Fast am Ziel: Doğubayazit, Grenzstadt zum Iran, im Hintergrund der Berg Ararat © Walter Aeschimann
Belebte Gasse in Erzurum, der grössten Stadt in Ostanatolien © Walter Aeschimann
Halbzeit-Pause vor Hassans Teestube © Walter Aeschimann
Ishak Pasha Palast, im Hintergrund die Grenzstadt Doğubayazit © Walter Aeschimann
Bauernhof in der Umgebung von Doğubayazit © Walter Aeschimann
Ein Bauer mit seiner Herde auf der Suche nach Strauchgräsern © Walter Aeschimann

Beim Fussball hört die Gastfreundschaft auf

Walter Aeschimann / 02. Okt 2017 - Platzverweis im Teehaus. Schwitzen im Hamam. Bier kaufen als subversiver Akt. Mit dem Velo durch die Türkei, Teil 5.

Red. Walter Aeschimann ist Historiker und lebt als freier Publizist in Zürich. Derzeit ist er mit dem Velo unterwegs in der Türkei und durchquert das Land in mehreren Wochen von West nach Ost. Rund 2200 Kilometer über Pass-, Haupt- und Nebenstrassen, durch abgelegene Dörfer und kleine Städte. Sein Hauptinteresse gilt den Menschen in der Türkei. Wie leben sie in diesen Zeiten und was denken sie? Wie sehen sie ihr Land und die politische Entwicklung? Auf Infosperber berichtet Walter Aeschimann in unregelmässigen Abständen von seiner Reise und den Menschen, denen er unterwegs begegnet.

Çavuşoğlu Sokak: Eine belebte Gasse in Erzurum, der grössten Stadt in Ostanatolien

Der junge Mann an meiner rechten Seite schrie unentwegt zum Bildschirm hoch und bisweilen unvermittelt in mein Ohr. So durchdringend, als sei die Stimme mit einem Megaphon verstärkt. Obwohl ich kein Wort verstand, wusste ich präzise, was er meinte. Die Nummer sieben, diese Pfeife, hätte längst dem besser positionierten Spieler passen sollen, statt den Ball im Dribbling zu vertändeln.

Ich sass in der ersten Reihe vor dem TV-Gerät im Teehaus bei Hassan. Das befindet sich in der Çavuşoğlu Sokak, einer schmalen, belebten Gasse hinter dem Einkaufszentrum von Erzurum, der grössten Stadt in Ostanatolien. Hassan veranstaltete im geschlossen Rahmen einen Fussballabend in seinem Lokal. Es spielten im fernen Istanbul die beiden Teams der Süper Lig, der höchsten Spielklasse im türkischen Männerfussball: Fenerbahçe Istanbul gegen Beşiktaş Istanbul. Ein Ereignis für Fussballfans in der Türkei. Und weil ich bei Hassan schon öfters Tee getrunken hatte, wurde ich in die Fussballgemeinde aufgenommen. Mit 10 türkischen Lira war ich dabei.

Die Fensterscheiben waren mit Tüchern abgedunkelt, und wo Tücher fehlten, mit Zeitungspapier verklebt. Der Raum war rauchgeschwängert und übervoll. Man sass ziemlich eng auf kleinen Hockern beieinander. In der Vorratskammer nebenan, als das Spiel schon lief, wurde hastig ein zweiter Fernsehapparat installiert. Am Ende schätzten sich alle glücklich dabei zu sein, selbst jene, die ihren Tee dort nippten, wo eine Treppe zum WC führt. Durch die schmalen Ritzen schauten Jugendliche von der Gasse auf den Fernseher. Die Stimmung neigte eindeutig Beşiktaş zu. Aber der Spielverlauf bis zur Pause ist schnell erzählt. Es hätte keinen Ball gebraucht. Die Spieler hackten sich gegenseitig vorab in die Beine und stiessen sich die Fäuste in den Rücken. Deshalb gab es nach 45 Minuten zwei rote Karten und vier Verwarnungen, ein Trainer musste wegen verbaler Ausfälligkeiten auf die Tribüne.

An die Seitenlinie abgedrängt

Bis anhin habe ich die türkische Gastfreundschaft hochgejubelt bis zur Verklärung. Vier Wochen später kann ich differenzierter werten. Beim Fussball hört die Gastfreundschaft auf. Als ich nach der Pause auf meinen Plastikhocker zurück wollte, war er besetzt. Es ist zu vermuten, dass Hassan während der Pause einige Plätze nochmals feilgeboten hat. Obwohl ich insistierte und zudem Hilfe bei der Übersetzung bekam, macht der junge Mann auf meinem Sitz keinen Wank. Auch sonst wäre es niemandem in den Sinn gekommen, mir etwas Terrain abzugeben. (An dieser Stelle die Zwischenbemerkung: Es waren keine Frauen im Raum.)

