Helikopter- , Drohnen- oder Lohntütengeld?

Werner Vontobel © wv
Werner Vontobel / 04. Mrz 2016 - Jetzt ist das Grundeinkommen auch im neoliberalen Mainstream ein Thema. Man muss allerdings «Helikoptergeld» dazu sagen.

Es stellt sich die Frage, ob bald auch das «Lohntütengeld» wieder aufs Tapet kommt.

Die letzten Jahre haben tiefe Spuren in den Köpfen der Wirtschaftskommentatoren eingegraben. Spuren, aus denen man kaum noch rauskommt. Wir sind alle kleine Mario Draghis geworden und zerbrechen uns den Kopf des EZB-Chefs. Wirtschaftspolitik ist Geldpolitik. Punkt. Fiskalpolitik – das weiss man ja – ist angesichts der Verschuldung unmöglich geworden. «Lohnpolitik» sagt man nicht. Das heisst jetzt «Deregulierung» oder «Strukturreformen». Der Zusammenhang zwischen Geldpolitik und Strukturreformen ist, dass erstere den Mut zu letzterem lähmt. Ein Punkt, den man als Kommentator nie zu erwähnen vergessen darf.

Doch allmählich wird klar, dass die Geldpolitik, so wie sie Draghi bisher betrieben hat, die Konjunktur auch nicht ankurbeln kann. Noch nicht einmal negative Zinsen können die Unternehmen zu Investitionen verleiten. Die Konjunktur stockt nicht nur, sie droht zu kippen. Da kann man nicht mehr warten bis die Strukturreformen greifen. Also braucht es noch mehr quantitative Erleichterung. Die Namen stehen schon: QE 3 und QE 4. Die Kommentatoren haben den Jargon gelernt. QE 3 steht für QE auf ewig. Doch der aktuelle Favorit der Medien ist QE 4 oder Helikoptergeld. Alle reden davon. Der «Economist» ist dafür, die «Financial Times» hat ihm einen Leitartikel gewidmet, und sogar in der «NZZ» hat das Helikoptergeld zumindest einen Anhänger.

Diese Wende ist insofern ein Lichtblick, als hinter dem Helikoptergeld die Einsicht steckt, dass es auch auf die private Konsumnachfrage ankommt. Mit QE hat die EZB bisher im Wesentlichen bloss die Staatshaushalte beziehungsweise die laufenden Sozialausgaben finanziert. Das hat die Nachfrage zwar auf tiefem Niveau stabilisiert, aber auch nicht mehr. Mit QE auf ewig, könnte immerhin etwas Ruhe ins System gebracht werden. Man weiss dann, woran man ist. Wenn die Zentralbanken jedoch ihr Geld direkt an die Bürger verteilen statt damit Staatschulden zu erwerben, dann würde das zweifellos den Konsum, zumindest der ärmeren Hälfte der Bevölkerung, mächtig ankurbeln. Damit hätten die Unternehmen auch Anlass, ihre Produktionskapazitäten zu erweitern. Egal wie tief oder hoch die Zinsen dann sind.

Als Milton Friedman den Begriff «Helikoptergeld» schuf, gab es noch keine Drohnen, sonst hätte er vielleicht von Drohnengeld gesprochen, denn ein gezielter Abwurf auf Wirtschaftsubjekte mit hoher Konsumneigung – sprich für die Armen – erhöht die Wirkung dieser Waffe erheblich. Solche Überlegungen kommen in der Diskussion über das Helikoptergeld bisher noch kaum vor. Das hat auch einen politisch-juristischen Grund: Helikoptergeld könnte man mit äusserster Not vielleicht noch mit dem Auftrag einer Notenbank vereinbaren. Drohnengeld hingegen gehört mit seinen verteilungspolitischen Komponenten eindeutig in den Bereich der Wirtschaftspolitik.

Dennoch ist absehbar, dass irgendwann auch die verteilungspolitischen Aspekte des Helikoptergeldes diskutiert werden, und spätestens dann werden sich die Kommentatoren vielleicht daran erinnern, dass es früher schon mal ein solches Instrument gab – das Lohntütengeld. Könnte man dasselbe Ergebnis nicht auch erreichen, wenn man die Unternehmen dazu bringt, wieder höhere Löhne zu bezahlen? Das lässt sich zwar nicht so leicht verordnen wie Drohnen- oder Helikoptergeld, hätte aber den Vorteil, das Problem an der Wurzel zu packen. Jeder, der die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung kennt und die wichtigsten verteilungspolitischen Daten zur Kenntnis nimmt, kann das leicht erkennen.

Für die Leser von flassbeck-economics ist das natürlich kalter Kaffee. Aber wir freuen uns über jeden, der über den Umweg des Helikopter- Drohnen- und Lohntütengelds demnächst vielleicht zur Erkenntnis kommt, dass wir endlich wieder über die Lohnpolitik diskutieren müssen.

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Dieser Beitrag erschien auf flassbeck-economics.

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5 Meinungen

you wrote: «Dennoch ist absehbar, dass irgendwann auch die verteilungspolitischen Aspekte des Helikoptergeldes diskutiert werden, und spätestens dann werden sich die Kommentatoren vielleicht daran erinnern, dass es früher schon mal ein solches Instrument gab – das Lohntütengeld."

