Nobelpreisträger mit politischer Sprengkraft

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Beat Gerber / 12. Okt 2017 - Der Waadtländer Biologe Jacques Dubochet sprengt ein akademisches Dogma vom Sockel. Mit viel Charme, Engagement und Klettsandalen.

Anfang Oktober feierte die Wissenschaft wiederum ihre jährliche Hochzeit: Die Nobelpreise wurden verkündet. Unter den Laureaten war nach 15 langen Jahren endlich wieder auch ein Schweizer, notabene aus der Romandie.

Der Ingenieur-Physiker und Molekularbiologe Jacques Dubochet hat (zusammen mit einem US-amerikanischen und britischen Kollegen) den diesjährigen Chemie-Nobelpreis gewonnen. Scherzhaft sagte der emeritierte Professor der Universität Lausanne, er sei ausgezeichnet worden, weil er gefrorenes Wasser erfunden habe. Der 75-jährige Wissenschaftler trug mit seiner Entdeckung vor 35 Jahren massgeblich dazu bei, dass sich die Elektronenmikroskopie im letzten Jahrzehnt rasant entwickeln konnte – auch infolge stets raffinierterer Geräte. Damit lassen sich die Strukturen von komplexen Biomolekülen sichtbar machen.

Wasser zu Glas

Das tönt zwar einfach, doch im molekularen Bereich herrschen andere Gesetze. Dank Dubochets Methode der «Vitrifizierung» kann das Wasser in der Probe blitzartig in einen glasartigen Zustand versetzt und so die Molekularstruktur der darin gelösten Untersuchungsobjekte erhalten werden. Sonst würde die Struktur zerstört.

Heutzutage ist die Elektronenmikroskopie ein wichtiges Forschungsinstrument und dient unter anderem der Entwicklung neuer Wirkstoffe für Medikamente. Die ETH Zürich und das Paul-Scherrer-Institut haben denn auch aus aktuellem Anlass auf die zahlreichen diesbezüglichen Forschungen in ihren Labors hingewiesen. Ebenso hat sich der Schweizerische Nationalfonds damit gebrüstet, den Chemie-Nobelpreisträger seit Langem mit viel Geld unterstützt zu haben.

Erfreut über den Genossen

Dubochet wurde selbstverständlich auch von etlichen andern Seiten vereinnahmt. So ereiferte sich die Stilspezialistin im TA (09.10.) über die Klettverschlusssandalen des noblen Preisträgers und las dem «älteren Herrn» die modischen Leviten. Bundespräsidentin Doris Leuthard twitterte fröhlich am Tage der Verkündung (04.10.): «Die Auszeichnung macht mich stolz auf die Schweiz.» Und SP-Fraktionschef Roger Nordmann war zwitschernd ebenfalls hoch erfreut über die Ehrung seines Genossen aus der Sektion Morges VD.

Der Geehrte konterte zwar sofort und meldete, dass Wissenschaft Teamarbeit sei und einen «kollektiven Effort» erfordere. Der Geniekult war ihm sichtlich zuwider. Auch die «Nationalisierung» des Nobelpreises schiesst weit an der Wirklichkeit vorbei, sind doch die Forschungsgruppen international bunt durchmischt. Die reiche Schweiz bietet zwar an den Hochschulen eine topmoderne Infrastruktur, doch Spitzenwissenschaft ist längst globalisiert.

Auszeichnung auch für Zweitprüfer

Zudem müssten auch die unzähligen «Zweitprüfer» eine ebenso renommierte Auszeichnung verdienen. Der gnadenlose Wettbewerb verführt nicht wenige Wissenschaftler zu voreiligen Publikationen unfertiger oder sogar falscher Resultate, selbst in angesehenen, Peer-reviewed Journals wie «Nature» und «Science». Gefragt ist daher ein Forschertypus, der die meist frustrierende Zweitprüfung durchführt, um so der Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft entgegenzutreten. Ihm gebührt zweifellos eine höhere Anerkennung (NZZ, 11.10.).

