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PFAS im Leitungswasser können für das Ungeborene gefährlicher sein als gedacht. © Depositphotos

US-Studie: PFAS im Trinkwasser sind ein Risiko für Neugeborene

Daniela Gschweng /  Wenn Mütter während der Schwangerschaft hohen PFAS-Werten ausgesetzt sind, haben sie auch häufiger Frühgeburten.

Trinkwasser aus PFAS-belasteten Standorten kann für Ungeborene und Säuglinge gefährlich sein. Das zeigt die im Dezember 2025 in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» veröffentlichte Studie eines Forschungsteams der University of Arizona. Die Forscherinnen und Forscher hatten Geburts-, Sterblichkeits- und Wasserdaten aus dem US-Bundesstaat New Hampshire analysiert. Kinder von Müttern, die Wasser mit PFAS getrunken hatten, tragen demnach ein deutlich höheres Risiko.

Deutlich erhöhte Säuglingssterblichkeit

Bei Kindern von Müttern, die in der Schwangerschaft PFAS im Trinkwasser konsumiert hatten, lag die Säuglingssterblichkeit im ersten Lebensjahr um 191 Prozent höher – das entspricht 611 zusätzlichen Todesfällen pro 100’000 Geburten. Extrem frühe Geburten vor der 28. Schwangerschaftswoche nahmen um 168 Prozent zu, es gab 80 Prozent mehr Neugeborene, die weniger als 1000 Gramm wogen.

Insgesamt nahm der Anteil von Frühgeburten unter PFAS-Einfluss um 20 Prozent zu, der Anteil der Neugeborenen mit geringem Gewicht um 43 Prozent, schreibt der «Guardian», der ebenfalls über die Studie berichtete. Von zu geringem Geburtsgewicht spricht man in der Regel, wenn ein Neugeborenes weniger als 2500 Gramm wiegt.

«So deutliche Effekte haben wird nicht erwartet. Vor allem nicht angesichts der Tatsache, dass es nicht so viele Todesfälle bei Säuglingen gibt und auch nicht viele extrem untergewichtige oder frühgeborene Kinder», sagt Co-Autor Derek Lemoine.

Die Forschenden schränkten ihre Analyse an mehreren Stellen ein. Sie identifizierten 41 Standorte im gesamten Bundesstaat New Hampshire, an denen Grundwasser nachweislich mit PFOA (Perfluoroktansäure) und PFOS (Perfluoroktansulfonsäure) belastet war. Ausgewählt wurden nur Stellen, an denen beide PFAS zusammen in Mengen von über 1000 ppt (Parts per Trillion) dokumentiert worden waren.

«Wir trinken kein ungefiltertes Wasser mehr»

Mithilfe topografischer Daten bestimmten sie, in welche Richtung das Grundwasser floss, und wählten für ihren Vergleich nur Mütter aus, die weniger als fünf Kilometer stromabwärts belasteter Orte lebten und ihr Trinkwasser von einem öffentlichen Wasserversorger bezogen. Die Frauen wussten nicht, dass sie kontaminiertes Wasser tranken. So sei ihre Studie gleichzeitig randomisiert, erklären die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Die genaue Lage von Brunnen in New Hampshire ist aus Gründen der öffentlichen Sicherheit geheim. Gleichzeitig sei New Hampshire der einzige US-Bundesstaat, für den alle erwähnten Daten vorlagen.

Für die Autorinnen und Autoren selbst hatte die Arbeit konkrete Folgen. «Wir haben aufgehört, ungefiltertes Wasser zu trinken», sagten Ashley Langer und Lemoine gegenüber «Chemical & Engineering News». An ihrem Wohnort in Tucson gebe es bekannte PFAS-Belastungen aus einem Militärstützpunkt.

Keine Ursachenanalyse – trotz erschreckender Zahlen

Auch wenn die Ergebnisse erschreckend sind und sich die Forschenden grosse Mühe gegeben haben, unerwünschte Einflüsse auszuschliessen – ein ursächlicher Nachweis sind sie nicht. Die genaue Todesursache der verstorbenen Säuglinge hat das Team aus Arizona weder aufgenommen noch geprüft.

Wie die höhere Säuglingssterblichkeit konkret im Zusammenhang mit PFOS und PFOA steht, bleibt also unklar. Für beide PFAS ist allerdings hinlänglich nachgewiesen, dass sie ein Gesundheitsrisiko sind. In vielen Ländern ist ihre Nutzung verboten oder eingeschränkt. Trinkwasser, das zu viel davon enthält, darf nicht konsumiert werden.

«Am wichtigsten sind die Frühgeburten»

Mehrere Fachpersonen loben die Studie. Sydney Evans von der Umweltorganisation Environmental Working Group spricht gegenüber dem «Guardian» von einer «einzigartigen und strengen Methodik». Rashmi Joglekar von der University of California lobt die Akribie der Analyse, sieht aber keinen Kausalbeweis. Ovokeroye Abafe von der Brunel University London weist auf den möglichen Einfluss anderer Schadstoffe hin.

Neena Modi, Spezialistin für Neonatalmedizin am Imperial College London, lobt gegenüber dem «SMC» ebenfalls die «strenge Analyse». Die unter PFAS-Einfluss anscheinend höhere Zahl von Frühgeburten sei die wichtigste Zahl, die unbedingt weiter erforscht werden müsse, hebt sie hervor. Extrem frühe Geburten seien die häufigste Ursache für niedriges Geburtsgewicht und hohe Säuglingssterblichkeit. Leider enthalte die Studie keine Daten über Totgeburten.

Nicht handeln ist teurer als sanieren

«Die Gesundheitskosten sind deutlich höher als die Sanierungskosten», schreiben die Autorinnen und Autoren noch. Mehrausgaben im Gesundheitssystem und verlorene Produktivität verursachten Kosten von rund 8 Milliarden Dollar im Jahr, wenn man sie auf die US-Bevölkerung hochrechne. Dem gegenüber stünden etwa 3,8 Milliarden Dollar, um das Trinkwasser von PFAS zu reinigen.

Eine Massnahme, bei der die US-Bevölkerung nur gewinnen kann: Aktivkohlefilter, wie sie häufig verwendet werden, um PFAS zu entfernen, filtern auch andere Schadstoffe aus dem Trinkwasser.

Die Studie fügt sich in eine wachsende Zahl von Arbeiten, die vor Risiken durch PFAS warnen, speziell bei ungeborenen und kleinen Kindern. Dass es häufiger zu Frühgeburten führen kann, wenn Schwangere mit PFAS belastet sind, wurde bereits mehrfach untersucht. Es gibt Korrelationsstudien, die deren Gesundheitszustand mit dem PFAS-Gehalt der Plazenta oder der Nabelschnur abgleichen, und auch Langzeituntersuchungen der heranwachsenden Kinder.

Toxikologische Studien mit Versuchstieren seien ebenfalls interessant, sagt Lemoine, der die Einzigartigkeit der Arbeit gegenüber dem «Guardian» hervorhebt. Aber sie seien nicht immer völlig vergleichbar. Darauf haben auch andere Forschende hingewiesen.

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