Gesellschaftspolitisch ein Debütant

Beat Gerber © cc
Beat Gerber / 27. Dez 2018 - Der neue ETH-Präsident ist ein wissenschaftlich versierter Forschungsmanager. Doch genügt das zur Führung der Spitzenuniversität?

Bestimmt haben Sie es irgendwo gehört, gelesen oder gesehen: Der Präsident der ETH Zürich ab Neujahr heisst Joël Mesot, von Hause aus Festkörperphysiker und die letzten zehn Jahre Direktor des Paul-Scherrer-Instituts (PSI), des grössten nationalen Forschungszentrums in Villigen AG. Unter seiner Ägide wurde dort der 300 Meter lange Freie-Elektronen-Röntgenlaser gebaut, eine 275-Millionen-Grossforschungsanlage.

Burschikoser Parvenü

Auf Pressefotos sieht der 54-Jährige aus wie ein verschmitzter, sympathischer Konfirmand, keine Spur eines (wie erwartet) früh vergreisten Hochschulfunktionärs. Der berufliche Leistungsausweis des burschikosen Parvenüs ist aber sehr beeindruckend. Gebürtiger Genfer, perfekt bilingue, mit Doppelprofessur an ETH Zürich und Lausanne, zudem ein hervorragender Forscher, der sich auch als produktiver Netzwerker für Kooperationen in der Wissenschaftswelt profiliert hat. Damit ist er ein kluger Garant der wissenschaftlichen Exzellenz und engagierter Verteidiger des Forschungsplatzes Schweiz, dessen Zukunft vor allem mit dem angespannten Verhältnis zur EU leicht getrübt ist. Auch ist der weltweite Wettbewerb um die klügsten Köpfe härter geworden, in den Hochschulrankings steigen die chinesischen Universitäten auf wie Raketen.

Mesot ist mit einer Physikerin verheiratet, das Paar hat zwei erwachsene Kinder. Nicht erstaunlich, dass dem Gemahl die Frauenförderung am Herzen liegt. So hat sich am PSI der Anteil der Natur- und Ingenieurwissenschaftlerinnen in Führungspositionen innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte von 0 auf 10 Prozent erhöht (TA/Der Bund, 13.12.). Für eine solche Männerbastion ein respektables Resultat! Auch am neuen Wirkungsort will Mesot die Frauenquote steigern, derzeit beträgt sie bei der ETH-Professorenschaft knapp 15 Prozent (2017).

Rankings oder globale Aufgaben?

Doch reichen diese Qualifikationen aus, um einer der weltbesten Universitäten die Richtung zu weisen? Bisher hat sich der neue ETH-Präsident wissenschaftspolitisch bewährt, gesellschaftspolitisch ist er jedoch ein unbeschriebenes Blatt. Welchen Kurs soll die Hochschule verfolgen? Orientiert an den klassischen Rankings mit stets höherer Spezialisierung oder vermehrt engagiert in gesellschaftspolitischen Aufgaben, die ein Zusammenwirken der Disziplinen verlangen?

Führt neu die ETH Zürich: Joël Mesot. © PSI

Die Positionierung und das Commitment der ETH Zürich hinsichtlich der grossen globalen Herausforderungen sind zweifellos von öffentlichem Interesse. Von einer Topinstitution mit 21'000 Studierenden, 530 Professoren und Professorinnen sowie einem Jahresbudget von 1,9 Mia. Franken (davon drei Viertel durch den Bund finanziert) erwartet man zumindest einige Denkansätze dazu.

Bisherige ETH-Präsidenten haben sich hauptsächlich aufs Verwalten fokussiert, ergänzt durch einzelne Initiativen, von denen die Gesellschaft aber meistens nicht nachhaltig profitieren konnte. So auch der auf Ende 2018 überraschend zurückgetretene Lino Guzzella. Der Maschineningenieur und Motorenbauer stolperte unter anderem über mehrere Mobbingfälle und eine unglückliche Krisenkommunikation, welche die gravierenden Vorfälle nicht sofort und umfassend offengelegt hatte. Jetzt aber tritt Joël Mesot an, ein vom zermürbenden Sand des Hochschulgetriebes bisher verschonter, dynamischer Chef. Der mächtigste CEO der Schweizer Wissenschaft sollte die Chance ergreifen und sich auch gesellschaftspolitisch äussern.

