Oft ist es nicht so gewollt, aber meist wandert Geld von weissen Händen in andere weisse Hände. © CC
90 Prozent des Start-Up-Kapitals in Ostafrika ging 2015 und 2016 an Unternehmen mit mindestens einem Gründer aus Nordamerika oder Europa. © Village Capital

Geld nur gegen weisse Hautfarbe

Daniela Gschweng / 16. Aug 2019 - Die Finanzströme der Welt sind ungleich verteilt. Wer etwas finanzieren will, hat bessere Karten, wenn seine Haut weiss ist.

Patima Tungpuchayakul ist eine mutige Frau. Die Thailänderin sucht auf abgelegenen Inseln in Thailand nach Fischereisklaven. Tausende hat sie schon befreit, 2017 wurde sie für den Friedensnobelpreis nominiert. Infolge von Berichten in internationalen Medien entstand der Dokumentarfilm «Ghost Fleet» über die Arbeit der Menschenrechtsaktivistin.

Die Dreharbeiten hätten sich über sieben Jahre hingezogen, erzählt die Regisseurin und Reporterin Shannon Service in einem Interview mit «npr». Immer, wenn Geld da war, drehte sie weiter. Problematisch für die Finanzierung sei vor allem die Besetzung gewesen, berichtet sie. Anscheinend traute keiner einer einheimischen Frau die riskante und belastende Tätigkeit zu. Service erhielt Zusagen, die mit der Bedingung verknüpft waren, «einen Charakter zu finden, zu dem das Publikum eine Beziehung aufbauen kann» – eine Umschreibung für «weisser Mann».

Ein Film, aus dem ohne einen Weissen fast nichts geworden wäre

«Wir haben Sachen gehört wie: ‹OK, wir finanzieren den Film, sobald Sie den westlichen Helden finden, der Englisch spricht›», berichtet Service. Dass Tungpuchayakul und ihr Kollege Tun Lin deshalb erfolgreich sind, weil sie Einheimische sind und die Verhältnisse kennen, spielte keine Rolle. «Ghost Fleet» wird derzeit in den ersten US-Kinos gezeigt. «Ich bin stolz … aber es war definitiv viel schwerer», sagt Service. Was nichts anderes heisst als: Hätte sie ein weisses Gesicht präsentieren können, wäre eher Geld geflossen.

Helden sollen weiss sein, weil das Publikum es ist

Hundertprozentig Unrecht hatten die Geldgeber damit nicht. Jeder Journalist, jeder Filmer und jeder Kundenberater weiss, dass Menschen sich am ehesten mit dem identifizieren können, was ihnen naheliegt und ihnen ähnlich ist. Das potenzielle Publikum ist in der Vorstellung der Geldgeber also mehrheitlich männlich, englischsprachig und weiss.

Nur, ein solches Geschäftsmodell trägt nicht dazu bei, die Wirklichkeit abzubilden. Die Darstellung vermittelt am Ende: Die Rettung der Welt ist eine Aufgabe für weisse, englischsprechende Männer. Sie sind aktiv und ändern die Welt zum Besseren. Was laut Shannon Service bei Problemen wie der Sklaverei in Südostasien selten der Fall ist. Man fragt sich, hinter wie vielen Heldentaten weisser Männer eigentlich farbige Frauen stehen. Wer die Frage übertrieben findet, frage sich, wie viele, die irritiert auf ein schwarzes Heidi reagiert haben, bei einem weissen Mowgli auch nur beunruhigt wären. Und da geht es um fiktive Geschichten.

Afrika: Kapital geht eher an weisse Gründer

Von einem Dokumentarfilm sind keine grossen finanziellen Gewinne zu erwarten, im Gegensatz zu Unternehmensgründungen. Nur – da sieht es nicht anders aus. Auch bei Afrikas Start-Ups gibt es eher Geld für weisse Gründer. Die Risikokapitalfirma «Village Capital» hat 2017 festgestellt, dass 90 Prozent der Investments in Ostafrika an Unternehmen mit wenigstens einem Weissen gehen, der in der Regel aus Europa oder Nordamerika stammt. An fehlenden Ideen liegt das nicht. Unter anderem sind Entwickler in Afrika sehr aktiv in Sachen Mobile Payment, da nur wenige ein Bankkonto haben.

