«Finanzprofis» versagen – und Tamedia schreibt es nicht
Eigentlich hätten die Tamedia-Zeitungen eine fette Schlagzeile bringen können. Im Sinne von: «‹Finanzprofis› versagen auf der ganzen Linie.» Doch sie taten es nicht. Hat die Redaktion womöglich Beisshemmungen?
Doch von vorn: Vor einem Jahr luden die Tamedia-Zeitungen fünf so genannte «Finanzprofis» zu einem «Börsenspiel» ein. Diese durften fiktiv 20’000 Franken anlegen. Und zwar in maximal fünf verschiedene Anlagen. Erlaubt waren Fonds, Einzelaktien, Kryptowährungen und Rohstoffe wie Gold. Im Laufe des Jahres durften sie aber keine Transaktionen tätigen. Das Ziel: «Eine gute Wertsteigerung zu erzielen.»
Und wie ist es herausgekommen? Nicht so gut. Die Ergebnisse sind mittelmässig bis mies:
- Yvan Roduit, Leiter Investitionsberatung bei Raiffeisen Schweiz: 8,3 Prozent.
- Thomas Fischer, Leiter Anlagestrategie bei der Berner Kantonalbank: 7,8 Prozent.
- Sybille Wyss, Geschäftsführerin der Vermögensverwalterin Tareno: 4,6 Prozent.
- Chris Zulliger, Leiter Investitionsberatung bei der Finanzdienstleisterin Bitcoin Suisse: 0,1 Prozent.
- Timo Dainese, Geschäftsführer der Zugerberg-Finanz: minus 12,8 Prozent!
Welche Rendite Timo Dainese erreicht hat, stand allerdings nicht in den Tamedia-Zeitungen. Wer es wissen will, braucht ein Online-Abo und muss auf der Website selber nachschauen. Dort steht dann gut versteckt in einer Tabelle: «– 12,8 Prozent.»
«Es braucht Fachwissen und Glück»
Autor Bernhard Kislig geht mit den «Finanzprofis» pfleglich um: «2025 war ein Jahr, das einmal mehr bewies: An der Börse braucht es neben Fachwissen auch eine gehörige Portion Glück.»
Die fünf «Finanzprofis» – so macht es den Anschein – hatten weder Fachwissen noch Glück. Letztes Jahr wäre es nämlich ein Leichtes gewesen, eine hohe Rendite zu erzielen. Das schrieben die Tamedia-Zeitungen zum Jahresende gleich selber. Sie berichteten von einem «Börsenrausch»: «Der Schweizer Aktienmarkt hat 2025 ein zweistelliges Wachstum von fast 18 Prozent erzielt.»
Auch die ausländischen Aktien legten kräftig zu. Die deutschen umgerechnet in Schweizer Franken um 22 Prozent, die italienischen um 30 Prozent. Und auch die amerikanischen schlossen – trotz der Dollarschwäche – im Plus. Der Goldpreis stieg – in Schweizer Franken – um 44 Prozent, der Silberpreis sogar um über 100.
Der Verlust ist unterirdisch
Die 8,3 Prozent Rendite des «Börsenspiel»-Siegers Yvan Roduit sind also keine Glanzleistung. Der Verlust von Timo Dainese ist unterirdisch. Einmal mehr zeigt sich, dass die Anlageberater der Banken ihr Geld nicht wert sind.
Auf Anfrage von Infosperber räumt die Tamedia-Medienstelle ein: «Die Ergebnisse liegen unter der Performance, die mit manch einem breit diversifizierten ETF hätte erzielt werden können.»
«Unterschiedliche Ziele verfolgt»
Doch gleichzeitig nimmt sie die «Finanzprofis» in Schutz: «Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Börsenspiels haben, wie im Artikel zu lesen ist, unterschiedliche Ziele verfolgt. Manche sind mit Einzeltiteln bewusst ein grösseres Risiko eingegangen. Manche haben auf Produkte des eigenen Finanzinstituts gesetzt. Anderen ging es darum, interessierten Leserinnen und Lesern ein Gespür zu geben, was funktionieren oder schiefgehen kann.»
Damit hat die Tamedia-Medienstelle die Ausreden der «Finanzprofis» übernommen. Ihre Aufgabe zu Beginn des Börsenspiels war nämlich nicht, ein grösseres Risiko einzugehen, auf Produkte des eigenen Finanzinstituts zu setzen oder den Lesern ein Gespür dafür zu geben, was funktionieren oder schiefgehen kann. Das Ziel hatte – wie erwähnt – gelautet: «eine gute Wertsteigerung zu erzielen.»
Dieses Ziel haben sie verfehlt.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...