzeit durchgeführt:

  • 2006/2007, Kamerun: Informationskampagne in Zusammenarbeit mit IOM zum Thema der irregulären Migration via Veranstaltungen, Radio, TV und mit Informationsmaterial. Kosten: 155‘000 Dollar.
  • 2006/2007, Nigeria: Informationskampagne in Zusammenarbeit mit IOM in drei Bundesstaaten Nigerias. Kosten: 155'000 Dollar.
  • 2009, Demokratische Republik Kongo: Schaffung des «Maison des Congolais de l’Etranger et des Migrants», in dem über Alternativen zur irregulären Migration informiert wird. Das Projekt wurde durch eine Informationskampagne via Radio, TV und Theater begleitet. Kosten: 492‘000 Dollar.
  • 2013, Tunesien: Das Projekt Panos zielt auf Medienschaffende ab, die sich mit der Thematik der irregulären Migration aus Nordafrika befassen und diese in ihre Arbeiten einfliessen lassen. In diesem Rahmen ist der Film «460» von Abdgellatif Garrouri entstanden. Zudem: Realisation des Theaterstücks «Harak Yetmanna» das an 10 Orten aufgeführt und von kulturellen Veranstaltungen wie etwa Diskussionsforen, begleitet wurde. Kosten: 80‘000 Franken.
  • 2014, Marokko: Das Projekt «Pateras de la Vida» zielt primär auf die berufliche Wiedereingliederung von Personen ab, die bereits versucht haben, auf illegalen Wegen nach Europa zu gelangen. Parallel werden im Projekt Sensibilisierungskampagnen in Schulen durchgeführt. Kosten: 110‘000 Franken
  • 2014, Kosovo: ein Anschlussprojekt an eine Informationskampagne gegen irreguläre Migration des kosovarischen Ministeriums für europäische Integration. Diese Folgephase wurde vom SEM finanziert und zusammen mit dem Ministerium für Europäische Integration und dem Innenministerium des Kosovo umgesetzt. Ziel ist es, Personen über die Schengenvisumspolitik und die Folgen des Missbrauchs von Schengenvisa für Asylzwecke aufzuklären. Das geschah via Radio, Social Media, Printmedien und TV. Das Projekt steht im Zusammenhang mit dem Visabefreiungsprozess zwischen der europäischen Union und dem Kosovo. Kosten: 240‘000 Franken.

Auswirkungen sind nicht bekannt

Der Nutzen all dieser Informations-Projekte ist nicht bekannt. Unklar ist, wie die anvisierte Bevölkerung reagiert hat und ob sie sich von den Kampagnen überhaupt beeinflussen liess. Allerdings sind Informationskampagnen auch Teil eines UNHCR-Zehnpunkteprogramms zum Flüchtlingsschutz und gemischter Migrationsbewegung.

Anders als bei diesen Informations-Kampagnen hat die Schweiz ihre Migrationspartnerschaften von einem externen Unternehmen evaluieren lassen. Die Bilanz zu Wirken und zum Mehrwert dieser Partnerschaften falle insgesamt positiv aus, so das SEM.

Die Evaluation zeigt allerdings auch auf, dass die Wahrnehmung der Auswirkungen der Migrationspartnerschaften je nach Publikum sehr unterschiedlich ist. «In der öffentlichen Wahrnehmung besteht häufig die Erwartung, dass eine Migrationspartnerschaft direkte Auswirkungen auf die Entwicklung der Asylgesuchszahlen bzw. der Entwicklung der irregulären Migration in der Schweiz sowie den Rückkehrzahlen ins Herkunftsland hat. Der externe Evaluationsbericht bestätigt allerdings, dass dieser Zusammenhang in einer direkten Kausalität nicht nachweisbar ist. Hingegen zeigt die Evaluation deutlich auf, dass die Zusammenarbeit im Rahmen einer Migrationspartnerschaft für reibungslosere Prozeduren sorgt, namentlich im Rückkehrbereich.»

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Hier finden Sie alle Episoden von «The Missing Steps».

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