Vincent O. Carter an seinem Arbeitsplatz in Bern. Er wurde als Künstler totgeschwiegen. © Der Bund

Vincent O. Carter an seinem Arbeitsplatz in Bern. Er wurde als Künstler totgeschwiegen.

«Männer, Frauen, Hunde und Katzen starrten mich an»

Richard Aschinger / 28. Jul 2020 - 60 Jahre totgeschwiegen! Jetzt setzte der «Bund» den afro-amerikanischen Autor Vincent Carter und sein «The Bern Book» ans Licht.

Ein Satz im «The Bern Book» beschreibt die Situation des Autors in der Schweiz in einem grellen Bild: «Living in Bern in the mid-1950ies I was such an unusual sight that everybody, men, women, children, dogs, cats, and other animals, wild and domestic looked at me all the time.» Carter berichtet von einer Reise, die ihn zufällig nach Bern führt und dreissig Jahre dauern wird. Er ist allein, versteht noch kein Deutsch oder Französisch, die meisten Schweizerinnen und Schweizer damals noch kaum Englisch. Der junge Amerikaner ist intelligent, neugierig, kontaktfreudig und unerschütterlich entschlossen, als Schriftsteller zu leben und zu arbeiten.

«Bern Book» – «Weil Du anders bist.»

Auf fast 300 Seiten rapportiert Vincent Carter im «Bern Book» Geschichten und Analysen aus seinem Alltag. Immer wieder stellt der Autor die Frage: «Warum vermieten mir die Leute kein Zimmer?» Er berichtet über einen Dialog mit der jungen Freundin eines Berner Prominenten, unter Zuhilfenahme aller sprachlichen Mittel: Berndeutsch, Deutsch, Französisch und immer wieder ein paar englische Einsilbenwörter.
«Weil du anders bist.»
«Das ist ein rassistisches Vorurteil.»
«Nein, das ist, weil die Leute keine Erfahrung haben mit einem afrikanischen Mann. Sie glauben Afrikaner seien …»
«Amerikaner!»
«… seien gefährlich. Die Mädchen haben einfach Angst. Viele von ihnen fühlen sich von dir angezogen und wären gern mit dir zusammen, wenn sie den Mut hätten.»
«Aber ich wollte ja gar nicht mit ihnen schlafen, ich wollte ganz einfach ein Zimmer.»
«Mit dir zu schlafen wäre einfacher gewesen. Wenn sie ein Zimmer vermieten, müssten sie sich Sorgen machen, was die Nachbarn denken. Wenn sie mit dir schlafen, könnten sie, wenn es dunkel ist, durch die Hintertür verschwinden.»

Carter kam 1953 nach Bern: 1924 als Kind von zwei Teen-Age-Eltern im Schwarzen-Ghetto von Kansas City geboren, war er 1944 als Soldat in der Invasion der Alliierten in Europa gelandet. Auf dem Vormarsch nach Paris hatte er sich in die im Befreiungstaumel entfesselte französische Bevölkerung verliebt. Mit dem Ziel, als Schriftsteller in Paris zu leben und zu arbeiten kehrte er nach Kriegsende in die USA zurück, studierte mit einem Stipendium für Veteranen und verdiente in einer Autofabrik Geld für die Reise nach Europa.

1953 findet er seine Traumstadt Paris radikal verändert: anti-amerikanisch, mit Yankee-Go-Home-Sprüchen an den Wänden, verbreitetem Rassismus gegenüber Schwarzen. Vincent Carter zieht weiter, nach Amsterdam, München, besucht dann Freunde in Bern. Dort bleibt er hängen, bis zu seinem Tod 1983.

«Switzerland is a man’s world»

In Sachen Frauenrechte schreibt Carter Klartext: «Die Schweizer Frau ist politisch gesehen nicht existent. Sie hat in der Politik nichts zu sagen, sie hat kein Recht zu stimmen. (…) Männer kontrollieren die Gesellschaft total. So hat die Frau keinen Schutz. Den Staat kann sie nicht zu Hilfe rufen, denn der Staat wird regiert vom Mann. (…) Normalerweise ist sie sensibler als ihr Mann, nicht weil sie eine Frau ist, sondern weil Minderheiten gewöhnlich sensibler sind als Mehrheitsgruppen. Sensibilität als zentrales Überlebensprinzip. (…) Die Schweizer Frau versteht ihre Rolle in der Gesellschaft vollständig und scheint grundsätzlich zufrieden damit (…). Wenn sie unglücklich ist, ist es, weil sie ihren in der Gesellschaft idealisierten Status nicht vollständig erfüllen kann.»

In seinem «Bern Book» beobachtet Carter präzis und analysiert scharf. Mit den wachen Augen eines der ersten jungen Afro-Amerikaners in Bern vermittelt er ein einmaliges Bild der Schweiz in einer Atmosphäre zwischen Angst im Kalten Krieg, puritanischer Moral und Begeisterung für die Wohlstandsversprechen des Wirtschaftswunders nach dem Weltkrieg.

