Keiner weiss, ob und wann es weitergeht: Warten im Flüchtlingscamp Moria auf der Insel Lesbos © WDR
Viele Unterkünfte für Familien sind nicht winterfest – wie diese kleinen Sommerzelte © «Monitor»/WDR
Schlange stehen für die Essensausgabe. Es gibt nie genug für alle. © «Monitor» WDR
Tausende warten darauf, dass ihre Asylanträge bearbeitet werden. Doch es gibt nicht genügend Personal. © «Monitor» WDR
Neuankömmlinge leben in Zelten ausserhalb des Camps, da es drinnen keinen Platz mehr gibt © «Monitor»/WDR
Winter 2016: Fünf Menschen starben in Moria © «Monitor»/WDR

Augen vor Flüchtlings-Elend nicht verschliessen

Red. / 02. Jan 2018 - Unbeheizte Zelte, verschmierte Toiletten: Rund 6500 Menschen stecken im Lager Moria auf Lesbos fest. Ihre Lage ist katastrophal.

Medien berichten nur noch spärlich über die verzweifelte Lage der Flüchtlinge, die zu Tausenden jetzt auch im Winter in Griechenland festsitzen. Seit das Rücknahme-Abkommen zwischen der EU und der Türkei im März 2016 in Kraft getreten ist, «sind die ägäischen Inseln zu überfüllten Freiluftgefängnissen geworden», schreibt die «FAZ-Online».

Journalisten ist der Zugang verwehrt – deshalb wenige Berichte

Mit Abstand das grösste ist das Lager Moria auf der Insel Lesbos, das gleichzeitig als Abschiebeknast dient. Es ist so etwas wie das Bollwerk der EU an ihrer Aussengrenze zur Türkei: Mauern und hohe Zäune, schwerer Stacheldraht und uniformierte Aufseher auf Wachttürmen – das Camp gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Immer wieder dringen Berichte über die katastrophalen Zustände im Lager an die Öffentlichkeit, doch seit Monaten wird Journalisten der Zutritt verwehrt. Eine Reporterin des WDR reiste im November nach Lesbos und konnte den Flüchtlingsalltag in Moria mit dem Handy verdeckt filmen. Die Bilder, die in der Sendung «Monitor» zu sehen waren, sind erschütternd. Sie machen deutlich, weshalb Moria für viele als «Symbol einer gescheiterten EU-Flüchtlingspolitik» gilt, wie «Die Zeit» schreibt.

Viele Unterkünfte für Familien sind nicht winterfest – wie diese kleinen Sommerzelte. (Quelle: «Monitor»/WDR)

In Moria drängen sich derzeit 6500 Menschen auf engstem Raum – obwohl es nur 2300 Plätze gibt. Weil die Wohncontainer längst übervoll sind, müssen Tausende bei winterlichem Wetter in unbeheizten Zelten schlafen. Zu viert, sogar zu sechst quetschen sich ganze Familien in die winzigen Zweimannzelte, die nur notdürftig vor Nässe, Wind und Kälte schützen. Viele Frauen mit Kleinkindern sind hier. Nachts sinken die Temperaturen gegen Null Grad.

Im Lager fehle es an den elementarsten Dingen: an Essen, Wasser, warmer Kleidung, medizinischer Versorgung, berichten die Bewohner. Die wenigen Toiletten sind komplett verdreckt, ebenso die Duschen und Waschräume. Fliessendes Wasser gibt es nur während vier Stunden am Tag. Es tröpfelt eiskalt aus den Leitungen.

Schlange stehen für die Essensausgabe. Es gibt nie genug für alle. (Quelle: «Monitor«/WDR)

Ursprünglich war das Lager Moria nur als Durchgangszentrum geplant. Maximal 25 bis 30 Tage sollten die Flüchtlinge hier bleiben, registriert und dann weitergeschickt werden. Doch seit im März 2016 das EU-Flüchtlingsabkommen mit der Türkei in Kraft trat, stecken die meisten Flüchtlinge auf der Insel fest. Sie dürfen nur aufs Festland, wenn ihr Asylbescheid positiv ausfällt oder wenn sie als besonders schutzbedürftig eingestuft werden, wie zum Beispiel Schwangere oder besonders kranke Menschen. Wer keinen Anspruch auf Asyl hat, wird von Lesbos aus zurück in die Türkei abgeschoben.