Halbzeit-Pause vor Hassans Teestube: Drinnen wird ein Spiel der türkischen Süper Lig live übertragen

Es blieb mir nichts anderes übrig, als die zweite Hälfte stehend an der Seitenlinie beim Eingang zu verbringen. Das hatte den Vorteil, dass ich ab und zu etwas frische Luft bekam. Denn ich diente nun Firat zu. Firat, kaum 15 Jahre alt, musste während des Spiels draussen auf der Gasse die Laufkundschaft bedienen. Damit er mit beiden Händen den Tee austragen konnte, öffnete ich ihm jeweils die Tür. Der Nachteil dieser Position war, dass Firat, der mit einem Tablet voller Teegläser durch die fernsehschauende und gestikulierende Menge zirkelte, manchmal etwas Tee verschüttete. Oft auf meine Hose.

Man kann sich leicht vorstellen, dass ich auch diese Position nicht bis zum Spielende halten konnte. Nicht nur wegen der nassen Hose. Es drängten ab der 60. Minute noch mehr Leute in den Raum, so dass ich immer weniger mitbekam, was am TV lief, weil mir die Sicht versperrt wurde. Das war nicht weiter tragisch. Das Spiel wurde auch in zweiten Hälfte nicht attraktiver.

Fussball und Politik sind eng verknüpft

Weniger sportaffinen Menschen mag diese Episode banal erscheinen. Denen mag auch nicht geläufig sein, dass Sport an sich politisch ist – auch bei uns. Seit Erdogan die Macht ergriffen hat, ist Sport in der Türkei womöglich noch etwas politischer als anderswo. Die Ultras von Beşiktaş beispielsweise gelten als liberal, links gerichtet und als Gegner Erdogans. Die Çarşi-Ultras, eine besonders aktive Fangruppierung, hatten sich 2013 den Protesten gegen Regierung im Gezi-Park angeschlossen. Dafür wurde der Führungsriege der Prozess gemacht. Die Anklage lautet unter anderem auf Putschversuch. Die Çarşi Ultras wurden zur terroristischen Vereinigung erklärt.

Erdogan fürchtet diese Szene, weil er weiss, dass die Ultras Massen mobilisieren können und im Kampf gegen die Polizei Erfahrung haben. Mit repressiven Eingriffen soll die Fan-Szene eingeschüchtert werden. Fan-Gesänge in den Stadien wurden verboten, und seit einigen Jahren versucht die Regierung, die Gruppierungen der Fussballfans mit AKP-Leuten zu unterwandern. Dies sei ihr laut Harald Aumeier, einem Fussball-Blogger in der Türkei, bei den traditionsreichen Vereinen bisher nicht gelungen. Deshalb unterstützt die Regierung kleinere Vereine, existierende wie Konyaspor aus der AKP-Hochburg Konya, oder gründet einen neuen Klub. 2014 wurde Basaksehir FK als Vorortclub von Istanbul installiert und mischt seither in der höchsten türkischen Liga mit. Der Klub gilt als regierungsnah.

Schwitzen im Hamam, statt kühles Bier

Den Nachmittag vor dem ereignisreichen Spiel verbrachte ich im Hamam. Der Hamam, im Jahr 1521 erbaut, liegt in einer Seitengasse zur Çavuşoğlu Sokak. Nach der Aufwärmphase in der Sauna und im Dampfbad nahm mich ein türkischer Masseur in die Mangel. Erst schrubbte er mir die Haut mit einem groben Handschuh. Dann seifte er mich ein. Schliesslich, als ich bäuchlings auf dem warmen Marmorstein lag, bohrte er mir die Finger in die Muskeln und drückte mit den Handballen derart kräftig auf den Rücken, dass die Rippen zu brechen drohten. Während der Mann bei seiner Arbeit sang, jaulte ich mehrmals auf. Zum Schluss schüttete er mir einen Plastikeimer kaltes Wasser auf den Kopf, sagte «okay» und drückte meine Hand.

Der Hamam, gesundheitsmässig sehr vernünftig, war eine Verlegenheit. Denn eigentlich gelüstete mich nach etwas Kühlerem. Vier Wochen hatte ich problemlos verzichten können auf herkömmliche Drogen, die ich zu Hause konsumiere, etwa Bier (gelegentlich) und Kaffee (regelmässig). Aber an diesem Tag bei 35 Grad im Schatten, im steppenartigen Hochland Ostanatoliens, wo dem Boden Zuckerrüben und Tabak abgetrotzt und Schafherden durch die karge Landschaft getrieben werden, nach zwei Passüberquerungen auf 2100 m.ü.M., hätte ich gerne ein kühles Bier gehabt. «Alkohol! Wo denkst du hin? Wir haben eine muslimische Regierung!» Die Empörung ist gespielt, denn zugleich grinst der Mann süffisant. Ausser in Göreme, dem touristischen Zentrum von Kappadokien (Zentralanatolien), war es in den von mir besuchten Orten nicht möglich, im Restaurant Alkohol zu trinken oder im Supermarkt zu kaufen.

