Die Heuchelei mit dem N-Wort
Beginnen wir mit einem kleinen Experiment. Dazu dient ein Artikel aus dem «Blick». Lesen Sie daraus folgenden Satz: «Dieter Hallervorden sagt live das N-Wort.»
Was haben Sie sich beim N-Wort gedacht?
Natürlich: Neger.
Es geht gar nicht anders. Die beiden Ausdrücke sind so miteinander verflochten, dass man beim N-Wort an gar nichts anderes denken kann. Der «Blick» hätte statt des Ersatzworts gleich das Originalwort verwenden können. Es ist ohnehin erstaunlich, wie oft das N-Wort in unseren Medien vorkommt.
Die «Berner Zeitung» berichtete über einen Streit an einer SVP-Vorstandssitzung in Ittigen BE. Im Artikel steht: «Dabei soll auch das N-Wort gefallen sein.»
«Das N-Wort nachgerufen»
Das «St. Galler Tagblatt» wirkt schon fast unfreiwillig komisch, wenn es von einer Musical-Darstellerin berichtet, die gesagt haben soll: «Mir wurde auf offener Strasse das N-Wort nachgerufen.» Denn ganz bestimmt wurde ihr nicht «N-Wort» nachgerufen, sondern …
Aber lassen wir das.
Die «Berner Zeitung» ihrerseits interviewte einen Erziehungswissenschaftler und fragte, wie man reagieren solle, «wenn der Grossvater am Familientisch darauf besteht, das N-Wort zu benutzen».

Es scheint schon fast eine Lust am Ersatzwort zu geben. Und je mehr wir das Ersatzwort hören und lesen, desto präsenter wird uns das Originalwort.
Das deutsche Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat ein kurzes Video aufgeschaltet, in dem erklärt wird, warum wir das N-Wort nicht mehr verwenden sollten. Im kurzen Begleittext steht fünf Mal «N-Wort». Und jeder Leser denkt fünf Mal unwillkürlich …
Ja, genau!
Und wieder hat sich das Original noch ein bisschen mehr in unsere Hirne eingebrannt. Ausgerechnet jetzt, wo es kaum mehr jemand sagt oder schreibt.
Mit Wonne
Im Internet finden sich lange Abhandlungen darüber, warum das Ersatzwort verwendet werden müsse. Und gewisse Kreise gebrauchen es geradezu mit Wonne immer und immer wieder.
Es ist möglicherweise die gleiche Freude, wie wenn die Tamedia-Zeitungen «What the f***?» schreiben. Natürlich verboten. Aber mit drei Sternen kann man es ja mal wagen. Fast schon kindisch.
Dabei ist die Sache mit dem N-Wort durchaus interessant. Es ist laut Duden eine Lehnübersetzung aus dem amerikanischen Englisch. N-Word steht für Nigger. Damit soll man über rassistische und abwertende Begriffe sprechen können, ohne sie verwenden zu müssen.
Die Verwendung der so genannten X-Wörter hat vor allem seit 1990 stark zugenommen. Dies zeigt eine Auswertung von Daten des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Mittlerweile kommt ein solches Wort 1,6 Mal pro Million Wörter vor.
N-Wort hat auch andere Bedeutungen
Dabei ist nicht immer klar, was das N-Wort bedeutet. Der «Tages-Anzeiger» schrieb: «Des Wutbürgers Waffe ist das N-Wort.» Gemeint war: «nein». Und die Berliner Zeitung fragte: «Um das so populäre N-Wort zu benutzen: Wie steht es eigentlich um die Nachhaltigkeit?» Die Berliner Zeitung verwendete es sogar, um das Wort «Nobelpreis» in einem Artikel über Bob Dylan zu vermeiden: «Eigentlich sollte das N-Wort hier endlich mal nicht vorkommen.» In diesen Fällen ging es den Journalisten nicht wirklich darum, ein Wort zu vermeiden, sondern darum, originell zu schreiben.
Die X-Wörter haben noch viele weitere Bedeutungen, die nicht unbedingt auf der Hand liegen:
N-Wort: Es wird hin und wieder auch für Nazi oder für Nato verwendet. Und für Nationalmannschaft. Dann etwa, wenn ein Fussballer auf ein Aufgebot hofft, aber – vielleicht aus Aberglaube – das Wort Nationalmannschaft nicht aussprechen möchte.