Doch die Asylverfahren gehen nur schleppend voran. Die griechischen Behörden kommen mit Abarbeiten der Asylanträge kaum hinterher. Und so heisst es für die meisten Menschen, die auf Lesbos gestrandet sind: warten – ohne Ziel und nur mit wenig Hoffnung.

Tausende warten darauf, dass ihre Asylanträge bearbeitet werden. Doch es gibt nicht genügend Personal.(Quelle: «Monitor»/WDR)

Alle paar Tage ein Suizid-Versuch

Manche leben schon seit 19 Monaten in Moria. Die katastrophalen Zustände im Camp sind nur schwer zu ertragen und machen die Leute krank – körperlich und psychisch. Sechs bis sieben Suizidversuche gebe es pro Woche, sagt ein aktueller Bericht der Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen».

Häufig schlägt die Frustration auch in Wut und Gewalt um. Regelmässig kommt es unter den Migranten zu Schlägereien – oder noch Schlimmerem. Wie am 20. Dezember, als Gruppen von Afghanen und Syrern aneinandergerieten. An verschiedenen Stellen im Lager gingen Zelte in Flammen auf,  Dutzende Menschen wurden verletzt, darunter auch Frauen und Kinder.

Das Leben der Menschen steht auf dem Spiel

Schon seit Anfang September fordern das Flüchtlingshilfswerk UNHCR und andere humanitäre Organisationen die griechischen Behörden auf, die Situation in Moria zu entschärfen. Es brauche schnellere Asylverfahren und mehr Personal. «Die Menschen müssen so schnell wie möglich von der Insel runter», sagt Boris Cheshirkov, Sprecher des Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Viele in Europa und ganz besonders die griechische Regierung «müssten jetzt schnell verstehen, dass es in Moria nicht einen weiteren Winter lang so weitergehen kann». Auch die Bewohner von Lesbos und die lokalen Behörden verlangen eindringlich, dass die Flüchtlinge auf andere Landesteile umverteilt werden und drohen mit einem Generalstreik. Spyros Galinos, der Bürgermeister der Insel findet klare Worte: «Wir sind gegen eine Politik, die keine menschliche Würde mehr kennt. Auf dem Festland gibt es Camps mit genügend Platz. Und hier steht das Leben der Menschen auf dem Spiel. Das ist inakzeptabel.»

Angst vor dem Winter

Die EU jedoch bleibt hart. Frans Timmermans, der EU-Vize-Kommissar, sagte kürzlich einer griechischen Zeitung:

Migranten müssen auf den Inseln bleiben, trotz der Schwierigkeiten. Sie auf das Festland umzusiedeln, würde «eine falsche Botschaft senden und eine Welle von Neuankömmlingen erzeugen».

Die Logik der EU-Flüchtlingspolitik: Die katastrophalen Bedingungen auf der Insel nimmt man bewusst in Kauf, um Migranten vor der Überfahrt nach Griechenland abzuschrecken. Und trotzdem wird Moria immer voller. Etwa 5000 Neuankömmlinge registrierte das UNHCR im September – im Oktober waren es bisher fast 4000 neue Flüchtlinge, die mit Booten von der Türkei über die kurze Ägäis-Route kamen. Die meisten davon nach Lesbos.

Neuankömmlinge leben in Zelten ausserhalb des Camps, da es drinnen keinen Platz mehr gibt. (Quelle: «Monitor»/WDR)

Und weil im komplett überfüllten Lager kein Platz mehr ist, werden Neuankömmlinge in Zelten draussen vor dem Camp untergebracht. Dort gibt es weder Strom noch sanitäre Anlagen – ein Wasserschlauch im Olivenhain muss als Waschgelegenheit genügen. «Der Winter kommt! Wir leiden! Und dann?!» fragt ein verzweifelter Mann.

Dann könnte dasselbe passieren wie letztes Jahr. Ein Bewohner des Camps erinnert sich, wie das geschmolzene Schneewasser in die Zelte lief und Menschen und Decken in der Nacht aufweichte. Manchmal froren die Wasserleitungen ein. Auch das Feuerholz war zu nass, um Feuer zu machen. Fünf Menschen starben im letzten Winter in Moria.