Es gebe Läden, in denen man Bier kaufen könne, sagt der Mann. Das entsprechende Etablissement ist eine Art Kiosk, mit einer schummrigen Innenbeleuchtung, die an einen Erotiksalon erinnert. Ich ziere mich und zeige auf die Flasche «Efes» (türkisches Bier), die verführerisch hinter der Glasvitrine im Kühlschrank wartet. Der Mann steckt sie in einen schwarzen, undurchsichtigen Plastiksack. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich das Bier gleich draussen trinken möchte. Er winkt ab. Seit September 2013 ist es untersagt, auf öffentlichen Plätzen und in Parks Alkohol zu trinken. In der Nacht ist der Verkauf sogar verboten. Westliche Kommentatoren deuteten das Gesetz als Jihad, als heiligen Krieg der Regierung gegen den Alkoholkonsum und als weiteres Zeichen der Islamisierung der Republik.

Ishak Pasha Palast, im Hintergrund die Stadt Doğubayazit

Der Mann im Kiosk suchte nach einer Möglichkeit, mich beim subversiven Akt zu unterstützen. Allenfalls würde es im Park vis à vis schon gehen. Er umwickelte die Flasche mit einer Zeitung, packte sie zusätzlich in eine Papiertüte und dann in den dunklen Plastiksack. Das war mir nun doch etwas zu viel Heimlichkeit. Ich winkte ab. Nun fielen mir aber die schwarzen Plastiksäcke, die Männer abends nach Hause tragen, besonders auf.

Panzer und Schützenstellungen im Kurdengebiet

Drei Tage später bin ich in Doğubayazit, der Grenzstadt zum Iran mit Sicht auf den heiligen Berg Ararat. Hier ist die paramilitärisch ausgerüstete Polizei (Jandarma), mit Panzerfahrzeugen, Schützenstellungen hinter Sandsäcken und Betonblöcken, sehr präsent. Ich bin im Siedlungsgebiet der Kurden in der Türkei. Vor einigen Jahren gab es hier Konflikte mit der PKK. Einmal wurde ich unterwegs nun gröber und gründlich kontrolliert, bis hin zu den gespeicherten Fotos auf dem Handy und dem Fotoapparat. «It‘s only my job», sagte der junge Polizist fast entschuldigend, bevor er mich weiterschickte. Einzelne Gassen in der Stadt sind abgesperrt, der Strom fällt jeweils kurzfristig, aber umso regelmässiger aus.

Bauernhof in Ostanatolien im Umland von Doğubayazit

Ein Bauer mit seiner Herde auf der Suche nach Strauchgräsern

Meine Reise neigt sich dem Ende zu. Ein letztes Gespräch via Google Translate. Diesmal im Hinterhof eines Basars, wo mich der Kleiderhändler zum Tee einlud. Ich fragte ihn, was er vom Unabhängigkeits-Referendum der Kurden im Nordirak halte. Masud Barzani, Präsident der Autonomen Region Kurdistan, denke nur an sich und sei kaum besser als Erdogan, schrieb der Mann zurück.

Im Eingang des Hotels lief am Morgen der Fernseher. Auch den Mann an der Réception fragte ich nach seiner Meinung: «Barzani?», und zeigte dabei mit dem Daumen nach oben und nach unten. Er wirkte verlegen und drehte den Daumen nach unten. Beide Männer sind türkische Kurden.

Das Referendum soll laut der Autonomieregierung eine grosse Mehrheit für die Unabhängigkeit ergeben haben. Im Südosten der Türkei, an der Grenze zum Irak, hat die Regierung die Truppen verstärkt. Das berichten die staatlichen Fernsehsender – und es gibt nur diese – 24 Stunden im Tag. Die gegenseitigen politischen Abmachungen sind derzeit sehr labil. In Doğubayazit scheint es vorerst ruhig zu bleiben. Die Menschen gehen auf der belebten Fussgängerpassage gelassen ihrem Alltag nach.

Und schliesslich nochmals die Frage: «Wie gefällt dir die Türkei?» Noch bevor ich antworten kann, fügt der Mann hinzu: «Sei bitte höflich.» Es sei traurig, dass in Westeuropa so negativ über die Türkei geurteilt werde. Der Mann ist Biologieprofessor und führt derzeit mit den lokalen Behörden ein Monitoring durch, das den Fischbestand in den Gewässern Ostanatoliens überwacht. Er zeigt mir auf dem Handy Bilder der verschiedenen Fischpopulationen. «Hast du Angst», fragt er mich. «Nein». In Sivas habe man mir zwar geraten, nicht weiter nach Osten zu fahren, weil es dort zu gefährlich sei. Nun sei ich im Osten angekommen. Wir lachten. Er schenkte mir einen Schlüsselanhänger seiner Universität mit einem Fisch-Logo.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Walter Aeschimann unternimmt seit vielen Jahren Veloreisen in ferne Länder und hat zahlreiche (Multimedia-) Berichte in der NZZ und Velomagazinen veröffentlicht. Er arbeitete als Redaktor für das Nachrichtenmagazin «Facts», die «Sonntags-Zeitung», den «Tages-Anzeiger» und das Schweizer Fernsehen.

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Eine Meinung

Sehr guter intressanter Bericht.Bin Ende Oktober wieder für ein Türli in der Türkei.Sehr nette Menschen und gastfreundlich.Hatte wirklich noch nie Probleme und komme immer wieder gerne.
PETER MORGENTHALER, am 03. Oktober 2017 um 08:14 Uhr

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