Buchkritik: Die Anwesenheit der Vergangenheit

Heinrich Vogler © cm
Heinrich Vogler / 23. Mai 2019 - Judith Schalansky erweckt verschwundene Dinge zu neuem Leben. Ihr «Verzeichnis einiger Verluste» ist eine Perle der Erzählkunst.

Es könnte gut sein, dass in jeder Sekunde im Kosmos etwas für immer verlorengeht. Sei es eine Raumsonde, die im All verglüht oder ein antikes Amphitheater, das mit Bomben dem Erdboden gleich gemacht wird. Oder sei es, dass das letzte Exemplar einer seltenen Nashornart stirbt. Auf der anderen Seite dieser Gleichung des Verlusts steht jedoch, dass in jedem Moment des Untergangs auch Neues das Licht der Welt erblickt.

Lob der Natur

Das beste Beispiel dafür ist die Natur. Und auf diese singt Schalansky in jedem Stück ihres Lesebuchs ein ganz eigenes Lied der Pracht. Sie wagt sich mutig und erfolgreich auf das hohe Seil, welches die Angelsachsen Nature Writing nennen. Die Naturbeschreibung als leidenschaftliche Projektion des unabdingbar Schönen ist die Leitmelodie im Chor von insgesamt zwölf Stücken, die an ebenso viele Verluste erinnern. An dem Feuer zum Opfer gefallene Villen und Schlösser, an den im letzten Jahrhundert endgültig verschwundenen kaspischen Tiger, an den Schweizer Aussteiger avant la lettre, Armand Schulthess, der in einem Kastanienhain im Onsernone-Tal auf Schrifttafeln das enzyklopädische Wissen der Menschheit darstellen wollte. Sein Werk und sein Wohnhaus wurden von den Nachkommen mutwillig zerstört. Im Wallis stöbert sie die Auferstehung des Einhorns auf. Und zwar in Form eines Tatoos auf dem Arm einer Verkäuferin im Dorfladen. Alle diese Schauplätze sind eingebettet in wechselnde Bühnenbilder der triumphierenden Natur:

«…für einen Moment schimmert der bleiche Zirkel der Sonne durch die Wolkenwand. Schatten wirft er keine, doch sofort liegt Aufruhr in der Luft, werden die Vögel lauter: das mechanische Schäckern der Elster, das nimmermüde Lied der Buchfinken, das Scharren der Amseln und der schwermütige Singsang der Rotkehlchen.»

Hommage an Caspar David Friedrich

Der Anlass für diese Erzählung ist, dass 1931 ein Gemälde des Greifswalder Hafens von Caspar David Friedrich einem Brand zum Opfer fiel. Die alte Hansestadt an der Ostsee war damals ein nautischer Knotenpunkt. Anstatt das romantische Friedrich-Bild mit dem Motiv des Hafens sprachlich zu rekonstruieren, wählt die Autorin etwas, das sie in diesem Band oft macht: Sie nimmt den erwähnten Gemäldeverlust zum Anlass, um die noch erhaltene, andere Schönheit des Rycktals zu besingen. Sie verlängert also quasi die romantische Geste des Malers des 19. Jahrhunderts in die Gegenwart.

Die sprachliche Landschaftsmalerin Schalansky nimmt die Mündung des Flusses Ryck zum Anlass für eine Wanderung hinauf zur Quelle und evoziert dabei die bis heute erhaltene Pracht der Flora und Fauna. So wird aus einem ursprünglichen Verlust ein daraus abgeleiteter Gewinn. An die Stelle des verlorenen Hafengemäldes von Greifswald tritt hier in memoriam ein prächtiges Sprachlandschaftsbild eines verwunschenen Tals aus der unmittelbaren geographischen Nähe des verlorenen Bildmotivs. Diese Neuschöpfung liest sich auch wie ein beherztes Plädoyer für die Bewahrung unserer bedrohten Artenvielfalt. Hier zeigt sich eine Verwandtschaft zum Verfahren des Schriftstellers Alexander Kluge. Der Altmeister des dokumentarischen Ansatzes liess sich in seiner «Chronik der Gefühle» oft von einem historischen Ereignis – wie etwa der Bombardierung seiner Heimatstadt Halberstedt im Zweiten Weltkrieg – inspirieren, um neue Geschichten über «die Geschichte» zu erzählen. Kluge lotete auf diese Weise die Seele und Gedanken von betroffenen Menschen aus, um sie in einen grösseren Massstab zu setzen als es die Geschichtsschreibung zu leisten vermag.