«Ladies» in ihren schönen Häusern

Carter litt darunter, dass Ladies in schönen Wohnungen und Häusern, die ihr Haushaltsgeld mit Zimmervermietung aufbessern wollten, sich partout nicht vorstellen konnten, mit ihm unter einem Dach zu wohnen. Als wichtigste Qualität ihrer Zimmer hätten sie immer die ruhige Lage gepriesen. Ihm sei das nicht wichtig gewesen: «Ich kam von einer Stadt, wo Leute in den Strassen singen, wo Freunde ihren Freunden über die Strasse zurufen, wo Fremde mit Fremden reden.» Die Hausregeln der Berner Schlummermütter seien «für einen Junggesellen, Schriftsteller wie mich nicht praktikabel. Mir hat es gefallen zu ungewöhnlichen Tages- und Nachtzeiten zu schlafen, Bäder zu nehmen und dabei zu singen.» Er habe insistiert, kommen und gehen zu können, «wann immer, und mit wem immer er wolle». Diese feinfühligen Ladies suchten «ernste, ruhige junge Männer, die wie lautlose Maschinen funktionieren sollten.»
Je mehr Berner Häuser er auf Zimmersuche besucht, desto mehr habe er aber auch «Sympathien entwickelt zu diesen unglücklichen Personen, die mich zurückweisen mussten.» Denn «wer will schon Fremde in seinem Privatleben, wenn er es vermeiden kann?»
Carter beschreibt, wie die Zimmersuche ihn selbst verändert habe: «Ich begegnete den Ladies fortan mit ausdrücklicher Bescheidenheit.» Er habe sich «so klein, übersehbar wie möglich» gemacht, sein freundlichstes Lächeln herausgekehrt und alles versucht um «harmlos» zu erscheinen. «Ich sah ein, dass ich nicht in Kansas City war. (…) Ich war nicht einfach der Neger, sondern ein Symbol für die Bedrohung aus der weiten gefährlichen Aussenwelt.»

Sein Text ist kein Reisebericht und kein Roman. Der Autor springt von Alltagsgeschichten zu politischen und gesellschaftlichen Betrachtungen. Kein einfacher Text für einen Verleger. Aber, dass er erst 1973 publiziert wurde, in New York, weit weg vom Ort, wo Carters Geschichten spielten, das hat vor allem einen Grund: In der Schweiz hatte man bis vor sehr Kurzem keine Lust und sah auch keine Notwendigkeit, sich von einem unbekannten Schreiber aus Kansas City einen Spiegel vorhalten zu lassen.

Alles besetzt – aber so freundlich

Weil er kein Privatzimmer findet, sucht Carter ein Hotelzimmer. «Alles besetzt», habe der Concierge erklärt: «1. August.»
Carter sieht das so: «Was kannst du sagen, wenn ein Mann dir freundlich sagt, dass er kein Zimmer habe und du würdest schwören, dass er lügt? Wenn du ein Schwarzer bist in Missouri, und rauskomplementiert oder physisch rausgeworfen wirst, weil du läppisch genug warst in Kansas City ein weisses Hotel zu betreten, dann hast du wenigstens die Genugtuung, wütend zu sein oder dich selbst zu bemitleiden. Aber wenn du so höflich abgewiesen wirst, dass es gegen Treu und Glauben verstiesse, nicht zu glauben, dass dein Gegenüber mit dir ehrlich ist, da kannst du nur im kalten Schatten des Zweifels frieren. Der Effekt ist in beiden Fällen der gleiche. Du bist draussen. Du hast keinen Ort zum Leben. Es regnet genau gleich hart, es hagelt und es wird Nacht.»
An diesem Abend muss Carter nicht frieren. Bekannte, weisse Amerikaner, Botschaftsangehörige in einem schönen Haus, haben ihn zu sich eingeladen bis das Fest vorbei war.

Das hat sich jetzt geändert. Auf zwei Seiten im «Bund» vom 4. Juli hat der Berner Journalist Bernhard Ott den 1983 gestorbenen Schriftsteller ans Licht gezogen, die unendliche Geschichte seines «Bern Books» ausführlich dokumentiert und laufende Arbeiten zur Sicherung von Carters Werk vorgestellt.