M-Wort: Laut den Daten des Leibniz-Instituts dient das M-Wort noch nicht lange als Ersatz für den Mohren. Schon lange kommt es aber im Sport vor. Wenn etwa eine Mannschaft kurz vor dem Gewinn eines Meistertitels steht, das Wort aber noch nicht ausgesprochen werden sollte. Zum Beispiel in der «Mannheimer Zeitung»: «Pulisic meidet ähnlich wie seine Kollegen das M-Wort, traut dem Team aber einiges zu: ‹Wir haben eine grossartige Saison, sind Tabellenführer und haben grosse Ziele. Ich hoffe, dass wir ein wirklich besonderes Jahr haben werden.›» Aus dem Zusammenhang wird klar, was das M-Wort bedeutet. Manchmal kommt es auch vor, dass das M-Wort für Unbeliebtes steht: Mehrwertsteuer oder Mehrwertsteuer-Erhöhung.
Z-Wort: Es wird meist für Zigeuner verwendet. Ausser im Jahr 2015: Da bedeutete das Z-Wort in Österreich etwas ganz anderes: Zaun. Denn da drehten sich die Diskussionen um die Errichtung eines Zauns in Österreich und Slowenien, der Flüchtlinge von der Einreise hätte abhalten sollen. Aber weil man das nicht offen aussprechen wollte, wurde der Zaun halt zum Z-Wort.
F-Wort: Der Duden führt neben dem N-Wort nur noch ein weiteres X-Wort auf: das F-Wort. Es steht laut Duden für ficken oder fuck. Es kann aber auch für Feminismus, Föderalismus oder Faschismus stehen. Der Sprecher will damit meist seine Ablehnung ausdrücken. Oder seinen Überdruss über ein ständig wiederkehrendes Thema. So etwa wenn das F-Wort für Fukushima oder Finanzkrise steht.
Das Englische hat übrigens für das Wort fuck und für andere ordinäre Wörter eine etwas elegantere Umschreibung: Four-Letter-Word. Zu deutsch: Vier-Buchstaben-Wort.
A-Wort: Das A-Wort steht gewöhnlich für Arschloch. Wer das A-Wort so verwendet, will mutig sein, ist es dann aber doch nicht wirklich. Häufig steht das A-Wort im Sport für Aufstieg oder Abstieg. Damit signalisiert der Sprecher, dass er das Wort lieber nicht in den Mund nähme. Er tut es dann doch – wenn auch verschlüsselt.
Umständliche Umschreibung
Das Original des N-Worts lässt sich übrigens auch auf andere Weise umschiffen. In der Zeitschrift «Merkur» ist die Rede vom Roman «Tauben im Gras» von Wolfgang Koeppen aus dem Jahr 1951. Dieses Werk enthalte «für die damalige Zeit gängige, heute aber eindeutig als rassistisch bewertete Fremdbezeichnungen für Schwarze». Und woran denken wir als Leser nach dieser umständlichen Umschreibung?
Natürlich: ans Originalwort!
495 Mal
Auf die Spitze getrieben mit der Verschleierung haben es Ashkira Darman und Bernhard C. Schär in einer Studie, welche die Stadt Zürich bei der ETH in Auftrag gegeben hatte. Der Titel lautet zwar: «Zürcher ‹Mohren›-Fantasien.» Aber in der Arbeit ist Mohr ingesamt 495 Mal so geschrieben: M***.
Das ist – zumal in einer wissenschaftlichen Arbeit – doppelt problematisch: Die Schreibweise entspricht nicht der Duden-Rechtschreibung. Und die Inschriften «Zum Mohrenkopf» und «Zum Mohrentanz» sind nicht korrekt zitiert.
Was wird wie oft verwendet?
Auf der Website des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache können Interessierte nachschlagen, wie oft bestimmte Wörter in deutschen und Schweizer Zeitungen seit 1946 vorkommen. Das Wort Neger hatte seinen Höhepunkt 1963. Das hat vermutlich mit dem Erstarken der Bürgerrechtsbewegung in den USA zu tun, dem Marsch auf Washington mit 250’000 Menschen und der Rede von Martin Luther King am 28. August 1963.
Das N-Wort hingegen tauchte erst in den 90er-Jahren auf. Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte es im Jahr 2023.
Interessierte können hier ein Wort eingeben und schauen, wie sich dessen Verwendung im Laufe der Jahrzehnte verändert hat.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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