Und warum sollte dieses Geld nicht direkt - ich betone direkt - von der Nationalbank in die Lohntüte fliessen (und dem geldgierigen Unternehmer als Schuld samt Zinspflicht dortselbst verbucht werden), statt den Umweg über die nicht minder geld- und obendrein machtgierigen Bankster, deren Kredit- und Buchgeldschuldscheine samt Zinspflichten zu nehmen? Dann könnte man die noblen Bankherren auch ersatzlos abschaffen.

Na ja, dieser Kommentar ist genau so zynisch wie der Artikel - die Auftraggeber für die Drohnen verfügen über das ganze Arsenal und ihre Staatsapparate, mit welchen sie das Volk in die Zange nehmen. Die lachen sich doch bloss ins Fäustchen über den dumben hilflosen «Souverän».
RA Edmund Schönenberger, am 04. März 2016 um 14:37 Uhr
Auweia, da hat wieder einer nicht verstanden, worum es bei der Wirtschaft eigentlich geht: nämlich um das Befriedigen von Bedürfnissen. Und dass die dazu notwendige Arbeit eben nur zum (kleineren) Teil erwerbsförmig ist.
Soll heissen «Problem an der Wurzel packen», indem Einkommen weiterhin und verstärkt an abhängige Beschäftigungsverhältnisse geknüpft wird (statt an alle verteilt zu werden), ist eine Idee, die ökonomisch nicht funktioniert. Wenn hier von der «volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung» die Rede ist, dann wird ganz selbstverständlich die unbezahlte Arbeit wieder ausgeblendet - und damit die Leute, die diese tun. Das ist ein Macho-Konzept und letztlich menschenverachtend, weil die unbezahlte Arbeit ja schon lange prekär ist und trotzdem gemacht werden muss, so lange Menschen leben und Gesellschaft existiert.

Siehe dazu auch: https://inabea.wordpress.com/2015/09/29/die-feministische-care-oekonomie-das-bedingungslose-grundeinkommen-und-postpatriarchale-religion-eine-noch-nicht-verwirklichte-allianz-fuer-das-gute-leben-aller/
Eric Manneschmidt, am 05. März 2016 um 14:00 Uhr
Hoppla, schon wieder jemand, der nur ein Thema auf dem Bildschirm hat. Dass der Anteil der Lohnarbeit an der Wertabschöpfung ständig sinkt, bleibt auch dann ein Problem, wenn es ein Grundeinkommen geben sollte. Darüber wird man wohl schreiben dürfen, ohne gleich als „menschenverachtender“ „Macho“ diffamiert zu werden, der „nicht verstanden hat, worum es bei der Wirtschaft geht“. Und die volkwirtschaftliche Gesamtrechnung ist nun mal ein Zahlenwerk, in dem Geldbeträge aufaddiert werden. Dass damit nicht die ganze Wirtschaft abgebildet wird, mag einigen Leuten in der Tat entgangen sein. Mir nicht.
Werner Vontobel
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Werner Vontobel, am 05. März 2016 um 16:02 Uhr
Schön wenn ein paar Leute über die Meriten von Gratis Geld und so diskutieren können. Soziale Gerechtigkeit über die Gelddruckmaschine mag schön erscheinen ist aber auch nicht besonders realistisch. Zugegebenermassen wäre geziehltes Drohnengeld besser als die aktuelle Börsenfinanzierung der EZB. Aber nachhaltig dürfte auch dies nicht sein. Um Kuchen essen zu können muss irgendwer erst einmal einen Kuchen backen. Dazu reicht auch Helikoptergeld offensichtlich nicht mehr.

Was aber Leute wie Draghi offenbar nicht zur Kenntnis nehmen wollen, ist dass tiefe oder gar negative Zinsen die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes auf Null drücken (Liquidity-trap) oder bestenfalls spekulative Börsenkäufe anheizen können. Das Interesse effektiv in Arbeitsplätze und reale Ökonomie zu investieren dürfte auf Null fallen. Wenn diese Zauberlehrlinge bei QE 1001 angelangt sein werden, werden sie begreifen, dass all das nur Märchen aus einer längst vergangenen Zeit gewesen sind.
Josef Hunkeler, am 05. März 2016 um 19:04 Uhr
Ich habe zwar nicht den Eindruck, dass hier Realitätsbezug überhaupt angestrebt wird (sondern vielleicht einfach nur schön aussehende Zahlenwerke), aber vielleicht doch noch etwas zum Thema «Drohnengeld»:
Gezielte Transfers an «die Armen» sind kein sinnvoller Ansatz, da sie logischerweise und erfahrungsgemäß mit Diskriminierung, Stigmatisierung und erheblichen Verlusten durch Bürokratie und Korruption verbunden sind.
https://www.grundeinkommen.de/15/01/2015/bedingte-monetaere-transfers-menschenrechtlich-bedenklich-und-buerokratisch.html
Das Bedürfnis, sich keineswegs mit «den Armen und Bedürftigen» gemein zu machen, ist da offenbar stärker, als das Bedürfnis nach einem funktionierenden System sozialer Sicherheit (der Begriff «Gerechtigkeit» ist mir da etwas zu schwer und zu subjektiv). Dabei ist soziale Sicherheit eine Voraussetzung für Demokratie, sozialen Zusammenhalt und wirtschaftliche Leistungs- und Innovationsfähigkeit.

Beim Thema «Kuchen essen» muss man unwillkürlich an eine Geschichte mit einer anderen ziemlich realitätsfernen Person denken. Übrigens: Arbeitsplätze kann man auch nicht essen...
Eric Manneschmidt, am 05. März 2016 um 19:40 Uhr

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