(Village Capital)

Die Vorstellung vom weissen Kunden zieht in der «Silicon Savannah» jedoch nicht. Wohl aber die Vorstellung vom hellhäutigen Business-Partner, denn die Geldgeber stammen meist aus dem Ausland. Geld vor allem an weisse, gut ausgebildete Frontleute zu vergeben, sei aber nicht immer die beste Idee, schreiben Fiona Mungai und Christie Peacock in einem Beitrag für das «World Economic Forum».

Manchmal keine so gute Idee

Den im Ausland ausgebildeten Fachleuten fehle oft das Verständnis für die praktischen und politischen Gegebenheiten vor Ort. Business-Modelle aus dem Norden könnten im Süden völlig fehlschlagen. Mungai und Peacock berichten von einer jungen Kenianerin, die verzweifelt eine weisse «Front» für ihr Start-Up sucht. Und einem Bild, auf dem die Start-Up-CEOs kenianischer Unternehmen abgebildet sind. Die Zusammenstellung, die im Internet kursiert, zeigt bis auf wenige Ausnahmen nur weisse Gesichter.

Die Kriterien der Investoren bei der Auswahl eines vielversprechenden Unternehmens umfassen neben den Merkmalen «an bekannter Universität studiert» und «ICT-basiert» offensichtlich auch «männlich» und «weiss». Unarten, die die Geldgeber von zu Hause mitgebracht haben. Auch in den USA geht kaum Wagniskapital an Farbige und Frauen. Weniger als ein Prozent der Investments gehen jedes Jahr an schwarze oder latino-stämmige Gründerinnen. Womöglich deshalb, weil diejenigen, die das Kapital vergeben, zu mehr als 60 Prozent weisse Männer sind, die noch dazu an wenigen Universitäten waren.

USA: Den Museen fehlt bald das Publikum

Ein ganz anderes Problem haben Museen in den USA. Abgesehen von den Publikumsmagneten wie dem MOMA in New York blieben zunehmend die Besucher weg, schrieb das Kunstmagazin «Artinfo» schon 2012. Nicht nur die absoluten Besucherzahlen waren in den Jahren zuvor gefallen, der Anteil nicht-weisser Besucher war sogar noch schneller gesunken. Und das, obwohl die Bevölkerung der USA immer gemischter wird. 2017 waren etwa drei Fünftel der US-Bevölkerung weiss (Statista). Bis zum Jahr 2025 werden es nur noch etwas mehr als die Hälfte sein. Den Museen gehen also die Besucher aus.

Nachvollziehbar, meint der Autor Ben Davis. Die Museen seien schliesslich voll mit «toter weisser männlicher Kunst». Nach einer neueren Studie von 2019 hat sich daran bis heute wenig geändert. Unter den Angestellten von Museen gebe es kaum Leute aus den Minderheiten. «Diversify or die», schliesst er daraus. Praktisch ist das nicht ganz so einfach, denn die meisten bekannten Künstler sind weiss. Aufstrebende junge Künstler brauchen Mentoren und Gönner, und diese sind … nein, nicht schon wieder. Der Besucherschwund sei aber kein ausschliesslich ethnisches Problem, sondern auch ein ökonomisches, gibt er zu. Dagegen helfen könne nur Bildung. Womöglich fallen darunter auch Dokumentarfilme, in denen nicht nur weisse, englischsprechende Männer Heldentaten begehen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«This Fearless Woman Is Fighting To Keep Slavery Out Of Your Seafood», npr
«Impact investment favours expats over African entrepreneurs. Here’s how to fix that», WEForum
«Diversify or Die: Why the Art World Needs to Keep Up With Our Changing Society», Artinfo

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Eine Meinung

Der Rassismus hat noch lange nicht ausgedient. Es ist einfach traurig und skandalös. Und mir scheint es, als werde es immer schlimmer. Nicht nur wegen Trump. Ich glaube das ist zu kurz gegriffen. Rassismus scheint irgendwie in unserer Kultur tief verankert zu sein. Wir hören ja auch nur schlechtes aus Afrika und Asien. Positive Berichte sind selten. Vielleicht kann Infosperber hier etwas gegensteuer Geben und mal positives aus der sogenannten 3. Welt berichten. Afrika ist mehr als nur Krieg, Hungersnot und AIDS.
Roland Ruckstuhl, am 16. August 2019 um 21:37 Uhr

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