Winter 2016: Fünf Menschen starben in Moria. (Quelle: «Monitor»/WDR)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Sendung «Monitor» vom 30.11.2017

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3 Meinungen

Unerträglich, dieses Flüchtlingselend. Auch die Schweiz als Nicht-EU-Land ist gefordert. Ich denke wir haben jetzt die grosse Chance, echt christlich zu handeln. Seit dem 2. Weltkrieg waren nie mehr so viele Flüchtlinge auf unsere Hilfe angewiesen wie gerade jetzt. Beweisen wir mit Taten unseren christlichen Glauben und unsere Nächstenliebe. Bauen wir die Berührungsängste gegenüber Fremden ab und öffnen wir unsere Türen! Das Boot war in den vierziger Jahren nicht voll, und auch jetzt hat es viel Platz für Gefährdete, wenn wir nur wollen.

Martin A. Liechti, Maur
Martin A. Liechti, am 02. Januar 2018 um 12:12 Uhr
Wieso reagieren wir inzwischen so apathisch, wo das Elend doch nicht zu übersehen ist?
- Im APR15 sprach die Blocher-Bewegung vom Schein-Problem 'Asyl-Chaos' + peitschte es in einem Testlauf medial hoch, bis eine Mehrheit der Schweizer*Innen (52 %) tatsächlich glaubte, daraus würde für die Schweiz ein 'Asyl-Chaos'. Es blieb dann aus ... (Sie liessen den Test von einem Meinungsforschungsinstitut begleiten. Das Resultat fand sich lang im WEB, fehlt dort aber heute wohlweislich.)
- Trotzdem nimmt das Flüchtlingselend weiter zu: Die bekannten Kriege in Afghanistan + Irak + Syrien zum Einen und die (für die für die 3. Welt schräge) Welt-Handelsordnung (Stichwort 'Afrika') zum Anderen treiben die Menschen in die Flucht, Umstände-halber insbesondere nach West-Europa. Nur:
-- Das kann nicht bedeuten, dass wir bei uns immer mehr Flüchtlinge aufnehmen wollen.
-- Also schweigen wir zunehmend + werden apathisch.

Die Lösung besteht also nicht darin, dass wir immer mehr Flüchtlinge bei uns aufnehmen, sondern dass wir ihnen eine faire Chance verschaffen, sich zuhause eine Zukunft aufzubauen. Das ist nichts Neues: Willy Brandt (Nord-Süd-Kommission; 1977).

Wann fangen wir damit an?
- Das bedeutet in seiner Konsequenz, dass wir zu ihren Gunsten auf einen Anteil an unserem Wohlstand verzichten.
- Wieso sagt uns das keiner unserer tollen Volksvertreter*Innen: Alle wissen das, seit Jahrzehnten. Aller schweigen sich aus, seit Jahrzehnten.

Wann fangen wir damit wirklich an? Wir ...
Dr. sc. techn. ETH Konrad Staudacher, am 02. Januar 2018 um 13:35 Uhr
Es gibt zu jeder Aktion auch eine Reaktion. Allerdings: Wir m�ssen sie wollen.
- Was m�ssen wir wollen: Die Manipulation der Volksseele stoppen. Bei uns: Das Manipulieren der Volksseele stoppen, welches die Blocher-Bewegung an uns betreibt.
-- Es erkennen lernen
-- Es anerkennen, jedes f�r sich
-- Darauf nicht mehr reinfallen lernen
-- Die Blocher-Bewegung beim n�chsten Schein-Problem ignorieren
- Was auf dem Papier so einfach erscheint, dass f�llt uns Schweizer*Innen wegen unseres gutgl�ubigen an das Gute glaubende Volkscharakters so unendlich schwer.
-- Blocher weiss das nutzt es.
-- Blocher gibt sich seit 30 Jahren M�he: Er geht auf Samtpf�tchen vor, auf dass wir 'es' nicht merken.
- Nur: Will er die (relative) Macht in Bundesbern per Ende 2019 (sein Ziel), dann wird er ab jetzt Farbe bekennen m�ssen. Und das ist der Pferdefuss in seiner Strategie: Ab jetzt werden wir erkennen, wenn Blocher wieder ein Scheit auf den brennenden Scheiterhaufen legt. Und am Ende wird die freiheitliche solidarische rechtsstaatliche Schweiz brennen ...

Ausser wir sagen 'Stopp': Es liegt an uns ...
Dr. sc. techn. ETH Konrad Staudacher, am 08. Januar 2018 um 16:50 Uhr

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