Von der Aussen- zur Innenwelt

Es gibt im «Verzeichnis» eine Episode über ein im Zweiten Weltkrieg zerstörtes Schloss beim Dorf der Erzählerin. Darin beschwört sie sehr frühe Kindheitserinnerungen herauf. Etwa, wie das Kind in den achtziger Jahren auf dem Friedhof seines Dorfes mutterseelenallein Blumen von den Gräbern pflückte und dabei erstmals ahnte, dass es so etwas wie den Tod geben könnte:

«Allein auf dem Friedhof, allein in dem von hohen, roten Mauern umgebenen Obstgarten … Ich ahnte etwas, aber ich wusste nichts. Jedenfalls nicht, dass die Blumen Abwesenden gehörten, Toten, die in gezimmerten Kästen unter der Erde verwesten. Als ich den Strauss nach Hause brachte, schimpfte meine Mutter und erklärte mir nichts.»

Hier haucht Schalansky ihrem Text so viel existenziellen Lebensatem ein, wie er sonst nirgends in diesem Buch zu spüren ist. Man kann nur ahnen, was wäre, wenn diese Schriftstellerin ihren ziemlich kalt-distanzierten und enzyklopädisch verhüllten Forscherinnenblick wieder stärker auf das Humane im naheliegenderen Sinn richtete. Auf das Existentielle unserer Menschennatur, auf den Stoff aus Liebe, Freude, Hass und Tod. Andersherum gesagt: Man wünscht sich, dass diese virtuose Erzählerin nach ihrem «Verzeichnis einiger Verluste» wieder näher dorthin rückte, wo mehr Klage und Schmerz als doch ziemlich kühles, analytisches Interesse spürbar werden. Umso mehr, als dass Schalansky schon 2011 diese Richtung angedeutet hat. Im Roman «Der Hals der Giraffe» erzählt sie von einer Biologielehrerin, die im Endstadium der DDR kompromisslos aber vergeblich nach ihrem darwinistischen Weltbild von Fortschritt und Naturgesetz unterrichtet. Ihre eigene Frustration kollidiert dabei mit der Schülerschaft, die sich der Ideologie des Unterrichts verweigert.

Buchkunst und Schreibkunst

Judith Schalansky, die auch ausgebildete Buchdesignerin ist, hat schon jenes frühere Werk wie ein Biologielehrbuch mit besonders prächtigen und prägnanten Tierzeichnungen illustriert. Auch im «Verzeichnis einiger Verluste» ist jedem Kapitel eine tiefschwarze Illustrationsseite vorangestellt. Wobei sich das Motiv dem Betrachter je nach Lichteinfall, wie bei einer Matrize, erst bei genauerem Hinsehen preisgibt. Auf diese Weise perfektioniert und verschränkt die Gestalterin ihre eigenen literarischen Texte mit der visuellen Dimension des Buchkörpers zu einem ausserordentlichen Gesamtkunstwerk. Und wegen seiner makellosen Form ist dieses Werk nicht nur sehr schön anzuschauen, sondern es liegt auch ausgesprochen angenehm in der Leserhand.

Judith Schalansky. Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp Verlag. 2018. ISBN 978- 3-518-42824-5.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Judith Schalansky liest aus ihrem Buch «Verzeichnis einiger Verluste» (auf YouTube)
Cover Schalansky

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