Kann ein Smartphone lauschen, obwohl es nur so daliegt? Der NDR und die «Welt» haben es getestet. © CC
Dokumentation des Tests durch den NDR. © NDR

Hört Facebook bei Gesprächen mit?

Daniela Gschweng / 11. Jun 2019 - Der Verdacht, dass Facebook Gespräche belauscht, taucht immer wieder auf. Tests können ihn weder beweisen noch widerlegen.

Wer regelmässig im Internet bestellt, kennt das Phänomen wahrscheinlich: Wer gerade einen Toaster bestellt oder Modelle verglichen hat, wird in der Zeit darauf in Apps wie Facebook mit Werbung für Toaster bombardiert.

Was aber, wenn man nur mit einem Freund über den Toaster gesprochen und ihn nicht einmal in der Chat-Funktion einer App wie WhatsApp oder Facebook benutzt hat und dennoch Werbung für Toaster eingespielt bekommt? Vor allem, wenn es sich bei den Anzeigen nicht um ein Allerweltsprodukt wie Toaster, sondern zum Beispiel um ein bestimmtes Urlaubsziel oder ein spezielles Produkt handelt.

Mitschneiden ist illegal

Immer wieder taucht der Verdacht auf, dass Facebook mit dem Smartphone seine Nutzer belauscht, um Werbung zu platzieren. Auch dann, wenn sie gerade weder Facebook noch Instagram oder WhatsApp verwenden und das Handy nur neben ihnen liegt.

Konsumenten haben sich deshalb schon mehrfach an die Datenschutzbehörde der Stadt Hamburg gewandt, wo Facebook seinen deutschen Hauptsitz hat. Falls Facebook Gespräche von Nutzern aufnimmt, wäre es illegal. Das Mitschneiden von Gesprächen ohne Wissen des Sprechers ist eine Straftat.

Zwei bisher durchgeführte Testreihen haben nichts Eindeutiges gefunden

Zwei Redaktionen wollten es genau wissen und haben dazu Testreihen durchgeführt. Die «Welt», die in Zusammenarbeit mit dem Digitalmagazin «t3n» und der Axel Springer Akademie Ende 2017 getestet hatte, veröffentlichte die Ergebnisse im März 2018. Der «Norddeutsche Rundfunk NDR» veröffentlichte ein Jahr später die Ergebnisse einer ähnlichen Testreihe. Eindeutige Beweise fanden beide nicht. Eindeutig widerlegen, dass Facebook mithört, konnten sie ebenfalls nicht.

Identische Bedingungen, bis auf das Mikrofon

Beide Testgruppen statteten alle Tester mit jeweils zwei Handys aus, die sie zuvor auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt hatten. Auf den Smartphones mit den Betriebssystemen Android und iOS installierten sie Facebook, Facebook Messenger, WhatsApp und Instagram. Auf jeweils einem Handypaar setzten die Tester neue und bis auf den Namen identische Profile auf.

Screenshot aus der Dokumentation des NDR. (NDR)

Die fünf «Welt»-Tester trugen ihre Handypaare die ganze Zeit bei sich und waren auf Social Media aktiv. Dabei führten beide Testidentitäten die gleichen Aktionen durch. Beide Nutzer likten das Gleiche und hatten dieselben Vorlieben. Um weitere Einflüsse auszuschliessen, verzichteten die Tester auf das Surfen im Internet sowie Bestellungen bei Amazon und luden die Geräte nur direkt an der Steckdose.

Beide Gruppen führten drei Tests durch:

  1. Gespräche über festgelegte Themen bei geschlossenen Apps
  2. Gespräche über festgelegte Themen bei geöffneten Apps
  3. Telefonate über den Facebook-Messenger

Die «Welt» testete dazu noch die Eingabe von Stichworten über die Timeline. Während der Tests sprachen die Tester über vorher festgelegte Themen wie Brautkleider, bestimmte Kosmetika, Versicherungen, Kredite, Reisen und Computerzubehör. Die «Welt»-Tester legten die Kontrollhandys während der Testgespräche in einen Nebenraum. Der «NDR» klebte ihre Mikrofone ab.

1. Gespräche bei geschlossenen Apps

Bei der Auswertung nach einigen Tagen wurde auf einem Android-Handy des «NDR» mit nicht abgeklebten Mikrofonen Werbung für eine Bodylotion angezeigt. Die «Welt» beobachtete auf ihren zehn Testgeräten nichts Auffälliges.

2. Gespräche bei geöffneten Apps

Am Abend eines Testgespräches fanden die Tester der «Welt» auf einem Android-Handy Werbung für zwei Pflegeprodukte bei Instagram. In der Instagram-App des iOS-Geräts des «NDR» erschien ein Bild, auf dem ein Brautkleid zu sehen ist.

3. Telefonate über den FB-Messenger

Beide Redaktionen telefonierten über den Facebook-Messenger und erwähnten dabei vorher festgelegte Stichworte. Einige Tage danach erschien auf dem Android-Smartphone des «NDR» Werbung eines Modeunternehmens, auf dem iOS-Handy eine Anzeige für Flüge nach Peru. Die Testgruppe der «Welt» fand keine Auffälligkeiten.

Die «Welt» prüfte ausserdem, was passiert, wenn vorher ausgewählte Stichworte in Statusmeldungen auftauchen – ohne Ergebnis. Dafür wurde noch einmal ein bereits aufgetauchtes Pflegeprodukt beworben, dieses Mal auf einem der iOS-Geräte.

Technisch möglich wäre es

Unter dem Strich ergaben beide Tests also kein eindeutiges Ergebnis. Ein ungutes Gefühl bleibt. Das Aufnehmen und Analysieren von Sprache wäre Facebook technisch möglich, das haben IT-Experten bestätigt. Vor einem Jahr hat das Unternehmen zudem ein Patent für ein Verfahren angemeldet, mit dem es per Smartphone Umgebungsgeräusche auswerten kann.

Facebook hat auf Nachfrage mehrmals abgestritten, seine Nutzer abzuhören. Der IT-Experte Hannes Federrath von der Universität Hamburg, den der «NDR» befragt hat, konnte keinen Nachweis dafür finden, dass Apps im Hintergrund Sprache aufzeichnen und auswerten. Was nicht heisst, dass es ihn nicht gibt. Einen vollständigen Einblick haben die Datenschutzbehörden in die Abläufe bei Facebook nicht. Zudem wäre eine Suche sehr personalaufwendig.

Mehr lesen: Infosperber-Dossier «Schutz der Privatsphäre»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«Smartphone-App: Hört Facebook Gespräche mit?», NDR
«Hört Facebook mit?», Die Welt
«Hört Facebook mit?», Erstes Deutsches Fernsehen (Video)

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Noch keine Meinungen

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.