Solche Themen gehen jedoch spurlos an (fast) allen Medien vorbei. Lieber lässt sich die Journalistenschar ausgedehnt über Dubochets Legasthenie aus, erzählt genüsslich vom Abstecher an die Kantonsschule Trogen AR, betitelt den Laureaten als aufmüpfigen 68er, lobt sein Engagement für Flüchtlinge und den Klimawandel oder guckt neugierig auf seine langjährige Ehe mit einer Künstlerin.

Wissenschaft zum Wohl der Gesellschaft

Ebenfalls nicht aufgenommen, ja schlichtweg weggeschwiegen wurde eine Aussage mit besonderer Brisanz. Dabei war das Statement eigentlich der Kern von Dubochets wissenschaftlichem Credo, sagte er doch in einem Interview (mehrere Medien, 04.10.): «Mehr Wissen ist immer gut. Aber was wir damit machen, das muss die Gesellschaft beantworten. Sehen Sie, alles ist politisch, auch die Wissenschaft, das dürfen wir nie vergessen. Vielleicht braucht es ein Organ, etwa unter der UNO, das die Fortschritte der Wissenschaft weltweit verantwortungsvoll abschätzt und deren Anwendung sozusagen zum Guten der Gesellschaft führt.»

Die Wissenschaft selbst sieht sich als unpolitische Gemeinschaft. Vor dem Fall dieses Dogmas fürchtet sich die akademische Welt wie der Teufel vor dem Weihwasser. Zwischen Politik und öffentlich finanzierter Forschung herrscht nämlich unausgesprochen ein Stillhalteabkommen, beide Bereiche lassen sich damit in Ruhe. Die Politik kann ohne Einmischung seitens der Universitäten agieren, die Forschung bekommt dafür Geld samt Autonomie. Ein vordergründig einleuchtendes Bündnis, doch mit einigen Kehrseiten.

Einmischen am Tisch der Mächtigen

Zum Beispiel wird das Wissen aus der Forschung eher unkoordiniert, zu fachspezifisch (Gärtchendenken!) und zu akademisch erarbeitet. Auch fehlt den Hochschulen und Forschungsinstitutionen ein ganzheitlicher, interdisziplinärer und lösungsorientierter Ansatz, damit die Gesellschaft den immensen Wissensschatz optimal nutzen kann. Der soziale Mehrwert des öffentlich finanzierten Wissens ist eindeutig zu klein. Zur Lösung der grossen globalen Herausforderungen wie Klimaschutz, Gesundheit und Digitalisierung müsste die Forschung künftig mehr beitragen als heute. Die Wissenschaftsgemeinschaft sollte daher am Tisch der Mächtigen Platz nehmen und sich vermehrt in die Politik einmischen*). Ein nötiger Tabubruch!

Der frisch gebackene Chemie-Nobelpreisträger aus der Westschweiz sieht das ähnlich. Jeder Forscher ist auch ein Bürger, jede Wissenschaftlerin ein Mitglied der Zivilgesellschaft, die die bestmögliche Anwendung von Forschungsresultaten zum Wohle der Menschheit verdient. Wird das argumentative «Dynamit» unseres sympathischen Nobelpreisträgers einmal gezündet? Dubochets neuer Gönner und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel hätte bestimmt seine Freude daran.

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*) Siehe dazu auch das «Böse Büchlein» von Beat Gerber: «An den Tisch der Mächtigen! Streitschrift für einen beherzten Geist der ETH Zürich» (DOT ON THE i PRODUCTION, 2016, 95 Seiten).

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der langjährige Wissenschaftsjournalist des «Tages-Anzeiger» war bis Februar 2014 Öffentlichkeitsreferent der ETH Zürich. Er publiziert heute auf seiner satirischen Webseite «dot on the i».

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Beat Gerber: Tüpfelchen auf dem i

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