Wie viel Einfluss auf Klimaschutz?

Beispielsweise zum Klimaschutz: Was tut die ETH auf globaler Ebene, um die eng verflochtenen Herausforderungen im Städtebau, Verkehr, Recycling und der Energieversorgung gesamthaft und fachübergreifend im Hinblick auf einen nachhaltigen Klimaschutz zu lösen? Sind die hier ausgebildeten Fachleute (vor allem Ingenieure und Naturwissenschaftler) fachlich, interkulturell und kommunikativ genügend gerüstet, um die komplexen Aufgaben (in der Praxis) zu meistern? Wo nimmt die ETH (als anerkannte wissenschaftliche Instanz) bei der Energiewende in der Schweiz und beim globalen Klimaschutz effektiv Einfluss, um ihr Wissen optimal einzubringen?

Oder in der Medizin und Ernährung: Wie geht die ETH die vielschichtige Problematik der Gesundheit an, um das beste Zusammenwirken von Medizin, Biotechnik und Ernährung (inkl. Landwirtschaft) zum Wohle der gesamten Weltbevölkerung zu erreichen? Sind die vielen einzelnen gesundheitsrelevanten Disziplinen an der ETH diesbezüglich gut koordiniert und arbeiten effektiv lösungsorientiert zusammen? Wird die Forschung für eine möglichst pestizidfreie Landwirtschaft und für agrarökologisch optimierte Anbautechniken genügend gefördert?

Wie sozialverträglich ist KI?

Hoch aktuell ist auch die Digitalisierung: Die ETH Zürich erforscht intensiv Big Data und die künstliche Intelligenz (KI), doch kümmert sie sich auch wirksam um deren Sozialverträglichkeit (gerade von Big Data) und die Persönlichkeitsrechte (auch des kleinen «digitalen Menschen» mit seinen verletzlichen Personendaten)? Bezieht die ETH ebenso gesamtgesellschaftliche Aspekte ein, etwa den Einfluss des digitalen Wandels auf die politische Kultur (Demokratie), die Arbeitswelt (Beschäftigung) und den Schutz der Privatsphäre (Datensicherheit)? Verlässt die Hochschule die traditionell technokratische Sicht und liefert für die digitalen Techniken einen globalen gesellschaftlichen Rahmen, der für den ganzen Planeten fair und gerecht ist, das heisst die ökonomische und soziale Ungleichheit vermindert?

Präsident Mesot hat diese drängenden Fragen zur Kenntnis genommen, will aber erst antworten, wenn er die Hochschule vertieft kennenlernen konnte. Geben wir ihm die üblichen 100 Tage Zeit! Dann aber wollen wir wissen, ob mit dem präsidialen Stabwechsel an der ETH Zürich auch ein Paradigmenwechsel einhergeht, wodurch der soziale Mehrwert der Hochschule ansteigen würde.

Akademische Courage gefragt

Gerade auch renommierte Institutionen beziehen zunehmend Stellung zu konfliktträchtigen Fragen. So engagieren sich zahlreiche Universitäten, darunter auch die Eliteschule Oxford, in der globalen «Fossil Free»-Kampagne und ziehen ihre Stiftungsgelder von Unternehmen ab, die fossile Energien fördern. Die Hoffnung auf mehr akademische Courage stirbt zuletzt, Wissenschaft ist ja stets nur der aktuelle Stand des Irrtums. Wir bleiben dran.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine mehr. Der langjährige Wissenschaftsjournalist des «Tages-Anzeiger» war bis 2014 Öffentlichkeitsreferent der ETH Zürich.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Beat Gerbers Tüpfelchen auf dem i
Joel Mesot

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