«So natürlich in ihren Rüstungen»

Was Vincent Carter «besonders auffiel» am 1. August-Umzug in Berns Gassen war, «dass die Leute in Rüstungen, die ihre Hellebarden schwangen, so natürlich aussahen. (…) Das war keine reine Theaterproduktion. Die Gesichter und die Haltung der Leute glichen in enervierendem Mass den Gesichtern, die ich in historischen Museen und Büchern gesehen hatte. Diese Atmosphäre von Realität wurde weiter verstärkt durch die Stimmung der alten Stadt: Enge Strassen, niedrig, schwer, düster, mit einem feuchten abwehrenden Auftritt.»
An einem anderen Ort in seinem «Bern Book» liest man zum Thema Grundstimmung eines Landes, die Geschichte der Menschheit könne mit der Geschichte eines Menschen verglichen werden. Das gelte besonders für die Schweiz. «Der Kopf dieses Mannes kontrolliert den Körper (…). Seine Organe und Extremitäten haben sich über Jahrhunderte daran gewöhnt, in gebückter Haltung zu gehen, denn er muss immer daran denken, seinen Kopf hinter den Bergen in Deckung zu bringen. Der Überlebenswille der Schweizer ist derart stark, dass sie bei jedem Anblick von Armut oder Leiden zu Tode erschrecken. Sie betrachten ihre fruchtbaren Felder und gutgefüllten Lager und sagen, zum Glück wurden wir vom Schicksal unserer Nachbarn verschont. (…) Sie fühlen sich schuldig, weil sie die Leiden der Welt nicht geteilt haben. Es ist schön, dass sie fähig sind zu leiden, und dass sie ihr Butterbrot nicht in Gegenwart eines hungrigen Fremden essen. Nicht schön ist, dass sie dem armen Teufel nicht zu essen geben um ihm, sondern um sich zu helfen.»

Der Limmat Verlag plant für das Frühjahr 2021 eine deutsche Übersetzung. Die schottische Schriftstellerin und Physikerin June Graham, die von 2002 bis 2008 am Institut für angewandte Physik der Universität Bern gearbeitet hat und in einem Antiquariat auf das «Bern Book» stiess, schreibt ein Buch über Carter. Und die am Centre de la Photographie in Genf tätige, auf afro-amerikanische Literatur spezialisierte Anglistin Anna Iatsenko setzt sich dafür ein, dass das Schweizerische Literaturarchiv seinen Entscheid revidiert, die heute von Carters Lebensgefährtin verwahrten Dokumente des Schriftstellers mangels genügender Berühmtheit des Autors nicht aufzunehmen.

Spirituals oder Bach?

Auf seiner Suche nach Arbeit und Geld meldet Carter sich bei Radio Bern und sagt am Schalter, er sei Amerikaner auf Besuch und würde gern etwas erzählen über seine Eindrücke von Land und Leuten. Zu seinem Erstaunen erscheinen Verantwortliche, stellen Fragen und fordern ihn auf etwas zu schreiben. Er präsentiert ein Manuskript. Und sie kaufen das. «Ich werde Bern immer dankbar sein für das. Ich hatte beim ersten Versuch etwas verkauft.» Dann gibt es Detaildiskussionen mit den Radioleuten. Im Zentrum sei die Frage nach der Art der Begleitmusik gestanden. Carter findet, Bach, gesungen vom weltweit bekannten afro-amerikanischen Sopranstar Marian Anderson wäre richtig. Die Sängerin galt als Civil-Rights-Ikone, nachdem weisse Patriotinnen ihr Auftritte in Hallen der Hauptstadt Washington verweigert hatten und sie darauf von der Präsidentengattin Eleonore Roosevelt zu einem grossen Konzert vor dem Lincoln Memorial eingeladen wurde.
Die Radioleute finden Negro-Spirituals besser geeignet, um zu Carters Texten «die tiefsten Gefühle der Schwarzen» zu vermitteln. Carter reagiert empört: «Da ich sicher der erste amerikanische Neger war, den die Radioleute je gesehen hatten, war ich erstaunt, dass sie so gut Bescheid wussten über die «tiefsten Gefühle der schwarzen Bevölkerung». Ihm fiele es schwer, die tiefsten Gefühle der Schweizer Bevölkerung zu identifizieren, «obwohl ich nun schon einige Jahre in ihrer Stadt zu Gast war.»
(…) Viele Leute hätten seine Radioprogramme gehört und gut gefunden. «Die öffentliche Verbindung mit Radio Bern, mit Herrn Doktor Dies und Herr Doktor Das gaben den Leuten den Eindruck, ich sei jemand, weil das Radio in der Schweiz ja ein staatlich kontrolliertes Institut ist, das als Sprachrohr der Nation auftritt. Leute im und um das Radiogebäude sprachen mich jetzt mit «Herr Carter» an. Ich war nicht mehr «der Neger». Ich hatte jetzt einen Namen.»

Berns vergessene schwarze Stimme Der Bund. 4. Juli 2020, S. 18-19.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Doppelseite «Bund, 4. Juli 2020

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2 Meinungen

Wow, ein Zeitzeuge mit Aussensicht, aus dem praktischen Leben... Besser kann man kaum den Spiegel vorgehalten bekommen. Historisch äusserst wertvoll und auch noch bis heute etwas für die Gegenwart
Beat Schärer, am 28. Juli 2020 um 14:24 Uhr
Hochinteressant, das Buch hab ich mir gleich bestellt! Danke für den Artikel.
Christian Schneider, am 29. Juli 2020 um 08:54 Uhr

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